Vorwort zu einer Selbstreflexion

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Mrz 102011
 

Wenn es jenseits von Herkunft und Zugehörigkeit, jenseits von traditioneller Familienstruktur und Kastenzugehörigkeit Freiheit geben soll, darf gerade der Begriff  „Nation“ keinerlei Bedeutungsmacht mehr haben, die die Herrschaft des Menschen über den Menschen und die belebte Natur rechtfertigen würde.

Die Nation und die angemaßten Rechte, die ihre freiheitsscheuen Lenker nur für sich selbst wollen, sind genauso überkommen, wie es die Nationalstaaten jetzt schon sind – leider ausschließlich auf Grund einer einzigen, weltweit geltenden, rein ökonomischen Prämisse, die freilich nur den Wahn einer so absonderlich legitimierten Vorherrschaft verlängern hilft, die unserm Streben nach Freiheit stets abträglich gewesen ist.

Profitdenken und niemals zu rechtfertigende Übervorteilung jener Menschen, denen wir wegen ihrer Rasse, ihrer Religion, ihrer Wertvorstellungen  die Bildung absprechen, oder einfach deshalb, weil sie eine solche Bildung nicht erlangen möchten, die ihnen von einer sogenannten Mehrheit aufgezwungen ist, die sie nicht selbst mitverantworten und von Herzen ablehnen.

Lasst uns die Ursachen dieses Diktats aufheben. Lasst uns  Profitdenken, Übervorteilung und den Zwang einer inhumanen mörderischen Unterdrückungsordnung endgültig beenden.

Darunter wird eine wahrhaftige Zivilisation zum Vorschein kommen, die diesen Namen wirklich verdienen wird, um sich zum ersten Mal der uns von Anbeginn innewohnenden Entwicklung unserer Selbsreflexionsfähigkeit würdig zu erweisen.

Und lasst uns dann eine Bildung des Herzens gestalten, damit sie vor allem eines bewerkstelligt: Die freie Entfaltung jedes Individuums gemäß seiner eigenen Vorstellungen in einer selbsgewählten Gemeinschaft.

Lasst uns endlich beginnen, ebenso  human zu zu handeln, wie wir zuweilen schon gedacht haben mögen, denn dies allein entspricht der Entwicklungstufe, die wir bereits erreicht haben, indem wir die Freiheit zu denken wagten.

"Vorwort zu einer Selbstreflexion" zitiert aus Ernstrobert Wolf:
"Kalenderblätter im Pluralis Maiestatis" Springfield(Oregon), 2002

Gruß zwischen den Jahren

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Dez 242010
 

Winterliche Landstraße von Rathemow nach Grütz

Eine liebe Freundin verehrte mir vor gar nicht langer Zeit ein kleines Reclam-Bändchen mit Gedichten von Li Tai-bo (李白, Lǐ Bái).

Das war ein sehr kluges Geschenk und ist eine Quelle lang anhaltender Freude!

Dass ich schon lange keine Christ mehr bin, hindert mich nicht daran Weihnachten mitzumachen. Dass ich nicht dass Weihnachten des Konsumterrors und der sentimentalen Besinnlichkeit meine, versteht sich dabei von selbst. Wir, die wir in den Städten leben, sollten jedoch den Mehrwert der kulturellen Vielfalt anerkennen und mit der eigenen beschenken.

Im vergangenen Jahr war davon in unserer reichen Gesellschaft allerdings wenig zu vernehmen – im Gegenteil. Als Gesellschaft sind wir ganz schön auf dem Holzweg! Wenn sich daran im nächsten Jahr nichts ändert, wird sich einiges ändern, was unser ‚Bruttoinlandglück‘ weiter absenkt.

Wir sollten daran gehen, dass es sich nicht weitgehend und langanhaltend verflüchtigt. Wir sollten unsere Sinne schärfen und unsere Herzen öffnen und denen, die guten Willens sind, ein Zeichen geben, dass sie nicht allein bleiben.

Und wir sollten unsere Kompromissbereitschaft nicht gerade von denen missbrauchen lassen, die sich nicht an die Verträge halten, die sie immer noch mit uns geschlossen haben – mehr noch: Wir sollten nicht zulassen, dass die Macht der guten alten Willkür sich in naher Zukunft nur noch in der Willkür der kurzsichtigen neuen Mächtigen entäußern kann!

In diesem Sinn wünscht der AgenturQuerulant! allen Leserinnen und Lesern schöne Feiertage und eine fröhliche Konversion in das Jahr 2011 unserer Zeitrechnung!

Von den Wagen, den großen, steigt weiterhin wirbelnder
Staub auf,
Dass am hellichten Tag düster sind Heerweg und Zeil.

Wenn des Hofes Eunuchen gewogen, hat Goldes die
Fülle;
Vielgeschossig sein Haus, bis an die Wolken getürmt.

Just am Korso begegnete mir ein Kampfhahnbesitzer.
Welch ein Funkeln sein Hut! Welch ein Geflimmer sein
Schirm!

Schon eine Niesen genügt, dass ein Regenbogen sich
bildet;
Und verängstigt-erschreckt weichen die Fußgänger aus.

Ach uns fehlt jener Greis, der Versuchungen sich
aus dem Ohr wusch!
Heiliger oder Bandit – wer unterscheidet sie heut?

Aus "Li Tao-bo |GEDICHTE übersetzt von Günter Debon,
neu durchgesehen von Rainald Simon,
2009, Stuttgart,Philipp Reclam jun.

Graumanns dringlichstes Vorhaben zur Zeit

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Jul 202010
 
Für Jürgen

Rico, einen hübschen dürren jungen Mann, der seine Lehre als Bauschlosser gerade beendet hatte, lernte Graumann 1984 in einer Münchner Disco kennen. 1992, als er schon wieder in Berlin lebte und nach München fuhr, um einigen alten Freunden seine Aufwartung zu machen, begegnete Rico ihm in einem Café an der Freiheit. Er war stattlich geworden, kam auf Graumann zu, aber er erkannte ihn offenbar nicht. Er bat um eine Zigarette. „Rico“, fragte Graumann, „erkennst du mich gar nicht?“ – „Zapperlot“, sagte Rico, „der Berliner kommt uns mal besuchen.“

Sie kamen anfangs nur schwer ins Gespräch. Rico erinnerte sich, dass er noch ein Buch von Graumann hätte, Kisch: ‚Der rasende Reporter‘. Daraus gefiel ihm besonders die Geschichte ‚Die Weltumseglung des A Lanna 6‘. Das ist eine Geschichte über ein Flussschiff, das von Prag über die Nordsee nach Pressburg schippern soll. Sie steht in dem Band ganz vorn.

Graumann wusste genau, dass er dieses Büchlein erst 1992 erworben hatte, dass es in seinen Bücherregalen in Berlin steht, und er es auch niemals einem flüchtigen Bekannten geliehen hätte, also sagte er: „Das musst du wohl von jemand anderem haben.“ Rico bezweifelte das und war sichtlich geknickt. Graumann dachte, warum hast du das jetzt gesagt? Das war vollkommen überflüssig. Ihm fiel ein, dass ihm Rico damals, vor Jahren, erzählt hatte, sein wichtigstes Vorhaben sei es nicht etwa klüger zu werden, sondern freundlicher. Graumann, der sich durch den Altersunterschied von knappen 5 Jahren für welterfahrener hielt, riet ihm, nicht zu verschwenderisch mit seiner Freundlichkeit umzugehen.

Wie sich 1992 herausstellte, hatte sich Rico nicht an Graumanns Rat gehalten, denn er lud ihn in einem Biergarten in Feldmoching zu einem opulenten zweiten Frühstück mit Weißbier und Wurschtsalat und weißem und rotem Pressack, Radi und allem, was eben so dazu gehört, ein. Am Abend saßen sie immer noch da und waren vom Weißbier hacke. Rico brachte Graumann mit seinem alten BMW trotzdem noch zurück nach Haidhausen, wo er beim ‚Brummel‘ untergekommen war, von dem Graumann auch schon ewig nichts gehört hat.

Kürzlich erfuhr Graumann, dass der Rico Anfang Juli auf der Landstraße mit seinem BMW gegen einen Baum gefahren ist. Er war sofort tot. Gerne würde Graumann lernen, einmal so verschwenderisch mit seiner Freundlichkeit umgehen zu können, wie der Rico oder der Brummel.

Die Parabel vom Resonanzschädel und dem runden Feld

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Jun 292010
 

Für meinen Freund Kolja und für die Berliner Band „Populäre Mechanik“

Der Vektor Zeit ist in anderen Räumen verzichtbar. Eine unvorstellbare Erkenntnis. Erkenntnis deshalb , weil sie subjektiv ohne Erklärung bestehen kann. Dennoch: In diesem Raum, gerade weil hier Zeit existiert, bin ich bemüht eine Hinterlassenschaft zu organisieren, um mich und meine Vorstellung von dem, was hier ist, fortzusetzen. Über den Zeitpunkt meiner physischen Existenz hinaus.

Eudaimonie

Das Elend der Welt ist in den Griff zu bekommen.
Der Lernwillige glaubt daran.
Und er will von keiner Entgegnung wissen,
Er litte unter Verfolgungswahn.

Er war es nicht!
Er hat die Dämonen nicht
Gegen andere geschleudert,
Ihm fehlte ein Gegenüber.

Er sieht die Welt mit fremden
Wie mit eigenen Augen:
Damit sie eingeordnet werden kann.
Aus purer Bequemlichkeit!

So mag der Lernwillige sein.

Wenn die Nacht gekommen ist, wird der Wind schärfer. Dann klopft der Lernwillige an die winzigste aller Klosterpforten. Man öffnet ihm alsbald, geleitet ihn ohne Aufschub zum Prior; der fragt den Angekommenen, was er wolle. „Ich suche. Wie finde ich Einlaß in eure Gemeinschaft?“ Der Prior schickt ihn weg. „Wisst ihr überhaupt, wohin ihr mich da schickt?“ – „Dein Zuhause kenne ich eben so gut, wie du unser Kloster“, antwortet der Prior.

Der Lernwillige weint und darf einige Tage im Kloster verbringen. Seine Erinnerung bricht jedesmal an der selben Stelle ab: bei der Entgegnung des Priors. Die Tage im Kloster sind ihm nicht erinnerbar. Was er gegessen hatte, wie er gekleidet, mit wem er sich unterhalten- nichts erinnerbar, nichts, nichts, nichts, außer der Gewißheit, dass er dort war. Präzise Erinnerung ohne Madelaine-Effekt.

Er summt vor sich hin , wie es in seinem Resonanzschädel blüht, nein wuchert.

Oregami, Oregami, O_RE_GA_MI! Entweder ein Phantasiewort oder eine Lautkombination, die irgendwann im Verlauf von 50 Jahren- zunächst als Musik ihren Eingang in den Reigen der Assoziationsmöglichkeiten gefunden hat. Aber reicht nicht das Gedächtnis länger zurück als sein Entstehungsdatum oder das seines Eimers? Oregami betont auf der vorletzten Silbe.

Oregami resoniert tröstend. Oregami, Oregami, Schlaf ein, mein Kind!

Oregami ist ein Hirngespinst. Die Gerwissheit, die ich durch Anspannung erlange, bringt weitere Anspannung. Sie muss eine momentane Gewissheit bleiben. Sie täuscht kurz und enttäuscht länger. Gewissheit, die mir zufällt, bleibt aus, solange ich nicht an sie glauben kann. Woher soll mir also Gewissheit kommen?

Oregami.

Dem Weisen ist die Weisheit zugefallen. Entspannt und gläubig und gewiss. Er erlangt sie nicht, sie bedarf weder seiner noch anderer Anstrengung, um zu sein. Zufall,  Geometrie, Gewissheit. Der Lernwillige, der ein kreisrundes Feld bewirtschaftet, das er selbst präzise kreisrund angelegt hat, wird wissen, dass sein Feld kreisrund ist. Und doch will er sein Feld aus der Entfernung betrachten, um es glauben zu können.

Der Lernwillige, der die Aussaat einfältig dem Wind überlassen hat, muss sich nicht entfernen, weil er am Resultat des Lebens gar nicht zweifelt. Schauen beide nun aus der Entfernung auf ihr kreisrundes Feld, so kann ihre Freude darüber durchaus gleich groß sein. Der erste freut sich, dass ihm gelang, was er vorhatte – letzterer, darüber, dass sein Feld rund geworden ist. Beider Freude speist sich aus der gleichen Quelle. Ihr Wasser durchtränkte beider Feld, gleich wer, gleich wie es angelegt.

Graumanns kleine Rempelei

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Dez 312009
 

Leider den Namen des Photographen vergessen!

Händel, Concerti Grossi, op.3 Nr. 1, 2. Satz, Largo

So ein milder November ließ nichts Gutes ahnen. Draußen wurden die Tische vor den Cafes wieder aufgestellt, ein Segen für die Raucher. Die blaublühende Hortensie auf dem Hof hatte ihr Laub vor drei Wochen fallen lassen und fing an auszutreiben. Alles war eben durcheinander.

Grauann wurde getrieben von der Vorstellung, dass in seiner Kindheit etwas schiefgelaufen sein musste. Er konnte es nicht beweisen, niemand erinnerte sich daran oder wollte sich erinnern, eigentlich auch er selbst nicht.

Er wusste, dass man daüber besser nicht reden sollte, denn das war so ein Kram; und vielleicht war ja auch doch alles in Ordnung gewesen.

Als Franz knappe drei Jahre alt war, wurde immerhin die Berliner Mauer gebaut. Gar nicht gut. Denn die Großeltern, welche das Kind mit seinen großen blonden Locken nach anfänglichem Zagen doch zu sich nahmen während ihre ledige Tochter bei Kleinbürgern, wie sie selbst, Böden schruppen ging, waren auf einmal über Nacht nicht mehr erreichbar. Dem Jungen wurden bei einem Schöneberger Herrenfriseur am Bülowbogen die Locken abgetrennt, aus modischen Gründen damals sehr verständlich. Aha, die Locken, das war schon einmal so eine Sache, niemand wusste genau wie das abgelaufen war, und die einem bereitwilliger Auskunft gegeben hätten, weil sie beim Anblick des erwachsenen Franz auch immer noch das lockige Kind vor dem inneren Auge sahen, waren längst alle tot.

Franz Graumann ging die Straße entlang und betrachtete sorgsam die Auslagen der neuen Geschäfte in der Straße seine Kindheit. Er wohnte schon wieder und immer noch dort. Ein kleiner Kiez mit akzeptabler Mischung aus alt, jung, reich, arm, von hier und nicht von hier. Die Geschäfte hatten lange leer gestanden. Während der abrisswütigen 70ger übernahmen Studenten und soziale Initiativen die ehemaligen Milchläden, Bäckereien, Schumacherstübchen, Drogerien, zogen ein, wohnten, arbeiteten und blieben dort. Kinder wurden gezeugt und großgezogen in den Ladenlokalen. In den 80gern gab es ein paar besetzte Häuser und ein Ökobäckerkollektiv gesellte sich hinzu. Nacheinander beseelten türkische, arabische, polniche und russische Gewerbetreibende das kleine Dorf zu Füßen des preußischen Schlosses.

Graumann hielt sich für einen anpassungsfähigen Ureinwohner. Er empfand das Neue, ob aus Anatolien, Beirut, Teheran, der Westbank, Warschau, Moskau, Minsk, Kuba, Madrid, Aserbaidschan oder Hintertupfingen als Bereicherung, solange es ihm nicht auf die Füße trat und seinerseits Respekt vor dem Älterwerden und der Ureinwohnerschaft zeigte. Er stand ein für die Einhaltung ungeschriebener bewährter Höflichkeits- und Abstandsregeln, die er selbst in einer Zeit gelernt hatte, da man sich das Leben nicht schwerer zu machen wünschte, als es für arme Leute ohnehin schon war. Man musste versuchen in jedem Augenblick freundlich zu sein und dem Anderen seinen Platz zu lassen, nur so war der Alltag zu bewältigen. Und es gab ja unglaublich viel Platz.

Suzanne takes you down to her place near the river .. for she’s touched your perfect body with her mind. Leonard Cohen, live

Mit dem runden Tisch unter dem rechten Arm bewegte er sich vorsichtig in Richtung Nest. Er hatte ihn im neuen Großtrödel der Stadtmission erstanden. Dort, wo bis in die 70ger ein Supermarkt der ehemaligen Hofliferanten Gebrüder Manns gewesen. Davon zeugte an der Fassade noch die auf schwarzes Glas geäzte Firmenschrift. Er hatte die Hälfte des Weges in Gedanken an die Wohnzimmereinrichtung seiner Großeltern und in heller Freude über das gut erhaltene Möbel zurückgelegt, als ihm eine junge deutsche Frau mit verhärmtem Gesicht, entgegenkam, die keine Anstalten machen wollte einen winzigen Schritt von ihrem Kurs abzuweichen. Er wollte sie weder umrunden noch umrennen und machte sich dünn. Dennoch stieß er dem erbeuteten Tisch an einem Fahrrad eine Delle ein. Er war wütend. Zwei Meter nach der Begegnung rief er ohne sich umzudrehen:

“Blöde Kuh.”

“Selber blöde Kuh”, antwortete das verhärmte Frauengesicht hinter ihm leise. Sie tat ihm leid, und dennoch er hätte ihr am liebsten eine geknallt. Wie ist mein Leben nur geworden, dachte er.

“Und das Schlimme ist, selbst diesen niederträchtigen Text hat er sich noch abringen müssen”, sagte einmal eine Kollegin, die vor anderen Kollegen über einen abwesenden unverpaarten kinderlosen Kollegen herzog, weil er abwesend, unverpaart und kinderlos war.

Morgens – die gewohnten Verrichtungen, der Wasserfilter ist auszutauschen, das ist periodisch. Alles wiederholt sich ständig, besonders die Dummheit. Und es vergeht die Zeit während ein genau abgestimmtes Prozedere abspult, das durch Arbeitszwang in die Alltagsmatrize eingeäzt wurde, wie die Friemenschrift auf’s Glas – damals, als ein Tag manchmal um 6 manch mal um 0 Uhr begann. Du weiß schon, dass du heulen wirst, sobald du dich hinsetzt, um die erste Tasse Tee zu trinken. Wenigstens war heute im Ablauf bis jetzt kein Fehler passiert, nichts umgekippt, ausgelaufen, übergekocht. Der Lärm auf dem Schulhof, der eine störende fremde Zeit repräsentiert, die der Hoffnung auf eine menschlichere Gesellschaft hohnspricht, erwartet mich schon, sinnierte Graumann.

Alles war auch früher so aber nicht so regelmäßig. Heulen ist erleichternd. Schlimm, wenn ausgerechnet das aus der Unablässigkeit der Wiederholung abhanden kommen würde. Es gab einmal eine Kultur des männlichen Weinens. Im Barock war sie noch stilisierend und rituell, in der Romantik schon erzwungen und verkitscht in den 70ger Jahren des 20 Jahrhunderts eine Mischung aus Ritual und Kitsch.

Es gilt, das barocke, das ungehemmte, befreiende Flennen zu rekultivieren, auf eine neue Stufe zu führen, die der Ansicht gleicht, durch den intellektuellen Akt einer Umdeutung der Trauer in die Befreiung von der Trauer, erhöben sich Trotz, Mut und Freude zu einer an kollektiver Leiderfahrung gereiften… “Conditio humana”, stammelte er auf der Staße vor sich hin.

Dieses morgentliche Weinen ist ein anderes, als das beim Wiedererkennen allgemeiner Wehmut – wenn ein Freund dir einen youtube link schickt mit “Streets of London”. Aber wenn du ausgeheult hast, ist es der selbe intellektuelle Akt der Umdeutung, der dich Freude spüren lässt über deinen Entschluss die Trauer nicht hinzunehmen.

Stürmisch bewegt. Mit größter Vehemenz, 2. Satz, Simphonie Nr. 5, cis-moll, Gustav Mahler

Ich höre wutschnaubend den verachtungswürdigen Widerspruch der Lessefairisten, die mir ohne auf das allgemeine Älterwererden zu achten, unterschiedliche Bedürfnisse vorauszusehen, vor der Nase einen Schulhof planten, dessen martialische Lärmemissionen mich Tag für Tag peinigen. Generelle Rücksichtslosichkeit als Erziehungsmaxime entstand im Zeitalter der so gennanten sexuellen Revolution. Was ist daraus geworden? Abscheulicher Lärm, schwule Prüderie, althergebrachte Männerherrlichkeit und beschränktes Ellenbogengehabe von Kind, Weib und Mann. Wenn die Weiber Prügel beziehen, sind sie es selber Schuld. Sie akzeptieren ja das Mackermenschenbild geschlechtsübergreifend, um daraus ein modernisiertes Recht auf vermännlichte weibliche Gewalttätikeit abzuleiten.

Die Entwicklung hätte sein müssen, dass das Militär abgeschaft wird, damit eine höhere Stufe der Menschlichkeit beginnen kann. Stattdessen lassen sich die Weiber drillen wie ihre dämlichen männlichen Artgenossen und entwickeln Selbswertgefühl an der Tatsache, dass sie fähig sind, massenhaft zu töten. Dass das jedem Menschen, gleich ob Mann ob Weib, möglich ist, war bekannt. Es nicht so zu halten und erst recht nicht auf Befehl, den barbarischen Maßstab zu erkennen und abzuschaffen, wäre die Heldentat.

Am Morgen nach dem Weinen und die Erleichterung vergeblich im Herzen bewegend, kommen sie dir entgegen auf der Straße – im Stech- oder Stampfschritt, die gedrillten Muttertiere mit ihrem Orgasmuseinklagerecht, mit ihrem imaginär auf dem dreirädrigen Sportkinderwagen aufgepflanzten Bajonett.

Es gibt keine Rücksicht, es gibt aber Beachtung, wenn einer der Alterzogenen seiner Bedrückung Luft macht. Wie natürlich wird von den millitanten Muttertieren sogleich das “repressive” Vokabular des Ankklägers in eine generelle, alle Selbstkritik ausschließende Gegenklage umgemünzt. “Wie sind sie denn drauf? Sie sollten sich mal schleunigst in eine psychatrische Behandlung begeben.” Woher der Ärger rührt, dass er hier vielleicht nur an der falschen Stelle ausbricht, ist egal. Unbelehrbarer, bekloppter einsamer verbitterter Alter, lautet die kurze unfehlbare Vulgäranalyse. Wenn es der eigene Vater wäre, dürfte man ihn getrost im Pflegheim verrotten lassen.

Dem selben Mann mit seiner alten, fast blinden Mutter wird nicht einen Deut aus dem Wege gegangen, ob wohl das lahme Menschenpärchen schon zehn Meter vor der Begegnung Anstalten macht, die Richtung zu justieren. Der dreirädrige Streitwagen lenkt im Gegenteil auf Kollisionskurs. In dem sich ihnen bietenden Bild zweier Alter fehlen dem jungen Papa oder der jungen Manma der zum Dasein allein legitimierende plärrende, bolzende oder pöbelnde biologische Nachwuchs. Man spürt, da ist etwas nicht so, wie es sein soll. Wahrscheinlich ist es die fremde Phäromonkonstellation, die die Muttis und Vatis fortwährend zu riechen gezwungen sind. Der Unwille oder die Unfähigkeit das eigene Genom in die Welt zu pissen sind den Elterntieren, die sich verhalten, wie es gewünscht wird, ein Indiz für das unberchtigte Dasein eines Artgenossen. Auch Neid spielt sicherlich eine Rolle, denn wer sich nicht reproduziert, hat auch keinen kleinlichen Ärger mit der Reproduktion und ihren zu bändigenden Folgeerscheinungen. Graumann wollte keine Kinder, niemals.

Die Frau mit dem verhärmten Gesicht war kein millitarisiertes Muttertier. Graumann hätte sie ansprechen wollen. Aber die Episode mit dem Tisch lag ihm noch auf der Seele. Er würde sie nicht wiedererkennen, wenn er sie eines verfluchten Tages erneut auf der Starße träfe, es sei denn, sie trüge einen runden 40ger-Jahre Tisch unterm Arm. Er würde ihr anbieten, die Last bis vor ihre Haustür zu tragen, wo immer dies sei. Er würde ihr ein wenig gefallen wollen, ein wenig imponieren mit seiner Großzügigkeit. Und sie, falls sie ihn wiederrerkennen würde, müsste rätseln, ob er vergesslich sei, oder ob es ihm später leid getan hätte, sie blöde Kuh genannt zu haben.

Come scoglio immoto resta…Fiordiligi, Ferrando,, Guglielmo, Don Alfonso, Dorabella, W. A. Mozart, Cosi Fan Tutte, Glyndebourne, 1935, Fritz Busch

Dann die Sache mit Peter Grobian. Er war nicht zu beneiden. Vor etlichen Jahren hatte er seinen Job als Assistent bei einer Grabung in Ägypten verloren. Er liebte Ägypten und deshalb hasste er es nach diesem Ärgernis. Denn Deutschland war sozialkalt und Grobian dümpelte hasserfüllt in dessen Hauptstadt vor sich hin. Ab und zu, wenn ihm eine von den wertlosen ägyptischen Scherben unter die Augen kam, die er aus dem Land seiner Träume geschmuggelt hatte, streichelte er sie zärtlich und pustete den Berliner Dreck von dem kleinen Souvenir aus besseren Zeiten. Dann ging er los, um sich zu betrinken.

Grobian war Graumann noch einen Fachartikel für die kleine archäologische Liebhaberpostille schuldig, die Graumann mitherausgab. Der Text ging nicht. Er war frustriert, frustrierend und hasserfüllt, stilistisch plump, wie eine Liste von Scherben für eine Grabungsdokumentation. Die Intepunktion zumindest war exelent. Grauman bearbeitete den Text und stellte sämtliche seiner Änderungen zur Disposition des Autors. Graumann wollte zeigen, wie er sich einen Artikel in einer Liebhaberpostille vorstellte. Peter Grobian aber wurde sehr zornig und schrieb, dann lassen wir es eben, entweder genau so ,wie ich es geschrieben habe, oder überhaupt nicht. Dann begründete er lateinisch. Graumann schrieb zurück: Dann lassen wir es. Grobian wurde noch zorniger und schrieb an alle am Rande Involvierten, dass Graumann ein selbsternannter Zensor sei, der von Archäologie keinen blassen Schimmer habe. Er, Grobian, hätte schließlich in Ägypten gegraben und nicht Graumann, der die Interpunktion nicht beherrsche. Graumann ließ Grobian gewähren und zog sich aus der Liebhaberpostille zurück, ohne Lärm zu erzeugen. Der Vorgang war tragisch aber lächerlich, wie alle Liebhabereien. Tragisch: Grobian würde eines Tages im Feuer seines Hasses verglühen. Lächerlich: Mann konnte sich vorstellen, wie ihm die Zornesröte ins Gesicht stieg und die Halsadern anschwollen, als er speziell für alle Typen dieser Erde, die wie Graumann sein mussten, einen hübschen totalen Krieg zu Papier brachte. Der Stil dieser personifizierten Hasstirade war hervorragend. Graumann hätte sie gerne abgedruckt, aber er unterließ es wegen der Lautstärke. Er hoffte, es würde Grobian danch besser gehen, aber viel Hoffnung hatte er nicht.

“Das sind so die Sächelchen, die unseren Alltag scharf würzen, damit wir geistig besser verdauen”, dachte Graumann und freute sich auf seine frisch bezogenes Bettdecke. Eine Aufgabe abgetreten, die Seele wieder rund gesehen. Gute Nacht ihr objektiven Geister.