Feb 272017
 

Am 1. März 1987 ging Radio 100 in Westberlin auf Sendung. Der erste private Sender der noch geteilten Stadt verstand sich als links-alternativ bis -radikal, war basisdemokratisch organisiert und chronisch unterfinanziert, sendete den Polizeifunk oder Klangexperimente, berichtete aus schwul-lesbischer Sicht und erfand den Fake neu.

Ankündigung der Radio 100 Festivitäten im Columbiatheater.

30 Jahre seit dem Sendestart. Da auch ich an dem Experiment beteiligt war, hat mich eine Kollegin von damals eingeladen, ihre wissenschaftliche Dokumentation über Radio 100 mit einem persönlichen Beitrag zu bereichern. Ich habe die Erlaubnis diesen Beitrag aus meiner Sicht hier vorab unredigiert zu veröffentlichen.

 

für Adam, Bettina, Franz, Hans, Inga und Karla

Einleitung oder Vorwort (als jemand in der dritten Person)

Vorworte schreiben andere, aber es ist gerade niemand zur Hand. Deshalb nur soviel: Einleitungen zählen beim Zeilenhonorar noch mit; vielleicht gibt es nur deshalb so viele

redundante. Vorworte klären bestenfalls, welche Lebensumstände jemanden bewogen haben etwas von sich preiszugeben, ferner worauf die Autoren von Vorworten als privilegierte Rezipienten ihr Augenmerk richten wollten. Einleitungen hingegen sind eine Bitte, dass die Zensur der Öffentlichen Meinung, des Zeitgeschmacks, geflissentlich keine Mutmaßungen anstellen möge, worum es sich bei dem vorgelegten Text handeln könnte. Wenn man es geschickt anstellt als Autor, bekommt man eine Einstellung dem Text gegenüber, die grobe Verstöße gegen den unhinterfragten Konsens hinterlistig aufzulösen vermag.

Ein leeres, schön gebundenes Quartheft

Es ist noch immer leer. Ich wollte darin aus München kommend Tagebuch führen, um den ausgeglichenen psychischen Zustand, in dem ich gefühlt war, für spätere Zeiten zu dokumentieren. Daraus wurde nichts, denn ich hatte eine immer noch nicht beendete Liebesaffäre mit einem Bielefelder, die ich aus München importiert hatte, viel schwulen Darkroom-Sex im beginnenden Aidszeitalter und eine neue Affäre mit einem jungen, hoch talentierten Musiker, die sich im Verlauf der nächsten Jahre zu einer ersten und einzigartigen Beziehung auswuchs.

Das war die Grundausstattung meiner lebenshungrigen kleinen Existenz als ich im Berliner Kabel „Eldoradio“ hörte, Joachim am Mikrofon, glaube ich. Ein paar Monate bis ein Jahr vergingen, so genau weiß ich das nicht mehr, in denen ich mich von kleineren Sprechrollen in Spielfilmen und als Sprecher beim SFB verdingte, dann kam mir die Idee zu einem, nennen wir es hochtrabend, Feature. In der Materialausgabe des SFB im alten „Göbbelsbunker“ lieh ich mir eine Nagra, die ich nicht bedienen konnte. Das einzige Instrument, das ich beherrschte, war wirklich meine Stimme. Nach einiger Übung mit der sensiblen neuen Maschine, traute ich mich sehr entferntes Vogelgezwitscher in meiner Straße aufzunehmen. Das Vogelgezwitscher war nur im Hintergrund. Im Vordergrund waren die ungeschickten Handhabungsgeräusche des Senheisers, interessante Gesprächsfetzen und an- und abfahrende Bezinkutschen.

Damals konnte man nicht nach Telefonnummern im Internet gucken.

Also lies ich mich verbinden. Mit der SPD, um einen Interviewtermin mit Walter Momper (bevor er Regierender war) zu kriegen und mit dem Theater des Westens, um dessen Intendanten, den Tänzer Helmut Baumann mit meiner Nagra und zwei Fragen zu belästigen: „Was tippen sie, wo machen Kranfahrer Urlaub, an der See oder im Gebirge?“

Antwort: „An der See.“ Ich hatte auf eine etwas üppigere Antwort gehofft, aber keine Interviewtechnik. Also schob ich eine spontane Frage nach: „Können sie sich ein Ballett mit lauter großen Kränen vorstellen?“ Die Antwort fiel wiederum schmal aus: „Durchaus, aber abendfüllend wird das nicht.“ Als der Potsdamer Platz nach dem Anschluss der DDR eine riesige Baustelle mit vielen Kranen (so lautet der korrekte Plural von Kran) wurde, gab es genau so ein „Ballett“. Der von mir wegen seines Quartettspiels mit Jaqueline du Pré sehr verehrte Daniel Barenboim dirigierte die nach der Wende vor lauter Bedeutungsaufladung inflationär zu Gehör gebrachte „Ode an die Freude“ aus Beethovens Neunter dazu.

Meine Musik für das Feature sollte von Tschaikowsky sein

Ich nahm den Blumenwalzer aus dem Ballett „der Nussknacker“, eine geniale Harfe zupft die kleine Introduktion, auf die ein fulminanter Walzer folgt, zu dem auch Krane Ballett tanzen wollen, das versichere ich ihnen.

Momper, den ich im Rathaus Schöneberg traf und der sich nicht entblödete, seinen roten Schal über den Sozianzug zu schlingen, antwortete pflichtschuldig mit einer Frage: „Na wahrscheinlich doch an der See, nicht wahr?“

Jetzt (dachte ich) hast du das Feature in der Tasche. Nur noch einen wirklichen Kran besteigen einem realen Kranführer in luftiger Höhe nach seinen bevorzugten Urlaubsorten fragen und was wer tut, wenn er mal „groß muss“. Ein paar Passanten, wo ihrer Ansicht nach Kranführer Urlaub machten, und fertig.

Aber SFB 3, für die ich unterwegs zu sein vorgab und weshalb ich überhaupt Interviewtermine mit den Großkopferten und die Sondergenehmigung auf einen Kran zu klettern erhalten hatte, fand meine Idee schnöde. Es war der auch sehr verehrte Klaus Schulz, der mir schließlich ganz liebenswürdig einen Korb gab. Als Sprecher konnte man doch kein Journalist sein wollen; für Journalist musst du bisschen was können, mein lieber junger Kollege.

Was also tun? Ganz einfach, zur Konkurrenz gehen. Sabine „Bäng“ Wahrmann, Gregor Schuster und Frank „Sambi“ Holzkamp waren die ersten, die ich bei Radio 100 kennenlernte. Man wollte mich oder besser mein Feature. Ich fühlte mich irgendwie ungeheuer gut aussehend.

Die Produktion allerdings gestaltete sich für mich, der ich beim öffentlich rechtlichen Radio nur den verschwenderischen Umgang mit Material gesehen hatte, Nerven zermürbend. Beim Mischen und Schneiden kam der Schnürsenkel ständig an schon mal geklebte Stellen, das Ergebnis war ungenügend, aber den Laden fand ich gut. Die Kulturredaktion, in der Wolfgang Idler, der damlige Freund von Bäng sowie Dorothee Hackenberg, Harald Asel, die beiden Volkers und noch irgendwer, an den ich mich jetzt nicht mehr erinnere, sich um Kinkerlitzchen und das beste Ergebnis zankten, war genau das, was ich von einer Redaktion damals erwartete: Ein kreativer Wahnsinn in dörflicher Idylle.

Schlachtpläne, die niemals aufgehen

In der komfortablen Situation das bisschen Geld, was ich damals brauchte, z.T. als Nachrichten- und Programmsprecher beim SFB zu verdienen, fand ich mich unversehens auch bei „Welt am Draht“. Ich gebe zu, ich hatte keinen Schimmer, wie man eine aktuelle Sendung anders, neu, entscheidend besser, als in der traditionellen Machart hätte moderieren sollen, aber ich wollte unbedingt mindestens Originalität zeigen. Also machte ich es, wie ich dachte, dass man es macht. Das war häufig riesengroßer Shit. Ich war nicht zufrieden damit, ich litt an mir. Und die anderen auch. Aber weil sie mich originell, drollig oder einfach unverschämt fanden, ließen sie mich weiter diletieren. Vielleicht hatte das Ganze aber auch etwas von der landläufigen Qintessenz jener Anekdote, die über den indisponierten Tenor des Wiener Volkstheaters erzählt wird: Der frenetische Jubel des Wiener Publikums zwang ihn solange Zugaben zu bringen, bis er sich weinend in heißer Luft erging. Auch davon gab es reichlich im Kosmos des Alternativradios. Aber bei sich selbst denkt man automatisch immer, sie mögen einen wohl, weil man so talentiert ist.

Ich erinnere, wie die gute Margit Miosga vom weiblichen Aufsichtsrat und selbst bei den „Zeitpunkten“ vom SFB, die sich zu so etwas wie einer wohlwollende Tutorin unserer Selbstfindungsexperimente hergegeben hatte, mir vormachte, was ich am Mikrofon veranstaltete. Da war mir klar, ich bin vielleicht Performer oder sowas, aber überhaupt kein Moderator für eine „aktuelle“ Sendung. Des ungeachtet moderierte ich „Welt am Draht“ weiter, wenn man mich bat.

Damals dachte ich, der ganzen aktuellen politischen Berichterstattung könne nichts besseres geschehen, als die Diktatur des Feuilletons, der angewandten Lyrik , der Verlautbarung durch ein Personal, das sich doch idealer Weise eher aus Koloratursopranistinnen, Countertenören oder Sprecherkoryphäen (wie mir) zusammensetzten sollte, als durch Langweiler „präsentiert“ zu werden, die nur an der Interpretation der Wirklichkeit interessiert zu sein schienen. Wirklichkeit, so ein vager Begriff. Heute, 30 Jahre später und um die Erfahrung einiger redaktioneller Aushilfstätigkeiten reicher, zeigt mir die Rechtschreibkorrektur meines Schreibprogramms, dass ich nicht ganz falsch gelegen habe. Koloratursopranistinnen wird rot markiert – wie wunderlich. Nun ja, als Moderator war ich wirklich eine kolossale Fehlbesetzung, was allerdings niemanden außer der Dame Miosga zu interessieren schien.

Suff, Depression und der Zusammenbruch der materiellen Existenz

Aus München kommend und seelisch relativ gleichschwingend (wie ich annahm), hatte ich gar nicht bemerkt, dass ich viel zu viel trank. Das wuchs sich als ein nicht ernstzunehmendes Problem aus. Der SFB wollte mich nicht mehr und ich den SFB nicht, obwohl es dort nur so wimmelte von Alkoholkranken. Ein zweites Standbein neben der abartig schlecht bezahlten Radioillusion von Radio 100 war zeitweise die Arbeit als Tresenschlampe im „Schwarzen Café“ in der Kantstraße, ein ehemals selbst verwaltetes Projekt, das bei meinem Eintritt bereits stramm hirarchisch aber immer noch voll bekifft am Himmel der Alternativszene aufblitzte. Im Dienstplan war immer jemand als „Gott“ eingetragen. Der hatte die Macht des wahren Gottes zu exekutieren, wenn dieser seiner „Verantwortung“ müde, an der Matratze horchte. Aber auch dabei entging ihm nichts, denn er hatte Zuträger. Also ist es doch weniger verschwenderisch, wenn man gleich alle Zuträger auf Erden zu Göttern erhebt. Nur Franz der Maler und nebenbei eleganteste Kellner aller Zeiten und ich waren uns dessen bewusst.

Bei dem Versuch in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft nur mit Narrenfreiheit ein etwas anderes Radio zu veranstalten, als es die Besitzverhältnisse eigentlich gestatten, gefällt das den Verlegern noch bedeutend besser, als die altmodische Schere im Kopf. Aber die Narrenfreiheit bei Radio 100 war wirklich unermesslich.

Der Vorteil meiner Kneipenkarriere war ein immer voller Kühlschrank, jede Menge Gelegenheiten Männer fürs Bett zu akquirieren und der Segen, den körperliche Arbeit und gewisse nicht all zu schwer zu erwerbenden Bewegungsroutinen zuweilen auf nervöse Nervenzustände ausüben. Klarer Nachteil: An der Quelle saß der Knabe. Vom Café in die Sauna, in die Kneipe, in die schwule Subkultur, zu Radio 100 Großstadtfieber moderieren, in die Kneipe, in fremde Betten oder wieder in die dreckige Kabine in der schwulen Sauna. Mein Freund Adam ging zu Recht fremd, als ich anfing, ihm treu zu werden. Er konnte und wollte mich nicht weiter mitschleppen und Düsternis umfing meinen Alkohol vernebelten ungefähren Lebensentwurf. Die Rechnung für nicht angeschaute Briefe von der Steuerbehörde erreichte mich endlich durch einen mir bekannten Gerichtsvollzieher, der eine formalen Haftandrohung bei weiterem Nichtverhalten in Händen hielt, als er mich im Bademantel sehr vertraut begrüßte. Ich glaube, es war mir auch gerade der Strom abgestellt worden, den ich allerdings an der damals im Aufgang verlaufenden Steigleitung gleich wieder angeklemmt hatte.

Diese Düsternis lichtete sich erst lange nach der glamourösen Radio 100-Episode. Und zwar auf einer Geburtstagsparty, auf der Werner Voigt (gerade noch Vorstand des Vereins der MitarbeiterInnen von Radio 100 e.V., sodann stellvertretender Chefredakteur bei der hippesten SFB Hörfunkwelle in Gründung mir vorschlug, mich doch beim InfoRadio zu bewerben.

Das Geburtagskind war ein knackiger Jurastudent, den ich auf der Klappe am U-Bahnhof Sophie Charlotte-Platz aufgerissen hatte oder umgekehrt. Er wohnte im Studentenheim Mollwitzstraße und stand wie ich außerdem noch auf Bach und Mozart und schöne Stimmen. Ihn hatte ich seinerzeit überredet, eine redaktionelle Karriere bei Radio 100 zu beginnen. Nach seinem Vorstellungsgespräch beim Chefredakteur des InfoRadios befand er, die hippe Welle in Gründung hätte ihm nicht viel zu bieten, womit er etwas anfangen könne und es sei besser, Jura zu Ende zu machen. Dafür und – sie wissen schon – habe ich ihn sehr beneidet.

Radio 100 zahlt sich aus

Der Begriff Selbstausbeutung trifft nicht, was für die Medienarbeiterinnen des „alternativen“ Radioprojekts Radio 100 Alltag war. Der Begriff ist ohnehin eine ideologisch aufgeplusterte Floskel, denn man kann sich nicht selbst ausbeuten, man kann höchstens seine Widerstandskräfte, ausgebeutet zu werden, überschätzen. Wenn sie so wollen, haben wir uns vielleicht gegenseitig ein wenig selbst ausgebeutet. Aber das ist nichts im Vergleich zu der Ausbeutung, die wir tatsächlich erfahren haben, durch die wechselnden Eigentümer dieses ersten Berliner Privatradios – befeuert von der Selbsttäuschung, wir könnten ein besseres, ein alternatives, ein gesellschaftlich relevantes Radio inszenieren, ein richtiges Leben im falschen. Der gesellschaftlich Großraum, in dem das stattfand, war ein kapitalistischer. Heutzutage, das ist der Unterschied, wird man ganz automatisch ausgebeutet und betrogen, wenn man jung ist – vielleicht ein bisschen „gefühlt“ weniger, falls man den pflegeleichten, unpolitischen Nonidealisten gibt.

Ich persönlich zehre allerdings heute noch von dem, was wir uns trotz der Ausbeutungssituation im richtigen Leben durch die Kooperation in dem damals als ideal empfundenen Handlungsspielraum ermöglicht hatten. Zu den größten Glücksmomenten zählt für mich, dass ich gelernt habe, wie man einen kreativen Prozess zu mehreren meistert, ohne ausschließlich auf hirarchische Schemata in den Arbeitsabläufen zu bestehen. Die neue Mode ist, dass die Hirarchien so weit über einem angesiedelt sind, das die Ausbeuter einen Glauben machen können, man dürfe irgend was selbst entscheiden.

Ein weiterer Orgasmus ist für mich die danach nie mehr erreichte gleichberechtigte Zusammenarbeit im Lehrer/Schüler-Verhältnis – mit Talenten, die ich motiviert habe, das Sprechen als ein Organ des Intellekts und des physischen Wohlbefindens zu erleben.

Meine Sprechschülerinnen Karla Schlender und Bettina Kurth haben bei mir nichts gelernt, was sie nicht selber schon gewusst hätten. Und dennoch hat die profane Beschäftigung mit dem Mittel der Sprache als Organ des eigenen Intellekts sie zu hervorragenden Sprecherpersönlichkeiten gebildet. Man bedenke, der Gegenstand des Unterrichts war der Umgang mit der klassischen Form der Nachrichtendarbietung, die ich selbst erst kurz zuvor beim Bayerischen Rundfunk gelernt hatte. Ich habe unendlich viel von Karla und Bettina gelernt. Und das ist bitteschön nur durch produktive und kreative Kraftakte vorstellbar, wie sie trotz der ausbeuterischen Produktionsbedingungen in der ideellen Blase von Radio 100 nun mal gegeben waren. Man kann diese Kräfte aber auch ganz gut ohne existentiellen Zwang loslassen, wetten? Mehr denn je gehören ausbeuterische Produktionsbedingungen abgeschafft. Aber was ist noch selbstverständlich heute?

Unsere Hoffnung war aber, dass wir die Gesellschaft zum Besseren ändern würden

Damit sind wir gründlich gescheitert, weil wir kein politisches Programm hatten. Eine Ahnung davon werde ich wohl gehabt haben, als ich eher durch das Scheitern meines eigenen angenommenen Lebensentwurfs, einen abschließenden Liebesbrief an mein abgeschossenes Lieblingsprojekt Radio 100 adressierte, noch bevor der kühle Machtinstinkt und die organisierte „Phantasie“ von tumben Technokraten schließlich den Gang zum Rittersaal für uns Besserwisser blockiert hielten. Es war wirklich nichts Anderes zu erwarten.

Ich schrieb damals an‘s schwarze Brett:

Zum Brechen…

„ist die Tatenlosigkeit, mit der eine auf das eigene bequeme Überleben ausgerichtete deutsche Linke in Ost und West sich Kilometer um Kilometer die Basis wegreißen lässt, auf der einzig im Medienzeitalter die Multiplikation linker Ideologie funktionieren würde.

Wir brauchen eigene Medien. Wir brauchen funktionstüchtige eigene Medien. Rechts hat Medien von Rechts wegen. So bringen es die Definition der Pressefreiheit nach dem deutschen Hitlerfaschismus und die niemals vollständig erfolgte Demokratisierung deutscher Medien mit sich.

Wo es nicht gelang sie in der ideellen weniger kommerziellen Anfangsphase zu unterbinden, wurde der Wirkungsgrad linker Medien durch den Anspruch der Macher selbst unterminiert mit dem Hinweis, linke Medien seien im gesellschaftlichen Großraum verortet, wie rechte. ….

Das Chaos ist noch kein Programm. Das ist richtig. Aber genauso richtig ist, dass auch ein professionelles Programm ein politisches Konzept in den Köpfen der Macher erfordert.“

Konklusion

Woran ich, woran einige andre KollegInnen gescheitert sind, und woran letztendlich das Projekt Radio 100 scheiterte, verhält sich zueinander wie zwei alte Gummistiefel Größe 58, ein roter und ein grüner meinetwegen, nein lieber ein schwarzer und einen pinker: In beiden kriegt man Schwielen und Schweißfüße, wenn man nicht drei Paar Socken übereinander trägt und die Socken nicht ab und zu wechselt. Ob sie die Gummistiefel für ein Paar halten, hängt allein von ihnen ab, also auch davon, was ihre Mutti meint. Auf jeden Fall wäre es ganz blöd, wollte man sie gleich in die Tonne treten, nur weil man sich ein bisschen kompliziert mit ihnen anstellt.

[2017 © Wolfram Haack, Nehringstr. 12, 14059 Berlin]

 

 

Meine Musiklehrerin

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Sep 302010
 

Es riecht wie Klavierlack und polierter alter Duysen.

„Es geht hurtig durch Fleiß. Geh Du Alter Esel hole Fische. Frische Brötchen essen Asse des Gesangsvereins“, sagte Irmgard Köhler meine Klavierlehrerin, eine bömische Gastwirtstochter, die mit mir J.S.Bach anstatt Peter Alexander machte, wie es mein Vater wollte, und ihn dann mit Mozarts ‚Rondo Alla Turca‘ rumbekommen hat, dass ich weiter Klassik durfte, bei uns zuhause auf dem konzertschwarzen Duysen-Piano, das der Vater (Möbeltischler) an den Wochenden aufpoliert hatte.

Für 100 Mark erstanden in einer Kneipe um die Ecke, wo es manchmal noch belustigte, wenn einer den Flohwalzer drauf probierte oder ein Soldatenlied. 100 Mark! Das war ein Batzen Geld, deshalb konnte das polierte Instrument nicht auch noch gestimmt werden. Aber Frau Köhler war tapfer und lobte den Anschlag. Ich dachte sie würde sagen, ‚Außen Hui, innen Pfui!‘, wie man damals unter Proletariern gern über die schick angezogenen Frauen von kleinen Angestellten sagte, genauso schick angezogen , wie Frau Köhler, die aber keinen Mann mehr hatte und sowieso keinen mehr wollte.

Aber nein, Frau Köhler sagte: „Musik ist die einzige Quelle aus der Versöhnung in allen Lebenslagen sprudelt.“ Und bevor sie sich von Mutti und Vati und mir verabschiedete, schon in Hut und Mantel sozusagen und aus der Tür, erwähnte sie noch, dass sie einen billigen Klavierstimmer hat, den sie uns gelegentlich mal vorbeischicken würde, wenn sie darf. Eigentlich war er nicht billig sondern kostenlos.  Denn das Geld für die nächste Klavierstunde wollte sie nicht annehmen.

Die Legende vom Unglauben – Folge VII

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Aug 062010
 

Living on earth

Die Glocken, die den Doktor beschützten, bestanden im Wesentlichen aus einem Silizium-Aluminium-Titan-Polymer, und es waren Intuition, Phantasie und ein glücklicher Zufall nötig, damit aus seinem Eremitenhaushalt ein überlebenstüchtiges Habitat werden konnte.

Die bekannte Zivilisation außerhalb der Städte hatte sich vor Jahrhunderten aufgelöst. Das Land war nicht mehr bestellt worden, weil durch die Auskreuzung patentierter Energiepflanzen genetisch nicht veränderte Nahrungspflanzen praktisch nicht mehr existierten. Die Patenteigentümer lieferten Samen und Bestäubungsinsekten im Paket und nur noch an zahlungskräftige Großhabitate. Die bestäubende Fauna außerhalb dieser war lange ausgestorben. An ihrer Stelle gab es neue bestäubungsunbegabte Insekten. Faustgroße wie Anthrazit schimmernde Außenskelettler mit kräftigem Horngebiss, die zwar sozial, wie apis mellifera organisiert waren, da sie aber von Holz- oder sogar Kunststoffabfällen lebten, wurden sie flugunfähig. Im Gegenzug stattete sie die Evolution mit der Fähigkeit aus, große Strecken ohne Wasser und Nahrung zurückzulegen. Aber auch diese harmlosen Zeitgenossen waren zum Aussterben verurteilt, denn ihre Königinnen produzierten ein Zellgift, das eigentlich die Königinnendichte regelte, sich aber leider auch hervorragend eignete, um aufständische Carnini in Schach zu halten, die sich nicht länger von ihren Artgenossen fressen lassen wollten. Als die Zentraleuropäer dahinter kamen, wurden die Insektenvölker bejagt. Dem steigenden Bedarf an glücklichem Menschenfleisch konnte die Geburtenrate von Königinnen in freier Natur nicht standhalten.

Bis das Zellgift der Königinnen erstmals im industriellen Maßstab synthetisiert werden konnte, suchte man die Insektenvölker mit großem Aufwand in künstlichen Kolonien am Leben zu erhalten. Doch die einzelnen Individuen waren hochspezialisiert und an ihre Umgebung viel zu perfekt angepasst. Ihre Lebensbedingungen waren schwer nachzuahmen. Die Individuen verlernten in der Gefangenschaft ihre originären Aufgaben, zeigten Symptome von depressiver Verstimmung und Anzeichen eines kannibalistischen Verhaltens, als hätte ihre Lernfähigkeit sie auf die falsche Spur gesetzt. Nur ein Habitat war bei der Insektenzucht wirklich erfolgreich. Die Züchter verwendeten holographische Farbprojektionen und eine Art Beschallung im Tetaband. Letztere war nach neuerer Lehrmeinung dafür verantwortlich, dass es im Habitat der Insektenzüchter zum ersten Aufstand der Carnini kam.

Eine Konsultationsgruppe der aufständischen Carnini (siehe Geschichte der europäischen Kannibalenhabitate, S. 432 ff, Mars 2B2, 2359) beschloss vorrangig alle Insektenvölker zu töten. Zur gleichen Zeit aber gelang es in einem anderen Kannibalenhabitat die Unterdrückungsdroge künstlich herzustellen. Die Markteinführung ließ jedoch auf sich warten, die Carniniaufstände eskalierten und griffen um sich. Das Zellgift blieb aber so lange eine solide Leitwährung der europäischen Kannibalen, bis sie anfingen, es selbst zu konsumieren. Das Konstrukt der kannibalistischen Großhabitate, deren moralische Grundlage einst eine starke Erweckungsreligion gewesen war, zerbrach letztlich an der massenhaften Verfügbarkeit einer synthetischen Droge, die die Evolution ehemals zur Reglung der Königinnendichte sozial begabter Insekten vorgesehen hatte.

Der Doktor hatte angefangen auf seinen Ausflügen in die Umgebung alles zu sammeln, womit er in der Lage sein würde eine Glocke zu bauen. Sie sollte sein Haus und die angrenzenden ca. 2400 Quadratmeter Anbaufläche überdachen. Mit einer traditionellen Gewächshauskonstruktion wurde dies zwar möglich und er fand auch genügend Glas und Stahl in den Hinterlassenschaften verlassener Habitate: Doch der Schwachpunkt dieser ersten klassischen Konstruktion waren die verbindenden Stahlteile. Die der Atmosphäre ausgesetzte Außenseite hatte bei der exponentiellen Zunahme der sauren Schadstoffkonzentration in der Luft, keine zehn Jahre instand gehalten werden können.

Die perfekte Abdichtung und die Möglichkeit von Reparaturen der Glocke mit nahezu unbegrenzt vorhandenem, vielleicht organischem Material, war jedoch unabdingbar, wenn ein Mann darunter in einem geschlossenen Ökosystem mit sauberem Wasser und sauberer Luft überleben wollte. Ferner hatte die Konstruktion stabil und begehbar zu sein. Um die größtmögliche Lichtausbeute sicherzustellen, die Voraussetzung für das Pflanzenwachstum ist, sollte ein ausgewachsener Mann mit einem Gewicht von 122 kg inklusive Schutzkleidung und Putzutensilien, die Glocke problemlos erklettern können. Die Überlegungen gingen schließlich dahin, nicht eine einzige alles überdachende Hülle zu errichten, sondern mehrere untereinander durch Gänge mit luftdichten Schotts verbundene Module. Aber aus welchem Material?

Die Lösung dieses Problems bereitete dem Doktor einmal wieder erhebliches Kopfzerbrechen, als er auf einer alten zivilen Landkarte, die ihm auf einem vergangenen Streifzug in die Hände gefallen war, einen weißen Fleck fand, dessen Bedeutung seine Neugier erweckte. Er entschloss sich herauszufinden, was sich auf dem Areal befindet, das nach seiner Größe die frühere oder noch gegenwärtige Existenz einer militärischen Anlage nahelegte. Am späten Abend, als die Schwebteilchenstürme fast gänzlich abgeflaut waren, packte er seinen Werkzeugkoffer, zwängte sich in seinen alten Laborschutzanzug und fuhr mit seinem Brennstoffzellen-Vehikel und einem Vorrat an Wasser und aromatisierter Algennahrung, dem Koffer und einer Zeltblase auf den weißen Fleck in der Karte zu – ohne konkrete Erwartungen aber doch mit einer gewissen positiven Anspannung. Den Methanvorrat für die Brennstoffzelle hatte er großzügig bemessen. Er wollte kein Risiko eingehen. Bei einem seiner letzten Materialraubzüge hatte er nur zwei von insgesamt 27 Kartons mit hochwertigen Wasserfiltern aus einem verlassenen Kleinhabitat mitnehmen können, weil er mit mehr Ladung den Rückweg vor Sonnenaufgang keinesfalls geschafft hätte.

Sich nach Sonnenaufgang auf unbekanntem Gelände zu bewegen war mehrfach unratsam. Bis zum Mittag war es das Ultraviolett, in dem sich der Kunststoff des Laboranzugs auf die gleiche Art zersetzen konnte, wie er einst hergestellt worden war – und ab dem Nachmittag tobten Schwebteilchenstürme, die das Fortkommen bis zum Sonnenuntergang ganz und gar vereitelten. Bei einem Ausflug, der in mehreren Nachtetappen erfolgen musste, tat man auch gut daran, sich zu überlegen, wo tagsüber die „Blase“ aufgestellt werden sollte, ein kugelförmiges aufblasbares Zelt. Während der Stürme überwucherten Schwebteilchen durch statische Aufladung die Außenhaut, so das der Ballon einem riesigen Findling glich, wie sie zu Tausenden nach dem Abschmelzen der kleinen europäischen Eiszeit (etwa 2133 bis 2245) übriggeblieben waren.

Solch vorgeblicher Findling hätten gut und gerne eine Beute der Robobax werden können. Die kybernetisch perfekten Bergbaumaschinen waren nach der Eiszeit vom Mischkonzern der Fruit Company für das Abtragen von Abraum über Süßwasservorkommen entwickelt worden. Bei ihrer Außerdienststellung hatte sicherlich niemand ernsthaft daran gedacht, dass diese stattlichen Werkzeuge sich zu einer eigenständigen Maschinenspezies entwickeln könnten, die sogar das Problem ihres riesigen Energiebedarfs elegant zu lösen imstande wären. Es war aber so. Und die kybernetische Gemeinschaft entwickelte sich zu einer reinen Spaßgesellschaft. Rein deshalb, weil ihr ganzer Daseinszweck sich im Spiel mit eiszeitlichen Findlingen definierte, die äußerlich in allem der von Staubpartikeln bedeckten Zeltblase des Doktors glichen.

Die Stelle, an der nach der vom Doktor diagnostizierten geographischen Lage der weiße Fleck liegen musste, war tatsächlich eine Wüstenei. Zunächst schien es ihm, als sei die Mühe vergebens gewesen, bis er ein seltsames Phänomen beobachtete, dass jedes Mal auftrat, wenn sein Körperschatten sich mit einer unscheinbaren länglichen Erhebung, einer Sanddüne ähnlich, traf: Die Erhebung viel in sich zusammen und baute sich in anderer Richtung so wieder auf, dass sie jeweils den Ausgangspunkt des Körperschattens wiederum berührte. Der Doktor ließ sich auf das Spielchen ein. Mehr noch er baute nun seinerseits eine Sanddüne, die mit der einen Seite an die Wunderdüne stieß. Da dabei sein Körperschatten wanderte, baute sich auch das Phänomen neu auf. Eine leichte Aufgabe, die ein gedrillter Fußsoldat auch unter Stress zu lösen imstande gewesen wäre.

Vor dem Kreisintervall malte man einen Kreis in den Sand, der die künstliche Düne berührte, vor dem Dreieckintervall ein Dreieck usw., dann öffnete sich wie aus dem Nichts ein winziger Einstieg, durch den ein einzelner Mensch über eine korrodierte Stahlleiter seinen Abstieg in das unterirdische Labyrinth einer militärischen Forschungsanlage bewerkstelligen konnte. Dies war gewiss ein Not – Ein- oder Ausgang. Es musste demnach weitere geben, durch die auch sperriges Material in den Forschungsbunker gebracht werden konnte. Vielleicht hatte man den Bunker aber auch um die Anlage gebaut, in der Absicht, das Inventar vor überfallartigen Brachialdiebstählen zu schützen.

Dr. QLS war entzückt. Seine Instrumente zeigten, dass er die Atemmaske abnehmen konnte. Das Militär hatte ihm buchstäblich alles hinterlassen, was er brauchte, um sein Habitat recht stattlich auszurüsten, einschließlich mehrerer nicht ganz schrottreifer Terraformingreaktoren. Aus denen würde man wohl mit Geduld und Spucke wenigstens eine funktionstüchtige Maschine löten können, und der Rest war Ersatzteil. Ferner entdeckte er an die zweihundert Pakete zusammengefalteter Dünnschichtfolie aus einem Mischmetallpolymer. Das Militär hatte sie als flexiblen Schutzschild für zivil wissenschaftliche Objekte entwickelt, für die ursprünglich keine Panzerungen vorgesehen waren. Die Folie wurde beispielsweise um die erbeutete Rechnereinheit einer meteorologischen Station gewickelt und dann mit Äthylengas bedampft, so härtete das Polymer aus und war imstande selbst panzerbrechender Uranmunition zu widerstehen.

Der Transport der wertvollen Materialien war allerdings eine logistische Herausforderung für einen einzelnen Bastler und die Voraussicht mit mehreren Tagesvorräten Methan für die Brennstoffzellen des Vehikels auszurüsten, machte sich jetzt bezahlt. Das in der Forschungsanlage vorhandene Energiemittel war nämlich Wasserstoff, den die Militärs mit Hilfe eines Nuklearreaktors aus den reichlich vorhandenen Wasservorräten unter der Wüste elektrolysierten. Das Fahrzeug brauchte aber Methan. Hier gab es Wasser und Strom und saubere Luft, kurz alles, was man gebrauchen konnte, um ein funktionierendes Habitat zu basteln, das dem des Doktors technisch überlegen gewesen wäre. Aber der Standort. Der Standort musste auch anderen bekannt sein. Er war zu leicht auszumachen, von Intelligenzen, für die man am besten gar nicht existierte.

Viele Teile mussten auseinander gelegt und transportfähig verpackt werden. Wie immer war einzuplanen, dass es vielleicht keine zweite Möglichkeit geben würde, sich mit den hier im Dämmerschlaf verstaubenden Schätzen einzudecken.

Auf einmal war es dem Eindringling als durchströmte ein Geruch nach frischem Gebäck den Bunker. Der Doktor, der gelernt hatte, seine Sinneseindrücke eben so rasch wahrzunehmen wie zu interpretieren, war verblüfft: wie aus dem Nichts der Geruch von Mürbegebäck in einer verlassenen militärischen Forschungsanlage. Unter seinem Stiefel knirschte etwas. Er hatte eine Glasampulle zertreten. Von denen lagen einige neben einem aufgerissenen Karton.

Verdammt, Quisarin, das Aerosol aus dem Königinnenzellgift zur Ruhigstellung der Carnini. Ein wunderschönes Halluzinogen, kein Hunger, kein Durst, ausschließlich angenehme sinnliche Assoziationen. Irgendwie setzte er die Atemschutzmaske wieder auf und sich auf einen Stapel Verpackungsmaterial, den er im Moment für einen duftenden Heuhaufen hielt. Er verhielt sich ruhig und schloss die Augen.

Emilie tollte im Heu herum und im nächsten Augenblick machte sie Jagd auf seine Zehen, die unter der Bettdecke hervorlugten. Er lag an einem Sonntagmorgen in seinem Jungendstilbett und wartete auf irgendetwas, das passieren sollte, aber es passierte nichts. Es roch nur nach dem Mittagessen, dass in der Küche zubereitet wurde. Emilie fraß ein kleines zähes Stück Knorpel mit Sehne von den Steinfliesen am Küchenboden. Das war nicht vom Braten abgeschnitten worden, damit es Geschmack macht für die Sauce. Als es sich vom Fleisch gelöst hatte, kam es aus dem Topf und wurde der Katze, die sich vor Appetit verzehrte hin geschmissen. Nein, das war alles, mehr gibt es nicht aus dem Topf, und wage ja nicht dem Braten zu nahe zu kommen, Du Raubtier. Emilie. Emilie.

Der Doktor kam wieder zu sich. Er saß schluchzend auf einem Stapel abgewetzter Plastikplanen. Wie viel Zeit mochte vergangen sein? Die Luft roch wieder muffig durch die Atemmaske. Der Rausch war vorbei.

Die Legende vom Unglauben – Folge VI

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Aug 042010
 

Antike Grammatik

High Doc, the replacement part you wish me to send, is at the moment…..starting translation – ten, nine, eight, seven, six, five, four three, two, one, zero….nicht aufzutreiben. Aber lassen sie die Ohren nicht hängen. Wir haben ja noch über einen Monat Zeit. Das kriegen wir schon hin. Ihre alten binären Daten sind der absolute Hammer, sagt man so? Ich habe meiner Klasse die Bildformate gegeben und sie mal damit rumprobieren lassen. Keiner konnte diese jpg bmp, PNG oder tiff knacken. Dann habe ich das Rätsel aufgelöst – binäre Daten. Wir lachen uns kaputt, sagt man so? Ich hoffe es stört Sie nicht, dass jetzt alle Ihre alten Fotos sehen können. Es ist zwar verboten, aber das schert hier keine Sau, so sagt man bei Ihnen, nicht wahr? Sagt man ’nicht wahr‘ oder wahr, wenn man sagen will, dass es vermutlich wahr sein könnte?

Die transeurasischen Datenknoten sind ja wohl mal wieder total verstopft, was? Na auch gut. Meine Recherchen zum Thema Hydroverstärker zur Sicherheit niederfrequenzmoduliert. Simsalabim da sind sie. Kann natürlich ne Weile dauern. Aber vielleicht kriegen Sie ja auch was über die Optik. Mann, Sie können sich nicht vorstellen, wie heiß das hier ist. Die ganze ZM läuft in Badelatschen, es stinkt fürchterlich nach Nukleol aus der Kühlung. Halten sie mir die Salvia-D-Samen warm. Und hätten sie noch was von dem altmodischen klumpigen Zeug, Agar Agar oder so, damit ich die Dinger auch zum Laufen kriege? Bis bald Doktorchen! Tai Sen Tschen alias Takuan der Zweischneidige grüßt aus der hübschesten Einöde der zivilisationswütigsten Welt.

PS: Ich habe einen undefinierbaren Mitschnitt von einer antiken Kurzwellenfrequenz (unsere Frequenz! 9645 kHz) ausgegraben. Ich wette, sie könne damit was anfangen – wer, wenn nicht sie, sollte noch aus so was schlau werden? Es folgt nun wie immer ein minutenlanger Kehlkopfgesang, in den ich ihre sensiblen Daten untergebracht habe! Ist es nicht wundermild?

Zentrale Mediation

Im Gebiet der ehemaligen Volksrepublik China (bis 2174 der letzte verbliebene Nationalstaat der Erde) gab es ab 2188 eine Gruppe von interdisziplinär arbeitenden Naturwissenschaftlern, die sich zum Bund der NAOM zusammengeschlossen hatte, mit dem Ziel, Streitigkeiten um Ressourcen unter den verbliebenen Großhabitaten Zentralasiens einzudämmen. Den Namen hatten die Gründer dieser Institution von der Maya-Muttergottheit „alaghom naom tzentel“ entlehnt, was ihnen furchtbar verschworen vorkam. Tai Sen Tschen, ein Astronom und Biochemiker hatte zu Beginn des 22. Jahrhunderts Zusammenhänge zwischen neuen kosmologischen und alten biochemischen Strukturmodellen entdeckt, die ihm plausibel genug erschienen, einen Versuch zu wagen, diese Modelle auch mal soziologisch zu induzieren. Er stand aber vor dem kaum lösbaren Problem, dass es zu jener Zeit noch von der alten zentralen Weltwirtschaftsoligarchie ausgehende, streng geregelte Auflagen für die gesamte Kommunikation unter den Habitaten gab. Nach dem wiederholten Zusammenbruch aller kommunikablen Märkte trat an die Stelle frei verhandelbarer Valuten ein Regime weltweiter zentraler Tauschwertfestlegung auf der Basis nanosekundengenauer, alles umfassender Datenermittlung in den am Handel beteiligten Großhabitaten. Dies hatte zur Folge, dass die optischen Datennetze zusammen mit dem bis dahin unreglementierten privaten Traffic an ihre äußerste Grenze stießen. Terrestrische Frequenzen schieden für exakte Datenübermittlung wegen anhaltender magnetischer Sonnenturbulenzen völlig aus. Auf den globalen Ausbau des Glasfasernetzes konntne sich die Oligarchen nicht einigen, weil die einzigen Ingenieure, die dies hätten bewerkstelligen können, sich in einer marktunabhängigen eigenständigen Zunft organisiert hatten, welche dem Anspruch auf territoriale Hoheit eine Absage erteilte, um trotz der mitunter rasant wechselnden Interessenlagen einzelner Habitate, als Person und Handwerker ungehindert reisen zu können – ein Affront in den Augen der zentralen Oligarchie und ihrer dezentralen Handlanger. Ein ungeheuerliches, selbst angemaßtes Privileg.

Also wurde der private Datenverkehr auf ein Mindestmaß gestutzt. Daraufhin kam es zu den Aufständen in Eurasien und Mittelamerika in deren Folge die traditionell stärksten Nahrungsmittelexporte von Mittelamerika in das von diesen Exporten existentiell abhängige Europa jahrzehntelang zum Erliegen kamen. In den überwiegend nicht nahrungsautarken europäischen Großhabitaten starben trotz großzügiger afrikanischer Hilfslieferungen vier Fünftel der Bevölkerung an Unterernährung und deren Folgen. Ab 2133 kam dann zur Abwechslung mal wieder das Eis nach Europa. Während der sogenannten europäischen Miniatureiszeit, die durch atomare Kleinkriege und eine zeitweilige Umkehr des Golfstroms erzeugt worden war, kam es zu Kannibalismus und der Ausprägung einer neuen sadomasochistischen Erweckungsbewegung, deren zentraler Glaubenssatz darin bestand, dass es naturgewollt sei, eine bestimmte Kaste (Karnini) von Menschen zu Nahrungszwecken zu züchten und zu schlachten.

Sämtliche noch verbliebenen nahrungsautarken Habitate mittlerer Größe, von den viel mächtigeren einst als Gemüsekolonien geschmäht, wurden innerhalb von 40 Jahren geplündert oder von Gletschermassen zerstört. Reelle Chancen diesem Wahnsinn zu entkommen hatten nur die in den großen süd- und zentraleuropäischen Wüsten gelegenen, schwer erreichbaren Kleinsthabitate, die vergessen worden waren, weil sie, einer schwer nachvollziehbaren inneren Regung folgend, im Laufe von 150 Jahren jeglichen Datenverkehr zu Großhabitaten eingestellt hatten. Auch sie waren im Prinzip autark. Die Herausforderungen machten ihnen aber um so mehr zu schaffen, als sie auch untereinander nur spärliche Kontakte pflegten, Dies wurde zumeist über ein altes Datenfragment bewerkstelligt, das sich im ehemaligen buddhistischen Zentralarchiv der mongolichen Voksbibliothek versteckte. Die Fragmente enthielten nahezu vollständige Aufzeichnungen eines Blogs vom Anfang des 21. Jahrhunderts, der nach seinem Verbot noch 99 Jahre im Untergrund agierte und den schönen Namen ‚weissgarnix‚ trug. Wir behaupten, dass diese Sotisse mit Fug und Recht unter dem Begriff  ‚bewiesene Blogreinkarnation‘  rangieren darf.

Die NAOM auf der Südhalbkugel hielt es für angeraten ein auf dem Gebiet der Soziologie noch unerprobtes Modell von möglicherweise größerer Tragweite zunächst unter den denkbar drastischsten gesellschaftlichen Bedingungen auf der Nordhalbkugel zu testen. Damit stand die Wahl des Versuchsortes fest: Zentraleuropa.

Gleich zu Beginn des Experimentes wurden versuchsweise alte Funkfrequenzen getestet, um inoffiziell vielleicht auch Kontakt zu einzelnen Individuen aufnehmen zu können. Die erste „Antwort“ kam jedoch über eine Kurzwellenfrequenz, die seit Jahrhunderten aus einem Atombunker unter den Ruinen des Petersdoms in einer Endlosschleife das Ostergeläut im Jahr vor der Zerstörung sendete. Das Oberhaupt der römisch katholischen ehemaligen Weltreligion, der s.g. Heilige Vater hatte die Installation des Senders angeordnet, bevor er mit seiner Gattin, einer umjubelten Invitrotoxikologin, von deren eurasischen Auftraggebern auf eine Mars Basis evakuiert worden war. Sein letzter Amtsakt auf Erden war die Aufhebung des trinitarischen Dogmas und die Rehabilitation einger schwacher Agnostiker.

Der genauer Standort des Senders war jedoch von der Südhalbkugel aus, ohne Kreuzpeilung nicht zu ermitteln. Schwierig gestaltete sich zunächst auch die Kommunikation an sich. Die NAOM hielt zwar einige Tausend Sprachübersetzungsmodule alter zentraleuropäischer Sprachen und Dialekte sowie verschiedene visuelle Kulturcodes einschließlich sämtliche internationaler Morsealphabete vor, doch niemand konnte oder wollte offensichtlich antworten.

Das war eigentlich nicht verwunderlich, denn die Wissenschaftler hatten gar keine Fragen gestellt, sondern aus einer Datenbank für alte europäische Kochrezepte wahllos Daten hinaus geschickt, in der Annahme die Empfänger so für sich einzunehmen, die noch keine oder gemäßigte Kannibalen waren.

Tai Sen Tschen erinnerte sich nach zahllosen zwecklosen Aussendungen an eine Methode, die er selbst irgendwo gelesen hatte und immer, wenn er sich in großen, hallenden Räumen befand, mit an poetischer Begeisterung grenzenden Euphorie praktizierte. „Ein deutsches Frage-Rufspiel, bei dem das Echo eine weitere Person suggeriert, die einen lokalen Würdenträger verächtlich macht …“ So erklärte es seine historisch-soziologische Raritätensammlung:

Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?

Die Antwort aus Zentraleuropa lautete: „Um Wesel ist es nicht schade und um seinen gewesenen Bürgermeister wahrscheinlich noch weniger.“ Dieser Erstkontakt war die Geburtsstunde einer Institution, die weltweit Schule machen sollte und letztlich selbst den Europäern den Weg aus der Barbarei ebnete. Man nannte sie Zentrale Mediation, kurz ZM.