Replik auf alle Reden über den Zustand der Küche

Dreh- und Angelpunkt allen Wohlfühlens der städtischen Gesellschaften und aller Übungen, die dem selben Zweck dienen, ist ja doch die Küche. Der Ort, an dem die zum Weiterleben notwendige Nahrungsaufnahme kultiviert werden sollte. Nicht die Kochkunst à la l’art pour l’art ist gemeint, diese Wertschöpfung für rechtskräftig verurteilte Idealisten, die einem gelangweilten, übersatten Publikum präsentiert wird, das sich in immer neuen Kochshows, Backschlachten oder Kleinkriegen rivalisierender Kochkunstzuhälter manifestiert.

Es lohnt nicht, nur die Nase zu rümpfen, über Wiedergänger wie von Storch und von der Leyen , einstige „Hoffnungsträger“ wie Möllemann Merz, Westerwelle und Lindner. Über sattgrüne transatlantische Freunde und Freundinnen, die Frieden, Freiheit und Menschenwürde im Außenamt verteidigen, wie Fischer und Baerbock. Ehe Du noch über Markt und gemachte Meinungen stolpern kannst, hat es schon deiner natürlichen Reputation genützt, über Tim Mälzer und die Molekularküche zu schwadronieren, über billige Kochwerkzeuge mit den Markennamen von Fernsehköchen usw. Es bringt richtig Punkte, über das Privatleben der Autoren und Autorinnen von infantilen Kochbüchern  Bescheid zu wissen, die notorisch jede und jeden duzen müssen. Es wird Dich weiterbringen, wenn du über Slaughterdijks Hämorrhoiden in FAZ und Zeit bloggen darfst. Unablässig wird demokratisch und öfter, als „reaktionäre“ Marxisten wissen, zivilisiert über das Pro und Contra rautenförmig geschnittener Karotten und die idealen Bedingungen für ihre Verdauung im Mastdarm der Influencer:in räsoniert.

Bravo. Das rockt. Also wo ist das Problem? Dulce et decorum est pro patria mori.

Zum Teufel, worüber soll man auch reden, wenn jede menschliche Regung, jedes Vergnügen, jedes gemeinschaftliche Bestreben gleichzeitig der eigenen Selbstoptimierung, Verwertbarkeit für das Kapital und marktkonformer Orientierung dient? Unter diesen Bedingungen Ratschläge anzunehmen, kann zu jener Art Impotenz führen, die irgendwann wieder die Begleitmusik eines rückkoppelnden Gebrülls von Imperativen für ein nationales Singspiel abgibt.

Das entspricht einem permanenten unerklärten Krieg gegen das Bewußtsein, wie er sonst nur RT und der übrigen russischen Propaganda zugeschrieben wird. Soviel Lähmung und Stillstand des Denkens, das den Ärzten und Ingenieuren der öffentlichen Meinung samt ihren angestellten Demagogen und Mahnern gerade genug Zeit verschafft hat, sämtliche seit 1945 vom Westen angezettelten heißen Kriege, solange sie nur entfernt genug blieben, mit der tatkräftigen Unterstützung der Werbeindustrie in unserer Wahrnehmung auszubleichen.

Meinetwegen sollen wir auch weiter über Veganismus und Geschlechtergemetzel reden. Aber in welcher Reihenfolge? Vor oder nach der öffentlichen Bewußtseinsreise zum dämlichsten Denglisch und werblich in die Sprache injizierten Schrottanglizismen, die benutzt werden, um die industriellen Massenproduktion und ihre jeweiligen saisonalen Verkaufsmoden zu verharmlosen? Bevor oder nachdem wieder Tausende im und beiderseits der Meere verrecken in kolonialer und imperialistischer Kontinuität? Vor oder nach der Aufklärung über toxische Finanzprodukte, die den Menschen aufgeschwatzt werden, die sich selbst schon als Humankapital bezeichnen und garantiert mindestens verlustreich, oft ruinös, für die mit schillernder Einlullung Betrogenen enden. Und wie steht es mit denen, die niemals eine reale Chance hatten, irgend etwas aufzuhäufeln, außer dem Dreck, aus dem die eigene Kraft nicht mehr fliehen hilft. Vor oder nach der allfälligen Debatte über das private Eigentum und den dreisten Diebstahl von gemeinschaftlichem Eigentum in Permanenz?

All diese leeren imperialen Angebereien: Aufblähung, Faulheit, Phantasielosigkeit und Angst erhalten mühsam die kapitalistische Herrschaftsordnung die von einer in die nächste Krise taumelt. Sie flicken die Schäden der wirtschaftlichen Flächenbombardements mit echten Kriegen und realen Umsätzen aus Rüstungsproduktion und Wideraufbau, bis der ganze Planet uns allen um die Ohren fliegt. Das Gottesgnadentum einer ausufernden Technologie in allen Lebensbereichen des Alltags erlebt für die meisten nicht mal ein zweites Morgengraun. Alle wissen es.

Das ergibt in Gänze ein öffentliches Desinteresse an den realen Bedingungen des Politischen insgesamt. Politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Repräsentanten unserer längst erstorbenen westlichen Demokratien wird gestattet, in allen Bereichen ihrer Kommunikation eine der LTI durchaus ebenbürtige Sprache zu benutzen. Herrschaftlichen Sprachgebrauch wieder und wieder zu reproduzieren ist so gerade beliebt, wie falsches Zeugnis abzulegen in der Weltöffentlichkeit. Wie vertraut ist uns das? Wir ahnen es mindestens. Die bloße Ahnung von Zusammenhängen mündet jedoch stets in der Suche nach dem Heil, endet aber in den Armen der Scharlatane und Scharlataninnen und in der niederträchtigen Gewalt ihrer Heilsversprechen.

Nicht zuletzt, weil es der Bourgeoisie und Ihrem politischen Personal immer wieder gelingt, ein Heer von Handlangern zu mobilisieren, das mit Hilfe scheinheiliger Debatten und kalkulierter Empörung jeden Ansatz einer nützlichen Auseinandersetzung bis zur nächsten gesetzmäßigen Krise einfrieren lässt. So gelingt auch fast mühelos der Stimmenfang mit dem angenehmen Nebeneffekt, daß der Anschein eines Austauschs mit unangenehmen aber möglicherweise noch entscheidungsmündigen Milieus gewahrt bleibt, trotz der erwiesenen Feigheit des Großteils der politischen Mandatsträger.

Die abgestandene Selbstverwirklichungsmasche hilft dabei immer noch. Den Modus Vivendi haben das absteigende Bürgertum und weite Teile des Proletariats mit jeder Faser bereits zum eigenen Nachteil internalisiert. Er hält sie verläßlich in beständiger Sklaverei. Die Inkarnation eines aristokratischen Traums hat sich in der haßerfüllten, bis zur Lächerlichkeit geltungssüchtigen untersten Kaste manifestiert, die in ihrer Mehrheit aus Kleinbürgern, also tendenziellen Faschisten besteht. Der tatsächliche materielle Abstieg in einer imaginierten Gesellschaftsordnung, in der sich über einen längeren Zeitraum nur wähnen kann,  wer einen romantischen Kunstgriff anwendet, beendete die phantasmatische Legende davon, wie man durch persönlichen Ehrgeiz und den Einsatz der Ellenbogen allen Einpeitschern seine Nützlichkeit im Hamsterrad beweisen kann, um schließlich selbst Einpeitscher zu werden. Die Nützlichkeit des Sklaven basiert im Gegenteil auf nichts anderem, als seiner bis zum letzten Blutstropfen billig zu schöpfenden Produktivität.

Mit der Wut dieser Erkenntnis beliebt es einer zur Konsequenz unfähigen Klasse endlich, zu intervenieren. Doch auch jetzt fällt ihnen nichts weiter ein, als die Gerechtigkeit gegen sich selbst wieder mit den Mitteln einer verbalen Lynchjustiz einzufordern, die gleich übel gegen andere Betrogene gerichtet ist – zunächst nicht einmal in der Wirklichkeit sondern rein hypothetisch in virtuellen Netzwerken. Der Zweck dieser Gerechtigkeitsfindung ist freilich, jede noch so geschmacklose Provokation solange aufzublähen, bis ihre pure Reichweite einen Gewinn abwirft und das eigene Sklavendasein endlich wieder geleugnet werden kann.

Wie auch immer: Jedesmal wird unterschiedslos ganz unschuldig Blut vergossen.