Apr 282010
 

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Aus aktuellem Anlass erlaubt sich der AgenturQuerulant! einen kleinen Gedankenaustausch zwischen ihm und seinem Freund P. zu veröffentlichen, der anlässlich der letzten „Graumann“ – Geschichte seinen Fortgang nahm. Die abschließenden Frage darin war, ob es an Graumann läge, dass er seine unmittelbare Umgebung, so wie sie ihm derzeit erscheint, zum Kotzen findet.

P. schrieb:

Vielleicht liegt es am „Graumann“. Die Sinne geschärfter den jeh. Aber scheinbar eines aus den Augen verloren. Die Quote der Menschen um uns herum, mit denen man versuchen kann, auf einem Floß gemeinsam das Gleichgewicht zu halten, die ist immer gleich geblieben. Man neigt aber dazu in jüngeren Jahren, sich einzubilden, die Quote wäre größer. Ist sie aber nicht. Man interpretiert wohlwollend hinein.

Und „…Testbild… auf allen Bändern und Kanälen von 00:00 bis 00:00 Uhr…“

Oh nein bitte nicht, es gibt schon so viele, die in Ermangelung von Interesse und geistiger Aufnahmefähigkeit prügelnd (geistig und körperlich) durch unsere Städte ziehen, weil es nicht mal mehr für eine „Bärbel Schäfer“ reicht, an der man sich aufgeilen kann das es anderen noch schlechter geht… bitte nicht (was guggst Du, Du schwule Sau).

Liebe Grüße,

P.

Kundendienst 2.0, Foto: Wolfram Haack, 2003

Der AgenturQuerulant! antwortete:

Lieber P. !

Vielen Dank für die sehr, sehr guten Anregungen!

Ja, es liegt an Grauman. Garumann ist so beschaffen. Die Quote der Leute mit der man gemeinsam das Gleichgewicht halten könnte auf dem Floß, ist nicht gleich geblieben. Denn die urspünglich miteinander auf einem Floß saßen, haben nun alle Hände voll zu tun, dass ihr eigenes nicht in irgendwelche schlimmen Strudel gerät. Um ein anderes Bild zu bemühen: Wir sitzen nicht alle im gleichen Boot. Es gibt welche, die ihr Personal (glücklich, dass es Arbeit hat) anweisen, mit Karacho die wahsinnig vielen kleinen Flöße in den Grund zu rammen. Das ist die Ideologie, die übrig geblieben ist, nach der Ideenkonfrontation der Systeme.

Meine These ist: Wir lebe im Aquarium. In einem auf’s äußerste beschränkten Raum der Menschlichkeit, den wir bisher noch behaupten können. Die Scheiben werden bald brechen und wir zappeln auf dem Teppich oder fließen mit dem Abwasser in den goßen weiten Ozean, in dem wir ersaufen werden oder als menschlicher Plastikabfall die Biotope der Inselbisitzer umspülen.

Wer will bitte in einer Welt leben, in der auf den Untergang der anderen gewettet wird, und damit der völlig unnötige Überfluss der einen gemehrt? Das vorherrschende jetzige ökonomische Prinzip als Weltgestaltungsprinzip ist Müll und produziert Müll, im übertragenen Sinn wie im tatsächlichen. Wir Aquarianer produzieren im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten Schönheit, auch wenn sie sehr düster daher kommt. Das ist unsere schlagkräftigste Antwort auf die Zumutungen dieser verkommenen Gesellschaft.

Die Frage ist ja, warum gibt es so wenig Solidarisierung, so wenige Floß-Gemeinschaften, die ihre Flöße zusammenbinden, sich ein paar Enterhaken bauen und die Besitzer der großen Dampfer Recht und Anstand lehren. Wodurch lässt sich das Personal der Dampfer unausgesetzt dazu bringen, unbedeutende kleine Flöße in den Grund zu rammen? Weil sie kein Bewusstsein für ihre Stärke haben, weil ihnen der Stolz auf die eigene Klasse ausgeredet wurde und wird. Eine meiner Antworten ist daher, dass die Dampferbesitzer (in allen Zeiten) hübsche kleine Tricks erfunden haben, die Flößer gegeneinander aufzuhetzen. In unserer Zeit werden diese Tricks sozialwissenschaftlich flankiert, denn die Wissenschaften gehorchen leider mehrheitlich einer kleinen Clique von devotem selbssüchtigem Lumpenpack. Das muss sich ändern. Die Wissenschaft ist da, um das Leben für alle besser zu machen und nicht für einige wenige. Die Literatur, der Maschinenbau und das Parlament sind es ebenso.

Der wirksamste Trick ist aber anscheinend immer noch, ein paar elende Flößer den Dampfer steuern zu lassen. Auch sehr beliebt ist es, von Zeit zu Zeit die weiße Fahne an Bord zu hissen und auf den Ozean zu rufen: Schaut euch das an, ihr „guten“ Flößer, da ist schon wieder so ein schwarzes, grünes, gelbes, zu langsamens, zu hübsch gebautes, zu stark bewaffnetes Floß, schaut nur, ist das Recht so? Hört nur was sie singen! Freiheit! Diese Flößer sind alle Schmarotzer und schaden der Mehrheit von euch „guten“ Flößern. Wollt ihr da nicht was tun ihr „guten“ Flößer. Das ist die Methode „guter“ Flößer, „schlechter“ Flößer. Die funktioniert nur mit Massenmedien, die allesamt von den Dampfern ausgestrahlt werden. Auch das Internet kommt schon lange vom Dampfer!

Aber es kann doch nicht sein, dass ich, auf welchem Kanal auch immer, mit dem eigenen Elend unterhalten werde. Das ist doch nicht die Sache der Elenden, das ist, damit die Elenden elend bleiben, im eigenen Saft schmoren, sich gegenseitig denunzieren und anscheißen. Solche Medien gehören weg; und das geht nur durch Gewalt oder ökonomischen Druck, also durch massenhaften Verzicht auf diese Schmiere. Die Menschen sind nicht schlecht, blöd und von Natur aus träge, sie werden allerdings umablässig beschäftigt mit Inhalten, die ihnen ein Leben suggerieren, das nicht das ihre ist, das nicht die tatsächlichen Bedingungen ihres Daseins in der Gesellschaft abbildet, sondern ein sedierendes Zerrbild. Sie werden hingehalten! Wenn dann Gewalt ausbricht, zeigen die Massenmedien auf die Gewalttätigen und nicht auf die, die sie in die Situation gebracht haben, Gewalt auszuüben. Das muss aufhören.

Dabei richten die Elenden die Gewalt vorzüglich gegen ihresgleichen, verpassen es, auf die Straße zu gehen und ein paar Fenstercheiben einzuschmeißen, wenn ihnen wieder ein sozialer Standard zerschossen oder das Geld aus der Tasche gezogen wird, um es kriminellen Wettsüchtigen in den Hintern zu schieben. Wenn ihnen wieder eine Nullrunde zugemutet wird, während die Betroffenheit der Arbeitspaltzfreisetzer Stilblüten in der BILD-Zeitung produziert, anstatt Klosettschüsseln bei der Firma Weißichwo. Wenn ihnen wieder essentielle Freiheitsrechte abgeschwatzt, und müllwerte Scheinprivilegien aufgeschwatzt werden (die Homoehe ist auch solch ein Fall). Wenn ihnen die kriminellen Heilsapostel der Marktwirtschaft noch den Staat selbst, als Garant minimalster Souveränität entkleiden, bestehlen, verstümmeln und entmenschlichen.

Nein es wäre für die Elenden besser, sie schauten drei Wochen lang aus dem Fenster vor die Tür, als einmal „Richterin Salesch“ oder „Bärbel Schäfer“. Reality ist auch nichts anderes als einlullende Empathie.  In der Gosse hilft das gar nichts. In der Gosse hilft nur Selbstorganisation und Solidarität. Und Selbstorganisation heißt in jedem Fall Unabhängigkeit von finanziellem und parteipolitischem Patronat. Dazu muss man sich organisieren. Aufstand geht nicht ohne das es irgendwo kracht. Und wenn ein paar Fensterscheiben dabei kaputt gegen, da kann ich nur auf ein Gedicht von Erich Mühsam verweisen.

„Der Revoluzzer“

Revolution, Foto: Wolfram Haack, 2003

P. entgegnete:

Lieber AgentuQuerulant!, in den letzten Jahren habe ich die halbe Welt bereist. Unzählige fremde Menschen und Kulturen kennen gelernt. Warum hab ich das gemacht? Ich kenne beide vergangenen deutschen „Betriebssysteme“. Ich hatte das vermeintliche „Glück“ beide in ihrer „Blütezeit“ zu erleben. Dann war ich auch noch in beiden System „erfolgreich“. Das heißt, in beiden deutschen Staaten habe ich so leben können, dass es mir an nichts im täglichen Leben fehlte.

Aber glücklich wurde ich damit nicht. Mein unbändiger Wissensdrang über den Tellerrand zu schauen hat mich getrieben. Ich wollte wissen, wo stehen wir deutschen Menschen gemessen mit anderen Menschen. Und wo stehe da ich? Und findet sich auf der Welt ein Plätzchen wo ich hinpasse?

Ich schreibe Dir hier nicht meine Gedanken dazu auf, dass wäre erstens vermessen und zweitens, ich bin mir sicher, würde es unverstanden bleiben. Aber, ich will Dir schreiben, wie ich aus meiner Perspektive das bewerte, was Du geschrieben hast: Es gibt nicht „Die da, die Bösen, die die „Dampfer“ steuern“. Und wenn es Die gäbe, und wenn die ganzen „Lieben“ sich erheben und diese vermeintlichen miesen Schweine stürzen. Was macht man dann mit den gestürzten? Es sind viele! Was tut man dann? Baut man dann Lager und wird dann selber böse?

Natürlich besteht die Welt nicht nur aus Tätern und Opfern. Aber von beiden gibt es schon recht viele. Auch ich bin ein Täter. Ich esse z.B. Ich weiß, dass durch meine Existenz andere/viele auf der Welt ausgebeutet werden. Ich habe mit solchen Menschen gesprochen, ich weiß, was sie denken. Ich habe mich geschämt. Tu ich eigentlich immer noch.

Die Quote der Menschen, die selbstlos und aus Berufung handeln ist sehr klein. Und es fehlt ihnen oft die Kraft zu schreien: „ICH BIN HIEEER!“. Es ist nicht in ihrer Natur. Und es ist auch legitim, wenn man das erste mal die Zähne ausgeschlagen bekommen hat zu sagen, dann macht doch Eure gottverfluchte Scheiße allein.

Der Mensch im allgemeinen ist ein Raubtier. Darwinismus lässt grüßen. Nimmt man ihm etwas weg, das er lieb gewonnen hat, egal was es ist, ob es ein kleines Werkzeug zum Anbau von Nahrung oder sein süßer „kleiner“ Porsche ist. Er wird sich wehren und Grenzen überschreiten, um es zurück zu bekommen

Das macht der Zocker an der Börse genau so wie der Obdachlose in Berlin. Was glaubst Du, ist ein Mensch in der Lage zu tun, wenn die Gefahr droht, das er seinen Wohlstand verliert? Er wird sich wie in einer Massenpanik aufbäumen und einkalkulieren, dass er andere tot tritt. Oder er wird ganz klein und still und leise. Dann risikoscheu. Dann passt er sich an. Auch an Hartz IV (wie ich schon allein diesen Begriff hasse). Und die andere unglaublich grosse Kraft ist dieses Begehrlichkeiten wecken, ein Weltsystem, das Menschen stehlen, rauben, kämpfen und gieren lässt.

Es ist leicht sich hinzustellen und zu sagen: „Ich? Ich bin nicht so!“ Es ist schwer zu sagen, stimmt, dass ist in mir auch. Es täglich zu bekämpfen, ist die Herausforderung. Es bleibt vorläufig der Fakt:  Das Missverhältnis zwischen denen, die freiwillig und selbstlos abgeben und denen die nicht mehr nehmen als sie wirklich brauchen ist groß. Erst wenn diese Quote weltweit stimmt, können wir uns verabschieden von Dampfern und niedergemachten Flössen.

Aber der Frontalunterricht ist vorbei. Er hat sich nicht bewährt. Das „von der Kanzel rufen“ ist ein überholtes Model. Don Quijote muss aufpassen, dass er nicht zu einer verbitterten Kreatur wird. Das ihn der schwarze dunkle Teer nicht von innen auffrisst und eines Tages auf seinem Epitaph steht: Er hat gekämpft aber irgendwie weiß keiner wofür eigentlich. Seelenverwandte suchen und finden. Das ist es, was uns die Chance bietet, glücklich zu werden. Aber es ist keine Garantie zu überleben. Ich gehe lieber glücklich unter als unglücklich zu überleben.

Liebe Grüße, P.

Der AgenturQuerulant! erwiderte:

Lieber P. !

Nun, ich fange mit dem Schluss an: Don Quijote war verbittert, nicht weil er gegen Windmühlenflügel kämpfte, sondern, als ihn der Pfaffe und der Barbier betrogen und in den Käfig gesteckt haben, weil er ihrer Meinung nach etwas Unschickliches tat. So gesehen war es blöd, aber das hat er ja auf dem Sterbebett noch früh genug selbst eingesehen. Wenn er auf den Proleten Panza gehört hätte, wäre er schon viel früher drauf gekommen, dass es ihm selbst nichts bringt, wenn er sich wie ein Idiot aus einer untergegangenen Epoche benimmt. Aber bis dahin, und das erzählt Cervantes so großartig, bis zum Sterbebett, bringt der alte Narr die Barbiere und die Pfaffen zur Vernunft oder mindestens in Grübeln! Das bringt mich auf ein Lehrstück von Brecht. „Der Jasager und der Neinsager“. Da geht es um Leute, die es so halten wollen, wie es überliefert ist, dass der Mensch des Menschen Wolf ist und bleibt. Immerhin gibt es die literarische Möglichkeit „Nein“ zu sagen. Und als ein kleiner Junge, der nachdenkt, in der extremen Situation ist, dass man ihn von der Klippe werfen würde, weil es so üblich ist und in der nämlichen Situation immer so gemacht wurde, sagt er „Nein“. Und dann werden die Regeln geändert. Sie werden einfach geändert, denn das passiert ja in einem Lehrstück. Jedoch wird auch dem  klar, der nicht mitgedacht hat, es bedarf dieses einen Neinsagers so oft es nur geht in der Realität! Der Frontalunterricht möchte natürlich nicht sein, ich möchte ihn auch nicht, wenn es vermeidbar ist. Ich glaube, Du hast mich da von Herzen interpretiert und das ist gut!!! Ich möchte keine Fensterscheiben klirren hören. Ich möchte nicht, dass es Gewalt gibt. Aber ich kann voraussehen, dass es sie geben wird, wenn sich am jetzigen Kurs der Gesellschaft nicht grundlegend etwas ändert.  Die Stimme des Predigers in der Wüste ist mir auch zuwider. Aber das ist meine Rolle gerade. Ich hab sie nicht erfunden.

Ich möchte auch nicht, dass Du die Metapher von Dampfer und Foß so verstehst, als wären die hier geradewegs für so etwas wie eine „Verschwörungstheorie“ zusammen orakelt. Nein, es lassen sich die Menschen und juristischen Personen namentlich benennen, denen, wie ich etwas unfein angedeutet habe, Geld in den Arsch geschoben wird, das uns in der Bildung, in der öffentlichen Daseinsfürsorge, bei den gesamtgesellschaftlich zu bewältigenden Fürsorgepflichten, im Gesundheitswesen und im Geldbeutel der Kleinverdiener und damit in der Binnennachfrage fehlt. Wir haben keinen Sozialstaat mehr und das ist nicht zu bejubeln, sondern zu bedauern. Zwei Generationen später und die, die jetzt jede Verantwortung für dieses Model deligieren oder den Sozialstaat einfach kalt machen, werden sich ebenfalls in den Arsch beißen, dass sie so dumm waren, sich hinreißen zu lassen. Und sie werden auf solche Pinsel, die jetzt der Unterschicht die Riesterrente schmackhaft machen, spucken. Sie werden nach Bismarcks oller Sozialversicherung brüllen und um sie betteln.

Wir können auch keine noch größere Nation von noch mehr billiganbietenden und sich gegenseitig dumpenden Dienstleistern werden. Inzwischen ist ja schon jeder Schuhwichser Generaldirektor seiner eigenen Mokkasinwellnessklinik. Wir müssen auch was Handfestes produzieren, und nicht nur Technologie und Know How und was daraus an Marktvorsprung resultiert, exportieren (und uns klauen lassen). Der Realwirtschaft wird das reale Geld zerschossen, das sie braucht, um Sachen zu produzieren, die man anfassen, essen und stehlen kann. Der Handel mit dreckigen Derivaten geht aber ungehindert weiter.

Die Realwirtschaft können, wenn es nach den Renditeschindern geht, natürlich bald auch die Maschineparks ganz ohne metabolistischen Schnickschnack wie in Gewerkschaften organisierte Menschen und ähnlichen Krampf erledigen. Und die Banken sitzen auf Millarden aus den Billanzen herausgeschummelter Wertlospapiere. Und der Staat schiebt weiter rein und das Steuergeld wird umverteilt. Und die, die haben investieren sicher, in echten Immoblilien am Tegernsee und nicht in faulen Fonds. Ich weiß das. Ich lese es, und jeder kann ihren Blogs das entnehmen. Die „Bewohner der Westviertel“ sind verunsichert, aber nicht beunruhigt. Haben auch gar keinen Grund. Allen Grund zur Beunruhigung hätten allerding die Lohnabhängigen und die Prekären. Denn sie trifft es, wenn die Börsen-Bahn nicht funktioniert, das Veolia-Wasser teurer wird und auf der Stulle für die Jören nur entweder Marmelde oder Butter sein darf, oder gar die so genannte Mehrwertsteuer auf „europäisches Niveau“ angehoben wird, ohne das sozialstaatlich durch annähernd gerechte Steuersätze zu flankieren. Und das wird doch passieren nach der NRW-Wahl.

Stört das so wenige? Stört das so wenige, dass der Staat als Garant der Vokssouveränität sich aufgelöst hat? In eine Demokratie kann man solche Dinge laut ja sagen. Noch. Gott sei Dank. Es wird aber nicht gedruckt und nicht gesagt in den so genannten Leitmedien. Ich bin nicht verbittert, ich bin empört über diese Bananenrepublik und diese Bananenrepublik-Journalisten, die nicht wharhaben wollen oder absichtlich für Geld verschweigen, wie das Primat der Politik unter dem Knüppel der Jasager und Schönredner ächzt. Altliberale (Damen) wie die Frau Hamm Brücher oder der Gerhard Baum (lebt der noch?) stimmen mir da sofort zu.

Für mich ist es ganz organisch mich hinzustellen und zu sagen, „Ich bin nicht so und ich will auch nicht so denken müssen“, weil ich auf einer anderen Position eingeparkt habe als Du. Das heißt aber auch durchaus, dass ich mir vorstellen kann, in Deiner Position eingeparkt habend, genauso zu argumentieren wie Du. Bekanntlich ziehen sich Gegensätze ja an.

Und nun zum Sozial-Darwinismus. Es ist ein qualitativer Unterschied, ob man einem Menschen sein motorisiertes Spielzeug weg genommen hat (bisher liest man davon ja wenig oder eher das glatte Gegenteil), oder ob man einer alleinerziehenden Mutter, die von Hartz IV lebt, sagt, sie möge sich doch bitteschön kalt duschen und die Heizung runterdrehen.

Wohl gemerkt, das alles ist nur der Wirkungshintergrund in unserer saturierten (nicht im Bismarckschen Sinne) fettleibigen europäischen Westgemeinde und auch hier nur in der Mitte und nicht an den eingemeindeten Rändern. In Ungarn ist gerade rechtsnational bis faschistisch gewählt worden!

Es gibt eben bei Licht betrachtet einen nicht nur graduellen Unterschied zwischen dem Obdachlosen in Berlin und dem Zocker an den Devisenmärkten, der auf den Zinssatz wetten darf, zu dem sich Griechenland auf dem Kapitalmarkt Kredite besorgen kann, weil er weiß, dass man ihm nicht verbieten wird zu zocken und sicher sein kann, dass Griechenland nicht bankrott gehen darf. Dieser Unterschied ist qualitativ so groß, dass es da keinen Vergleich gibt, außer der Moral. Wenn sie dem Penner abhanden kommt macht das wenig, wenn sie den Zockern abhanden gekommen ist, wie wir das unasugesetzt erleben, viel. Da muss man halt das Zocken unterbinden. Basta. Und Basta kann nur der Nationalstaat sagen. Man komme mir nicht mit dem Argument des „Rückfalls in die Nationalstaatlickeit“. das ist doch schon längst passiert. Noch während die Apologeten des Systems „Staat als Unternehmen“ bei den Sozis und den Grünen die Zockerei gesetzlich erlaubt haben.  Schließlich kann der Nationalstaat bis jetzt auch noch Strafzölle auf Importe verhängen, die ihm den Absatz der Binnenproduktion verhageln. Siehe Stahl in USA usw. Von übleren Spielarten des Protektionismus gegenüber der so genannten Dritten Welt ganz zu schweigen.

Ist es eine Ironie dieser Wirtschaftsform, dass im Mutterland der spekulativen Wertschöpfung erst ein schwarzer Bengel kommen musste, der den weißen Eliten erklärt, dass es nicht geht, wenn 46 Millionen ihrer Landsleute keine Krankenversicherung haben, und dass er lieber noch ein bisschen mehr von den wertlosen Greenbacks drucken lässt, als Hungeraufstände und den sie begleitenden Faschismnustrend zu dulden?

Die bösen und die Guten sind zuweilen nicht einfach zu unterscheiden, da hast Du Recht. Aber ich kann selbst aus der Distanz des eigentlich Fettleibigen ganz klar unterscheiden zwischen den Aposteln, die weiter machen wie bisher und denen, die es für möglich und machbar halten, dass eine demokratische Gesellschaft ihre Selbstauflösung abwendet. „To enable the people“ das ist einer der konstituierenden Gedanken einer der ältesten bürgerlichen Verfassungen der Welt. Gut, ich bin nun wirklich kein Bürger, wie ihn sich ein moderner Mandatsträger wünscht.

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