Terenz in Spiritus

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Aug 242012
 

Ich bin ein Mensch. Nichts Unmenschliches ist ihr/ihm/mir fremd.

Ein Zitat in zeitgemäßer Wandlung

Die Interpretation eines Terenz-Zitats, das mir jüngst gleich zweimal, durch einen Radio-Beitrag von Renée Zucker und per E-Mail von einem mir wohlgesonnenen Lehrer für Deutsch und Latein ins Haus flatterte, scheint mir aufschlussreich genug, um ihr eine kleine Reprise zu widmen. Noch bedeutender ist allerdings die Wandlung, ohne die dieses Zitat, von Lateinlehrern sicher bisher unbeachtet, doch durch den Hinweis von dieser Seite aufgemuntert, keinen solchen Vorwitz in meiner Gedankenarchitektur beanspruchen dürfte.

Katholiken bezeichnen als Wandlung den für sie tatsächlichen Vorgang, wie Brot und Wein in der Kommunion zu Christi Leib und Blut werden, weshalb ‚die Reste‘ der Köstlichkeit in einer Art Hochsicherheitshütte, Tabernakel genannt, verwahrt werden. Es handelt sich bei der Wandlung, wie man unschwer folgern kann, um ein Dogma!

Mit Homo sum, humani nihil a me alienum puto.‘ dies ist nach meiner Kenntnis das tatsächliche Zitat des antiken Komödiendichters Terenz, meint man doch wohl, dass auch objektiv unangenehme Eigenschaften zum Menschsein gehören, dass sie nicht wegdiskutiert werden können, weil sie so offensichtlich sind, wenn wir sie an anderen als störend empfinden, insbesondere aber da, wo wir sie bei uns selber feststellen. Und erweitert vielleicht, dass derjenige weniger Schaden in der Welt anrichten wird, der sich der Dualität die dem Erkenntnisgewinn innewohnt nicht verschließt, sondern ihre Zweischneidigkeit begreift und akzeptiert.

Das Komödienhafte, das der Zweischneidigkeit der Erkenntnis zueigen ist, habe die Christen anfangs nicht gemocht, wohl aber beibehalten – denn schlussendlich fühlten sie sich angenehmer, indem sie, insbesondere was die Staatsräson betrifft, eher auf römisch-griechisches, als auf vorderasiatisch-frühchristliches Fundament bauten. Der gemeine Katholik findet daher bis heute nicht uneingeschränkt Vergebung, weil eben dem Menschen und der Humanität grundsätzlich nicht zu trauen ist. Nur Gott selbst kann human sein, wenn er gerade möchte, wenn nicht? Nichts Menschliches sei dem katholischen Menschen daher fremd. Dies gilt jedoch nicht für die sieben Todsünden, die aus der Humanität ausgeklammert werden müssen, um deren Fortbestand im Christentum zu institutionalisieren – so etwas hat Gott selbstredend nicht nötig, aber der Sündenmensch.

Wie mir scheint, findet der interpretationsgeschichtliche Subtext von Terenz durch den Monotheismus mit der ‚Glaubens-Wandlung‘ Eingang in die öffentliche ‚Obskurität‘. Eine Notwendigkeit, die sich einerseits daraus ergibt, dass ich ohne jeden das Lateinische lehren zu wollen, jedermann von der Kontinuität und anhaltenden Konsistenz meiner christlichen Glaubenslehre überzeugen möchte, der noch entfernt von anderen Göttern weiß. Andererseits aus der Not heraus, dass ich als Gelehrter selbst, die antike Philosophie dazu verwendet habe, diese Glaubenssätze in dem gebotenen Maß zu verweltlichen, sie der weltlichen Ordnung dienstbar zu machen. Ohne Dogmatik wäre deswegen allerdings tatsächlich eine fortwährende Erweiterung der Interpretation des Glaubens die Folge- weshalb der Kanon der Schriften begrenzt und dogmatisch bewacht wird, wenn möglich durch eine autoritäre Behörde, wo nicht, indem wenigstens die Meinungsbildung hierarchisch organisiert bleibt. Materiell großzügig ausgestattet, gibt die Meinungsbehörde das ‚Neusprech‘ aus, und kodifiziert bei Strafe der Missachtung der zehn Gebote, was von nun an geglaubt werden darf. Denn ewig droht das Schisma, wie im Morgen- so im Abendland.

Wenn ich als westlicher Rezipient buddhistische Texte studiere, stoße ich manchmal auf dieses Problem des ständig (auch heute noch) wachsenden Kanons der ‚anerkannten‘ Schriften. Ich frage dann meistens: Warum so unübersichtlich, warum wird so viel der Mündlichkeit nachempfundene Wiederholung im Kanon behalten? So erlebe ich Texte als lediglich redundant, weil sie für mich eben zuerst ein Gebet sind, ein Glaubenstext, kein literarischer. Bis ich vielleicht dahinter komme, dass meine westliche Auffassung das eigentliche Problem darstellt.

Die Einschränkungssucht, die Abscheu vor der Erweiterung der Kategorien ins Unendliche, die ganz im Stillen das Legitime in unserem unausgesprochen moralischen Handeln unterfüttern sollte, uns ohne einschränkende Autorität aber nur noch sinnlos und ausweglos erscheint, denn schließlich misstrauen wir seit Kant zuerst den religiösen Urhebern der abendländischen Moralkategorien, heute, mehr noch, der mit irrationaler Vehemenz verdorbenen Narration aus den inflationär wachsenden Zirkeln selbsternannter Vordenker. In diesem Zusammenhang wird rasch klar, welches z.B. die Bausteine sind, von denen penetrant behauptet wird, sie gehörten in unser kulturelles Fundament, und wie billig es ist, eine willkürliche Unterscheidung zu treffen, zwischen unseren angeblich ins Weltliche gewandten moralischen Grundlagen und solchen ‚fremden‘, deren Verweltlichung vielleicht nie ganz gelingen möchte, weil wir eben aus Erfahrung wissen, dass unsere eigene eventuell doch nicht ganz abgeschlossen sein könnte.

Das Problem bleibt doch: Durch unsere derzeitige Gesellschaftsübereinkunft ist die Möglichkeit, offen über individuelle Unmenschlichkeit zu reden, wohlfeil – nicht aber über strukturell bedingte. Denn das würde zugleich bedeuten, sich den Menschen so zu denken, dass er aus eigener Kraft gut und verantwortlich und human sein kann, also im besten Sinn aufgeklärt. Was meinen dann aber die fortgesetzten Appelle, zunehmend eigenverantwortlich einzustehen, für essentiell nur gemeinschaftlich zu bewältigende individuelle Daseinsaspekte wie Krankheit, Alter, Schutz vor psychischer und physischer Gewalt in der Gemeinschaft? Und man kann nicht behaupten, es bliebe bei Appellen, wenn einem großen Teil der Gemeinschaft immer deutlicher vor Augen geführt wird, dass man seine Menschenrechte für ein verzichtbares Privileg hält.

Dass heute unter unseren bekannten Vorbetern fast niemand mehr dazu in der Lage ist, sich selbst Unmenschlichkeit oder auch nur Unehrlichkeit einzugestehen, ist es verwunderlich? Die skandalösesten Minarette sind nicht solche, die Einwanderer bei uns bauen möchten, weil sie hier eben ganz und gar angekommen sind, sondern jene, alles überragenden, der öffentlichen Meinungsmacht, von denen herab es aus bürgerlichem Mund in hoher Auflage, dauernd und kaum widersprochen, chauvinistische, rassistische und sozialdarvinistische Kotzbrocken hagelt.

Warum wurde es nötig das antike Terrenz-Zitat so zu wandeln? Um den ursprünglichen Subtext ohne dessen christlich dogmatische Kategorisierung und seine unwiderruflich in den Alltag geätzte materiell- pragmatische Konnotation wieder in eine humane Gedankenlinie zu zwingen? Manch einer mag schon eine zweite Epoche der europäischen Aufklärung am Horizont erblickt haben. Erst die Grünen mit ihrem bürgerrechtsbewegten Echauffement, das sie längst aufgegeben haben, jetzt die Piraten mit einer mittelständischen Euphorie für eine Kulturtechnik, der man ganz einfach den Stecker rausziehen kann. Das eigentlich Inhumane, die bewusste Teilnahmslosigkeit, die wenigstens vorübergehend doch auch ohne spezielle Kulturtechnik wieder Namen und Adresse bekommen müsste, bleibt in dieser Form der öffentlichen Wahrnehmung obskur. Gläubigen steht das Tabernakel wenigstens zur heiligen Kommunion offen, nicht so den Aufgeklärten, die der Weihrauch genauso betört. Die Gedanken sind frei, denken die Gläubigen weiter im Stillen. Das kann sich aber ganz schnell ändern, sollten wir zurückblickend sagen, denn:

Ich bin die Wange und der Streich,
Ich bin das Messer und die Wunde,
Glieder und Rad zur selben Stunde!
Opfer und Henkersknecht zugleich!

(Aus Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen, deutsch von Max Bruns, vorletzte Strophe des Gedichts mit dem Titel L’Heuautontmoroumenos, der Selbsthenker. So heißt auch das Stück aus dem unser Zitat stammt von dem wahrscheinlich libyschen Sklaven, dem sein römischer Herr Bildung und die Freiheit gewährte, Publius Terenz Afer, der Afrikaner war und Römer wurde.)

Dass wir modernen ‚WandlerInnen‘ eine Korrektur des Terenz-Zitats überhaupt für notwendig erachtet haben, spricht vernehmlich von unserer Kultur des Verschweigens und allererst davon, wie unfrei wir so kurz nach der europäischen Aufklärung immer noch oder schon wieder geworden sind, wir und unsere Gedanken – dialektisch betrachtet. Warum ist die Ontogenese der Interpretation so bezeichnend für den medialen Akt, der bisher noch nach jedem kaum mehr zu vertuschenden öffentlichen ‚Fehltritt‘ in den Reihen der Bourgeoisie, scheinbar reuelose Selbstbezichtigung bedeutete? Weil wir allem Anschein nach die eigene Verantwortlichkeit für den schlechten Zustand der Menschlichkeit in der Welt, nach der Aufklärung als genau genommen humane Kategorie ablehnen. Abhilfe schafft für den einen sein reaktionäres Glaubenwollen, den anderen möge hoffentlich die Göttlichkeit dieser menschlichen Komödie retten – Homo sum!

Wikipedia Link zu Publius Terentius Afer

Solon Geflüster

 Aufgeschnappt beim Ökobäcker, En passant  Kommentare deaktiviert für Solon Geflüster
Nov 012011
 

594 v.u.Z., Solon, der Athener und Spross einer Adelsfamilie, lässt die Schuldenknechtschaft abschaffen. 2011, Papandreou, Präsident der Sozialistischen Internationale, lässt sein Volk abstimmen ob es in der Schuldenknechtschft bleiben möchte. Es besteht noch Hoffnung, dass die Demokratie ein Erfolgsmodell wird, wenigstens in Griechenland.

Im gleichen Jahr kürt Helmut Reyno-Schmidt in der BRD den gemeinen Steinbrück zur Dohle der SPD. Ein bisschen Kapitalismuskritik und ein bisschen Verständnis für Proteste machen hierzulande Partei übergreifend schon ein auroröses Aufsehen. In der Süddeutschen wird aufgedeckt, wo das Schachbrett falsch herum steht; in der ARD faselt der Europa-Korri von den Grenzen der Demokratie, und der teutsche Michel setzt beunruhigt die Zipfelmütze auf und sinkt in einen tiefen unruhigen Schlaf, aus dem er in einem Alptraum von der Warenknappheit in der sozialistischer Planwirtschaft erwacht.

Der Alte, der vom Apfelbaum fiel

 Länger, Zukunft  Kommentare deaktiviert für Der Alte, der vom Apfelbaum fiel
Aug 292011
 

Man wird vielleicht nicht geneigt sein die Klasse der Irrtümer, für die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder besonders bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der ungleich wichtigeren Urteilsirrtümer der Menschen im Leben und in der Wissenschaft auszudehnen. Sigmund Freund, Zur Psychopathologie des Alltagslebens, X. Irrtümer

Ben und Juno

„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Er ist von der Leiter gestürzt und hat sich das Genick gebrochen,“ hauchte er ihr ins Ohr. Sie saß halb aufrecht an einen Stapel bunten Kissen, den ihr blauer Plüschelefant krönte und gähnte ungerührt in den Rokkokorahmen aus Styropor an der Fußseitenwand. Auf der ultraflachen Folie im Rahmen lief ein Beitrag über die Gewinnerin des „Balkony Vegetables Award“ im Kiez-News-Kanal KiezChanalONE. „Du pirschst dich völlig unnötig an. Ich habe Kopfschmerzen.“ Er versuchte es mit Ohrläppchen knabbern. Sie kicherte, „ach lass jetzt mal, ich möchte das sehen. Oder du erzählst mir von dem alten Zausel auf der Leiter.“ Das Close Up der glücklichen Gewinnerin war wie durch eine Kippschalterblende vom Display verschwunden. Die changierenden Muster der den Rokokorahmen umgebenden Schlafzimmertapete zierten das Display: 21, 22, 23 – eine Werbung pries die Unentbehrlichkeit eines patentierten Balkonbewässerungssystems an, welches Schnellentschlossene für schlappe 12.000 Taler in der örtlichen Warenausgabestelle bitte selbst abholen möchten. Tapete: 21, 22, 23 – eine beliebte Public Information Managerin mit beachtlicher Oberweite erklärte die aktuellen Wasserpreise. „Du bist süchtig“, sagte er in feststellendem Tonfall, „darum ziehst du dir diesen absoluten Schrott rein.“ – „Die Umsonstkanäle haben einen allgemeinverständlichen wahren Kern, Herr Wachtmeister.“ – „Uuhf, du suchst Streit?“ Sie antwortete mit einem Gähnen. Er stand plötzlich auf und wollte pinkeln gehen. Dann überlegte er es sich spontan anders, schlüpfte in die Hosen, die an seiner Seite vor dem Bett lagen. Der Reißverschluss seiner marineblauen Joggingweste sang eine kurze gekränkte Koloratur und im nächsten Moment schlug die Wohnungstür zu. „Auch gut“, seufzte sie. Dann befahl sie: „Ton aus.“

Der Auflauf

Der morgentliche Verkehr vor der Ökobäckerei war zum Stillstand gekommen. Im Straßenengpass einer kleinen Halbinsel der verkehrsberuhigten Nebenstraße hatte sich eine Traube mit Sensationslustigen gebildet, die in mehreren Sprachen die unmittelbaren Auswirkungen eines lange virulenten Machtkampfs zwischen einer Kleintierhalterin und einem mittellosen Straßenfreiraumbewirtschafter kommentierten. Die Frau war eine kiezbekannte Sexarbeiterin, deren Alter man wegen der konsequenten und regelmäßigen Investition in die Schönheitsreparaturen ihrer Fassade schwer schätzen konnte. Ihre Konjunktur hatte nach allgemeiner Auffassung jedoch den Scheitelpunkt bereits überschritten. Aber in besseren Zeiten war ihr die Beletage des Gründerzeithauses zugefallen, wo sie lebte und arbeitete, seitdem ihr letzter Agent unter bis heute ungeklärten Umständen aus dem Leben geschieden war. Ihrer Spezialität seien Rollenspiele, erzählte man sich beim Kaffee und überlegte, wer sie mal beerben würde. Sie nannte sich Hedy und war auch Skorpion. Ihr 14 jähriger Cihnchilla, der von einem Spatenschlag niedergestreckt in einer Blutlache auf dem großblättrigen, von einer Pilzkrankheit befallenen Laub einer Einlegegurke ausgestreckt lag, hörte normalerweise auf den Namen McCarthy. Hedy hatte dem Straßenfreiraumbewirtschafter, der über ihr im zweiten Stock zur Miete wohnte, die Mordwaffe entwunden und drohte mit dem Gartengerät wiederholt, ohne das weiteres Blut geflossen wäre, zunächst gegen seine Weichteile und dann gegen sein graumähniges Haupt. Der Mann sah ein, dass er etwas Unrechtes getan hatte und sank vor Hedy oder mehr noch vor den Zuschauern winselnd auf die Knie. Schließlich konnte man nie wissen, ob nicht eine Murdoch-Drone vor der Dachkante summte. „Wie fühlen Sie sich und was werden sie jetzt tun?“ Otto, der kleine Reporter des Kiezkanals, der auch im Winter Sandalen ohne Socken trug, kam aus der Ökobäckerei geschlendert. Seinen Morgenkaffee im Pappbecher balancierend stellte er die Interviewfrage mehr, um dem Image des Reporters zu genügen. Er hatte nicht nur kein Equipment dabei. „Ach schon gut. McCarthy war alt und hatte Asthma,“ blaffte ihn die Geschädigte an. In der Menschentraube wurde übersetzt. Ein Lieferant, der schon ewig hupte, ließ den Motor im Leerlauf heulen. Die Traube löste sich kopfschüttelnd über soviel Herzlosigkeit gegen die geschundene Kreatur, die auf Gurkenblättern in ihrem Blute lag, auf. Eine ältere Dame mit echten Perlenohrringen bedauerte, dass es in der näheren Umgebung keinen einzigen asiatischen Imbiss mehr gäbe. Ohne Bild und Tonmaterial war das Ereignis dem Kiezkanal immerhin eine bunte Meldung in den Mittagsnachrichten wert: McCarthy ist tot. Hedys kleiner Nager, der wegen seines Asthmas zuletzt oft sehr heiser gewirkt hat, wurde heute Morgen von Schlappen-Jürgen, dem ersten Preisträger des letztjährigen Balkony Vegetables Award mit einer grünen Gartenschippe der Marke ‚happygarden‘ erschlagen. Wir von KiezChanalONE meinen, Jürgen sollte Hedy dieses Jahr seine ganze Gurkenernte als Wiedergutmachung zahlen, auch wenn Hedy unbestätigten Berichten zufolge sowieso vorhatte, McCarthy einschläfern zu lassen. O-Ton Jürgen: „Das Problem is nur, dass da nich eine Einlegegurke mehr wachsen tut. Der verdammte Pelzkragen  hat meine schöne Gurke erst abgenagt und dann totgepisst. Ick hab doch selbst nicht jenuch zu Fressen.“ – „Tja Hedy, tröste Dich. Die Sauregurkenzeit kann nicht ewig dauern“, kommentierte der Moderator spontan und sprach sich damit insgeheim selber Mut zu.

I’m not that Child

Ariel war fast 40, Lehrer und fuhr mir dem Fahrrad zur Schule. Die Mappe, mit den 32 kläglichen Aufsatzversuchen darin, baumelte an einem  ledernen Tragriemen, der einen rosaroten Striemen in seinen Hals schnitt, über seiner rechten Schulter anstatt, wie vorgesehen, etwas oberhalb des Gesäßes die empfindsamen Nieren zu bedecken, die ansonsten nur noch ein graues T-Shirt mit einer 10 über der leichten Bauchwölbung und einem riesigen X auf dem Rücken beschützte, sowie ein gepflegtes aber altes waidblaues Jackett – halb Seide halb Leinen, das oft bedenklich im kühlen morgendlichen Fahrtwind flatterte.   Ariel hatte dem israelischen Wehrdienst den deutschen Schuldienst vorgezogen und korrigierte Rechtschreibung und Interpunktion entgegen der Vorschrift mit einem goldenen Paintballkuli.

Lisbeth, das 17 jähriges australisches Mädchen mit den dicken braunen Haaren, die beste Schülerin in seinem  Deutsch-Leistungskurs, ist nach mehreren geheimen Liebesnächten von ihm schwanger. Als ihre Leibesfrucht unübersehbar wird, treffen sich beide in einer blaue Stunde. An dem kleinen etwas abseits liegenden Cafèhaustisch vor der Ökobäckerei tuscheln und lachen und erwägen sie gedämpft die Zukunft, ihre, ob sie gemeinsam werden wird, und die der kleinen Elsa, die in Lisbeth wächst.

„Sie heißt auf jeden Fall Elsa“, sagte Lisbeth und band ihre dickes braunen Haar hinter sich mit ein paar bunten Schnippgummis zu einem Pferdeschwanz. „Mein lieber Schwan, klingt irgendwie ziemlich germanisch“, witzelte Ariel. Lisbeth kam ihm plötzlich vor wie ein Kind und er malte sich aus, was man über Lisbeth und ihn denken würde. „Wenn Elsa da ist, werde ich 18 sein“, sagte Lisbeth, als hätte sie seine Gedanken lesen können. „Wir sollten Heddy und Jürgen fragen, ob sie nicht Taufpate werden wollen“, schlug Ariel in künstlich sachlichem Tonfall vor, „und meine Schwiegermutter laden wir aus.“ –  „Elsa soll sich das selber aussuchen, ob oder an was sie glaubt. Kindstaufe kommt nicht in Frage“, erwiderte Lisbeth. Gerade hatte sie genug davon, dass Ariel sie mit seiner Witzelei aufmuntern wollte. Es gab nämlich keinen Grund zum Aufmuntern, Lisbeth fühlte sich ganz gut, sogar mit der Stimmungsschwankung in der Schwangerschaft kam sie zurecht, besser als sie befürchtet hatte. nachdem ihre Mutter ihr wieder und wieder vorgekaut hatte, was sie selbst für Stimmungsschwankungen hatte, als sie mit Lisbeth schwanger ging.

Ihre Mutter war zwar noch deutlich älter als Ariel, aber eines hatten sie gemeinsam: dass sie ihr nicht zutrauten, mit der Situation klar zu kommen. Diese Mischung aus lauter Sorge, immer noch über sie bestimmen wollen, als sei sie ein Kind, und dem demonstrativen ‚Alles wird Gut‘ Gerede, ging Lisbeth bei beiden fürchterlich auf die Nerven. Ihre Mutter hörte nicht auf, Liesbeth nach den Namen des ‚Erzeugers‘ zu löchern. Wenn Lisbeth bei solchen Gelegenheiten ganz erwachsen argumentierte, fand sie sich selber albern, denn sie fühlte sich als Kind, als Schülerin, als Gott sei Dank überhaupt noch nicht so erwachsen. Und gleichzeitig fand sie sich viel weniger kindisch, als ihre Mutter wirkte, wenn sie das Wort ‚Erzeuger‘ benutzte.

Lisbeth war nicht die einzige, die als Teenager ein Kind erwartete. In der Schule gab es noch zwei Mädchen, eine hatte schon mit 15 ihr Kind bekommen und ging weiter zur Schule. Der Vater war bekannt – ein gleichaltriger Schüler, der inzwischen schon wieder eine andere Freundin hatte. “Alle scheinen das normaler zu finden, wenn das Mädchen den Vater irgendwie blöd und verantwortungslos finden kann“, überlegte Lisbeth laut. Darum hatte sie  bisher standhaft Ariels Vaterschaft verschwiegen. Und dem schien das ganz lieb zu sein, wenn sie diese Show weiter abzogen, bis das Kind da war und die Lisbeth offiziell volljährig. Das machte Lisbeth jetzt traurig, aber man merkte es ihr nicht an. „Du könntest doch schon mal anfangen, eine größere Wohnung zu suchen. Deine ist für das Baby und mich zu klein. Meinst du nicht auch, Erzengel?“

Fortsetzung folgt innerhalb dieses Postings. Also am besten Feed einrichten,
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Vorwort zu einer Selbstreflexion

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Mrz 102011
 

Wenn es jenseits von Herkunft und Zugehörigkeit, jenseits von traditioneller Familienstruktur und Kastenzugehörigkeit Freiheit geben soll, darf gerade der Begriff  „Nation“ keinerlei Bedeutungsmacht mehr haben, die die Herrschaft des Menschen über den Menschen und die belebte Natur rechtfertigen würde.

Die Nation und die angemaßten Rechte, die ihre freiheitsscheuen Lenker nur für sich selbst wollen, sind genauso überkommen, wie es die Nationalstaaten jetzt schon sind – leider ausschließlich auf Grund einer einzigen, weltweit geltenden, rein ökonomischen Prämisse, die freilich nur den Wahn einer so absonderlich legitimierten Vorherrschaft verlängern hilft, die unserm Streben nach Freiheit stets abträglich gewesen ist.

Profitdenken und niemals zu rechtfertigende Übervorteilung jener Menschen, denen wir wegen ihrer Rasse, ihrer Religion, ihrer Wertvorstellungen  die Bildung absprechen, oder einfach deshalb, weil sie eine solche Bildung nicht erlangen möchten, die ihnen von einer sogenannten Mehrheit aufgezwungen ist, die sie nicht selbst mitverantworten und von Herzen ablehnen.

Lasst uns die Ursachen dieses Diktats aufheben. Lasst uns  Profitdenken, Übervorteilung und den Zwang einer inhumanen mörderischen Unterdrückungsordnung endgültig beenden.

Darunter wird eine wahrhaftige Zivilisation zum Vorschein kommen, die diesen Namen wirklich verdienen wird, um sich zum ersten Mal der uns von Anbeginn innewohnenden Entwicklung unserer Selbsreflexionsfähigkeit würdig zu erweisen.

Und lasst uns dann eine Bildung des Herzens gestalten, damit sie vor allem eines bewerkstelligt: Die freie Entfaltung jedes Individuums gemäß seiner eigenen Vorstellungen in einer selbsgewählten Gemeinschaft.

Lasst uns endlich beginnen, ebenso  human zu zu handeln, wie wir zuweilen schon gedacht haben mögen, denn dies allein entspricht der Entwicklungstufe, die wir bereits erreicht haben, indem wir die Freiheit zu denken wagten.

"Vorwort zu einer Selbstreflexion" zitiert aus Ernstrobert Wolf:
"Kalenderblätter im Pluralis Maiestatis" Springfield(Oregon), 2002

Tom and Larry

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Nov 192010
 

Die Sache mit dem Päckchen aus Amerika

Gestern, als ich meine kleines Posting fertig hatte, war ich wieder mal so süchtig, dass ich noch die 2:00 Uhr Nachrichten im D-Funk hören musste. Müde habe ich gelacht, beim ZDF reingeschaut und den Nachtrag verfasst, der die Sache sehr in meinem Sinne abrundete.

Heute wissen wir eigentlich auch nicht mehr – von BILD, die wie immer zuerst mit der Leiche gesprochen haben, dass die greise Mrs. Copello, Großmutter des Inhabers der Frima ‚Larry Copello Incorporated‘, Bombaneatrappen bastelt – und das vermutlich nicht einmal in ihrer Freizeit, also zu ihrem Vergnügen. Denn es handelt sich ja um ein kleines 1979 gegründetes Familienunternehmen mit gerde mal 600.000 $ Jahresumsatz, das die Copellos betreiben. So zumindest kann das jeder im Web recherchieren, woher die meisten der hiesigen Journalisten ihre Erstinformationen wohl auch bezogen haben. Denn sie sind faul und verweichlicht. Und eigentlich gibt es nicht viel mehr, wie gesagt.

Was verkauft nun Larry? Das könnte man grob mit Knarren und Christbaumschmuck umreißen – nämlich Bombenatrappen, Metalldetektoren, Röntgenscanner und „taktisches Zubehör“, was immer das sein mag -Senfgas, Plutonium oder Mormonenbibeln.

Branchentechnisch ist Larrys Inc. jedoch unter den Stichwörtern Elektrische Ausrüstung, Munition, Kleinwaffen, medizinisches und dentalmedizinisches Zubehör sowie Carnival Amusement, Park Equipment, Christmas Tree Lighting Sets, Electric Insect Lamps, Electric Fireplace Logs, und Trouble Lights! (das passt schon) kategorisiert.

Hey Tommi, alter Schlawiner, Carnival Amusement könntest Du vielleicht gebrauchen, wenn Du uns nach Deiner nächsten Ansage wieder bittest, nicht hysterisch zu werden. Und Christbaumbeleuchtung passt doch prima zur Jahrezeit und in die düstere aktuelle Bedrohungslage. Spaß beiseite. Ich fasse zusammen: Am Mittwoch wird von den namibischen Sicherheitsleuten am Flughafen von Windhoek eine Bonmbe gefunden die sich nicht sofort, aber relativ bald als eine Atrappe herausstellt. Denn sie trägt das Label „X-Ray Test Object – non-hazardous“ des kalifornischen Familienunternehmens von Larry.

BILD will heute wissen, dass Larry noch am selben Tag Besuch vom FBI hatte und anhand von Fotos bestätigt hat, dass die Atrappe drei Jahre zuvor von seine Oma gebastelt wurde. Was dann mit der tauben Nuss wurde, wissen wir und BILD auch nicht. Das ist nun Gegenstand der Ermittlungen der deutschen, der namibischen, und vor allem der US-amerikanischen Behörden.

Man darf annehmen, dass sie auch als erste zu einem Ergebnis gekommen sind, denn sie haben ja früher angefangen, als Deine Leute Tommi. Man darf weiter annehmen, dass sie schon am Mittwoch wussten, dass es sich bei dem delikaten Fund um eine Atrappe handelte und woher diese stammte – und jetzt wollt ihr uns doch nicht erzählen, Tommi und Bild, dass ihr das nicht auch wusstet, weil die Ammis und die Briten bei Terrorermittlungen gerne Versteck spielen: Nein, ich glaube Tommi hats gewusst, und BILD konnte es sich zumindest an fünf Fingern abzählen.

Aber warum wurden die deutschen Sicherheitsbehörden nicht darüber informiert?

Hintergrund: Amerikaner und Briten lassen sich bei ihren Anti-Terror-Ermittlungen grundsätzlich nicht in die Karten schauen. Geheimdienst-Informationen werden trotz 11.-September-Schock immer noch nur sehr zurückhaltend ausgetauscht. Und wenn, dann mit erheblicher Verzögerung. Das zeigt auch das Beispiel der Paket-Bombe aus Jemen. Britische Sicherheitsbehörden hielten Informationen über den geplanten Terror-Anschlag tagelang zurück.

Warum sollten das denn Geheimdiensinformationen gewesen sein, nach dem feststand, dass es sich um eine Atrappe handelte? Es werden wohl gewöhnliche polizeiliche Ermittlungsakten sein, die der Tommi auch gleich gekriegt hat. Die vorläufige Auflösung dieses Plots ist also ein bisschen mäßig: DieCIA war’s, schreibt BILD unter Berufung auf Berliner Schapphutkreise.  Zumindest aber ein westlicher Dienst stecke dahinter. Wenn das gestern Mittag in einem Blog gestanden hätte, würde man es dementiert haben und für eine Verschwörungstheorie abgetan.

Ehe ich’s vergesse: Larry, seine Oma und die ‚Larry Copello Incorporated‘ haben nicht mal eine Webseite. Google Streetview zeigt eine (vermutlich mindestens drei Jahre alte) Ansicht des Betriebsgeländes. Es gibt auf dem Pnorama-Bild auch kein Firmenschild, obwohl die Firma ja seit 1979 existieren soll. Die Nachbarschaft sieht nicht sehr bewohnt aus, es ist also wohl ein Gewerbegebiet. Vielleicht sind sie ja erst vor drei Jahren dahin gezogen. Was es dort aber gibt,  sind viele mexikanischen oder südamerikanische Namen. Vermutlich beschäftigt Larry die Einwanderer, vielleicht auch arme Teufel ohne Papiere. Kleine Unternehmen in Kalifornien sind für ihre Großzügigkeit gegenüber Beamten bekannt aber auch sehr einfallsreich darin, Zoll und Emigrantionsbehörde hinters Licht zu führen. Die Staatsangestellten werden alle sehr mies bezahlt. Das steht euch hier auch noch bevor, werte Staatsdiener.

Der Umzäunung nach zu urteilen, die das Areal umgibt (sowas sieht man sonst vor US-Millitäranlagen), würde ich, wenn schon, dann auf NSA tippen, und nicht auf CIA. Das Tor stand sperrangelweit offen, als NSA-Ableger Google seine Fotos schießen ließ. Ja Entschuldigung, ein bisschen Verschwörung muss schon dabei sein bei dieser langweiligen Lügengeschichte, Tommi!

Baron Wolfram von Charlottenburg zu Wilmersdorf