Jan 012010
 

Für A. B. in Liebe

Wahrscheinlich wisst ihr noch nichts vom siebenten Himmel der Kuchen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die Kuchenbäcker halten die Geschichte, die einer von ihnen im Traum erfuhr bis, jetzt streng geheim. Eigentlich darf sie nur besonders begabten Kuchenbäckern weitererzählt werden.

Zunächst einmal muss ich vorausschicken, dass jeder Kuchen, wenn er gegessen worden ist, egal ob er gelungen war oder nicht, genau wie alle Wesenheiten – Steine, Tische, Füchse, Menschen und Diktatoren, in dem Augenblick seine ursprüngliche Gestalt wieder annimmt, wo er ganz und gar alle ist. Ein Küchlein bekommt dann Marzipanflügel und fliegt in den schon eben erwähnten siebenten Himmel der Kuchen. Dort oben aber sitzen, ihr werdet es nicht glauben,  Kuchen, Schwarzwälder-Kirsch-Torten, Plätzchen, Spritzkuchen, Hefekuchen vom Blech, gemeines Mürbeteiggebäck, das Weihnachtsgebäck ja und sogar die Salzbrezn demokratisch beieinander. Und weil die Zeit unlängst in den Himmeln abgeschafft wurde, können sie sich viele lustige, zuweilen aber auch nachdenkliche Schmankerln aus ihren meist kurzen aber erfüllten Leben auftischen. Wirklich gute Kuchenbäcker können die endlosen Plaudereien der verklärten Kuchenseelen an einer äußerst zarten Geruchsnote erkennen, die ihnen in der Backstube auffällt. Aber nur, wenn sie nicht ganz bei der Sache bleiben. Vielleicht ist es aber auch so, dass sie nicht bei der Sache bleiben, weil ihnen die Geruchsnote auffällt. Wie auch immer – sie sind irritiert.

Eines schönen Tages, etwa gegen Ende der australischen Regenzeit, polterte etwas an der Pforte zum siebenten Himmel der Kuchen. Der Himmelspfortenwart, ein dicker gemütlicher Sandkuchen, war eingenickt; das letzte woran er sich erinnerte, war ein Sahnetorte, die beinahe mit seinem Zitronenguss verzuckerten Haupt kollidiert wäre, hätte ich nicht geistesgegenwärtig die Pforte aufgerissen, dachte der Beamte…  Es ist wie beim Film an der Himmelspforte: man sitzt immer irgendwie rum und wartet, das es weitergeht. Wenn es aber weitergeht, soll es gleich ruckzuck sein. Tagelang begehrte nicht einmal ein kleines Dolce Einlass und dann, vor sage und schreibe drei bis fünf Stunden, raste dieses Sahnetörtchen mit einer unheiligen Hast an im vorbei. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Sandkuchen hatte vor einigen Tagen vergessen, die Pforte zu schließen, nachdem eine jumbofette chinesische Hochzeitstorte mit „vorschriftsmäßigen“ Papieren vor dem Tor gelandet war. Unter Zuhilfenahme seiner ranzigen Marzipanflügel hatte er sie durch das Nadelöhr in den Kuchenhimmel gelotst. Das war so aufregend, dass er danach erst einmal ein Nickerchen halten musste. „Und dann kam doch eben noch dieses Sahneschnittchen vorbeigerauscht“, dachte Sandkuchen.  Mit dem hatte es Ärger bei den Aufnahmeformalitäten gegeben, weil es sich doch partout für eine von und zu Schwarzwälder-Kirsch hielt, dabei sah nun wirklich  jeder Butterkuchen, dass sie nicht Käse nicht Sahne war und nicht einmal besonders hübsch.  Und dieses eingebildete Ding hätte ihn nun  beinahe geknutscht. Aber was, ja was zum Knäckebrot, war jetzt nun schon wieder los?

Nach dem ganzen überflüssigen Ärger mit dieser besserwisserischen Käse-Sahne-Schnitte war Sandkuchen so müde, dass er nur noch schwer gähnend die Nussnougatcremepforte schließen konnte. Dann setzte er sich in seinen Krokantsessel in der pfefferkuchenen Pförtnerloge und schlief und schnarchte. Als es nun so polterte an der Pforte, wurde  Kuchenpetrus  jählings aus seinen Träumen gerissen. Zuerst dachte er, ein uraltes steinhartes Kommissbrot wäre vor der Pforte niedergegengen. So etwas war schon öfters vorgekommen, sogar ein paar Knäckebrotkrümel, die aus irgend einem irdischen Lotterbett stammten, hatten sich schon einmal bis hierhin vor sein Himmelstor verirrt. Doch damals war die Situation auch viel ruhiger gewesen. Sandkuchen hatte zu seinem Zuckergusstelefon gegriffen, die Vermittlung im Brothimmel angewählt, und zehn Minuten später war ein Sack Semmelbrösel eingetroffen und hatte die Knäckebrotkrümel fein säuberlich aufgelesen und damit Basta.

Diesmal war alles so unverhofft, so überaus hektisch. Und wenn Sandkuchen ehrlich war, was er manchmal war, musste er zugeben, dass er jetzt schon ein wenig ängstlich wurde, weil er nicht genau wusste, wie laut oder ob es denn nun wirklich an der Pforte gepocht hatte, oder ob er gar einen schrecklichen „Verbrannten-Kuchen-Traum“ geträumt hatte. So nennt man die Alpträume dort droben.

Als er durch das schokoladenen Guckloch in der Nussnougatcremepforte schaute, sah er — nichts. Schon wollte er die Ereignisse wirklich in den Rang eines „Verbrannten-Kuchen-Traums“ erheben und weiter nicken, als er plötzlich ein sehr hohes, feines Stimmchen wimmern hörte: „Machen sie mir doch bitte auf Herr St.Sandkuchen!“ Das hörte man doch gern.  „Heute Morgen“, fuhr das Stimmchen fort, „bin ich gerade von einem gewissen Mensch H. für einen gewissen Mensch B. verfertigt worden. Nun, der H. ist wahrlich kein Zuckerbäcker, meiner Seele. Daher bin ich, wie sie sehen, leider reichlich misslungen. Würden SIE mich denn trotzdem einlassen, Eure Heiligkeit? Bitte, bitte! “ So sprach es die Zitronencremerolle des Menschen H.

Hellwach und geschmeichelt von soviel Ehrfurcht, erhob sich Sandkuchen gern aus seinem gemütlich angewärmten  Krokantsessel und erblickte das Zitronencrememissgeschick. Vielleicht wegen der entfernten zitronellen Verwandtschaft mit seiner Glasur, gewann er jedoch rasch die Fassung wieder und brummte ruhig: „Wenn man Sie gegessen hat, Verehrteste, na dann…“ Und Sandkuchen prüfte den Fall nach, entschlossen hier auch alle fünf Maraschinokirschaugen zuzudrücken.  Da fand er auf den Esspapierseiten seines Eingangsbuches mit den schweren Spekulatiusbuchdeckeln die Eintragung. Es stand aber dort mit unfälschbarer Zuckercouleurschrift verzeichnet: Undefinierbarer kleiner Kuchen (vielleicht Zitronenrolle???), arg misslungen, etwas angebrannt am unteren Rand, gebacken von Mensch H., tapfer gelobt und gegessen von Mensch B. und dem beschämten Laienbäcker H. Stempel, Datum, Unterschrift usw. Doch weil ihm das „Verehrteste nun doch etwas zu vertraulich erschien, als er das Elend von einer Backware genauer in Augenschein nahm, griff er zum Zuckergusstelefon und rief den H. an. Zaghaft machte die Zitronencremerolle den Sandkuchen darauf aufmerksam, dass der H. vielleicht seinerseits noch in den Federn liege….

Da wachte der H. aus seinem absonderlichen Traum auf: „Diese blöden Knäckebrotkrümel!“

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