Ekel

 Kurz, Zukunft  Kommentare deaktiviert für Ekel
Jul 272015
 

Dieser ganze elektronische Plunder –
Tand, kaum gekauft, schon nichts mehr wert.

Ich verpasse nur den Zeitpunkt,
Wo die Kartoffeln gar sind.

Wie mich die Entfernung vom
Richtigen Leben anekelt.

 

Mikrotraktat für Blogger

 En passant, Kurz, Zukunft  Kommentare deaktiviert für Mikrotraktat für Blogger
Aug 222010
 
Von der Zumutung und der Zumutbarkeit des Disputs

Die Erkenntnis großer eigener Eitelkeit ist kein hinreichender Grund dafür, anderen von Dingen zu schweigen, die ihnen vielleicht von Nutzen sein könnten – genauso wenig, wie angeborene Faulheit.

Kommunikation besteht wesentlich aus einer fortgesetzten Folge von behaupteten oder tatsächlichen gegenseitigen Zumutungen. Sie kann, wie parallele Geraden, unter Umständen erst im Unendlichen ihren Schnittpunkt finden. Dafür bedarf es auf beiden Seiten der Ausdauer, des Muts und der Ehrlichkeit.

Oft, wenn wir den Eindruck gewonnen haben, ein Gespräch sei zu einem Konsens gekommen, entweder dem der Annäherung oder dem des mühelosen Beharrens auf der jeweiligen eigenen Position, entsteht ein Glücksgefühl, das einem nicht wiederholbar erscheint, und eine explolsionsartigen Entladung der Empathiefähigkeit nach sich zieht. Dieses Glücksgefühl ist nun gar kein Hinweis auf den wirklichen Grad der Übereinstimmung, die sich während der Dauer der Kommunikation manchmal erst einstellt, und manchmal nach und nach abhanden zu kommen scheint .

Es kommt darauf an, die gegenseitigen Zumutungen zu erkennen, zu bewerten und unter allen Umständen im Gleichgewicht zu halten. Es kommt darauf an, durch Achtsamkeit selbst zum Gelingen der Kommunikation beizutragen.

Der Schwertkampf, wie er von Zenmeistern beschrieben wird, ist ebenso eine gelungene Kommunikation, wie die Übung im Disputs der chassidischen oder der muslimischen Religionsschüler, oder buddhistischer Mönchsanwärter verschiedener Traditionen. Auch die Schulung in dialektischer Argumentation gehört hier her. Der dialektische Materialismus hat in seiner staatstheoretischen Anwendung allerdings die Dummheit begangen, lediglich Recht behalten zu wollen. Das Muster dieser Verfehlung führt, wen erstaunt es, bei Ideologien wie Religionen zu den gleichen unangenehmen Nebenerscheinungen: Verständnislosigkeit, Hass und Verlust der Empatiefähigkeit.

Wie auch immer, den Intellekt am anderen zu schärfen und ihm aber gleichzeitig das selbst zugestandene Recht einräumen, sich seines eigenen Standpunktes erneut zu vergewissern, sollte wieder Standard werden. Sicher gibt es von Natur aus unterschiedliche Begabungen in dieser Disziplin. Entscheidender, als die Begabung, ist jedoch das lebendige Wesen der Auseinandersetzung selbst: während man übt, wächst die Erkenntnis, dass die Zumutungen in der Balance zu halten, erst den eigenen Nutzen von der Verschiedenheit der Standpunkte hervorbringt. Und wir täten gut daran, diese Lektion unausgesetzt zu repetieren.

Um dazu in der Lage zu bleiben, empfielt es sich die Endlichkeit der Auseinandersetzung zu betrachten, auch, dass diese bedeutungslos bliebe, ohne unsere Reflexion darüber. Das macht uns zum Garanten eines  an Entdeckungen gewinnenden Disputs.

Dramolett

 Dramatisch, Gespalten, Kurz  Kommentare deaktiviert für Dramolett
Aug 092010
 

 

Erwin und Fruntz oder: Ich mache, was ich will oder ich mache nicht, was ich will.

Anfangszustand: Erwin trägt einen mit Farben bekleckerten weißen Overall. Fruntz trägt eine ehemals helle Knöpfjacke und derbe Hosen, die am Knie mit jeweils einem passend zugeschnittenen Stück eines alten Autoreifens verstärkt sind. Erwin steht auf einer Leiter die sich sehr, sehr weit ausziehen lässt ganz oben  und malt nur die roten Schlingpflanzenblüten einer auf der Wand befindlichen Vorzeichnung aus. Fruntz rutscht auf den Knien und pflastert einen Weg, der in die Hinterbühne führt. –

Utensilien: Hammer, Kopfstein, gelber Sand, eine Gießkanne aus verzinktem Eisenblech, ein alter Straßenbesen). Alles ist gut zu sehen.

Spielanweisung: Die Männer geben sich eine Weile ihren Tätigkeiten hin. Dann nimmt Erwin den Faden einer Geschichte wieder auf, die er bereits irgendwann begonnen haben muss.

 

Erwin: Und dann ist da so eine Frau unter einem weißen Kleid mit weißem Schleier, und die schämt sich sehr, aber das merkt keiner, weil ich das weiße Kleid ja an habe, das merkt gar keiner.

Fruntz: Ne Frau, was für ne Frau, ne Frau unter nem Schleier? Man bist du bescheuert? Und wo is die Frau?

Erwin: Hier.

Fruntz: Quatsch doch nich.

Erwin: Woher willst denn du sowas wissen? Im Leben nicht. Also überleg doch mal.

Fruntz: Jetzt katzbuckelst du wie immer. Meinst Du, dass, dass, dass Du damit die Dinge irgendwie ändern tätest… Nicht im Mindesten.

Erwin: Wenn irgendwer von der Frau wüsste…

Fruntz: …würde sich nichts ändern. Nicht im Mindesten. Glaub mir. Du hast soviel Amikackserien im Hirn, dass du glaubst, es könne noch was Entscheidendes getan werden, wenn du, nur du, nur du, was veränderst. Du glaubst, Du, Du, Du seist jemand anderes, hä? Was Besseres, hä?

Erwin: Wieso sollte ich denn auf einmal was verändern wollen.

Fruntz: Also wirklich, das liegt doch auf der Hand – von morgens bis abends ziehst du dir diese Blümschen-Scheiße rein. Wie soll sich denn dein Leben verändern, wenn du die Scheiße jetzt schon wach träumst: Ne weiße Frau, die sich schämt.

Erwin: Keine weiße Frau, sondern ein weißes Kleid. Ich habe weißes Kleid gesagt. Und ich will mein Leben nicht verändern. Ich will gar nichts verändern, ich will einfach nur Blümchen malen.

Fruntz: Kauf dir n‘ Strick.

Erwin: Brauch ich nicht – hab ich schon.

Fruntz: Nun heul doch nicht schon wieder, ich bitte dich: von irgendwas müssen wir ja leben.

Erwin: Ich habe nichts dagegen, aber du nörgelst ständig, du nörgelst, weil…

Fruntz: Äh, äh, äh, sag es nicht.

Erwin: Gut, lass uns von was anderem reden. Meine Damen und Herren, sie sahen die Dokumentation “Das Dritte Reich in Farbe”. Wenn es Ihnen gefallen hat, dann, dann äh….

Fruntz: Wählen sie auch das nächstemal Guido Knopp.

Erwin: Genau das wollte ich sagen.

Musik:  Hanns Eisler, Rondo aus der Suite Nr. 3 0p. 26, "Kuhle Wampe"

Der Glaube an die Machbarkeit der Moral aus Kinderbüchern

 En passant, Kurz  Kommentare deaktiviert für Der Glaube an die Machbarkeit der Moral aus Kinderbüchern
Jul 212010
 

Der Sozialschmarotzer Frederick ist Mäuserich. Und während das übrige Mäusevolk Tag und Nacht Vorräte für den Winter sammelt, macht er sich rar mit der Ausrede er sammle doch auch, Sonnenstrahlen, Farben und Wörter nämlich. Der Winter kommt, die Vorräte sind alle, die Mäuse verzweifelt.

Fredrick räuspert sich verlegen, steigt auf einen Stein und erzählt den Mäuschen von den Farben und den Sonnenstrahlen, den Gerüchen des Sommers und dem Gesang der Nachtigallen, die auf den Dschunken der Menschen in Käfigen über den Yantse schaukeln, bevor sie gefressen werden. Und obwohl die Mäusesippe von Frederiks Worten nicht satt wird, geht es den Hungerleidern gleich viel besser und ihnen ein Licht auf: Frederick, du bist ja ein Dichter, sagen sie und verhungern.

Nein, der Schluss ist jetzt von mir. So muss ich die Geschichte heute natürlich erzählen, ich bin doch kein Volltrottel. Jedenfalls nicht deshalb, weil ich an die Machbarkeit der Moral aus Kinderbüchern glaube.   Im Kinderbuch verbeugt sich Frederick und Abblende. Typisch Erwachsene, immer schwindeln sie einen an.  (also das mit dem Gesang der Nachtigallen auf den Dschunken im Yangtse….)

„Volltrottel“ nannte mich neulich ein Wichtigtuer mit Aktenetui Mitte dreißig, der ein Taxi herbei gewinkt hatte, in das ich versehentlich eingestiegen war. Als mir der Taxifahrer bedeutete, der Wichtigtuer habe ihn tatsächlich hergewunken, stieg ich selbstverständlich wieder aus. Das macht man doch gern. Der Wichtigtuer steigt ein in sein Taxi, knallt die Tür zu, kurbelt die Fensterscheibe hoch und nennt mich aus sicherem Abstand nochmals Volltrottel und total verblödet.

In seinen Augen hätte ich niemals wieder aussteigen dürfen, ihm das im Handstreich in Besitz genommene Taxi überlassen. Ich versuche etwas Beleidigendes zu sagen, aber mir fällt nichts ein. Ich war perplex. Einen Augenblick später erfuhr ich von einer fröhlich angetüttelten Frau in meinem Alter, sie kam wie ich gerade aus dem Schwarze Café in der Kantstraße, dass es sich bei meinem Wichtigtuer um einen gefragten jungen Filmregisseur gehandelt haben soll.

Stimme einer Nachtigall

ἀπορία

 Kurz, Lyrrisch  Kommentare deaktiviert für ἀπορία
Jul 212010
 

all zu nahe
summen
beben

wie gspannte hochseilnerven

weise
spöttelnd
meine mandolinensaiten