Feige Köter – Hingehuschter Sommerkrimi…

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Sep 162012
 

...in vier Folgen, die jeden 1.  Sonnabend des Monats hier erscheinen.

Folge 1 – Alle wollen nur das Eine

Die ganze Seele liegt immer offen. „Meine armen kleinen abgeschnittenen Sonnenblumen“, dachte sie, jetzt seid ihr fast abgeblüht und ich werde euch in den Mülleimer werfen, wie schade, aber so ist es. Das muss ein komischer Obergärtner sein, falls es ihn gibt.

Johanna war 36 und hatte in der Schule ein wenig darunter gelitten, das ihre Mutter ihr einen altmodischen Vornahmen gegeben hatte. Jetzt waren die deutschen Namen wieder in Mode und sie hätte sich freuen können, aber inzwischen nannten alle sie Jan. Jan, das Mädchen mit den Wurzelpeterhaaren und der modischen Brille, die sie nicht einmal zum lesen braucht. Jans derzeitiger Freund ist Jan. Er putzt in der Oberfinanzbehörde. „Aber immerhin hat er Arbeit, Johanna“, sagt Edith, Jans Mutter, die gerne gerne arbeiten gegangen wäre aber arbeiten musste, weil Johannas Vater den Unterhalt nicht zahlte. „Die Sonnenblumen sind hinüber, die kann man wegwerfen“, fügte Edith hinzu. „Mach du das, sie tun mir Leid“, brüllte Jan aus dem Bad am Ende des Flurs. „Niemand hat uns gesagt wo es lang geht, nur das wir immer laufen, laufen, laufen sollen“, schob sie halblaut nach.

„Dein Vater hat sich heute gemeldet. Er fragt, ob er Dir eine Geburtstagskarte schicken darf .““Wieso sollte er nicht dürfen“, antwortete Jan, die jetzt neben ihrer Mutter an der Spüle stand und gab ihr vergnügt einen Schmatzekuss auf die Wange. „Lass das, ich finde das Geräusch abscheulich.“ “ Du sollst nicht immer abwaschen, wenn Du hier bist, ich bin doch kein Baby mehr.“

„Schon gut, erwiderte Edith, mir macht das nichts aus, ich habe mein Leben lang abgewaschen.“ „Aber mir macht das was aus, es stört mich, wenn du putzt, du machst alles so umständlich.“ „Abwaschen ist ZEN, mein Kind, wusstest du das?“ „Ich werd’s mal ausprobieren – in 30 Jahren.“

Von der Straße tönte der Baulärm an der Fassade des Nebenhauses in die Stube herein, aber es wäre auch blöd gewesen die Fenster zuzuknallen, weil die Bauarbeiter sowieso nichts hören, wenn sie den Putz mit ihrem elektrischen Werkzeug von der Wand holen. Der Schwule mit der üppigen Balkonbrüstung und den beneidenswerten Gemüsekübeln, hörte wieder irgendeine basslastige Technomucke, in der die Lautstärke der Lust sich fast gänzlich verlor. Jan, war darüber sehr froh, denn sie dachte, dass Ediths alte Gehörgänge die Begleitmusik zum Schwulensex nicht mehr durch die Bässe lassen könnten. „Sind das zwei Schwule da drüben?“ „Nein es ist nur ein Schwuler, Edith, der einen aufblasbaren Ken in den….“ „Ein aufblasbarer Ken?“ „Also Mutter, stell dich nicht dümmer als du bist.“ „Ach so, jetzt verstehe ich“, rief Edith aus der Küche und ein kurzer Lacher in Form einer Terz in B-moll folgte. „Komm in die Küche, mein Kind. Du trocknest ab, und wir singen zusammen den Kanon Meister Jakob.“ „Wenn du das auf türkisch kannst, trockne ich ab“, konterte Jan.

„Die schönen Jahre sind vorbei“, krächzte Bull, zog seine nassgepinkelten Jeans aus und zog noch mal an dem Megajoint, in dem kaum ein Gramm Dope war. Er musste husten von dem vielen Tabak, und er wusste gar nicht wie recht er behalten sollte. „Du machst zu viel Tabak rein“, sagte Jan und stapelte eine grüne Bierkiste auf eine rote für Cola. „Hey mein Bruder, was machst du da?“ „Ich räume Deinen illegalen Partykeller auf.“ „Du bist schon ziemlich lange beim Finanzamt, was?“ „Ich bin nicht beim Finanzamt, ich putze dort.“ „Ach nein? Du stapelst eine breite grüne Bierflaschenkiste auf eine rote dünne Colakiste. Ob das passt, ist egal, Hauptsache du hast gestapelt.“ „Bullshit“, nuschelte Jan. „Was sagst du?“ „Ich sagte du kannst mir mal einen blasen.“ „Echt? Das wäre neu.“ Jan legte eine CD ohne Beschriftung in den Player, die ihm Jan vor der Party gestern Abend gegeben hatte. Er sollte sie mal dem DJ unterjubeln und sehen, ob er sie nimmt und wenn ja, wie sie ankommt. Dann musste er selber den DJ mimen, weil Bull sich mit einem Typen auf’s Klo verzogen hatte – sowas um die drei, vier Stunden. Gestern hatte Jan die CD nicht gespielt, weil er nicht wusste, was drauf sein könnte. Jan liebte Überraschungen. Rauschen. Rauschen. Ein verhallendes Knacken. Ein Wald. Ein Specht, der sein Eigenheim selber zimmert, weil es dann billiger kommt. Rund herum eine Armee von Fersehfritzen, die für den Ton sieben Minuten lang die Fresse halten müssen. „Und was soll das sein“, fragte Bull. „Hörst du doch, ein Specht im deutschen Wald.“ „Wieso im deutschen?“ „Weil deutsch zwingend mit Wald zusammen zu nennen ist. Paragraph 3 Absatz 4 Der Abgaben- und Gebührenordnung. Das Nähere regelt ein Paragraph weiter hinten im Text.“ „Also ist es Kunst?“

„Ja Finanzamtslyrik. Tock,tock, tock, tock. Ja bitte herein. Ich soll nur einen Spion in Augenhöhe an ihrer Tür anbringen, bevor man sie ins Gebet nimmt – wegen dem vielen Steuergeld, dass sie für die CD’s rausgeschmissen haben, sagte der Finanzmakler, der sich in einen blauen Hausmeister-Overall geschmissen hatte, um bei der Steuerbehörde nicht aus der Rolle zu fallen.“ „Was meinst Du damit?“ brummte Bull etwas missgelaunt. „Wenn ich dir erzähle, was du hören solltest, nämlich: ein Specht im deutschen Wald, fragst du, wieso im deutschen, und ob das Kunst ist. Wenn ich dann Kunst mache, nur für dich, kommst du mies drauf.“ “ Hast du eben deine erste Gutenachtgeschichte für euren Nachwuchs.“ „Jan ist nicht schwanger sondern einfach fetter geworden, das habe ich dir schon mal erzählt aber du hast es vergessen, weil du zu viel kiffst.“ „Dann wird es aber Zeit dass ihr wieder ein bisschen mehr Sport treibt.“ „Um Himmels Willen.“ „Und vorhin hast du gesagt, dass ich zu wenig Dope in den Joint tue.“

Armin Müller (ichbinnichtmitdemostschauspielerverwandt) fuhr mit dem Fahrstuhl in den ersten Stock, wo der Kindergarten von seine Tochter war, bzw. wo seine Tochter in den Kindergarten ging. Er war spät dran und musste danach mit seinem Jeep noch ins Sportstudio fahren. Immer diese Überraschungsangriffe der Kindsmutter. „Ist ihre Frau krank?“ „Wir sind nicht verheiratet, aber kann sein.“ „Lea, kommst du mal? Dein Vati ist endlich gekommen.“ „Ich will aber heute von Mama abgeholt werden.“ „Zieh dich schon mal an Mäuschen, soll ich dir die Schuhe zumachen?“ „Hallo Papa“, grüßt Lea traurig und wird ganz schnell wieder fröhlich. „Ich bin heute mit dem Rad gekommen, ganz alleine.“ „Aber das stimmt doch nicht Lea, Mutti hat dich gebracht.“ „Den Flitzer packen wir hinten in den Jeep, kleine Märchenfee. Papa muss noch wo hin, kannst du dich ein bisschen beeilen?“ „Ich will aber von Mama abgeholt werden und mit dem Rad nach hause fahren.“ Sie verschluckt sich an den Tränen. Armin bindet Leas hellblaue Schühchen zu und knöpft ihr den Anorak wieder auf, weil sie noch ihren dicksten Pullover darunter an hat und es draußen brütend heiß ist. Lea weint. Er setzt seine Tochter auf die Schultern und greift sich das hellblaue Kinderfahrrad. „Ich hole euch den Fahrstuhl, ja Lea?“ „Doofe Nutte“, schimpft Lea. „Lea, sowas sagt ein kleines Mädchen nicht. Das ist echt doof“, sagt Armin und denkt: alle Weiber sind doch Nutten.

„Was darf’s noch sein?“ „Drei Pfund Kartoffel,“ sagt die spät geschiedene klapperige alte Frau auf dem Wochenmarkt. Sie ist gerade zwei Tagen aus dem Krankenhaus zurück und hatte das Gefühl, dass sie ihre jüngere Nachbarin um keinen Gefallen mehr bitte sollte, weil die sonst wieder ins Quatschen kommt. „Und noch was?“ fragt der Gemüsehändler genervt, weil er für jede Kleinigkeit hin und her muss am Marktstand, weil die alte Frau vergessen hat was sie will, weil sie zu stolz ist, um jemand zu bitten, für sie einzukaufen und weil sie sich nicht mal einen Einkaufszettel geschrieben hat. Es wäre ihm auch egal, dass sie fast blind ist und drei Stunden braucht, bis sie einen Einkaufszettel zusammen hat. Schließlich hat sie genug Zeit, die alte Kuh. Sie erinnert ihn an die letzten Jahre vor dem Tod seiner eigenen Mutter, als sie nicht mehr am Marktstand stehen und aushelfen konnte. „Noch vier Eier und vielleicht eine grüne Gurke und drei Schöne von Boskoop,“ interveniert die Alte schnippisch, „oder, wenn die noch nicht sind, Jonathan.“ „Und eine Gurke?“ versucht der Gemüsehändler ihre Bestellung zu konkretisieren. „Na wenn sie meinen,“ lacht die Alte und spielt den kleinen Trumpf aus, über den sich nur die Alten so maßlos freuen können, dass ihr ganzer Tag gerettet ist. Dem hab ich’s aber gezeigt, dem Stoffel, der eine alte Frau, die gerade aus dem Krankenhaus kommt, nicht eine alte Frau sein lassen will, die gerade aus dem Krankenhaus gekommen ist. Die junge Mutter mit Kinderwagen hinter der Alten weiß nicht, für wen sie jetzt Partei ergreifen muss. Sie entscheidet sich für den Gemüsehändler, damit es voran geht. Da hat sie die Rechnung aber nicht mit der Alten gemacht. Die Alte zahlt mit einem frisch gedruckten Hunderter. Typisch, denkt die junge Mutter. Wurscht, denkt der Gemüsehändler, Scheine hab ich aber keine Groschen. Auf dem Markt, bei den alten Leuten und bei denen, für die Entschleunigung nicht nur ein vorübergehender Marketinggag ist, heißt das noch so.

„Zehn, dreißig, fuffzig – und Hundert, Madame.“ „Grüßen sie ihre Frau Mutter,“ sagt die Alte zum Abschied. Als sie oben vor der Wohnungstür angekommen ist, den Einkaufsbeutel um das rechte Handgelenk geschlungen, klingelt drinnen das Telefon. Sie wird hektisch und bekommt die zwei Türschlösser noch schlechter auf als sonst. Warum werde ich nicht auch noch taub, denkt sie.

„Joe, hat eine neue Flamme“, flüstert Ernst Erik zu. „Und du bist es nicht“, flüstert Erik zurück, dabei bräuchten sie gar nicht flüstern, denn Joe hat frei und Ernst hat die Information aus dem Sprachbrei gefiltert, den man im Großraumbüro Flurfunk nennt. „Halt dich nicht mit Unwesentlichem auf“, erklärt Erik weiter, „wenn du die Chefin rumkriegst, hast du bald ein schmales kleines Büro, aber dein Büro. Und dann holst du mich nach oben.“ „Nach oben. Ein schmales Büro, zwei Vogelfreie, das nennst du oben.“ „Egal, nur endlich raus aus der Masse“, sagt Ernst etwas zu laut, die brünette Kollegin am Regionaltisch gegenüber schaut kurz auf, weil sie ihren Beitrag sprechen will und sich bei Gemurmel über minus 4 db nicht konzentrieren kann. Ernst lächelt ihr ohne Erwiderung zu und macht Erik ein Zeichen, das so viel bedeutet wie Kaffeeplempe mit H-Milch in der Cafeteria. — „Was macht Bull?“ „Der ist echt schräg drauf, kifft zu viel und hängt nur noch mit diesem Loser Jan zusammen, der im Finanzamt die Böden schruppt,“ Die jungen Männer genießen es laut zu lachen. „Aber die Alte von Jan ist Klasse.“ Die Männer lachen. „Die heißt auch Jan…“ Die Männer können sich nicht halten vor lachen. Die ganze Cafeteria findet das prollmäßig. „Und bist du noch scharf auf den geilen Bull-en?“ Ernst lacht alleine, da fällt sein Blick auf die dezente Wanduhr, die so schlecht abzulesen ist, obwohl sie einen Sekundenzeiger hat. „Ey Erik, du musst los, noch drei Minuten, zweineunundfünfzig, zweiachtundfünfzig…“ Erik lässt die Plempe stehen, geht schnellen aber nicht zu hastigen Schrittes zur Schwingtür der Cafeteria hinaus. Er macht: „Mih, mih, mih, mih.“

„Alles fing damit an, das der Kasten, wo der Lieferant morgens immer die AutoMotorSport und die Computerbild reintut, gestern aufgecknackt war. Naja, fehlte nur eine Computerbild, da war diese DVD dabei“, erklärt der libanesische Familienvater, dem der Zeitungsladen gehört, der Krimalbeamtin, die sich nichts aufschreibt, wie er dachte. Er ist die dritte Generation und Deutscher, seine Töchter sprechen kein Arabisch mehr, worüber ihr Großvater in Tränen ausbrechen kann, wenn er getrunken hat . „Und heute morgen war die Tür aufgebrochen und die haben die ganze Kasse mitgehe lassen?“ „War ja nichts drin, bringe ich ja abends immer zur Bank.“ Gut, also ihnen fehlt kein Geld, nur die Kasse.“ Nur ist gut, wissen sie was die kostet, 6000!“ „Aber sie müssen doch versichert sein.“ „Ja, aber ich wollte gerade die Versicherung wechseln, weil die mir den Wasserschaden hinten nicht bezahlen wollten, angeblich ist das nicht in der Police.“ „Sie sind also im Moment nicht versichert,“ „Ja aber den Schaden müssen sie ja trotzdem aufnehmen.“ „Nur wozu, wenn sie nicht versichert sind? Da müsste schon ein Wunder passieren, damit sie uns mal unterkommt, ihre Kasse, ein echtes Wunder.“ „Wissen sie, ich glaube an Wunder.“ Er lächelt die Beamtin gewinnend an. „Na dann wollen wir mal. Haben sie ein Foto von der Kasse, irgendwelche Kaufbelege, was für ein Fabrikat war das?“ Sie zückt einen Formblattblock aus der Uniformjacke und einen hübschen Kugelschreiber, den sie aus dem dafür vorgesehenen Brustfach merkwürdig unbeholfen heraus zottelt, weil die elektronische Erfassung wieder Zicken macht.

Edith schminkte sich für die Oper. Eigentlich war ihr Oper heute Abend to much. Wenn Jan- Johanna nun doch schwanger war? Dann würde sie die nächste Zeit Oma spielen und einen Opa für die Oper gab es auch nicht. Sie ging immer mit ihrer Freundin, die hatte ein Abonnement, und ihr Gatte war ständig auf Dienstreise. Sie quatschte immer soviel in der Pause und sah sich dabei den Hals verrenkend um, ob sie jemand bemerkte, den man erkennen müsste. Sie bemerkte immer jemand. Sie schaute nicht speziell nach Typen, nein, nur so, damit noch jemand mit ihnen am Stehtisch steht und sie das Thema wechseln kann und noch auffälliger nach ‚bekannten Gesichtern‘ Ausschau halten kann. Und sie sah einen nie an, wenn sie mit einem sprach.Worüber, außer über ‚bekannte Sichtungen‘, wird sie mit ihrem Jack reden, wenn er wieder von einer Dienstreise zurück kommt? Vielleicht reden sie auch gar nicht so viel. Edith nannte Jack nicht Jack sondern Black-Jack, weil sie fand, das er etwas zu häufig blöffe. Er sah umwerfend aus. Typisch für Anne. Anne fand Black-Jack sei ein Name für farbige US-Spieler, wie sie das nannte. Warum farbig, fragte Edith, sind die bunt? Weil man das so nennt. Ach, tut man das, da kannst du auch gleich Nigger sagen? Darum nennt man sie ja bunt, damit man nicht Nigger sagen muss, keifte Anne. Dumm aber dreist. Eigentlich ist das doch ü-ber-haupt kein Thema mehr, es sei denn, du wärst mit einem verheiratet. Angst essen Seele auf. Ach komm hör doch auf jetzt. Es hat sich überhaupt nichts geändert, es gibt nur neue Übereinkünfte, wie man die etwas tiefer sitzende rassistische Scheiße p.c. formuliert. Aber wenn sie sich ärgerte, sah Anne einen wenigstens an beim Reden. Siehst du das? Die Frau ist bestimmt dreißig Jahre jünger. Von welcher Sekte? Und er schiebt sie vor sich her, in dem er p.c an ihren Po grabscht. Das ist doch p.c. – oder? Schreibt man das mit b oder mit p, mit doppelten oder einfachen Konsonanten? Wen interessiert das? Sie hat einen schönen Po. Was macht das schon. Dein Po ist niemals so schön gewesen, wie der da. Jetzt hör aber mal auf, heute Abend bist du eine richtige Nnnatter – dein Po ist auch nicht schöner, als meiner. Und wen interessiert das Darling? Das dritte Klingeln.

Herzogenaurach, Stinkinass Fabrikverkauf. Das nennen die Schuhe, dass ich nicht lache. Das Mistzeug kommt doch garantiert aus China. Ne. Ne, vielleicht aus Kambodscha, Laos oder Vietnam oder vielleicht noch Taiware. Egal woher es kommt und wer es macht, Markenmüll. Nix weiter. Hier, das sind mir mal Schuhe, echte Budapester, handgenäht. Und du meinst das ist kein Markenmüll? Mann. halt die Taschenlampe nicht so hoch du Vollhulk, ey. Bullshit du Muttersöhnchen. Er ist auf Dienstreise, und seine Tusse ist in der Oper. Na und gibt es Nachbarn hier, die die Bullen genauso schön holen können? Dann sage ich die Wahrheit, ich bin der Gärtner. Großes unterdrücktes Gelächter. Die Tür im Erdgeschoss wird geöffnet. Psssst. Er zieht das Fenster hinter sich zu. Im Rucksack(Jack Wolfskin-Good Fella) hat er eine hässliche Vase (billiges Imariporzellanimitat) und jede Menge wertlosen Modeschmuck, na ja nicht ganz wertlos, tröstet er sich. Fuffi wird der Inder mir schon geben dafür.

Black-Jack öffent das nämliche Fenster, weil es irgendwie seltsam riecht. „Es riecht hier nach Scheiße, oder täusche ich mich?“ Er macht das Licht an. Was ist denn das für eine wi-der-li-che Sauerei? Ein sauberer Turnschuhabdruck – Hellbraune bis ocker tonfarbene Scheiße auf Teppich wird aufgerufen, wir sind damit bei der Nummer 129, nein 129 b, bitte Verzewihung das Eingansgebot liegt bei drei MIllionen US-Dollar, meine Damen und Herren, wenn ich um ihre Gebote bitten dürfte – wer biete mehr? Die Brünette wankt in der Schlafzimmertür und droht nach hinten abzuknicken, wo gleich die steile Treppe anfängt. „Oh Gott, Scheiße, oh Gott. Komm mach hinne du Schnapsleiche.“ „Wer hat mich veeefühhht sum…sum… „Nein oh Gott, zieh dich bitte nicht hier oben aus, sonst brichst du dir noch das Genick auf der Treppe, oder denkst du, ich trage dich darunter, blöde Votze!“ „Treppe?“ “ Beeil dich, wir machen es unten . Beeil dich doch, meine Alte kommt gleich aus der Oper.“ Er trägt sie die Treppe runter, damit es vorwärts geht. „Es hat keinen Sinn, ich fahr dich noch rum.“ „Surüg su Jacques‘, aber Liebling, ich hab genug getrunken für heut.“ „Da hast du Recht, nein Mensch, ich bring dich heim.“ Sie singt: „Heim ins Reich, heim ins Reich su old Adolf, mach mir den Gaooosleiter, loss sofort, auf der Stelle (Glissando ma un pocco pizzicato), sonst ruf ich die Polssei. (Tanto amabile)“ Sie stampft mit dem linken Fuß auf und fällt endlich um.

Komm jetzt und halt die Klappe.“ Black-Jack dämmert, dass er heute noch ein ganz cleverer Junge sein könnte. Wenn es ihm gelänge hier mit der besoffenen Irren unerkannt weg zu kommen, würde die Alte gewiss in die Scheiße treten und müsste außerdem den Bruch melden. „Ekelhaft dieser Gestank nach Scheiße. Er hebt zieht die schnarchende Frau vom Boden her zu sich herauf. Auf halber Höhe hat die Szene etwas von- sie wissen schon – nein, nein und nochmal nicht „ich schau dir‘ usw. Dann  zieht er die Tür ganz sachte einfach ran. Er bugsiert die betrunkene Frau bis zum nächsten Einfamilienhaus. In der Küche im Erdgeschoss geht das Licht an. Er trägt die betrunkene Frau wie einen Sack über der linken Schulter in die Dunkelheit, bis zur übernächsten Straßenecke. sie ist nicht tot, sie schnarcht. Der Bugatti antwortet standardgemäß auf den Funkschlüssel.- Uip, oimp-oimp.

„Soll ich dich noch bringen, Edith?“ Ach lass mal, das ist nicht nötig, ich geh lieber ein Stück zu Fuß und nehme dann die Tram. Rusalka ist eine ganz schön anstrengende Braut, meinst du nicht auch? Ganz schön anstrengend. „Das war doch nicht Bedřich (Friedrich) Smetana, Edith, das war Dvořák.“ „Gute Nacht Anne, schlaf schön.“

Rummmms. Knirsch. Zwei Männer stehen sich auf der Kreuzung gegenüber. Die Motoren laufen. Die Fahrertüren stehen weit offen. Ansonsten Nachtruhe und Gaslaternenlicht, dann mehr Lichter in den Fenstern rund herum. Dann der gellenste Schrei seit 20 Jahren in dieser Einfamilienhausgegend: Ruhe ihr Arschgesichter. „Du Vollhirni, rechts vor links, kennst du das?“ quetscht der Ḿann aus dem Bugatti seinen Zorn in die Nacht. „Es tu mir schrecklich Leid“, sagt der Mann aus dem Jeep. Wir können die Polizei holen oder ich schreib ihnen Adresse und Ausweisnummer auf. Was ist ihnen lieber“, sagt der Mann aus dem Jeep, denn er sieht auf dem Beifahrersitz der Karosse eine in sich zusammengesunkene Halbnackte. „Na ja schreiben sie mir mal hier alles auf.“ Jack zückt einen Füllfederhalter der in einem Moleskinekalender steckt. „Sie sehen ja ehrlich aus“, tut er jovial, dabei sitzt ihm die Angst im Nacken. „Mein Gott, was für ein Scheißtag, denkt Jack. Mein Gott, was für ein arrogantes Arschloch, denkt Armin. Aber es kommt, wie es kommen muss, noch dicker. „Wie heißen sie? Sie sind nicht irgendwie mit diesem Ostschauspieler verwandt?“ „Nein, hm, leider nicht.“ Armin Müller hasst den Bugatti-Spinner. Aber erstens hat er Schiss, das der Pinkel ein Zuhälter und bewaffnet sein könnte und zweitens, besser würde die Situation für ihn jetzt eigentlich gar nicht mehr laufen können, außer der Unfall wäre nicht passiert. Jack reicht Armin huldvoll seine Karte hin. Einen Moment lang denkt Armin an Erpressung. „Sind sie so freundlich, schreiben sie noch ihre Nummer dazu, Herr Müller, sie können auch die nächste Seite benutzen.“ Nein, ein Zuhälter ist der Typ nicht, fahren Zuhälter Bugatti? Aber Herrenfahrer fahren Bugatti, und das wird bei der Schadensabwicklung viel ekliger. Ich werde doch mal testen, ob er genug Dreck am Stecken hat. Ich ruf ihn morgen früh an und werde dreist. Das ist ein Auto, du Wixer, denkt Armin, während er seines liebevoll anlächelt. So ein Crash und nur eine kleine Schramme an der Stoßstange.

Folge 2 – Verschiedene Wunder

„Und die Puste ist garantiert sauber?“ „Klar Mann, glaubst du ich will dich linken?“ „Hm.“ „Wieviel?“ „Die Kasse, den Glashütte-Wecker und das Notizbuch aus deinem letzten Bruch, weil du es bist.“ „Was willst du denn mit der beschissenen Kasse Mann?“ „Willst du sie wieder runter schleppen? Im Club fehlt eine – hier, der Schalldämpfer für die Puste, hier Mann.“ Die dürre Gestalt zottelte sich den kaum sichtbar grün blau changierenden Hausmantel aus Seide zurecht. „Zwei Ersatzmagazine, voll.“ „Willst du ’n Blutbad anrichten Mann? „Geht dich ’n Dreck an.“ „Was is‘ jetzt‘? Ich krieg Besuch gleich.“

Der irre Vollmond, der durch das Atelierfenster schien, stülpte den scharf umrissenen Schatten der Registrierkasse, die auf der langen Schreibtischglasplatte vor dem Fenster stand, genau über den linken Krokostiefel der langen dürren Gestalt, die die Waffe mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer in Händen hielt und schon wieder die Seide zurechtrückte. Vögelgezwitscher.

„Ok, ich nehm‘ sie – gib her.“ „Psst.“ Die dürre Gestalt gibt die Waffe in die Hände des Einbrechers. Vögelgezwitscher. „Halt die Klappe und geh ins Bad, kein Mux und Licht aus, verstanden?“ Länger anhaltendes Vögelgezwitscher. „Moment!“ Der Dürre tut verschlafen und geht die eichengetäfelte Tür seiner Eigentumswohnung öffnen.

„Kühne schickt mich. Ich soll hier was abholen.“ „Es ist zwei Uhr, Mann.“ „Ging nicht früher, ich hatte noch was zu erledigen, für Kühne.“ Die Frau mit der vollledernen Motorradkluft in der Tür hat den Helm noch auf. Ihre dicken rotbraunen Locken schimmern aus dem Heln heraus im Treppenlicht. „Na dann komm mal in Pappas gute Stube, mein Kind.“ „Ne, geht nich‘, keine Zeit, hol das Paket.“ „Komm rein, es zieht.“ der Unterton war herrisch genug. Die Frau tritt ein und befreit ihr schönes Haar von der Schutzkappe. Der Dürre holt zwei Drinks aus der Küchenzeile, sie bleibt neben dem weißen Ledersofa im Mondlicht stehen und sieht sich um. Eiswürfel klingeln in die Gläser. „Hey, Baby, lass dich nicht so rumschicken. Kühne kann ruhig mal ’ne halbe Stunde warten.“ Er stellt die Gläser auf den Glastisch vor dem Sofa und setzt sich. „Wenn er könnte, würde er’s mir sagen, meinst du nicht? Also wo ist das Paket? „Setz‘ dich“, herrscht er wieder. Sie bleibt stehen. Er steht auf und greift ihr zwischen die Beine. Sie verpasst ihm ein Ding, das sich gewaschen hat. Er wird wütend, sein seidener Hausmantel rutscht und gibt das schlaffe Gemächt frei. Er fummelt den Hausmantel zurecht und geht zum Schreibtisch am Atelierfenster, wo die heiße geladene Waffe nicht mehr liegt, die er eben an den kleinen Scheißer verhökert hat, der im Badezimmer, wie befohlen, keinen Mux von sich gibt. Er nimmt den Brieföffner und rennt brüllend auf sie zu. Sie zückt Pfefferspray und verpasst ihm eine Ladung. Er hat noch nicht genug. Er ist schneller an der eichengetäfelten Tür, schließt ab und rennt zurück zum Fenster, öffnet es und schmeißt den Schlüssel raus. „Und was machst du jetzt, du blöde Schlampe?“ Sie fingert eine ME-8 aus dem Leder und geht langsam und zielsicher zum Fenster. Er schnappt sich die Registrierkasse. Sie steht am Fenster und visiert den Dürren im Mondlicht an. Der ist zu blöd, um aufzugeben. Er wirft die Kasse nach ihr, sie tritt beiseite und die Kasse rauscht durch das offene Atelierfenster.

„Du wirst nicht abdrücken.“ Er ist einen Meter von ihr entfert. Der Schuss reißt ihm krachend den Hals auf. Er röchelt und fällt. Der kleine Scheißer richtet die geladene Makarow auf die Frauenfigur in Leder. Es ist totenstill bis auf den schwächer röchelnden Dürren. „Er hat einen Ersatzschlüssel, OK? Er liegt in der Küche – in der gelben Kaffeedose. “ Du gehst vor, Kleiner, wie heißt du?“ „Jan.“ „Nimm die Waffe runter, dann nehm‘ ich meine runter.“ Der Dürre röchelt nicht mehr. Sie schließt die eichengetäfelte Tür auf. Es ist totenstill. Sie finden in der gespannten Stille ohne ein Geräusch zu machen mit dem grünen Licht der Notausgangsleuchten des Büroturms bis zur Tiefgarage. „Hier trennen sich unsere Wege, Kleiner – mach keinen Schwachsinn mit dem Männerspielzeug.“ „Die ist nicht für mich, Mann, äh…“ Sie grinst und lässt die W800 an. das satte Geräusch entfernt sich mit ihr.

Jan steckt das kleine Notizbuch, dass er, aus welchem Grund auch immer, beim Bruch in der Villa mitgehen lassen hat, in die Gesäßtasche seiner schmuddligen Jeans. Er nimmt das Magazin aus der M. Jetzt hat er nur das eine und nach oben will er auf keinen Fall noch mal. Die M ist für sonen Presse-Fuzzi, der ihm einen Tausender dafür geboten hat. Zwei Monate keinen Bruch und keine Verstellung. Er sagt, er muss was recherchieren. Und die Knarre braucht er zum eigen Schutz – mit zwei Ersatzmagazinen. Egal. Erstmal muss die Knarre weg. Jan fährt mit dem Roller zu Bull. Neben dem Kellereingang ist eine völlig zugerümpelte Werkstatt, wo die Hausbewohner ihre Fahrräder reparieren. Jan schüttet Öl über ein paar alte Lappen, wickelt die M drin ein und bunkert sie in ’nem Loch über dem alten Abguss, wo mal der Wasserhahn gewesen sein muss. Die Lappen und die M fühlen sich hinter den Spinnweben und dem Modder an, wie ein Stein und ein paar alte Lappen, mit der die Nachkriegswand mal zugestopft worden ist. Auf die Idee, dass da jemand anders schon was gebunkert haben könnte, kommt Jan nicht.

„Hey, wo warst du? du stinkst nach Schmieröl.“ „Hey Jan, mein Süße, hab ich dich geweckt, entschuldige, leg dich wieder in Bett. Schöne Grüße von Bull. Der verdammte Roller ist wieder im Arsch. Ich hab ihn notdürftig hingekriegt.“ „Auf dem Herd ist Chili con carne, könnte noch lauwarm sein, Edith war hier und lässt dich auch grüßen.“ „Ah, Edith, was hat sie erzählt?“ Seit wann interessiert dich, was Edith erzählt? Sie weiß immer nur Nettigkeiten über dich, meine kleine Putze.“ „Nein das mein ich nicht. Wie war’s denn in der Oper neulich? „Seit wann interessierst du dich für Oper? Die Oper war mäßig aber es ist ein Verbrechen passiert – bei Gundula ist in der Villa eingebrochen worden und der Einbrecher ist vorher in Hundescheiße getreten und hat auf dem ganzem Teppich seinen Stinkinasshundescheißabdrücke hinterlassen, ziemlich blöd, was?“ „Ach du Scheiße.“ „Genau. Das war Ediths Thema heute und dass die Vase, die Edith Gundula zum 55. geschenkt hat auch weg ist, ob wohl das ein plumpes Imitat war. Haben wir gelacht. Gundula denkt, das wäre teures Porzellan – iss was oder komm ins Bett Liebster.“ Morgen verbrenne ich die Scheiß-Stinkinass, nahm sich Jan vor. Er trug seit nach dem Bruch Bulls speckige alte Motorradstiefel. Dass seine Stinkinass voll Scheiße waren, ist niemand, auch ihm nicht, aufgefallen, weil er sie irgendwo in dem Durcheinander der Werkstatt hingeschmissen hatte, wo jetzt auch noch die M war. Jan hatte sich wahnsinnig gefreut, als Bull ihm die alten Specker geschenkt hatte. Jan liebt alte Schuhe und Jan.

Für manche ist Tarnung einfach Tarnung und für manchen wird sie nach und nach zur Lebenslüge. Jacks Tarnung ist der Beau. Armins Lebenslüge ist das Sportstudio. Gundulas Lebenslüge ist Jack. Ediths Tarnung ist Gundula. Jans Lebenslüge der Job, den er nicht hat. Johanna braucht keine Tarnung, und Bull läuft nicht Gefahr, das seine Tarnung zur Lebenslüge wird, denn er muss aufpassen das er nicht auffliegt. Er findet seine Tarnung abscheulich.

 

Der Alte, der vom Apfelbaum fiel

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Aug 292011
 

Man wird vielleicht nicht geneigt sein die Klasse der Irrtümer, für die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder besonders bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der ungleich wichtigeren Urteilsirrtümer der Menschen im Leben und in der Wissenschaft auszudehnen. Sigmund Freund, Zur Psychopathologie des Alltagslebens, X. Irrtümer

Ben und Juno

„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Er ist von der Leiter gestürzt und hat sich das Genick gebrochen,“ hauchte er ihr ins Ohr. Sie saß halb aufrecht an einen Stapel bunten Kissen, den ihr blauer Plüschelefant krönte und gähnte ungerührt in den Rokkokorahmen aus Styropor an der Fußseitenwand. Auf der ultraflachen Folie im Rahmen lief ein Beitrag über die Gewinnerin des „Balkony Vegetables Award“ im Kiez-News-Kanal KiezChanalONE. „Du pirschst dich völlig unnötig an. Ich habe Kopfschmerzen.“ Er versuchte es mit Ohrläppchen knabbern. Sie kicherte, „ach lass jetzt mal, ich möchte das sehen. Oder du erzählst mir von dem alten Zausel auf der Leiter.“ Das Close Up der glücklichen Gewinnerin war wie durch eine Kippschalterblende vom Display verschwunden. Die changierenden Muster der den Rokokorahmen umgebenden Schlafzimmertapete zierten das Display: 21, 22, 23 – eine Werbung pries die Unentbehrlichkeit eines patentierten Balkonbewässerungssystems an, welches Schnellentschlossene für schlappe 12.000 Taler in der örtlichen Warenausgabestelle bitte selbst abholen möchten. Tapete: 21, 22, 23 – eine beliebte Public Information Managerin mit beachtlicher Oberweite erklärte die aktuellen Wasserpreise. „Du bist süchtig“, sagte er in feststellendem Tonfall, „darum ziehst du dir diesen absoluten Schrott rein.“ – „Die Umsonstkanäle haben einen allgemeinverständlichen wahren Kern, Herr Wachtmeister.“ – „Uuhf, du suchst Streit?“ Sie antwortete mit einem Gähnen. Er stand plötzlich auf und wollte pinkeln gehen. Dann überlegte er es sich spontan anders, schlüpfte in die Hosen, die an seiner Seite vor dem Bett lagen. Der Reißverschluss seiner marineblauen Joggingweste sang eine kurze gekränkte Koloratur und im nächsten Moment schlug die Wohnungstür zu. „Auch gut“, seufzte sie. Dann befahl sie: „Ton aus.“

Der Auflauf

Der morgentliche Verkehr vor der Ökobäckerei war zum Stillstand gekommen. Im Straßenengpass einer kleinen Halbinsel der verkehrsberuhigten Nebenstraße hatte sich eine Traube mit Sensationslustigen gebildet, die in mehreren Sprachen die unmittelbaren Auswirkungen eines lange virulenten Machtkampfs zwischen einer Kleintierhalterin und einem mittellosen Straßenfreiraumbewirtschafter kommentierten. Die Frau war eine kiezbekannte Sexarbeiterin, deren Alter man wegen der konsequenten und regelmäßigen Investition in die Schönheitsreparaturen ihrer Fassade schwer schätzen konnte. Ihre Konjunktur hatte nach allgemeiner Auffassung jedoch den Scheitelpunkt bereits überschritten. Aber in besseren Zeiten war ihr die Beletage des Gründerzeithauses zugefallen, wo sie lebte und arbeitete, seitdem ihr letzter Agent unter bis heute ungeklärten Umständen aus dem Leben geschieden war. Ihrer Spezialität seien Rollenspiele, erzählte man sich beim Kaffee und überlegte, wer sie mal beerben würde. Sie nannte sich Hedy und war auch Skorpion. Ihr 14 jähriger Cihnchilla, der von einem Spatenschlag niedergestreckt in einer Blutlache auf dem großblättrigen, von einer Pilzkrankheit befallenen Laub einer Einlegegurke ausgestreckt lag, hörte normalerweise auf den Namen McCarthy. Hedy hatte dem Straßenfreiraumbewirtschafter, der über ihr im zweiten Stock zur Miete wohnte, die Mordwaffe entwunden und drohte mit dem Gartengerät wiederholt, ohne das weiteres Blut geflossen wäre, zunächst gegen seine Weichteile und dann gegen sein graumähniges Haupt. Der Mann sah ein, dass er etwas Unrechtes getan hatte und sank vor Hedy oder mehr noch vor den Zuschauern winselnd auf die Knie. Schließlich konnte man nie wissen, ob nicht eine Murdoch-Drone vor der Dachkante summte. „Wie fühlen Sie sich und was werden sie jetzt tun?“ Otto, der kleine Reporter des Kiezkanals, der auch im Winter Sandalen ohne Socken trug, kam aus der Ökobäckerei geschlendert. Seinen Morgenkaffee im Pappbecher balancierend stellte er die Interviewfrage mehr, um dem Image des Reporters zu genügen. Er hatte nicht nur kein Equipment dabei. „Ach schon gut. McCarthy war alt und hatte Asthma,“ blaffte ihn die Geschädigte an. In der Menschentraube wurde übersetzt. Ein Lieferant, der schon ewig hupte, ließ den Motor im Leerlauf heulen. Die Traube löste sich kopfschüttelnd über soviel Herzlosigkeit gegen die geschundene Kreatur, die auf Gurkenblättern in ihrem Blute lag, auf. Eine ältere Dame mit echten Perlenohrringen bedauerte, dass es in der näheren Umgebung keinen einzigen asiatischen Imbiss mehr gäbe. Ohne Bild und Tonmaterial war das Ereignis dem Kiezkanal immerhin eine bunte Meldung in den Mittagsnachrichten wert: McCarthy ist tot. Hedys kleiner Nager, der wegen seines Asthmas zuletzt oft sehr heiser gewirkt hat, wurde heute Morgen von Schlappen-Jürgen, dem ersten Preisträger des letztjährigen Balkony Vegetables Award mit einer grünen Gartenschippe der Marke ‚happygarden‘ erschlagen. Wir von KiezChanalONE meinen, Jürgen sollte Hedy dieses Jahr seine ganze Gurkenernte als Wiedergutmachung zahlen, auch wenn Hedy unbestätigten Berichten zufolge sowieso vorhatte, McCarthy einschläfern zu lassen. O-Ton Jürgen: „Das Problem is nur, dass da nich eine Einlegegurke mehr wachsen tut. Der verdammte Pelzkragen  hat meine schöne Gurke erst abgenagt und dann totgepisst. Ick hab doch selbst nicht jenuch zu Fressen.“ – „Tja Hedy, tröste Dich. Die Sauregurkenzeit kann nicht ewig dauern“, kommentierte der Moderator spontan und sprach sich damit insgeheim selber Mut zu.

I’m not that Child

Ariel war fast 40, Lehrer und fuhr mir dem Fahrrad zur Schule. Die Mappe, mit den 32 kläglichen Aufsatzversuchen darin, baumelte an einem  ledernen Tragriemen, der einen rosaroten Striemen in seinen Hals schnitt, über seiner rechten Schulter anstatt, wie vorgesehen, etwas oberhalb des Gesäßes die empfindsamen Nieren zu bedecken, die ansonsten nur noch ein graues T-Shirt mit einer 10 über der leichten Bauchwölbung und einem riesigen X auf dem Rücken beschützte, sowie ein gepflegtes aber altes waidblaues Jackett – halb Seide halb Leinen, das oft bedenklich im kühlen morgendlichen Fahrtwind flatterte.   Ariel hatte dem israelischen Wehrdienst den deutschen Schuldienst vorgezogen und korrigierte Rechtschreibung und Interpunktion entgegen der Vorschrift mit einem goldenen Paintballkuli.

Lisbeth, das 17 jähriges australisches Mädchen mit den dicken braunen Haaren, die beste Schülerin in seinem  Deutsch-Leistungskurs, ist nach mehreren geheimen Liebesnächten von ihm schwanger. Als ihre Leibesfrucht unübersehbar wird, treffen sich beide in einer blaue Stunde. An dem kleinen etwas abseits liegenden Cafèhaustisch vor der Ökobäckerei tuscheln und lachen und erwägen sie gedämpft die Zukunft, ihre, ob sie gemeinsam werden wird, und die der kleinen Elsa, die in Lisbeth wächst.

„Sie heißt auf jeden Fall Elsa“, sagte Lisbeth und band ihre dickes braunen Haar hinter sich mit ein paar bunten Schnippgummis zu einem Pferdeschwanz. „Mein lieber Schwan, klingt irgendwie ziemlich germanisch“, witzelte Ariel. Lisbeth kam ihm plötzlich vor wie ein Kind und er malte sich aus, was man über Lisbeth und ihn denken würde. „Wenn Elsa da ist, werde ich 18 sein“, sagte Lisbeth, als hätte sie seine Gedanken lesen können. „Wir sollten Heddy und Jürgen fragen, ob sie nicht Taufpate werden wollen“, schlug Ariel in künstlich sachlichem Tonfall vor, „und meine Schwiegermutter laden wir aus.“ –  „Elsa soll sich das selber aussuchen, ob oder an was sie glaubt. Kindstaufe kommt nicht in Frage“, erwiderte Lisbeth. Gerade hatte sie genug davon, dass Ariel sie mit seiner Witzelei aufmuntern wollte. Es gab nämlich keinen Grund zum Aufmuntern, Lisbeth fühlte sich ganz gut, sogar mit der Stimmungsschwankung in der Schwangerschaft kam sie zurecht, besser als sie befürchtet hatte. nachdem ihre Mutter ihr wieder und wieder vorgekaut hatte, was sie selbst für Stimmungsschwankungen hatte, als sie mit Lisbeth schwanger ging.

Ihre Mutter war zwar noch deutlich älter als Ariel, aber eines hatten sie gemeinsam: dass sie ihr nicht zutrauten, mit der Situation klar zu kommen. Diese Mischung aus lauter Sorge, immer noch über sie bestimmen wollen, als sei sie ein Kind, und dem demonstrativen ‚Alles wird Gut‘ Gerede, ging Lisbeth bei beiden fürchterlich auf die Nerven. Ihre Mutter hörte nicht auf, Liesbeth nach den Namen des ‚Erzeugers‘ zu löchern. Wenn Lisbeth bei solchen Gelegenheiten ganz erwachsen argumentierte, fand sie sich selber albern, denn sie fühlte sich als Kind, als Schülerin, als Gott sei Dank überhaupt noch nicht so erwachsen. Und gleichzeitig fand sie sich viel weniger kindisch, als ihre Mutter wirkte, wenn sie das Wort ‚Erzeuger‘ benutzte.

Lisbeth war nicht die einzige, die als Teenager ein Kind erwartete. In der Schule gab es noch zwei Mädchen, eine hatte schon mit 15 ihr Kind bekommen und ging weiter zur Schule. Der Vater war bekannt – ein gleichaltriger Schüler, der inzwischen schon wieder eine andere Freundin hatte. “Alle scheinen das normaler zu finden, wenn das Mädchen den Vater irgendwie blöd und verantwortungslos finden kann“, überlegte Lisbeth laut. Darum hatte sie  bisher standhaft Ariels Vaterschaft verschwiegen. Und dem schien das ganz lieb zu sein, wenn sie diese Show weiter abzogen, bis das Kind da war und die Lisbeth offiziell volljährig. Das machte Lisbeth jetzt traurig, aber man merkte es ihr nicht an. „Du könntest doch schon mal anfangen, eine größere Wohnung zu suchen. Deine ist für das Baby und mich zu klein. Meinst du nicht auch, Erzengel?“

Fortsetzung folgt innerhalb dieses Postings. Also am besten Feed einrichten,
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Die Legende vom Unglauben – Folge IV

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Jul 312010
 

Renate erzählt – Das Ryukyu-Kaninchen

<<Karl war a zierlicher Junge.>>

Auf dem Land, wo es nach dem Weltkrieg weniger Hunger gab als in der Stadt, hielt man den 12jähigen daher für unterernährt, erzählte mir Renate, meine Patientin mit dem Leberfleck unter dem linken Auge, während sie den Korb mit den Eiern auf meinem Schreibtisch abstellte.

<<Se wissen doch Karl, der Erstjeborene vom roten Bürjermeister. Den haben se noch nich auf de Welt geholt Herr Doktor, da war noch da alte Doktor und s war ne schwere Jeburt. De Mutter is daran jestorben.

Der Bürjermeister hats nie verwunden aber er war halt e Kleinbauer und musst wieder heiraten und de Elisabeth hatm auch nie darauf jetriezt, dassa seine Erste nich verjessen konnt. Aba dem Karl hat ses spiern lassen, wie die eijenen Jörn da warn. Und wissen se, einmal hat der so e Kaninchen jehabt, des war sein Ein und Alles, e besondres Kaninchen, und er hat jemeint, s sei aus Japan, weila ja die Phantasie hatte, weila ja, sobald a lesen konnte, Tach un Nacht in de villen Bücher von sein Vater jeschmökert hat   – und das sah em aus wie a Kaninchen, wasses nur da in Japan jibt.

Und die Elisabeth hats über Pfingsten geschnappt und jeschlacht und dann kams aufn Teller als Sonntagsbraten. Jab ja nich viel zu beißen seinerzeit. Das hat der Jung der Stiefmutter nich verziehen und er hat jemeint, wenner jroß is tut er nach Japan auswandern, der Karl. Und sein Vater hat ehm versucht zu tresten, aber mit dem warer auch bese und hat drei Tache rein garnischt jejessen. Als er denn groß war, isser wirklich nach Japan, erzähln de Leut. Ob er noch leben tut weiß keiner nich. Na Kaninchen jibt es ja iberall uff de Welt Herr Doktor>>

Wenn man eine Nachricht schnell im Dorf verbreiten wollte, musste man sie nur unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit der Renate anvertrauen. Als ich ihr die Betäubungsspritze setzte, zuckte sie nicht und unterbrach keinen Augenblick ihre Erzählung. Da sie ihren Mund zum Reden, und damit auch das Gesicht fast gar nicht zu bewegen brauchte, hatte ich keine Schwierigkeit mit der Kanüle zu zielen. Während ich ihren Leberfleck entfernte, erfuhr ich noch, dass der zwölfjährige Karl seit der Schlachtung seines Kaninchens, kein Fleisch mehr zu sich genommen haben soll. Selbst Fisch wäre ihm angeblich seit jener Zeit zuwider gewesen.

Was gäbe ich hier um einen Hasenbraten. Auf meinem Gaumen macht sich ein Geschmack breit, wie Wildbrett. Seit meine Katze Emilie von mir gegangen ist, sah ich kein Säugetier mehr. (Ich habe sie nicht gefressen.) Sie liegt unter dem alten Hollerbusch begraben.

Stellt sich das einer vor? Seit nunmehr 200 Jahren sind meine Bestäubungsinsekten und eine kleine Anura-Population die einzige Fauna, die mir blieb.

Das Leben in Gedanken: Vor etwas mehr als siebzig Jahren hatte ich die bisher letzte leibhaftige Begegnung mit einem anderen Exemplar der Gattung Homo. Es gehörte offensichtlich nicht meiner Art an und konnte nicht einmal sprechen. Ich nehme an, er war ein Gezüchteter, dem es gelungen war, seinen Peinigern zu entkommen. Unsere anfängliche Freude einander gefunden zu haben endete all zu schnell. Uns wurde bewusst, dass jenes todbringende Konkurrenzverhalten, das den Planeten so verwüstet hat, in uns beiden noch so tief eingegraben ist. Da beschlossen wir stillschweigend und voller Scham, uns zu trennen – um nicht Gefahr zu laufen, dass über die Zeit, ein Exemplar das andere töte.

Nun haben wir die praktische Unsterblichkeit – und wozu?

Die Legende vom Unglauben – Folge I

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Jul 282010
 

 

Editorische Vorbemerkung:

Nach der Lektüre des Gedankenaustauschs, der aktuell unter der Überschrift Das Kapitalverbrechen der nächsten Gesellschaft bei weissgarnix seinen Lauf nimmt, habe ich mich entschlossen, an einem bisher fragmentarisch gebliebenen Text weiterzuarbeiten, der sich mit einer von mehreren möglichen Zukunftsvorstellungen auseinandersetzt, in der die Endlichkeit der physische Existenz des Menschen in doppelter Hinsicht bedeutungslos geworden ist, ansonsten aber die gewohnten materiellen Spielarten und Regularien der Spezies  fortgeschrieben  sind.  Weitere Episoden folgen hier wahrscheinlich aber nicht zwingend im Wochenturnus.

Wolfram Haack

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Meister: Wer heißt sie im voraus wissen, was eine schlechte Rolle ist und was eine gute?

Welt: Das weiß wohl jeder, der hineinsieht, wenn er Geschriebenes lesen kann! Viel befehlen und anschaffen, herrisch und gut leben, das große Wort führen, andere seine Macht fühlen lassen: Das ist eine gute Rolle. Stöß und Püffe hinnehmen, harte Worte hinunterschlucken, sich ducken, den Mund halten, wenn andere reden: das ist eine schlechte Rolle – so halten es die Menschen von Adams Zeiten an.

Aus:  Das Salzburger große Welttheater von Hugo von Hofmannsthal

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Vorwort – Der Herr hat nicht zugehört

So, so und so und dann wieder anders. Man kennt solche Leute ja. Und natürlich kann aus ihnen nichts werden. Aber wenigstens haben sie sich bewegt. In einem größeren Zusammenhang bewegen sie sich, den sie nicht spüren, der sie manchmal schlägt und manchmal lieb hat. Und sie sind es zufrieden, wenn es nur kracht. Ja, wenn du die Gewissheit, endlich zu sein, noch einige Jahre vor dir hast. Das ist eine schöne Zeitverschwendung.

Sie merken schon, mein Herr, ich spreche nicht von denen, die andere Sorgen haben, die mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurden und sich Verdienste um die Menschheit erwerben können. Können sie das leichter als wir? Wer sind wir, diese Mutmaßung anzustellen? Aber es hilft ein wenig, wenn man auf etwas wartet, was einen weiterbringen könnte. Richtig bleibt nur der Erfahrungssatz, dass wir nichts wissen können, das wir nicht ausprobiert haben. In diesem Sinne haben wir die Wahl. Warum, mein Herr, sind sie schwach und ich bin stark oder umgekehrt? Und kommt die Hoffnung nur als Ausgleich für die Schwachen in der Welt vor. Oder hat die Hoffnung womöglich so ihre eigenen Qualitäten, mit denen sie, je nach dem, den Starken und den Schwachen zur Verfügung steht? Sie werden einwenden, der Starke brauche keine Hoffnung. Die Hoffnung wäre mithin den Elenden vorbehalten – eben doch als Ausgleich für alles, was wir mit Recht als schlecht verteilten Glücksvorrat bezeichnen dürfen.

Erstes Kapitel – Ein langes Leben – Erschlage keine Motte

Vor etwas mehr als zweihundertzwanzig Jahren, es war ein ungewöhnlich milder Mai, und die ersten Blüten der alten Kletterrose, die um den Eingang zu meiner Praxis ranken, sprießten üppig, trat während der Mittagszeit ein gebildet aussehender älterer Herr in das Entrée meiner Landarztpraxis. Für gewöhnlich halte ich Mittagsschlaf und schließe deshalb um zwei bis drei Stunden die schwere holzgetäfelte Tür zu den Behandlungszimmern ab. Bei einer dringenden Sache muss man nur laut genug daran pochen, und ich bin im Nu bereit.

An jenem Tag im Mai aber, hatte ich noch Schriftliches wegen einer Erbschaft zu erledigen, die mir unverhofft ins Haus geflattert war. Die vornehme alte Elisabeth, deren drei Kindern ich sämtlich in die Welt geholfen hatte, hinterließ mir einen guten kleinen Acker oder eher Garten, von dem zu ihren Lebzeiten für mich das herrlichste Gemüse herkam. Oft wollte ich ihr Kohl, Karotten, Zwiebeln, Lauch und all die anderen dankbaren Pflanzen bezahlen, doch die Frau des alten Bürgermeisters ließ es niemals zu. Damit ich nach ihrem Tod versorgt bliebe, erbte ich demnach den kleinen Acker. Sehr zum Missfallen ihres Zweitältesten, Walter, der das Stück fruchtbaren Grundes dem Pfarrhaus für eine ansehnliche Summe zu verkaufen gedachte. Die katholische Gemeinde wollte an einer Stelle, wo jetzt ein größeres Beet Brassica oleracea war, eine Marienkapelle errichten. Vor dem vorvorletzten großen Krieg hatte an genau derselben Stelle schon eine gestanden. Sie war in den letzten Wirren verschont geblieben aber nach einem Unfall im Jahre 1956 auf Verordnung des kommunistischen Bürgermeisters abgerissen worden. Er selbst hatte, weil er die soliden Balken des Daches lieber als Bedeckung für die Jauchegrube der LPG-Schweinemast verwenden wollte, eine Inspektion des kleinen Dorfheiligtums vorgenommen, zu keinem anderen Zweck, als die Marienkapelle der verblendeten Gottesanbeter für baufällig zu erklären und dem Rat des Kreises ihren Abriss anzuempfehlen. Während seiner Besichtigung mit einem Vertrauten und dem alten Pfarrer der Gemeinde begann, für alle zunächst unerklärlich, die Erde zu beben. Ein Sparren löste sich aus dem Dachgebälk und schlug dem Atheisten dermaßen auf den rechten Fuß, dass dieser auf der Stelle Brei war. Mein Vorgänger, dem man den jammernden Roten in das Behandlungszimmer brachte, erkannte sofort seine begrenzte ärztliche Macht und ordnete an, man möge den Schwerverletzten ohne Verzögerung ins Krankenhaus der Kreisstadt transportieren. Doch dieser weigerte sich und tat den eigenartigen Vorfall mit zusammengebissenen Zähnen seinen Schmerz unterdrückend vor aller Welt als eine Lappalie ab. Er lag vier Tage winselnd bei seiner zweiten Frau im Bette; doch all ihr Zureden half rein gar nichts. Schließlich entzündete und vereiterte sich der Brei, und der noch von den Russen eingesetzte Bürgermeister drohte an der Vergiftung zu sterben. Schon ohne Bewusstsein brachte man ihn gegen seinen erklärten Willen doch in das Krankenhaus der Kreisstadt, wo die behandelnden Ärzte nun das ganze, schwarz angelaufene Bein unterhalb des Oberschenkels amputierten, um sein Leben zu retten.

Ein halbes Jahr später, als der stattliche Mann, kaum genesen, auf seiner noch ungewohnten Beinprothese ungeschickt zur Erledigung seiner Pflichten in den Rat der Gemeinde eilte, sprach ihn ein Dorfbewohner wegen des Ausgleichs für die Flurschäden durch ein Panzermanöver an; und dem vergrämten Bürgermeister wurde zu seiner Verzückung klar, dass nicht Gottes Wille, sondern das russische Militär, Schuld war an seinem Unglück. Als er dem Tode knapp entronnen in der Stadt aus der Narkose erwachte, waren in ihm schleichend und immer bohrender Gedanken aufgestiegen, sein Unglaube habe ihn soweit gebracht. Jetzt, wo er erst durch die Ausübung seiner Pflichten von dem Manöver der russischen Brüder erfuhr, fühlte er sich wieder vollends sicher und beschloss, den Kampf gegen die Kirche und diesen Gott, dem er, falls es ihn doch geben sollte, nur Unordnung zutraute, in gewohnter Härte fortzusetzen. Elisabeth, seine zweite Frau aber, versäumte keinen Rosenkranz.

Dies erzähle ich ihnen, werter Herr, und schreibe es für sie nieder, während hier außerhalb der Schutzhülle um mein altes Wohn- und Gewächshaus (Baujahr 2067) die neuen Unkräuter mannshoch und darüber blühen und der schlimme Wind ihren Samen überall dorthin trägt, wo vor dem großen Ereignis die Landmaschinenautomaten der EGT (European Genetic Trust) ferngesteuert Genmaisfelder düngten oder niederbrannten, je nach Marktlage. In diesem Moment muss ich mich unter meiner Glocke zwingen, bei der Erinnerung an den bestialischen Gestank der brennenden Felder, nicht wehmütig zu werden. Ich schicke ihnen aus meinem privaten Archiv einige alte Bildformate mit Außenansichten (!) von unserem gewesenen Dorf. Es handelt sich um sogenannte binäre Daten. Falls sie nicht in der Lage sein sollten, diese zu entschlüsseln, werde ich ihnen einen der lustigen alten Codes übermitteln, die sie aus rechtlichen Gründen aber jeweils nur 4 Nanosekunden lang benützen dürfen. Eigentlich ist schon die Weitergabe dieser antiquarischen Schlüssel nicht ganz koscher. Es wäre schön, wenn sie die alten Bilder anschauen könnten. Vieles, was ich sonst umständlich erklären müsste, würden sie auf Anhieb verstehen beim Betrachten dieser untergegangenen Epoche.

Doch zurück zu dem besagten kühlen Tag im Mai. Plötzlich stand er neben mir am Schreibtisch meines kleineren Ordinationsraumes. Ich bin mir nicht sicher, aber ich meine doch, dass die getäfelte Tür geschlossen geblieben wäre, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass es diesen Windhauch gegeben hätte, mit der sie sich für gewöhnlich zu rühren pflegte, wenn der nächste Patient eintrat.

Er stand einfach im Raum. Über dem grauen, einer Sutane ähnlichen Überwurf, reichte seine lange, ebenfalls graue Mähne knapp bis zu den Schultern. Er hatte ein jung gebliebenes Gesicht, aus dem die dunkelbraunen Augen milde und respektgebietend auf mich blickten, ohne meine Aufmerksamkeit direkt zu suchen. Ein gepflegter Heiliger einer mir unbegreiflichen Konfession.

Er selbst benahm sich andererseits äußerst normal. So als hätten wir schon einige Worte der Begrüßung gewechselt und könnten nun gleich zur Sache kommen, erklärte er mir, er sei hier, um den letzten Wunsch seines verstorbenen Vaters zu erfüllen, der vor seinem Tod zu einem großen Verehrer der Jungfrau Maria geworden war. Seine Stiefmutter Elisabeth die, so fuhr er fort, seinem leiblichen Vater im Abstand von anderthalb Jahrzehnten gerade ins Grab gefolgt wäre, hätte ihm in einem kurz andauernden Briefwechsel nach Übersee, wohin es den grauen Heiligen aus mir noch unbekanntem Grund verschlagen haben musste, dringend aufgefordert an seinem Geburtsort eine Marienkapelle zu errichten. Er wolle dem letzten Willen seines Vaters, mit dem er zu Lebzeiten wenig gemein gehabt hätte, nun erfüllen. Darum, und weil er jetzt auch durch die Erbschaft in die Lage versetzt wäre, seiner Stiefmutter zu gehorchen, sei er hierher gekommen, um seine Sohnespflicht zu erfüllen. Er wäre zwar, fügte er hinzu, im Laufe seiner Abwesenheit durch die Sitten und die Religion seiner Wahlheimat im Herzen tief berührt worden und daher kein Katholik mehr, aber der letzte Wille eines Verstorbenen gelte gemeinhin wohl überall auf der Welt das Gleiche.

Während der Schilderung über die verschiedenen Stationen seiner ausgedehnten asiatischen Wanderschaft, vermochte ich, der ich mit Ausnahme meiner Studienzeit fast mein gesamtes Leben und gern mit meinem Beruf in unserm Dorf zugebracht hatte, ihn nicht zu unterbrechen, um ihm die wenigen Fragen zu stellen, die man einem Menschen meistens stellt, wenn man überhaupt nicht mit ihm bekannt ist. Noch dazu, wenn er einem auf eine solch sonderbare Art und Weise zum ersten Mal begegnet und man die Endlichkeit vor Augen findet. Damals waren wir noch automatisch sterblich. Außerdem stellte sich, als er wiederum auf die Erbschaft der Bäuerin zu sprechen kam, eine wunderliche Verwandtheit zwischen mir und meinem unbekannten Gast heraus: Für den Fall nämlich, dass derjenige, welcher das erste Anrecht auf ein im Testament der Bäuerin genau bestimmtes Stück Land hatte, die Erbschaft ausschlagen würde, sollte der heimkehrende Stiefsohn dort bauen. Und dieser, der das erste Anrecht hatte, und also zu verzichten hätte, war niemand anderes, als ich. Und die beschriebene Stelle keine andere, als mein Gemüsegarten. Es war mir gleich, denn damals konnte ich mich mit Gartenarbeit überhaupt nicht anfreunden. Wegen unserer durch die Vorkehrungen der alten Elisabeth erwachsenen Gemeinsamkeit konnte ich selbstverständlich nicht umhin, meinem Gast, denn als solchen empfand ich ihn, sobald er mir so freimütig von seinen Reisen erzählte, von den Begehrlichkeiten seines Stiefbruders zu berichten, und wie dieser meiner Ansicht nach schon im Stillen auf die beträchtliche Summe gehofft haben mochte, die ihm gewiss vom Pfarrer in Aussicht gestellt worden war. Dabei wäre es doch nach jeder Rechnung immer auf das Gleiche hinausgelaufen: Die Kapelle würde an alter Stelle wieder errichtet werden.