Linksdrehender Opportunismus: z.B. Jacob Augstein

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Sep 272013
 

„Wille und Wahl“ überschreibt Jacob Augstein in seiner Hauspostille „Freitag“ seinen Aufruf an die SPD, „die Macht zu ergreifen“. Was für Töne schwingen da, in welcher Tonart ist die Trommel gestimmt?

 

Ich verstehe jung Jacobs flammende Rede. Aber: Warum erinnert mich schon die Überschrift an eine Quelle, die mich unbehaglich zurück lässt? „Wille und Wahl“ soll an Nietzsches „Wille zur Macht“ erinnern, die denkbar schlechteste Referenz für einen aufrechten Demokraten. Außerdem vergisst  oder verweigert er, bei der s.g. Einigung der linken Kräfte genau hin zu schauen, wie es im Parteiinnern der Grünen und der SPD wirklich ausschaut. Und dann wieder dieses blöde nachgeplapperte BILD reife Gewäsch von Oskars Rachegelüsten.

Fest steht, die SPD hat sehr marginal noch linkes Personal, Otmar Schreiner z.B. kam aus Steinbrücks Wahlwunderkiste nicht einmal als Alibi-Parteilinker sondern lediglich als Alibi-Gewerkschafter.  Ob die marginalisierte Parteilinke allerdings während oder nach der Regierungsbildung Oberwasser bekäme, ist mehr als fraglich. Die traditionelle Basis der Sozialdemokratie neigt außerdem eher zu in ihren Augen stabilen, will sagen, autoritären Strukturen in Partei und Staat. Das ist ein zugegeben deutsches Problem, Mischung aus Abneigung gegen Neuerung und Bequemlichkeit. Das große unbeschriebene Blatt sind die heutigen Youngsters in der SPD. Die alten Youngsters kommen in meiner Wahrnehmung seit 1980 vielfach als Karriere orientierte  Opportunisten vor, wie in den übrigen Parteien auch. Wie sind die jüngsten Youngsters? Gibt es eine Hand voll Sozialisten unter ihnen? Was wollen die Jusos heute von Partei, Staat und Leben? Man hört so wenig von ihnen, was nicht an ihnen allein liegen muss, sondern ganz gewiss auch mit unserer neoliberal gleichgeschalteten Medienlandschaft zu tun hat.

Selbst der Wandel der FDP von der liberalen Partei Hamm-Brüchers, vielleicht auch Baums zur Partei Möllemanns, Westerwelles und Röslers kam nicht von ungefähr. Ist Lindner noch Liberaler? Die Verkümmerung der liberalen Gliedmaßen zum Steuersenkungsstumpf war nicht zuletzt das Ergebnis eines um Aufmerksamkeit für die eigene Generation und Machtbeteiligung geradezu flehenden Politikstils nach der Wende, der gleichwohl einen Aufstand als Aufstiegshilfe völlig ausklammerte. Der „Aufstand der Anständigen“ ist so ein frommer Wunsch, der im Zweifelsfall vor der Macht der Bajonette zu bestehen hätte, aber schon vor der Macht der alltäglichen Angst um den Arbeitsplatz einknickt. So ist der Stand heute.

Dieser Wandel hat sich zwar unterschiedlich intensiv und zeitlich verschieden aber in allen westdeutschen Parteien exemplarisch abgespielt. In der SPD langsamer als in der CDU, wo Merkel dem Konservatismus das Rückrat recht schnell brechen konnte, indem sie sich einfach weiter am Prinzip Kohl bediente. Sie hatte in der Nachwende-CDU die Wahl, an wem sie sich orientieren wollte – Blüm oder Kohl, Eppelmann oder Biedenkopf. Sie hat  das nicht  etwa durch DDR-Sozialisation entstandene, sondern überkommene Kuschen vor der Macht, das die deutschen Bürgerlichen ziert, wie nichts sonst, dem streitbaren Konservatismus der katholischen Soziallehre vorgezogen.

Die SPD hat ihrerseits mit der Agenda-Politik die tragende Säule des Sozialen in der sozialdemokratische Tradition abgerissen, nachdem sie vorher schon den Sozialismus aus dem Programm gestrichen hatte. Im Ergebnis fällt sie damit weit hinter das zurück, was mit Hilfe der Arbeiterbewegung als faktischer Macht, Wilhelm und Bismarck abgetrotzt werden konnte. Entschuldigung junger Herr Augstein, aber die SPD ist doch im Augenblick nicht sozialdemokratisch und schon gar nicht links. Auch die Grünen sind nicht links, was sich bei denen abspielt, ist vielleicht links-liberales Theater. Ihr links-liberales Personal war nach dem Ende der Systemkonfrontation schon ziemlich rar und ist nun aufgerieben (Ströbele) oder ausgetreten ( Ditfurth).

Gibt es so etwas wie linkes Potential in der SPD oder bei Bündnis90/Die Grünen? Ich sehe es nicht. Ich sah gerade nur pseudolinkes Schmierentheater vor Wahlen. Was Augsteins altbürgerlicher Vorschlag bedeutete, und ich denke, er weiß, was er fordert: Das „Linksbündnis“ mit einer treibenden Sozialdemokratie, die endlich den „Willen zur Macht“ verkörpert, anstatt nur ihre Pflicht zu erfüllen, und der ökologischen Alibi-Partei, die den Liberalismus erfolgreich kanibalisiert hat, wird zuletzt noch die Partei Die Linke zu einer altbürgerlichen Partei mutieren, die sich selbst genügt und den gesellschaftlichen Input, wie alle übrigen Parteien, gänzlich folgenlos internalisiert. Und dann stimmen endlich ausnahmslos alle den Kriegskrediten zu, weil es patriotisch ist…

Egoistische, Karriere orientierte, konsensuale Handlungshemmung ist das individuelle Prinzip in den überkommenen Apparaten mit ihrem modernem Anstrich, der leider langsamer abbröckelt, als der Meeresspiegel steigt. Das desavouiert die lebensnotwendige Weiterentwicklung der Demokratie als eigentliches Projekt der Moderne – in vollendetem Bewusstsein für die kommenden ökologischen, sozialen und technologischen Katastrophen. So etwas passiert, wenn man eigentlich ganz auf Nietzsche gründet aber im Feuilleton auch Marx toll finden darf. Und das ist nicht links, sondern heuchlerisch oder blind.

Zum besseren Linkssein verhelfen SPD und Linken eine meinetwegen unterschiedlich ausdifferenzierte Empathiefähigkeit für die durch die herrschende sozialen Apartheid Ausgegrenzten und Benachteiligten, was Jacob Augstein zweifellos weniger interessiert. Deshalb wäre die Koalition meiner Wahl bei den gegenwärtigen Mehrheitsverhältnissen in den Köpfen schwarz/grün. Nur eine starke linke Opposition hat die Chance ihr Profil zu schärfen, Meinungshoheit zu gewinnen und so gestärkt nach der nächsten Wahl eine kompromisslos linke Bundesregierung zu stellen, die durch eine linke Mehrheit in den Köpfen und bei der Stimmauszählung legitimiert wird. Ich wünsche mir nichts mehr, als eine solche wirkliche linke Mehrheit.

Kaffeehaus mit Jazzgeklimper

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Dez 062010
 
Kurz vor dem vollendeten Hinüberdämmern in das Land des kleinen Todes besuchte mich gestern Nacht ein alter Bekannter, der mir seit der glücklichen Zeit in meinem bayerischen Exil zum dritte Mal seine Aufwartung in Berlin macht: Der Traum vom Kaffeehaus mit Jazzgeklimper.

Gemütlichkeit am Flughafen FJS, Foto: AQ!, Wolfram Haack, 2010

Dramolett Nr. 2

Szene 1

Scheiben eines Cafés mit einer geschwungenen Aufschrift im Stil der 50ger „Simsalabim“, gardinenverhangen. Starre Silhuetten von Paartänzern, dazwischen immer an der selben Stelle eine Saxophonistensilhuette eine Schlagzeugersilhuette. Dazu das Geräusch einer mittelmäßig befahrenen Straße. Geräusch eines einparkenden Autos. Autotür wird zugeknallt. Lichtwechsel. Tür im Innern einer Bar öffnet sich. Wir sehen an einem Tisch eine Person eine großformatige Zeitung lesen und hören die Jazzmusik der Silhouetten. Über dem Tisch, der links der Bühnenmitte etwas weiter hinten steht, hängt ein Erhängter, auf dessen Schuhen zwei Kerzen brennen.

Autofahrer: Scheiße, das Licht.

Autofahrer geht wieder hinaus und läßt die Tür offen stehn. Zeitungsleser, schaut kurz auf den Erhängten dann wieder in die Zeitung.

Zeitungsleser: Das war keine gute Idee.

Wir hören eine Feuerwehrsirene und danach einen Autounfall, als die Sirene direkt vor der Bar angekommen ist. Der Zeitungsleser steht auf, in der Hand die Zeitung, und schließt die Tür. Er seufzt und setzt sich an einen Tisch weiter hinten. Die Jazzmusik endet.

Zeitungsleser: Meine Herr’n.

Szene 2

Tische weg. Leere Bühne nur der Erhängte hängt in der Mitte. Zwei Männer, einer mit Glatze der andere mit Sonnenbrille. Eine Mordswumme im Anschlag. Beide tun sie so, als müssten sie sich Manndeckung geben.

Glatze: Aufschneider. (Er duckt sich plötzlich.) Deckung, du Arschgesicht! (Die Sonnenbrille geht sofort in Deckung.) So, die Gefahr ist vorüber.

Sonnenbrille: Man bräuchte eine Leiter, so eine Sicherheitsleiter mit TÜV.

Glatze: Dünnpfiff. Da vorn ist ein guter Platz für mich. Wir zählen die Entfernung ab.

Vom Erhängten aus misst Glatze die Schritte, laut mitzählend, bis zum vorderen rechten Bühnenrand. Die Sonnenbrille folgt der Glatze dicht und zählt leise hinterdrein.

Glatze: Du musst natürlich auf die andere Seite, gleicher Abstand. (Er geht nahe an die Sonnenbrille heran.) Mein Gott, bist du aber hässlich. (Er zählt weiter, während die Sonnenbrille stehenbleibt und die Sonnenbrille abnimmt.) Fünfzehn, das Alter in dem du stehengeblieben bist.

Die Sonnenbrille geht schnell zum Erhängten, misst schnell mitzählend 15 Schritte zur linken Bühnenhälfte ab und kommt dort zum Stehen. Gleichzeitig stellen sich beide Männer mit der Waffe im Anschlag in Schussposition. Sie zielen auf den Strick des Erhängten. Lichtwechsel. Nur der Erhängte ist noch zu sehen. Drei Schüsse fallen regelmäßig nacheinander. Ein Mälzel-Metronom klackert dazu Andante. Ein letzter Schuss, der Erhängte fällt rumpelnd zu Boden.

Glatze: Zufall, Arschgesicht.

Szene 3

Die Glatze, tadellos gekleidet, jetzt als Geschäftsführer einer belebten Bar, in der eine Jazzkapelle spielt. Der Tisch genau in der Mitte ist leer. Ein RESERVIERT -Schild steht darauf. Ein juveniler Alter blinzelt mit den Augen, weil Scheinwerfer eines Spots ihn blenden. Er hantiert mit einem Strick, der von der Decke hängt.

Glatze: Nun lassen sie schon, ich mach das selbst. Alles muss man selbst erledigen. Geh’n sie mal zum Eingang. Wenn die kommen, begleiten sie die sofort an diesen Tisch. Na dalli, dalli – schriftlich kriegen sie’s nicht.

Die Glatze zieht am Strick und so den Gehängten über dem Mitteltisch direkt in den Spot, der den Alten geblendet hatte. Ein Zeitungsjunge geht zwischen den Tischen umher, er ruft aus.

Zeitungsjunge: Der augenblickliche Tod vieler mächtiger Feinde, Viehzüchter, Parlamentsmitglieder, Mitglieder ständiger Ausschüsse wird gemeldet. Zahlreiche Häuser werden dem Erdboden gleichgemacht. Die Bewohner werden in Kisten und Fässern untergebracht.

Der juvenile Alte geleitet den Zeitungsleser zum reservierten Tisch, wo der Erhängte hängt und die Glatze wartet.

Der juvenile Alte: Bitte sehr, Mr. James.

Glatze: Mr. James, es ist mir eine große Ehre sie hier…

James: Ja, ja, ja, schon gut.

Glatze: Heute ganz ohne Zeitung?

Glatze lacht gezwungen. James setzt sich.

James: Ich bin die Zeitung… Ha, ha., ha, ha. (James lacht überbürdet.) Würden sie die Kapelle bitten, etwas lyrischere Stücke zu spielen, sobald Mrs. Samuels eintrifft?

Glatze: Selbstverständlich.

Glatze macht der Kapelle ein Zeichen. Die Kapelle spielt Liebesleid von Kreisler mit Saxophon und Klavier.

James resigniert: Nicht doch jetzt schon. Bringen sie mir kalte Milch!

Die lange Mrs. Samuels kommt in einem kleinen Schwarzen über der Schulter lässig eine Nerzstola, wird vom juvenilen Alten zum Tisch geleitet. Sie hat eine zerknitterte Papiereinkaufstüte aus dem Supermarkt bei sich. Glatze hat sie noch nicht entdeckt und bietet James eine Zigarre an.

Glatze: Henry Clay, noch von meinem Vater…

James: Lassen sie das, sie sollten lieber seine Arbeitermütze tragen. Und die Milch in einer Tasse, wenn ich bitten darf.

Glatze lacht verschämt und wird noch lächerlicher. Dann bemerkt er Mrs. Samuels.

Glatze: Mrs. Samuels, es ist mir eine Ehre, sie und Mr. James einmal beide gleichzeitig im Simsalabim bewirten, was sag ich verwöhnen zu dürfen.

Mrs. Samuels: Infinitiv und zu –  pfui! Diese Infinitive, so nah beieinander… bewirten und dürfen, Sie dürfen!

Sie reicht dem juvenilen Alten die Papiertüte und lässt sich elegant in den Sessel fallen, den der Alte ihr wegen der Tüte nur sehr ungeschickt zurechtrücken kann.

Juveniler Alter geht ab um die Milch zu holen: Wie meinen?

James: Du könntest mich ruhig anständig begrüßen.

Mrs. Samuels: Ich begrüße Dich jedesmal, und Du registrierst mich jedesmal ebensowenig, wie deine anständigsten Damenbekanntschaften.

James: Dann hälst Dich also für eine meiner anständigen Damenbekanntschaften. Nicht mehr und nicht weniger.

Mrs. Samuels: Ich sehe an Deinem Gesichtsausdruck, dass Du gleich zornig werden wirst. Freu’ dich doch einfach, dass ich Dich ertrage.

Der Alte bringt einen Krug Milch und stellt ihn vor James ab.

James: Ich bin nicht zornig. (zornig zum Alten) Ich hatte gesagt: in einer Tasse.

Juveniler Alter: Mr. Glatze dachte, ein Krug wäre vielleicht mehr der Hit.

James: Können sie nicht selber denken, Mensch? Wenn nun ein Photograph kommt und mich mit dem Krug photographiert – während ich Milch aus einem Krug trinke – über mir hat sich ein Mann erhängt – das gibt wohl eine schöne Bildunterschrift.

Mrs. Samuels: James am Ende -seine Auflagen wie lauwarme Milch. Es ist schon gut. Bringen sie ihm eine Tasse.

Juveniler Alter: Aber gehören ihnen nicht sowieso alle Zeitungen, Mr. James? Da können Sie doch bestimmen, was unter den Bildern steht.

James: Ich kann nicht alles selber machen, lieber Mann. Und mir gehören auch nicht alle Zeitungen. Das würde sich nicht rentieren.

Juveniler Alter: Wegen der Personalkosten?

James schluckt: Die meisten Kosten verursachen – (Er verschluckt sich und muss husten.)

Mrs. Samuels: Seine Damenbekanntschaften. Bringen sie mir bitte zwei große Essteller, zwei mal Stäbchen – nein einmal Stäbchen und einmal Messer und Gabel für Herrn James.

Mrs. Samuels erbittet mit einer Kopfbewegung die Tüte, die der Alte aus irgendeinem Grund die ganze Zeit über umständlich in der Hand gehalten hat. Man sieht noch wie Mrs. Samuels aus der Papiertüte raffiniert verpackte asiatische Fresspackete fingert und auf den Tisch stellt. Lichtwechsel.

Der Mitteltisch ist im Dunkeln nur der Erhängte ist beleuchtet. Die Musik verstummt. Man hört Töpfe- und Geschirrgeklapper und Glatze aus dem Off.

Glatze: Mr. James Vater war Schafzüchter.

James deutet auf den Erhängten: Letztes Mal brannten Kerzen auf seinen Schuhen.

Mrs. Samuels lacht zweimal kurz und laut auf.

VORHANG

Westberlin

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Jun 142010
 
Achtung: Diese Geschichte ist möglicherweise zu sentimental für Ihren Geschmack!

Mein Freund Abrahamowsky ist, soweit ich das beurteilen kann, ein echtes Genie. Wahrscheinlich ist er sogar noch etwas genialer. Denn im Gegensatz zu Wittgenstein, baut er seine Sätze so klug, daß sich niemand genötigt fühlt sie mitzuschreiben. Und ganz anders, als der wirklich geniale John Gould, macht er sich keine Mühe, seine Gedanken in irgendwelche alten Schulhefte zu kritzeln – womöglich noch auf angegilbtes liniertes oder kariertes Papier. Er bringt sie einfach unter die Leute. Als durch die Umstände seiner Ostherkunft selbst legitimierter Opportunist begann er gleich nach der Wende eine bisher ungebremste Vortragsreisetätigkeit durch die verschiedenartigsten Lokalitäten der ehemals so genannten Westbezirke Berlins. Er selbst ist in Bayern geboren, im sächsischen Görlitz auf die stattliche Größe von einen Meter zweiundsiebzig aufgeschossen, und zog deswegen fortan die Großstadt, besonders aber jenes Berlin vor, welches es heute so nicht mehr gibt und das ihm lange vor dem Mauerfall trotz oder wegen seiner Schnodderigkeit, ein effizienteres Wirkungsfeld zu bieten schien. In Görlitz hätte man ihn, wie er oft fast nebenbei in seine druckreife Rede einfließen läßt, höchstens einsneunundsechzig werden lassen. Zwei Dialekte gewöhnte er sich nacheinader ab, bediente sich jedoch hin und wieder plötzlich ihrer Eigenarten.

Ich entsinne mich einer für seinen freimütigen Stil höchst exemplarischen Debatte, die sich nur zum Teil in Folge eines Vortrags mit dem Titel: „Brauchen wir am Mittwoch eine Flirtakademie in Tempelhof?“ daselbst entspann. Eigentlich kam er erst zum Schluß der Rede, die man nichts desto trotz flammend nennen muß, auf das Motto, unter der diese von Anfang an hätte gestanden haben müssen: „Theorie der humanen Verständigung schlechthin“

Ob noch in Tempelhof oder gerade schon in Kreuzberg jedenfalls im Hinterzimmer der beliebten Lokalität „bei Horst und Rita“, nahe der Berliner Hauptgeschäftsstelle der Gewerkschaft IG-Medien, tagte an jedem ersten Mittwoch im Monat der Vorstand des Kegelclubs Tempelhof von 1860 e.V. Abrahamowsky, dem die von Stammgästen stets als zugeknöpft titulierte Wirtin für seinen Wortwitz sehr bald eine gewisse Achtung und etwa vier Körnchen entgegenbrachte, begab sich – so splendid behandelt – jetzt geistig beflügelt, zu den im Hinterzimmer tagenden Herren. Lautstark und emotional geladen, erörterte man den an sich nur noch zum Abnicken vorgesehenen Kassenrevisionsbericht für das unlängst zu Ende gegangene Jahr. Draußen gab das im Laufe des letzten Schnee-Einbruchs zu kleinen Hügeln aufgetürmte Gemenge, wegen des Tauwetters nun elend schmutzig und grau gewordene Eisberge, die vor vier Wochen geschissenen Hundehaufen wieder her. Die Herren, die sich drinnen wohl auch deshalb so laut unterhielten, weil ihre Blicke nur noch schwer durch die von Weinbrandfahnen vernebelte und vom Rauch billiger Burgerstumpen zusätzlich getrübte, warme dicke Luft drangen, bemerkten Abrahamowsky erst spät. Ihm gefiel die Vorstellung, erinnerte sie ihn doch an seine vertanen Tage. Sobald er, wie alle natürlichen Redetalente vom Bauch her den Zeitpunkt gekommen fühlte, sein angenehmes Stimmorgan zu bemühen, setzte er mezzoforte und sehr schön legato eine erhabene Fermate in das allgemeine Gezeter.

Die hitzige Kassenrevisiondebatte verstummte für den Bruchteil einer Sekunde. Und das kommt einer halben Ewigkeit gleich, im Berliner Vereinsleben, wo man viel reden muß, um sich hinterher zuhause darüber bitter beschweren zu dürfen, das immer nur geredet wird und nie gehandelt, „ich muß schon sehr bitten, meine Herren,“ begann Abrahamowsky den einleitenden Abschnitt seiner Rede, die durch diese Wendung und das erstaunte Aufhorchen der Versammlung schon beinahe ihre volle Form und Gestalt annahm. Wenn es die Lage erforderte, konnte er sich blitzschnell einsingen. „Ich muß doch wirklich sehr bitten,“ fuhr er fort, und bemerkte durch den dichten Qualm nun erst die einzige Dame in dem Versammlungsraum, welche ihm dankbar zunickte. „Wirklich“, lispelte sie halblaut und mit Rücksicht auf ihr Herzleiden, nicht zuletzt in Anbetracht aber des langsam wieder anschwellenden Geräuschpegels, „dieses Rumgebrülle schadet meiner Gesundheit.“

Der Tempelhofer, den Abrahamowsky, von Beginn seines Hinterzimmerbesuchs an, für einen Kassenwart gehalten hatte, entpuppte sich nun auch als solcher, in dem er meinem Freund vorhielt, daß dieser nicht einmal seine Mitgliedsbeiträge gezahlt und in sofern und als einfaches Mitglied schon sowieso, kein Recht habe, ihn formell nicht entlasten zu wollen. Die übrigen Herren des Vorstands beeilten sich ihm beizupflichten, ohne das vermeintlich einfache Mitglied auch nur nach dessen Namen zu fragen. Sie machten sich keine Vorstellung was sie erwarten würde. Sofort ergriff das scheinbare Mitglied wieder das Wort, ohne den geringsten Augenschein irgendeiner Eingeschüchtertheit. „Sie können mir glauben, werte Versammlung, bei einem solchen Streit, und ich habe schon viel debattiert in meinem Leben, hilft nur eine ordentliche, eine zivilisierte und damit satzungsgemäße Streitkultur!“ Das klang gut und versetzte die herzkranke Dame in helles Entzücken, das ihr zusammen mit einem zu Herzen gehenden tiefen Seufzer nebst einem trockenen Furz entwich. Wie bestätigend fuhr Abrahamowsky fort: für solche dificilen Momente habe die preußische Vernunft doch schließlich dem deutschen Vereinswesen die Vereinssatzung gestiftet. Woanders kenne man eine solche gar nicht, oder habe sie seines Wissens zumindest noch niemals konsequent angewendet, warum ja auch beispielsweise das parlamentarische System in Italien, für alle Zeit hoffnungslos verloren sei, auch wenn man uns! selbstverständlich in den Medien etwas anderes vortäusche. Was im übrigen glasklar erkenne, wer einmal in Rom oder Palermo versucht habe, am Steuer seines deutschen Autos irgendwie vorwärts zu kommen. Mein Freund hatte offenbar den richtigen Ton getroffen, obwohl er keinen Führerschein besaß.


Einen solchen Mann, dessen Intelligenz schon äußerlich nicht die Bohne anzuzweifelnden war, der praktische Bildung und einen mitreißenden Führungsstil miteinander zu verbinden wußte, wünschte sich die Dame für die Vorstandswahl als Kandidaten. Ein Kegel, den nichts so schnell umhaut, dachte sie. Seit Jahren war etwas derartiges, auch nur entfernt, nicht in Aussicht gewesen. Und nun stand dieses Muster an Durchsetzungskraft, charmanter Mannhaftigkeit und praktischem Verstand plötzlich kanppe drei Meter von ihr entfernt im Raum, als sei er geradewegs vom Himmel entsandt, ihr armes Herz zu retten. Der Blick der Abrahamowsky traf, schien ebenfalls nicht von dieser Welt.

Beherzt, der vollen Aufmerksamkeit nun auch der Männer völlig sicher, griff er seinen Gedanken über die preußische Vernunft, den er nun „die dem Preußentum immanente Vernunft,“ nannte und entwickelte ihn aus dem Stehgreif zu einer „Theorie der humanen Verständigung schlechthin“. Er räumte ein, das der Geist, welcher die Vernunft in Preußen habe Fuß fassen lassen, mindestens die starke Hand eines alten Fritz gebraucht habe, um in die allgemeinen Vorstellung zu dringen. Worauf der erste und der zweite Vorsitzende zaghaft applaudierten und der Kassenwart, weil er Voltaire nicht kannte, einwarf, Vernunft sei, wenn man trotzdem lacht. Unbeirrt hiervon, ja im deduktiven Aufbau seiner Konzeption noch bestärkt, erhob Abrahamowsky abermals die Stimme, deren Ausdruck für diesmal nicht nur rhythmisch sondern feinmelodisch nuancierend. Sichtlich zufrieden mit der euphorisierenden Wirkung seiner mittelmäßigen Hypothese, überzeugt davon, er hätte auch ohne Mitgliedskarte sofort mit Erfolg Vorstandsneuwahlen verlangen können beim Kegelclub Tempelhof von 1860 e.V., übermannte ihn ein gewalttätiger Appetit auf etwas Deftiges. Wie gerufen kam da Rita mit der nächsten Runde Bier und Korn. Doch weil es nur Aldiwiener mit Aldikartoffelsalat gab, machte er mir flink ein Zeichen zum Verschwinden, und wir verschwanden und brachen in ein heiteres Gelächter aus. „Laß uns irgendwo in 61 einen Hühnchenfleischdöner mampfen. Ich stehe auf Hühnchenfleischdöner,“ säuselte er verträumt. Ja, ja, ja, lange ist’s her. Sehr lange!

Graumanns kleine Rempelei

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Dez 312009
 

Leider den Namen des Photographen vergessen!

Händel, Concerti Grossi, op.3 Nr. 1, 2. Satz, Largo

So ein milder November ließ nichts Gutes ahnen. Draußen wurden die Tische vor den Cafes wieder aufgestellt, ein Segen für die Raucher. Die blaublühende Hortensie auf dem Hof hatte ihr Laub vor drei Wochen fallen lassen und fing an auszutreiben. Alles war eben durcheinander.

Grauann wurde getrieben von der Vorstellung, dass in seiner Kindheit etwas schiefgelaufen sein musste. Er konnte es nicht beweisen, niemand erinnerte sich daran oder wollte sich erinnern, eigentlich auch er selbst nicht.

Er wusste, dass man daüber besser nicht reden sollte, denn das war so ein Kram; und vielleicht war ja auch doch alles in Ordnung gewesen.

Als Franz knappe drei Jahre alt war, wurde immerhin die Berliner Mauer gebaut. Gar nicht gut. Denn die Großeltern, welche das Kind mit seinen großen blonden Locken nach anfänglichem Zagen doch zu sich nahmen während ihre ledige Tochter bei Kleinbürgern, wie sie selbst, Böden schruppen ging, waren auf einmal über Nacht nicht mehr erreichbar. Dem Jungen wurden bei einem Schöneberger Herrenfriseur am Bülowbogen die Locken abgetrennt, aus modischen Gründen damals sehr verständlich. Aha, die Locken, das war schon einmal so eine Sache, niemand wusste genau wie das abgelaufen war, und die einem bereitwilliger Auskunft gegeben hätten, weil sie beim Anblick des erwachsenen Franz auch immer noch das lockige Kind vor dem inneren Auge sahen, waren längst alle tot.

Franz Graumann ging die Straße entlang und betrachtete sorgsam die Auslagen der neuen Geschäfte in der Straße seine Kindheit. Er wohnte schon wieder und immer noch dort. Ein kleiner Kiez mit akzeptabler Mischung aus alt, jung, reich, arm, von hier und nicht von hier. Die Geschäfte hatten lange leer gestanden. Während der abrisswütigen 70ger übernahmen Studenten und soziale Initiativen die ehemaligen Milchläden, Bäckereien, Schumacherstübchen, Drogerien, zogen ein, wohnten, arbeiteten und blieben dort. Kinder wurden gezeugt und großgezogen in den Ladenlokalen. In den 80gern gab es ein paar besetzte Häuser und ein Ökobäckerkollektiv gesellte sich hinzu. Nacheinander beseelten türkische, arabische, polniche und russische Gewerbetreibende das kleine Dorf zu Füßen des preußischen Schlosses.

Graumann hielt sich für einen anpassungsfähigen Ureinwohner. Er empfand das Neue, ob aus Anatolien, Beirut, Teheran, der Westbank, Warschau, Moskau, Minsk, Kuba, Madrid, Aserbaidschan oder Hintertupfingen als Bereicherung, solange es ihm nicht auf die Füße trat und seinerseits Respekt vor dem Älterwerden und der Ureinwohnerschaft zeigte. Er stand ein für die Einhaltung ungeschriebener bewährter Höflichkeits- und Abstandsregeln, die er selbst in einer Zeit gelernt hatte, da man sich das Leben nicht schwerer zu machen wünschte, als es für arme Leute ohnehin schon war. Man musste versuchen in jedem Augenblick freundlich zu sein und dem Anderen seinen Platz zu lassen, nur so war der Alltag zu bewältigen. Und es gab ja unglaublich viel Platz.

Suzanne takes you down to her place near the river .. for she’s touched your perfect body with her mind. Leonard Cohen, live

Mit dem runden Tisch unter dem rechten Arm bewegte er sich vorsichtig in Richtung Nest. Er hatte ihn im neuen Großtrödel der Stadtmission erstanden. Dort, wo bis in die 70ger ein Supermarkt der ehemaligen Hofliferanten Gebrüder Manns gewesen. Davon zeugte an der Fassade noch die auf schwarzes Glas geäzte Firmenschrift. Er hatte die Hälfte des Weges in Gedanken an die Wohnzimmereinrichtung seiner Großeltern und in heller Freude über das gut erhaltene Möbel zurückgelegt, als ihm eine junge deutsche Frau mit verhärmtem Gesicht, entgegenkam, die keine Anstalten machen wollte einen winzigen Schritt von ihrem Kurs abzuweichen. Er wollte sie weder umrunden noch umrennen und machte sich dünn. Dennoch stieß er dem erbeuteten Tisch an einem Fahrrad eine Delle ein. Er war wütend. Zwei Meter nach der Begegnung rief er ohne sich umzudrehen:

“Blöde Kuh.”

“Selber blöde Kuh”, antwortete das verhärmte Frauengesicht hinter ihm leise. Sie tat ihm leid, und dennoch er hätte ihr am liebsten eine geknallt. Wie ist mein Leben nur geworden, dachte er.

“Und das Schlimme ist, selbst diesen niederträchtigen Text hat er sich noch abringen müssen”, sagte einmal eine Kollegin, die vor anderen Kollegen über einen abwesenden unverpaarten kinderlosen Kollegen herzog, weil er abwesend, unverpaart und kinderlos war.

Morgens – die gewohnten Verrichtungen, der Wasserfilter ist auszutauschen, das ist periodisch. Alles wiederholt sich ständig, besonders die Dummheit. Und es vergeht die Zeit während ein genau abgestimmtes Prozedere abspult, das durch Arbeitszwang in die Alltagsmatrize eingeäzt wurde, wie die Friemenschrift auf’s Glas – damals, als ein Tag manchmal um 6 manch mal um 0 Uhr begann. Du weiß schon, dass du heulen wirst, sobald du dich hinsetzt, um die erste Tasse Tee zu trinken. Wenigstens war heute im Ablauf bis jetzt kein Fehler passiert, nichts umgekippt, ausgelaufen, übergekocht. Der Lärm auf dem Schulhof, der eine störende fremde Zeit repräsentiert, die der Hoffnung auf eine menschlichere Gesellschaft hohnspricht, erwartet mich schon, sinnierte Graumann.

Alles war auch früher so aber nicht so regelmäßig. Heulen ist erleichternd. Schlimm, wenn ausgerechnet das aus der Unablässigkeit der Wiederholung abhanden kommen würde. Es gab einmal eine Kultur des männlichen Weinens. Im Barock war sie noch stilisierend und rituell, in der Romantik schon erzwungen und verkitscht in den 70ger Jahren des 20 Jahrhunderts eine Mischung aus Ritual und Kitsch.

Es gilt, das barocke, das ungehemmte, befreiende Flennen zu rekultivieren, auf eine neue Stufe zu führen, die der Ansicht gleicht, durch den intellektuellen Akt einer Umdeutung der Trauer in die Befreiung von der Trauer, erhöben sich Trotz, Mut und Freude zu einer an kollektiver Leiderfahrung gereiften… “Conditio humana”, stammelte er auf der Staße vor sich hin.

Dieses morgentliche Weinen ist ein anderes, als das beim Wiedererkennen allgemeiner Wehmut – wenn ein Freund dir einen youtube link schickt mit “Streets of London”. Aber wenn du ausgeheult hast, ist es der selbe intellektuelle Akt der Umdeutung, der dich Freude spüren lässt über deinen Entschluss die Trauer nicht hinzunehmen.

Stürmisch bewegt. Mit größter Vehemenz, 2. Satz, Simphonie Nr. 5, cis-moll, Gustav Mahler

Ich höre wutschnaubend den verachtungswürdigen Widerspruch der Lessefairisten, die mir ohne auf das allgemeine Älterwererden zu achten, unterschiedliche Bedürfnisse vorauszusehen, vor der Nase einen Schulhof planten, dessen martialische Lärmemissionen mich Tag für Tag peinigen. Generelle Rücksichtslosichkeit als Erziehungsmaxime entstand im Zeitalter der so gennanten sexuellen Revolution. Was ist daraus geworden? Abscheulicher Lärm, schwule Prüderie, althergebrachte Männerherrlichkeit und beschränktes Ellenbogengehabe von Kind, Weib und Mann. Wenn die Weiber Prügel beziehen, sind sie es selber Schuld. Sie akzeptieren ja das Mackermenschenbild geschlechtsübergreifend, um daraus ein modernisiertes Recht auf vermännlichte weibliche Gewalttätikeit abzuleiten.

Die Entwicklung hätte sein müssen, dass das Militär abgeschaft wird, damit eine höhere Stufe der Menschlichkeit beginnen kann. Stattdessen lassen sich die Weiber drillen wie ihre dämlichen männlichen Artgenossen und entwickeln Selbswertgefühl an der Tatsache, dass sie fähig sind, massenhaft zu töten. Dass das jedem Menschen, gleich ob Mann ob Weib, möglich ist, war bekannt. Es nicht so zu halten und erst recht nicht auf Befehl, den barbarischen Maßstab zu erkennen und abzuschaffen, wäre die Heldentat.

Am Morgen nach dem Weinen und die Erleichterung vergeblich im Herzen bewegend, kommen sie dir entgegen auf der Straße – im Stech- oder Stampfschritt, die gedrillten Muttertiere mit ihrem Orgasmuseinklagerecht, mit ihrem imaginär auf dem dreirädrigen Sportkinderwagen aufgepflanzten Bajonett.

Es gibt keine Rücksicht, es gibt aber Beachtung, wenn einer der Alterzogenen seiner Bedrückung Luft macht. Wie natürlich wird von den millitanten Muttertieren sogleich das “repressive” Vokabular des Ankklägers in eine generelle, alle Selbstkritik ausschließende Gegenklage umgemünzt. “Wie sind sie denn drauf? Sie sollten sich mal schleunigst in eine psychatrische Behandlung begeben.” Woher der Ärger rührt, dass er hier vielleicht nur an der falschen Stelle ausbricht, ist egal. Unbelehrbarer, bekloppter einsamer verbitterter Alter, lautet die kurze unfehlbare Vulgäranalyse. Wenn es der eigene Vater wäre, dürfte man ihn getrost im Pflegheim verrotten lassen.

Dem selben Mann mit seiner alten, fast blinden Mutter wird nicht einen Deut aus dem Wege gegangen, ob wohl das lahme Menschenpärchen schon zehn Meter vor der Begegnung Anstalten macht, die Richtung zu justieren. Der dreirädrige Streitwagen lenkt im Gegenteil auf Kollisionskurs. In dem sich ihnen bietenden Bild zweier Alter fehlen dem jungen Papa oder der jungen Manma der zum Dasein allein legitimierende plärrende, bolzende oder pöbelnde biologische Nachwuchs. Man spürt, da ist etwas nicht so, wie es sein soll. Wahrscheinlich ist es die fremde Phäromonkonstellation, die die Muttis und Vatis fortwährend zu riechen gezwungen sind. Der Unwille oder die Unfähigkeit das eigene Genom in die Welt zu pissen sind den Elterntieren, die sich verhalten, wie es gewünscht wird, ein Indiz für das unberchtigte Dasein eines Artgenossen. Auch Neid spielt sicherlich eine Rolle, denn wer sich nicht reproduziert, hat auch keinen kleinlichen Ärger mit der Reproduktion und ihren zu bändigenden Folgeerscheinungen. Graumann wollte keine Kinder, niemals.

Die Frau mit dem verhärmten Gesicht war kein millitarisiertes Muttertier. Graumann hätte sie ansprechen wollen. Aber die Episode mit dem Tisch lag ihm noch auf der Seele. Er würde sie nicht wiedererkennen, wenn er sie eines verfluchten Tages erneut auf der Starße träfe, es sei denn, sie trüge einen runden 40ger-Jahre Tisch unterm Arm. Er würde ihr anbieten, die Last bis vor ihre Haustür zu tragen, wo immer dies sei. Er würde ihr ein wenig gefallen wollen, ein wenig imponieren mit seiner Großzügigkeit. Und sie, falls sie ihn wiederrerkennen würde, müsste rätseln, ob er vergesslich sei, oder ob es ihm später leid getan hätte, sie blöde Kuh genannt zu haben.

Come scoglio immoto resta…Fiordiligi, Ferrando,, Guglielmo, Don Alfonso, Dorabella, W. A. Mozart, Cosi Fan Tutte, Glyndebourne, 1935, Fritz Busch

Dann die Sache mit Peter Grobian. Er war nicht zu beneiden. Vor etlichen Jahren hatte er seinen Job als Assistent bei einer Grabung in Ägypten verloren. Er liebte Ägypten und deshalb hasste er es nach diesem Ärgernis. Denn Deutschland war sozialkalt und Grobian dümpelte hasserfüllt in dessen Hauptstadt vor sich hin. Ab und zu, wenn ihm eine von den wertlosen ägyptischen Scherben unter die Augen kam, die er aus dem Land seiner Träume geschmuggelt hatte, streichelte er sie zärtlich und pustete den Berliner Dreck von dem kleinen Souvenir aus besseren Zeiten. Dann ging er los, um sich zu betrinken.

Grobian war Graumann noch einen Fachartikel für die kleine archäologische Liebhaberpostille schuldig, die Graumann mitherausgab. Der Text ging nicht. Er war frustriert, frustrierend und hasserfüllt, stilistisch plump, wie eine Liste von Scherben für eine Grabungsdokumentation. Die Intepunktion zumindest war exelent. Grauman bearbeitete den Text und stellte sämtliche seiner Änderungen zur Disposition des Autors. Graumann wollte zeigen, wie er sich einen Artikel in einer Liebhaberpostille vorstellte. Peter Grobian aber wurde sehr zornig und schrieb, dann lassen wir es eben, entweder genau so ,wie ich es geschrieben habe, oder überhaupt nicht. Dann begründete er lateinisch. Graumann schrieb zurück: Dann lassen wir es. Grobian wurde noch zorniger und schrieb an alle am Rande Involvierten, dass Graumann ein selbsternannter Zensor sei, der von Archäologie keinen blassen Schimmer habe. Er, Grobian, hätte schließlich in Ägypten gegraben und nicht Graumann, der die Interpunktion nicht beherrsche. Graumann ließ Grobian gewähren und zog sich aus der Liebhaberpostille zurück, ohne Lärm zu erzeugen. Der Vorgang war tragisch aber lächerlich, wie alle Liebhabereien. Tragisch: Grobian würde eines Tages im Feuer seines Hasses verglühen. Lächerlich: Mann konnte sich vorstellen, wie ihm die Zornesröte ins Gesicht stieg und die Halsadern anschwollen, als er speziell für alle Typen dieser Erde, die wie Graumann sein mussten, einen hübschen totalen Krieg zu Papier brachte. Der Stil dieser personifizierten Hasstirade war hervorragend. Graumann hätte sie gerne abgedruckt, aber er unterließ es wegen der Lautstärke. Er hoffte, es würde Grobian danch besser gehen, aber viel Hoffnung hatte er nicht.

“Das sind so die Sächelchen, die unseren Alltag scharf würzen, damit wir geistig besser verdauen”, dachte Graumann und freute sich auf seine frisch bezogenes Bettdecke. Eine Aufgabe abgetreten, die Seele wieder rund gesehen. Gute Nacht ihr objektiven Geister.