Kein Spielraum für Verhandlungen

 Krisensichere Anlagen, Lyrrisch, Zukunft  Kommentare deaktiviert für Kein Spielraum für Verhandlungen
Mrz 302016
 

Ich will das Subjekt meines Handelns sein.

Je suis.
Ich bin aus Homs, Alleppo, Damaskus.
Ich bin aus Basra, Bagdad, Mossul.
Ich bin aus Herat, Kundus, Kabul, Kandahar
Ich bin aus dem Jemen, ich aus Sudan.

Ich bin eine Beduinin; unser Haus stand in Bir Nabala.
Ich lebe in Ramallah.

Ich habe zwei Töchter großgezogen.
Ohne Mann in Clichy-sous-Bois.

Ich bin eine Romni aus Bosnien.
Ich sitze auf der Weidendammer Brücke vor dem preußischen Adler.

Ich bin aus Diyabakir und habe in Sevilla studiert.
Ich kämpfe in einer kurdischen Frauenbrigade.

Ich bin ein junger Dichter in Cizre.
Ich bin ein Schneider aus Burkina Faso in Libyen.
Ich habe es nicht nach Deutschland geschafft.

Ich bin eine Wohnungslose mit Diabetes in Detroit.
Ich bin ein Wanderarbeiter in Guandong.
Ich habe mein rechtes Bein bei einem Arbeitsunfall verloren.

Ich bin eine nepalesische Hausangestellte in Dohar.
Ich wurde von meinem Chef vergewaltigt.
Ich bringe das Kind nicht zur Welt.

Ich bin ein Arbeiter in East Jaywick
Ich sitze ein, weil ich ein Paar Schuhe gestohlen habe.
Ich bin ein Rentner in Neuperlach und sammele Flaschen.
Ich soll aus meiner Wohnung raus.

Ich bin eine Hartz IV-Empfängerin aus Charlottenburg.
Ich habe von 19 bis 35 angeschafft.
Ich bin 46 und aufs Amt bestellt worden.
Ich habe zu hören bekommen, dass ich wieder anschaffen soll.

Ich will das Subjekt meines Handelns sein.

Wo ich herkomme oder jetzt bin,
will man mich zum Objekt degradieren.

Es sind nicht der Krieg, der Rassismus, das Patriarchat oder die Armut,
die das mit mir machen wollen oder mir schon angetan haben.

Es sind nur Menschen, die Krieg, Rassismus, Patriarchat, Armut
und Ungleichheit aufrecht erhalten, um oben auf zu bleiben.

Ich will nicht so werden wie die.
Ich will das Subjekt meines Handelns bleiben.

 

Jean-Guillaume Moitte (1746-1810), Égalité – Die Gleichheit (1793), Deutsches Historisches Museum Berlin, gemeinfrei

Störung durch eine Schmeißfliege

 En passant, Lyrrisch  Kommentare deaktiviert für Störung durch eine Schmeißfliege
Aug 022015
 

Ein fetter Sozialdemokrat in seiner Not,
Schlägt ein Schmeißflieg am Suppentellerrand tot:

„Bäh, du Suppprolet wirst verderben mein Mahl,
Durch Lügen verdient bei der letzten Wahl.

Dass wir Sozen die Konten der Bosse mästen,
Suppprolet, glaub es, ist zu deinem Besten!

Und falls ich dich hau‘ und jetzt noch nicht kriege,
Bring’n mich Genossen wie Noske totsicher zum Siege.“

Schon bei Wilhelm dem Doofen und Hindenburg hieß es,
Revoluzzen? zu gefährlich, wähl‘ SPD – vergisses.

Den Proletarier in seinem Jetzt und Hie,
Kann es nur ekeln vor der Sozialdemokratie!

 

Ein Zwfölfzeiler für Sonnabend und Sonntag

Wieder gut machen? – Besser machen!

 En passant, Lyrrisch, Zitat  Kommentare deaktiviert für Wieder gut machen? – Besser machen!
Okt 072012
 

Heribert Prantl ist ja niedlich. Erst schreibt er Steinbrück hoch; nun deutet er ihn sich zurecht. Das Steinbrück Papier sei de facto eine Rehabilitierung des immer noch verketzerten Lafontaine. Eigentlich müssen alle, die sich damals über den angeblich „gefährlichsten Mann Europas“ das Maul zerrissen haben, heute Abbitte leisten.

Natürlich freuen wir uns, wenn das von der Sozialdemokratie insgesamt auch so wahrgenommen wird. Mit Blick auf den uralten Vorschlag (der nicht von Steinbrück oder Prantl ist!) Geschäftsbanken und Investmentbanken zu trennen, was immer trennen hier heißen soll, haut der Bürger mit der Fliegenklatsche auf die bösen Banken. Autsch. Die Großbanken müssen sich überlegen, was sie der Gesellschaft zur Wiedergutmachung anbieten können. Es genügt nicht, Stiftungen zu betreiben und ein wenig wohltätig zu sein. Ich bitte Sie, falls es nötig werden sollte, die Planwirtschaft wieder einzuführen, macht das die Kanzlerin schon selbst. Ein paar einführende Worte der Rehabilitation überlässt sie dann später sicher dem Wirtschaftsexperten und, so Gott will, SPD-Vizekanzler Steinbrück. Sie machen sich umsonst verrückt Herr Prantl.

Viel bezeichnender aber ist Ihre falsche Diktion, mit der Sie die Totaldemontage des Sozialstaats (auch wenn Sie das nicht so nennen) durch die Agenda-Politik charakterisieren, die von der rot/grünen Regierung eingeleitet, von der großen Koalition verschärft und von der schwarz/gelben um viele assoziale Instrumente ergänzt worden ist. Dies ist aus meiner Sicht, auch wenn der mündige Bürger Prantl jetzt ein bisschen faucht, der mörderischste Verkaufsschlager der deutschen Bourgeoisie seit Zyklon B.

Immerhin, und das ist das beste an dieser Quasi-Entschuldigung dafür, dass die Süddeutsche Steinbrück hoch geschrieben hat, gibt es in dem Artikel ein großartiges Zitat, das dem Schweizer Reformpädagogen Johannes Heinrich Pestalozzi zugeschrieben wird: Wohltätigkeit ist das Ersäufen des Rechts im Mistloch der Gnade.

Genau so sieht das fast vollendete neoliberale Projekt zur Zeit doch aus. Arbeitnehmerrechte, Mieterrechte etc. ersoffen und im Mistloch der Gnade rudern die Gesegneten, denen Schröder, der Gesalbte, Hartz I-IV geschenkt hat. Wer möchte da nicht sofort vor Dankbarkeit das Hosianna auf den aktuellen Kanzlerkandidaten der SPD anstimmen.

Prost Peer

Du Heiliger Peer, Deine Worte sind süß wie Honig.
Oh Steinbrück, Dein Versprechen klingt wunderbar.

Wunschkandidat des Kapitals, der Du uns huldvoll einölst,
Mit markigen Sprüchen und sozialem Gesülz bis zur Wahl.

Beweihräuchert vom Kettenraucher, so kommst Du, und stehst für
Die Verteilung von unten nach oben, Du Schmalspurmessias, gelobt!

Gelobt auch Dein rot gewendetes  Mäntlein – bis zum Wahltag.
Dein großes Maul prahlt sich durch bis zur großen Koalition.

Gebenedeit seist Du, oh Teuerster,  unter den Vortragsmillionären,
Geschmierten Schrittes, ach wie milde, trägst Du das Buch der Partei-

Am Arsch. Und gelobt seist Du , der da kommt im Namen
Der Verteilung von unten nach oben. Heil Dir, Prost, Prost!

Prost, Prost!

Die Schnurz

 Lyrrisch  Kommentare deaktiviert für Die Schnurz
Sep 262012
 

Wer bist du?
Nur kurze Zeit,
antwortet die Schnurz.

Woher kommst du?
Von da und dort,
antwortet die Schnurz.

Was machst du?
Dies und jedes,
antwortet die Schurz.

Was hast du?
Hunger auf mehr,
antwortet die Schnurz.

Was kannst du?
Alles und nichts,
antwortet die Schnurz.

Wie ist dein Name?
Gib mir einen,
antwortet die Schnurz.

Wohin willst du?
Nur kurze Zeit fort,
antwortet die Schnurz.

Aussprechliche Trauer um verlorene Radiokunst

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Aug 172012
 
Urs Graf der Ältere * um 1485 in Solothurn; † vor dem 13. Oktober 1528, Hinrichtungsstätte

Urs Graf der Ältere * um 1485 in Solothurn; † vor dem 13. Oktober 1528, Hinrichtungsstätte, 1512, Feder in Schwarz, auf Papier, Grafische Sammlung Albertina, Gemeinfrei

Analog magnetisch

(Für Hans)

Unaufhörlich gingen und kamen die Iden des März,
Sogar als der schöne Merz seinen Hut nahm –
In das Nirwana.

Nur zeitweise durch den Nadelwald der Neucodierung
Meinst du grad‘ eines Merzens Poch zu erahnen –
Aus Zwergzikadenherzen.

Du, Deiner, Dir, Dich.
Du, Deiner, Dir, Dich.

Anlässlich des Verlusts einer Magnettonaufzeichnung der Sendung 'Nachtflug'
zum 100. Geburtstag von Kurt Schwitters (Merz-Radio) auf Radio 100.