Jan 042010
 

AQ!: Herr G., Sie haben einmal geschrieben:“Ich bin viele, einer gräbt immer das Kriegsbeil aus.“ Waren sie schon mal grundlos unmotiviert?

Graumann: Nein, an sich nicht. Aber es fällt mir schwer, anzufangen, und nach einer Weile sehne ich mich regelmäßig danach, rasch zum Schluss zu finden – vielmehr: mir ist schon klar, wie es weitergeht und enden muss, und das ist dann immer genau der Punkt, an dem ich mich nicht entschließen kann, z.B. ein Buch zu Ende zu lesen.

AQ!: Sind sie schon mal positiv überrascht worden?

Graumann: Durchaus. Es gibt Bücher, die habe ich angefangen, und die werde ich irgendwann einmal zu Ende gelesen haben. Aber dazwischen vergeht Zeit, in der oberflächlich betrachtet nichts passiert. Zu viel Zeit für mancher Leute Geschmack. Sie könne einfach nicht begreifen, dass es einer Erpressung gleichkäme, wenn man sich auf das von der Krämergesellschaft vorgegebene Tempo einließe.

AQ!: Krämergesellschaft?

Graumann: In solch einer leben wir. Die Beziehungen der Menschen untereinander werden fast ausschließlich durch den Handel mit Waren bestimmt. Früher waren das in erster Linie handfeste, heute hat sich das Kaufprinzip verselbstständigt und der Handel mit Luftschlössern bringt bis zum nächsten zyklischen Zusammenbruch die meisten Gewinne. Der Begriff Wertschöpfung ist selbst eine Seifenblase, wenn man z.B. auf sinkende Kurse setzt. Aber es gilt nach wie vor als ausgemacht, dass nur Narren ein gänzlich krämerfreies Dasein wünschen können. Die Leute erpressen sich ständig selbst, weil sie meinen, es würde von Ihnen verlangt. Dabei erzeugt der werblich angekurbelte Gemeinsinn, ein falscher Gemeinsinn, wie ich betonen möchte, in Menschen das Gefühl, ihr Ausgeliefertsein wäre ein absolutes Naturgesetz. Und man bestätigt sie in Krämerkreisen darin nach Kräften. Die Argumente der Konsumwerbung, der wichtigsten Kommunikationsform der Gegenwart, sind zwar offensichtlich eingleisig, doch die Menschen lassen sich hetzten und von der eigentlichen, für sie wesentlichen Arbeit der Selbstreflektion abhalten. Wenn dann vielleicht plötzlich ein Mensch, der ihnen etwas bedeutet hat, stirbt oder sie selbst todkrank werden, stehen sie konzeptionslos da und schauen sich in der Gegend um, ob irgendwer in der Nähe ist, bei dem sie Rat kaufen können. Zunächst einmal aber müssen sie bei uns jemand bezahlen, der ihnen erklärt, wer in ihrem Falle der beste Ratgeber wäre, billig und schnell, mit einem Wort rentabel für die Lebensökonomie! Das nennt man dann Dienstleistung. Das ist es, was aus der αγάπη geworden ist.

AQ!: Da singen sie ein bekanntes Volkslied.

Graumann: Die Volkslieder müssen nicht per se Schwachsinn sein. Und wenn man den Gemeinplätzen durch eine Art Humanität Geltung verschafft, die dem, was ursprünglich mit den Ritualen und Floskeln, den Alltäglichkeiten gewollt war, einen Sinn zurück gibt – nämlich einander als gleichwertig zu achten, kann eine einfache Melodie ganz schön ans Eingemachte gehen.

AQ!: Ehrlich gesagt, das klingt jetzt volkstümelnd.

Graumann: Das liegt daran, dass Respekt vor Anderen in der Makrowelt der Krämer nicht eigentlich vorkommen darf. Denn wenn ich jemandem etwas andrehen will, das er hat oder unter allen Umständen besitzen zu müssen glaubt, muss ich ja immer davon ausgehen, dass ich das Recht habe mein Gegenüber zu bescheißen. Die Verkaufspraxis der so genannten entwickelten Zivilgesellschaften geht ja nicht davon aus, dass ihre Kunden nichts brauchen, weil sie nicht sagen, dass sie etwas bräuchten. Alle sind sie in den Augen der Verkäufer bedürftig. Verkauf ist also geradezu barmherzig. Und da Dankbarkeit, wie wir alle wissen, keine Kulturflanze ist, danke ich mir als Krämer vorsorglich jedes mal selbst. Das nennt man Preiskalkulation, und danach setze ich diesen Dank einfach unnachgibig auf die Rechnung, das kommt einer Art nicht ausgewiesener, persönlicher Mehrwertsteuer gleich. Vorzugsweise angewandt auch bei Menschen, die mir dankbar sein müssen, weil sie durch meine Initiative Arbeit kriegen, aber im Maß des Marktes natürlich auch bei den ausgekochten Käufern von Waren, dafür, dass sie von mir über den tieferen Ernst ihrer Bedürftigkeit aufgeklärt wurden, vielleicht. In den reichen Ländern konnte sich der durch diese Vorgänge geschöpfte Lebenssinn in Anlehnung an die angeblichen Errungenschaften der „sexuellen Revolution“ bis vor kurzem noch unter dem Begriff Spaß und als Gewinn für das Individuum summieren lassen. Wobei die ausgesprochene Vereinbarung immer lautet: Alles ist Ware, also ist der der Spaß am Ende immer todernst. .

AQ!: Urchristlich anarchistische Wurzeln?

Graumann: Wurzeln fängt man für gewöhnlich an auszugraben, wenn man am Verhungern ist, physisch wie psychisch. Deshalb gibt es nach wie vor so einen Ansturm auf längst überwunden geglaubte Selbstvergewisserungstraditionen wie Krieg oder Fußballspiele.

AQ!: Gut, dann lassen sie uns gewöhnlich werden.

Graumann: Gerne.

AQ!: Was halten sie von extremen Rollenspielen?

Graumann: Sie meinen beim Sex?

AQ!: Wenn sie da anfangen möchten?

Graumann: Nicht zwingend.(nach einer kleinen Ewigkeit) Nun, sexuelle Spielarten werden ja sehr schnell öde, wenn sie von Zwängen dominiert sind, die außerhalb des Sex liegen. Deshalb sind das Reden und Gerede über Sex ein gutes Messinstrument für den Grad der Unangemessenheit des Privaten in einer Gesellschaft.

AQ!: Das klingt mir ganz danach, als kämen sie gerade voller Zorn mit zehn Gesetzestafeln vom Berg, derweil die Spaßgesellschaft unten munter tanzt, um das chirurgenstählerne Kalb aus eingeschmolzenem Intimschmuck.

Graumann: Die Spaßgesellschaft ist bereits in der ersten Runde ausgeläutet worden. Jetzt kommt erstmal die Weltwirtschaftskrise. So etwa muss sich die Situation für die darstellen, die sich nicht sicher sind, ob ich auf dem Berg nicht vielleicht Gott getroffen haben könnte. Denen müsste ich erklären, das ich in jüngeren Jahren nur einen lärmlosen Platz gesucht habe, um mir klar zu werden, was ich vom Sex und vom Leben will, und was nicht. Auf den zehn Tafeln steht einfach die Essenz meiner Selbstreflektion, damit ich sie bei mir behalte. Und mein grimmiger Gesichtsausdruck ist nichts als die Genervtheit und die Unlust, die mich regelmäßig bei dem Gedanken überkommen, dass alle wieder nur dummes Zeug durcheinander brüllen werden, wenn ich von meinem Berg gekommen bin und ihnen davon sprechen soll. Wenn sie das als Rollenspiel bezeichnen möchten, ist es das wohl. Wenn sie Gott suchen und Sex wollen, werden sie ihn garantiert beim Sex finden. Das steht auf einer der zehn Tafeln.

AQ!: Das sei dahingestellt, aber geben sie zu, ihre Klausur auf dem Berg wäre ohne eine anschließende Ansprache doch völlig vergebens gewesen.

Graumann: Das wäre sie nicht. Es reicht, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Alles andere wäre Barmherzigkeit. Das lehrt ja gerade der triebentfesselnde Markt.

AQ!: So ähnlich hat Heinrich Himmler vermutlich auch gedacht.

Graumann: Er war aber nicht mit sich selbst im Reinen.

AQ!: Er hat sich wie Gott gefühlt…

Graumann: Er hat gekotzt, als er sah, wie einer seiner eigenen Befehle ausgeführt wurde. Stellen sie sich vor er hätte alle selber ausführen müssen. Spätestens dabei hätte er die gleiche Erfahrung gemacht, wie seine KZ-Wächter. Er hätte wissen können, dass er nicht vertreten kann, was er tut. Aber er hat ja den „delikaten“ Teil seiner „Arbeit“ deligiert. So machen es auch heute noch alle Chefs, auch heute noch – Cosi fan tutte – Himmler hat sich für ein bisschen Macht prostituiert und das Ekelgefühl trotzdem noch mit Nazideologie und einer Art Endsieg-Frohsinn betäuben müssen, genau wie seine Schergen. Dahinter steckt eine Eschatologie, die es erlaubt, sich im eigenen Heilsplan ausschließlich als ausführendes Organ zu definieren.

AQ!: Es gab und gibt Menschen, die morden und befehlen Morde ohne mit der Wimper zu zucken. Die sind dann wohl mit sich selbst im Reinen, oder?

Graumann: Das ist richtig, aber über die sprachen wir nicht.

AQ!: Wir hatten gerade begonnen über Sex zu sprechen und jetzt sind wir bei Heinrich Himmler.

Graumann: Das verwundert mich nicht.

AQ!: Verwunderung lassen sie nicht zu?

Graumann: Ich versuche einen klaren Kopf zu behalten. Im Übrigen sind wir durch ihr Fragen bei Himmler gelandet.

AQ!: Wohl eher durch das, was sie Selbstreflektion nennen. Mich würde abschließend interessieren, ob ihre partiell zur Schau getragene Genügsamkeit vielleicht einer bloßen Allmachtsphantasie entspringt und in sofern einer eher faulen Selbstzufriedenheit gleichkäme.

Graumann: Ich hoffe nicht, aber ausschließen kann ich das keinesfalls. Ich bin außerordentlich faul.

AQ!: Vielen Dank für dieses Gespräch.

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