Jun 272016
 
Demokratie jetzt sofort!

Friedrich August von Hayek 1981

Friedrich August von Hayek 1981

Im menschlichen Sinn kann es keine natürliche Ordnung geben, denn der Mernsch kann seine Ordnung entwerfen und verwerfen und entwerfen usw, usf .

Sich argumentativ auf eine Ordnung zu berufen, die von der Natur vorgegeben sei, bedeutet, den Gestaltungsspielraum, der sich aus diesem Vorteil ergibt, einer phantasmatischen a priori Realität unterzuordnen, anstatt die Realität mit den Mitteln der Vernunft zu gestalten.

Warum Gestaltungsspielraum? Weil die Ordnung, die sich der Vernunft begabte Mensch gibt, ihre Grenzen in der materiellen Welt finden wird.

Was bedeutet das konkret? Die Vernunft gebietet den Erhalt der materiellen Welt in dem ihr jeweils eigenen Gefüge, das die Naturinterna und deren wechselnde Interaktion im Gleichgewicht halten hilft.

Die in allem wirkungsmächtigsten Interaktionen sind dabei Naturgesetze und die Gestaltungsabsicht, die beide zugleich auf die menschliche Ordnung verweisen.

Um zu verdeutlichen, welch erhebliche Gestaltungsmacht auf ein Ziel hin sich aus Gestaltungsabsicht erst ergibt, falls sie das Gleichgewicht der Interaktionen als Gestaltungsprinzip anerkennt, sei auf die uralte Herangehensweise der Naturbeobachtung verwiesen, die im Zeitalter der Algorithmen technische Schlussfolgerungen zulässt und gleichzeitig über sie hinausweisende wissenschftlichen Fragen aufwirft, auf die der Algorithmus nicht kommen konnte, weil seine Tragweite vorformatiert war. Stichwort Bionik.

Wenngleich ein Rechenergebnis durch das zielgerichtete Experiment in der Realität verifizerbar ist, gelangen die produzierten Fragestellungen nicht über das notwendig zu begrenzende Experiment hinaus. Und dennoch fliegt das Flugzeug mit der der beobachteten Natur geschuldeten unebener Tragfläche schneller.

Also ist eine weitere Vorgehensweise angebracht, um darüber hinaus gehende Fragestellungen zu produzieren – eben die absichtslose Beobachtung der Natur, also der Naturinterna und ihrer Interaktionen im Gleichgewicht.

Die Kombination beider fragenden Vorgehensweisen nenne ich hier mal keck materialistische Mimese.

Der gegenwärtig vorherrschenden ökonomisch/politischen Gestaltungsmacht fehlt es nicht an in der Realität erprobten Algorithmen wohl aber an der absichtslosen Beobachtung der durch sie erzeugten Realität.

Es ist nicht die vordringliche Frage, ob und in welchem Fall sich die ökonomische der politischen Gestaltungsmacht unterzuordnen habe oder umgekehrt. Die Frage sollte lauten, ob der durch die neoliberale Ökonomie und ihre politischen Verfechter gegenwärtig ausgeschöpfte Gestaltungsspielraum das Gleichgewicht der Interaktionen gewährleisten kann?

Die Vorgehensweise der materialistischen Mimese, die ich andeutete, führt zu dem Ergebnis, sie kann es mitnichten.

Die neoliberale Ökonomie und ihre politischen Verfechter produzieren fortwährend (oft genug auf nicht verifizierbaren Annnahmen und offensichtlich falschen Rechenbeispielen fußende) Rechenergebnisse, die dann politisch an die ökonomische Realtiät und die höhnisch weiter postulierte Gestaltungsmacht angepasst werden müssen, damit das Gebäude der neoliberalen Theorie nicht augenblicklich einstürzt. Zudem wird jede anders lautende Fragestellung negiert, die über dieses in dieser phantasmatischen a priori Realität erprobte Experiment hinaus weisen würde.

Unter den gegebenen Voraussetzungen bleibt der neoliberalen Ökonomie, ihren Vor- und Nachbetern trotz ansich guter Ausgangsposition denn nur noch Gestaltungsohnmacht. Es ist hohe Zeit, sich dieser Ohnmacht auf allen Ebenen zu widersetzen.

Jun 242016
 

Ich persönlich halte mehr von direkter Demokratie, als von bürokratischer Ver(ge)walt(i)gung. Der Denkzettel, den Teile der Inselvölker Ihrer Regierung verpasst haben, wird kurz- und mittelfristig weder die Kriminellen in der City und an anderen Börsenorten wegfegen, noch zu irgend einer grundlegenden Verbesserung oder Verschlechterung der Lage der Lohnabhängigen in Europa führen. Wenn jetzt ein neuerliche neoliberaler Schub den totkranken globalen Kapitalismus schütteln sollte, hat das jedenfalls ursächlich überhaupt nichts mit dem Austritt zu tun. Und wenn sich die Lage des Proletariats nochmals verschärft, liegt das daran, dass es den Klassenkampf für sich noch nicht wieder entdeckt hat. Die Reichen haben das schon lange, wie uns Warren Buffet versicherte.

Stattdessen haben Demagogen auf Seiten der Austrittsgegner und der Austrittsbefürworter das Heft in der Hand. Die Reichen lassen die einen gewähren und strafen die anderen mit der geballten Macht ihres Medien-Eigentums ab. Herrschaftszeiten – es könnte auch umgekehrt kommen. Wenn es nützlich erscheint, schadet der deutschen Bourgeoisie auch die mit viel Scheibenkleister gebundene braune Soße nichts über dem Filet, das sie sich als Exportweltmeister abzuschneiden berechtigt fühlt……. Die einen Demagogen kennen wir seit Jahrzehnten, die anderen sind etwas ungeschickter, haben aber den Vorteil, dass Ihre schmierigen Fressen noch nicht so abgenutzt sind. Jene Fressen, die der abgeschlagenen Teil des Bürgertums, der seinen Kindern bisher erzählt hat, alles würde gut,  i.M.  „mit schweren Eisenhämmern“ einschlagen möchte – was soll’s also?

Und jetzt?  Kommt jetzt die Tsipras – oder die Vanoufakis-Nummer????! oder wählt sich die Regierung ein anderes Wahlvolk? So viele Fragen. So viele Möglichkeiten. Das einzige, was feststeht, ist das Gesicht von Sigmar Gabriel, wenn er vor die Kameras tritt. Und die Nahles und was da noch so senatspennert, kommen mit der weiteren Verschärfung des Sanktionsregimes bei ALG II ganz ungeschoren davon, weil wir so „geschockt“ sind von einem Akt der direkten Demokratie …..Eßt mehr Obst, schaut mehr Parlamentsfernsehen! Man denkt es wäre Improvistionstheater dabei ist jede Unappetitlichkeit detailliert inszeniert.  Der KIKA sendet mit „Bernd dem Brot“ im Kabel nach Sendeschluss, was es ist. „Es ist, was es ist, sagt die Liebe.“ – „Das nichts bleibt, wie es war.“

We’ll see.

Mrz 302016
 

Ich will das Subjekt meines Handelns sein.

Je suis.
Ich bin aus Homs, Alleppo, Damaskus.
Ich bin aus Basra, Bagdad, Mossul.
Ich bin aus Herat, Kundus, Kabul, Kandahar
Ich bin aus dem Jemen, ich aus Sudan.

Ich bin eine Beduinin; unser Haus stand in Bir Nabala.
Ich lebe in Ramallah.

Ich habe zwei Töchter großgezogen.
Ohne Mann in Clichy-sous-Bois.

Ich bin eine Romni aus Bosnien.
Ich sitze auf der Weidendammer Brücke vor dem preußischen Adler.

Ich bin aus Diyabakir und habe in Sevilla studiert.
Ich kämpfe in einer kurdischen Frauenbrigade.

Ich bin ein junger Dichter in Cizre.
Ich bin ein Schneider aus Burkina Faso in Libyen.
Ich habe es nicht nach Deutschland geschafft.

Ich bin eine Wohnungslose mit Diabetes in Detroit.
Ich bin ein Wanderarbeiter in Guandong.
Ich habe mein rechtes Bein bei einem Arbeitsunfall verloren.

Ich bin eine nepalesische Hausangestellte in Dohar.
Ich wurde von meinem Chef vergewaltigt.
Ich bringe das Kind nicht zur Welt.

Ich bin ein Arbeiter in East Jaywick
Ich sitze ein, weil ich ein Paar Schuhe gestohlen habe.
Ich bin ein Rentner in Neuperlach und sammele Flaschen.
Ich soll aus meiner Wohnung raus.

Ich bin eine Hartz IV-Empfängerin aus Charlottenburg.
Ich habe von 19 bis 35 angeschafft.
Ich bin 46 und aufs Amt bestellt worden.
Ich habe zu hören bekommen, dass ich wieder anschaffen soll.

Ich will das Subjekt meines Handelns sein.

Wo ich herkomme oder jetzt bin,
will man mich zum Objekt degradieren.

Es sind nicht der Krieg, der Rassismus, das Patriarchat oder die Armut,
die das mit mir machen wollen oder mir schon angetan haben.

Es sind nur Menschen, die Krieg, Rassismus, Patriarchat, Armut
und Ungleichheit aufrecht erhalten, um oben auf zu bleiben.

Ich will nicht so werden wie die.
Ich will das Subjekt meines Handelns bleiben.

 

Jean-Guillaume Moitte (1746-1810), Égalité – Die Gleichheit (1793), Deutsches Historisches Museum Berlin, gemeinfrei

Mrz 212016
 

Fluchtursachen

Ich werde gebeten, mich zu erklären. Nichts habe ich gesagt zu dem jämmerlichen öffentlichen Umgang mit der humanitären Katastrophe der Massenflucht nach Europa. In unseren Massenmedien kommen Vernunft begabte Demokraten überhaupt nicht mehr zu Wort. Stattdessen regiert das Ressentiment die sogenannte öffentliche Meinung, regieren Nationalismus, Rassismus und Chauvinismus, befeuert von einem unvorstellbar dummen transatlantischem Kadavergehorsam. Es scheint, als sei hierzulande diesmal nicht der Reichstag sondern ganz generell jeglicher Intellekt abgebrannt. Aber richtig, es ist ja stets dieselbe Reihenfolge; der Intellekt brennt immer zuerst ab – danach brennen die Gebäude.

Warum ist es unvorstellbar dumm, den imperialistischen US-Intentionen zu folgen? Weil wir in steter Akzeptanz derselben nicht im gleichen Atemzug behaupten können, wir würden uns um die Fluchtursachen kümmern, d.h. sie bekämpfen.

Die NachDenkSeiten veröffentlichten in deutscher Übersetzung (Nadja S. für die Facebook-Gruppe „Ein Friedensappell“) einen bemerkenswerten Artikel zu diesen Fluchtursachen von Robert F. Kennedy, Jr. Der Rechtsanwalt, Umweltaktivist und Autor ist der dritte Sohn von Robert F. „Bobby“ Kennedy. Unter der Überschrift „Warum die Araber uns in Syrien nicht wollen“ schreibt er auf der Internetseite POLITICO:

 

Sobald wir diesem Konflikt die humanitäre Patina abstreifen und erkennen, dass es ein Krieg um Öl ist, wird unsere außenpolitische Strategie klar. So wie die Syrer nach Europa fliehen, will kein Amerikaner sein Kind für Pipelines in den Tod schicken. Daher sollte unsere erste, noch nie erwähnte Priorität sein, unsere Tankstelle [wörtlich: „Mideast Oil jones“] im Mittleren Osten loszuwerden – ein erreichbareres Ziel, indem die USA immer unabhängiger im Energiesektor werden. Danach müssen wir unsere Militärpräsenz im Nahen Osten drastisch reduzieren und die Araber Arabien regieren lassen. Abgesehen von der humanitären Hilfe und der Sicherung der israelischen Grenzen, hat die USA keine legitime Rolle in diesem Konflikt. Während die Tatsachen belegen, dass wir eine Rolle bei der Erschaffung dieser Krise gespielt haben, zeigt die Geschichte, dass wir wenig Macht haben, diese zu lösen.

Wenn wir uns der Geschichte stellen, ist es atemberaubend, die erstaunliche Beständigkeit zu betrachten, mit der praktisch jede gewaltsame Intervention seit dem II. Weltkrieg im Nahen Osten von unserem Land in einem kläglichen Scheitern und mit horrenden Kosten endete. Ein Bericht des Verteidigungsministeriums von 1997 stellt fest, dass „die Daten eine starke Korrelation zwischen dem US-Engagement im Ausland und einer Zunahme der Terroranschläge gegen die USA aufzeigen“. Seien wir ehrlich. Was wir „Krieg gegen den Terrorismus“ nennen, ist tatsächlich nur ein weiterer Ölkrieg. Seit der Ölmann Dick Cheney 2001 den „Langen Krieg“ erklärte, haben wir 6 Billionen Dollar für drei Kriege im Ausland und den Aufbau eines Kriegs der nationalen Sicherheit zu Hause verschleudert. Die einzigen Gewinner sind Militärfirmen und Ölgesellschaften, die sich beispiellose Profite in die Taschen steckten, die Geheimdienste, die exponentiell an Macht und Einfluss zu Lasten unserer Freiheiten gewannen und die Djihadisten, für die unsere Interventionen ausnahmslos als Rekrutierungsinstrument diente. Wir haben unsere Werte kompromittiert, unsere eigene Jugend abgeschlachtet, Hunderttausende von unschuldigen Menschen umgebracht, unterminierten unseren Idealismus und verschwendeten unseren nationalen Reichtum in fruchtlosen und teuren Auslandsabenteuern. In dem Prozess haben wir unseren schlimmsten Feinden geholfen und Amerika, einst das Leuchtfeuer für Freiheit in der Welt, in einen Sicherheitsstaat und internationalen Moralapostel verwandelt.

kein_blut_für_öl