Stand der Systemkrise im Überblick

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Jan 132012
 

Die gesamte Euro-Zone wird bald dank des deutschen Sparwahns in Rezession übergehen. Dieser sich abzeichnende Wirtschaftseinbruch wird auch das derzeit noch in chauvinistischer Großmannssucht schwelgende Deutschland hart treffen, das trotz leicht abnehmender Tendenz immer noch im hohen Maße von den Exportmärkten der Euro-Zone abhängig ist. Auch die alles niederwalzende deutsche Exportmaschinerie läuft nur noch auf Pump.

Tomasz Konicz im Artikel "Europa in der Krise" in der
Wochenendausgabe der Tageszeitung Junge Welt

Schwarz-Weiß-Rot – Demokratie und rechtsextreme Mitte

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Aug 312010
 

Pressegedränge bei der Sarrazin-Buchvorstellung, Haus der Bundespressekonferenz, Berlin, 09.2010, Foto: Alfred Eichhorn

„Man muss das Talent haben, sich von allen Parteien die freiheitlichen Redensarten anzueignen, die sie als Waffen gegen die Regierung brauchen. Man muss die Völker mit ihnen füttern bis zum Überdruss. Heute spricht man so oft von der Macht der öffentlichen Meinung. Ich werde Ihnen zeigen, dass man diese öffenliche Meinung dazu bringen kann, alles das auszusprechen, was man selbst will, wenn man nur die verborgenen Triebfedern dieser Macht kennt.“ Machiavelli zu Montesquieu im Kapitel ‚Der moderne Despot und seine Chancen‘ aus Maurice Jolys ‚Macht und Recht‘ (frz.Erstveröffentlichung 1864, Felix Meiner Verlag, Hamburg ,1979)

 

 „Noch nie sah ich so viele Kameras und Mikrofone in einem Raum“, sagte Afred Eichhorn, der die Fotos im und vor dem Haus der Bundespressekonferenz in Berlin machte, die wir hier zeigen können. Eichhorn, seit über 40 Jahren Journalist, bemerkte einschränkend: „Bei der Pressekonferenz von Lena in Stockholm,war ich allerdings nicht dabei.“ Die meisten Fragesteller kamen von der Auslandspreesse. Ein bekannter SPIEGEL-ONLINE Autor mutmaßte: „Die deutschen Journalisten nehmen erst Witterung auf um zu sehen, wohin der Hase läuft.“ Ja wohin läuft der Hase in dieser Republik gerade? Ich mutmaße, wir sehen ihn schon gar nicht mehr, weil er längst rechts abgebogen ist.

 

Der Scharfmacher: Sarrazin-Buchvorstellung, Haus der Bundespressekonferenz, Berlin, 09.2010, Foto: Alfred Eichhorn

 

Ich weiß im Moment nicht, wem es noch aufgefallen sein könnte, mein erster Eindruck von den Bildern der Buchvorstellung in den Räumen der Bundespressekonferenz, die ich heute in meinem E-Mailfach hatte, war ’schwarz-weiß-rot‘. In diesen Farben ist das Plakat zum Buch des Thilo Sarrazin gestaltet. Rot der Hintergrund, weiß der Namen des Autors und schwarz der Titel des Buches. Nun könnte man einwenden, dass die Farbe Gold, in welcher der Name des Autors auch hätte gesetzt werden können, einen eher albernen Eindruck machen würde – die vorliegenden Farben des Plakats, die auch das Buchcover in der DVA-Reihe zieren, hat der Verlag Random House/Bertelsmann, so muss man annehmen, allerdings mit Bedacht gewählt. Es sind die Farben der Flagge der Kriegsmarine des Deutschen Reiches bis 1892 und die der sogenannten Reichskriegsflagge der Nazidiktatur.

‚Schwarz-Weiß-Rot‘ im Haus der Bundespressekonferenz, Berlin, 09.2010, Foto: Alfred Eichhorn

Man sehe mir diese ästhetische Betrachtung eines scheinbar nebensächlichen Aspekts einer populären Buchneuerscheinung nach, die erste Auflage von Sarrazins verbrämt rassistischem Machwerk ist ja bereits vergriffen, aber es bleibt anzumerken: nach 1848 und während der ersten Deutschen Republik tauchte das republikanische ’schwarz-rot-gold‘ noch in den Varietäten der kriegerischen Selbsvergewisserungen unserer Nation auf. Jedesmal, wenn dann der Wind aus reaktionärer Richtung zu blasen begann, wurde das ’schwarz-rot-gold‘ verbannt. Für welches Deutschland also, frage ich, steht Sarrazin und für welches Deutschland stehen seine Unterstützer von Henryk M. Broder bis Necla Kelek? Und wie heißen die „Hendrik Höfgens“ von heute?

Demonstration vor dem Haus der Bundespressekonferenz, Berlin, 09.2010, Foto: Alfred Eichhorn

 

„Ob Arbeitslose oder Migranten: Wie aus der bürgerlichen Mitte Sozialrassismus wieder hoffähig gemacht wird“, untetitelt Rudolf Stumberger auf ‚Telepolis‘ in dem Artikel „Die neue Zuchtwahl“ seine eindruckvolle Sammlung erschreckender Belege eines seit langem schwelenden Rechtsextremismus in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Vorbeter von Sloterdijk über Heinsohn bis Bolz. Vergegenwärtigt man sich die geballte Medienmacht hinter dem Aufgebot der nationalen Erweckungsbewegung, wird einmal mehr deutlich, welche Scheingefechte in der Vergangenheit aus dieser bürgerlichen Mitte gegen rechts geführt worden sind, gegen die Schmuddleparteien, die leicht an den Rand befördert werden können. Die autoritäre Transformation unserer Gesellschaft, die dieser Tage laut und ruchbar geworden ist, mit welchem Grad der Akezeptanz kann sie im vereinigten Deutschland rechnen?

Demonstration vor dem Haus der Bundespressekonferenz, Berlin, 09.2010, Foto: Alfred Eichhorn

Demonstration vor dem Haus der Bundespressekonferenz, Berlin, 09.2010, Foto: Alfred Eichhorn

Demonstration vor dem Haus der Bundespressekonferenz, Berlin, 09.2010, Foto: Alfred Eichhorn

Dramolett

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Aug 092010
 

 

Erwin und Fruntz oder: Ich mache, was ich will oder ich mache nicht, was ich will.

Anfangszustand: Erwin trägt einen mit Farben bekleckerten weißen Overall. Fruntz trägt eine ehemals helle Knöpfjacke und derbe Hosen, die am Knie mit jeweils einem passend zugeschnittenen Stück eines alten Autoreifens verstärkt sind. Erwin steht auf einer Leiter die sich sehr, sehr weit ausziehen lässt ganz oben  und malt nur die roten Schlingpflanzenblüten einer auf der Wand befindlichen Vorzeichnung aus. Fruntz rutscht auf den Knien und pflastert einen Weg, der in die Hinterbühne führt. –

Utensilien: Hammer, Kopfstein, gelber Sand, eine Gießkanne aus verzinktem Eisenblech, ein alter Straßenbesen). Alles ist gut zu sehen.

Spielanweisung: Die Männer geben sich eine Weile ihren Tätigkeiten hin. Dann nimmt Erwin den Faden einer Geschichte wieder auf, die er bereits irgendwann begonnen haben muss.

 

Erwin: Und dann ist da so eine Frau unter einem weißen Kleid mit weißem Schleier, und die schämt sich sehr, aber das merkt keiner, weil ich das weiße Kleid ja an habe, das merkt gar keiner.

Fruntz: Ne Frau, was für ne Frau, ne Frau unter nem Schleier? Man bist du bescheuert? Und wo is die Frau?

Erwin: Hier.

Fruntz: Quatsch doch nich.

Erwin: Woher willst denn du sowas wissen? Im Leben nicht. Also überleg doch mal.

Fruntz: Jetzt katzbuckelst du wie immer. Meinst Du, dass, dass, dass Du damit die Dinge irgendwie ändern tätest… Nicht im Mindesten.

Erwin: Wenn irgendwer von der Frau wüsste…

Fruntz: …würde sich nichts ändern. Nicht im Mindesten. Glaub mir. Du hast soviel Amikackserien im Hirn, dass du glaubst, es könne noch was Entscheidendes getan werden, wenn du, nur du, nur du, was veränderst. Du glaubst, Du, Du, Du seist jemand anderes, hä? Was Besseres, hä?

Erwin: Wieso sollte ich denn auf einmal was verändern wollen.

Fruntz: Also wirklich, das liegt doch auf der Hand – von morgens bis abends ziehst du dir diese Blümschen-Scheiße rein. Wie soll sich denn dein Leben verändern, wenn du die Scheiße jetzt schon wach träumst: Ne weiße Frau, die sich schämt.

Erwin: Keine weiße Frau, sondern ein weißes Kleid. Ich habe weißes Kleid gesagt. Und ich will mein Leben nicht verändern. Ich will gar nichts verändern, ich will einfach nur Blümchen malen.

Fruntz: Kauf dir n‘ Strick.

Erwin: Brauch ich nicht – hab ich schon.

Fruntz: Nun heul doch nicht schon wieder, ich bitte dich: von irgendwas müssen wir ja leben.

Erwin: Ich habe nichts dagegen, aber du nörgelst ständig, du nörgelst, weil…

Fruntz: Äh, äh, äh, sag es nicht.

Erwin: Gut, lass uns von was anderem reden. Meine Damen und Herren, sie sahen die Dokumentation “Das Dritte Reich in Farbe”. Wenn es Ihnen gefallen hat, dann, dann äh….

Fruntz: Wählen sie auch das nächstemal Guido Knopp.

Erwin: Genau das wollte ich sagen.

Musik:  Hanns Eisler, Rondo aus der Suite Nr. 3 0p. 26, "Kuhle Wampe"

Die Ovationsbeihilfe – Folge IV

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Jul 102010
 
Eine Kriminalkurzgeschichte in vier Folgen
Folge IV und Schluss – La forza del destino

“Du bist in einem Hotelzimmer, ma chérie, war die Nacht schön?” – “Heiß war sie, sehr heiß und unklimatisiert. Du kannst dir ruhig ein bisschen was ausmalen, ich bin viel zu monogam. Leider nicht wegen dir, sondern weil ich zu so gar nichts mehr komme, Genosse Perstein.”

Garance Stimme war nicht Garance Stimme, wie der Jupp sie wollte. Er wollte sie ganz nah bei sich, er wäre überall hin, um diese Stimme ganz nah bei sich zu haben. Garance sagte gerade nichts, aber sie bewegte sich aus dem Bild, das in der Skype-Anwendung ruckelte. “Ich habe das Feuerzeug auf dem Nachttisch liegenlassen“, hustete Garance aus dem Off. Juppi saß in der Gluthitze auf seines Freundes Alois’ Motorboot unter Deck, der einzige Platz auf dem man das Display des Notebooks erkennen konnte. Vor den altmodischen Bullaugen waren die braunen Gardinen wie zur Nachtruhe zugezogen. Ein Angeberspeedboot donnerte vorbei, und die Bugwellen drückten Alois Stänkers Holzschiffchen an den Anleger. Garance setzte sich wieder ins Bild und zündete eine algerische Zigarette an. Blauer Dunst verschleierte ihr kleines freches Gesicht mit dem Bubihaarschnitt.

“Warum rauchst du dieses Kraut mein Schmetterling, weißt du nicht, dass deine Haut davon schneller altert?” – “Ach, und sobald ich ein paar Fältchen habe, wirst du noch eine Ausrede haben, deine Verabredungen mit mir nicht einzuhalten.” – “Nein mein Herz, bestimmt nicht. Du hast dich eben in einen miesen Typen verknallt, dem seine Arbeit wichtig ist.” – “Wichtiger als ich? Mach einen Kussmund, los.“ – “Ich küsse dich in echt, aber ich mache keinen Kussmund vor einem Notebook. Wo bist Du?” – “In einer schäbigen Absteige in Tripolis, du erinnerst dich, dass ich auch hinter den bösen Buben her bin?” – “Hinter richtig bösen Buben aber, mein Abendstern, ich jage ja nur kleine Schurken.”

“Ganz genau. Lest ihr in der BRD keine Zeitungen mehr? Besorg’ dir die FAZ.” – “Der Aloisius bringt die Schrippen und den Berliner Kurier aus dem Dorf, ich schaukle auf seinem Kahn.” – “Ach ja? Schöne Ermittlung. Was macht dein toter Wachmann?” – “Er ist tot, mein Kind, viel mehr wissen wir nicht.” – “Hmm, genau wie bei mir. Aber ich hatte so eine Idee, und da bin ich nach Tripolis. Du erinnerst dich an die bulgarischen Krankenschwestern? 2007, Libyen, großer Waffendeal, EADS, Frankreich, Italien.  – Der Sohn des Revolutionsführers plauderte ein wenig zu viel mit einem britischen Kollegen, sonst hätte niemals jemand erfahren, zu welchem Preis die Töchter Bulgariens eigentlich freigekommen sind. Männer sind so eitel. Ein paar Raketen und ein bisschen Kommunikations-Hightech wechseln den Standort und schon ist alles möglich. Menschenleben? Humanität? Pah.”

„Ich erinnere mich dunkel, aber das ist doch längst gegessen, oder?” – “Dachte ich auch. Wenn du dich auch mal für meine Sachen interessieren würdest, dann könntest du dich vielleicht daran erinnern, dass ich dir damals einen Namen genannt habe. Der Mann, der den EADS-Deal unter der Hand vermittelt haben soll  – sehr talentiert, sehr charmant, sehr gebildet, ein echter Frauenfreund, in allem das ganze Gegenteil von dir, meine kleine deutsche Zwetschge: Benito Bernardo Marinelli heißt er. War mal sowas wie ein Kulturattaché in Tripolis. Attaché, das sagt im Grunde schon alles. Und gestern ist er in Lugano mit einem als gestohlen gemeldeten dunkelbraunen Maserati Mistral vom Weg abgekommen. Er ist nun also mausetot, wie dein Wachmann, was sagst du dazu? Der Maserati hatte übrigens ein deutsches Kennzeichen, ich glaube Potsdam.” – “Was?” – “Ich sag’s ja, du liest keine oder die falsche Zeitung!” – “Mein Mädchen, das ist der Wagen vom Treusch, ein kleines Beamtenleben, auch dahin, in Mailand, hat sein Risotto schlecht verdaut. Und wer ist dieser Benito, ist der mit dem?” –  “Nein, ist er nicht, aber er ist mindestens eben so scharf. Ich habe die letzten Jahre immer versucht, ihn in Nordafrika zu erwischen. Er war untergetaucht nach dem Deal, nicht offiziell aber realiter. Und jetzt stellt sich heraus, dass er vielleicht die ganze Zeit in Europa war. Türkei, Marokko, Algerien, Ägypten, Saudi Arabien, sogar Jemen, überall ist er angeblich aufgetaucht in den letzten drei Jahren. Wie dumm ich doch war.”

“Ich mag dein Gesicht, wenn du wütend bist, Garance.” – ” Ja? Aber was hilft es mir? Du bist nicht bei mir. Warum bin ich bloß auf diese inszenierte Schnitzeljagd hereingefallen? Der feine Diplomat hat Beziehungen in höchste italienische Regierungskreise, zur Mafia, zur Camorra, ich könnte mich in den…” – “Machs nicht mein Herz. Haben die Zeitungen ein Bild von dem schönen Mann?” – “Aber sicher, kauf dir die ‘Neue Zürcher’, die ‘FAZ’ und den ‘Corriere’, da hast du eine schöne Auswahl. Eitel war er nämlich auch, was in seinem Beruf allerdings ziemlich stupide ist.”

“Ah, da kommt gerade der Stinker, sag’ meiner investigativen Freundin ‘Grüß Gott’  –  hast du die Zeitung?” – “Allo, du sollst mit mir reden! Mit deinem Freund kannst du doch jeden Tag schäkern, nicht wahr? Bonjour ça va, Alois?” – “Wie soll’s einem schon gehen mit einem übelgelaunten Salon-Kommunisten an Bord, ma petit?”

“So übel ist er doch gar nicht…” – “Na, ich weiß nicht, wenn ich ein so hübsches, blendend gebautes charakterstarkes Frauenzimmer wäre, würde ich mich nicht in den…” – „So, jetzt reicht es aber,” mischte sich Juppi wieder ein: “Wir skypen heute Abend wieder, ja? Sei vorsichtig und gehe kein unnötiges Risiko ein, mein Schmetterling!” – “Das sagst du mir! Nun gut, bis morgen. Ich werde schon schlafen. Denke an die Zeitverschiebung. Gib Acht auf eure hübschen Po, Alois!” Garance’ fragendes Gesicht verschwand auf einmal abrupt aus dem Bildfenster.

Herrka wollte zu Hause nach dem Rechten schauen. Außerdem waren seine Vorräte in der Laube aufgebraucht. Im Kühlschrank daheim hatte er noch genug. Er überlegt eine Weile, denn es war eine lange Tour: 20 Minuten Fußweg, eine Stunde S-Bahn, 3 Minuten Fußweg und das Ganze noch einmal in umgekehrter Reihenfolge. Aber für einen Zusatzeinkauf im “Dorf” hatte er in diesem Monat keine Geld mehr übrig. Eigentlich hatte er gar keins mehr, weshalb er auch schwarzfuhr. Er hasste es. Verängstigt, dass ihn eine Kontrolle erwischen würde, stand er nahe der ersten Tür des durchgängigen S-Bahn-Zuges und hielt Ausschau nach Kontrolleuren, von Kameras erfasst, die sein Bild in die Zentrale der S-Bahn-Sicherheit und sonst wohin übertrugen. Der Zug aus Potsdam war menschenleer. Die Bahnsteige, die vorüberzogen, füllten sich erst nach Wannsee. Zwei auffällig zu unsommerlich Gekleidete, Männlein und Weiblein, vielleicht ein junges Ehepaar oder jung-dynamische Geschäftsreisende, stiegen zu und setzten sich zwei Reihen hinter Herrka gleich ans Fenster. Sie redeten gedämpft, Ab und zu zeigten sie oder er auf irgendetwas völlig Unwichtiges, das am Fenster vorbeizog und wieder verschwand. Einmal lachte sie kurz auf und blickte dann ganz unverhohlen zu dem stehenden Herrka. Herrka schaute unangenehm berührt zurück, machte sich aber keine Gedanken, dass die beiden irgendetwas mit ihm zu tun haben könnten, denn wie Fahrscheinkontrolleure waren sie nicht gekleidet.

Am Westkreuz stieg er um. Als er am Bahnhof Westend ankam, war das Paar auf einmal wieder da und folgte ihm. Der Typ ging auf ihn zu, als wolle er Herrka etwas fragen. Das wollte er auch. Er zog ein Foto aus dem Jackett und eine Plastikkarte, die ihn als Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes auswies. “Kennen sie diesen Herrn hier auf dem Foto?” Herrka war so perplex, dass er keine Anstalten machte, eine Beleidigungsformel aus seinem umfangreichen Repertoire hervor zu kramen. “Ja, den kenne ich.  Ersparen sie sich die Mühe, der ist nicht mehr. Entweder er oder ein anderer, der sich für ihn ausgegeben hat. Ich kannte ihn, hab mit ihm in einem Eineuroladen die Zeit vertrödelt.” – “Tja, Herr Herrka, dann muss ich sie wohl bitten, kurz mit uns zu kommen und uns das mal ein wenig näher zu erläutern, in welcher Beziehung sie zu Herrn Schmitt standen.” – “Jetzt ging es Herrka wieder gut und er konterte: “Ach noch ein Schmitt, wie komisch. Wenn sie nicht wollen, müssen sie bestimmt auch gar nichts. Es ist heiß . Und da haben bei mir nicht einmal sehr freundliche Bitten Aussicht, Gehör zu finden, bevor ich nicht ein Eis gegessen habe.” – ” Ein Eis? Das lässt sich sicherlich einrichten – was meinen sie?” – “Das dürfte kein Problem darstellen”, erklang die Stimme der jungen Frau, die offensichtlich zum selben Verein gehörte. Zu Herrkas großem Erstaunen parkte ein gut gepflegter alter grauer Ford-Lieferwagen genau im Halteverbot vor dem S-Bahnausgang auf der Brücke. Widerstand war nicht angeraten. Herrka ließ sich auf das Spielchen ein. Nach den Erlebnissen der vergangenen Tage und ihrer Verarbeitung im Kreise angenehmer Menschen bei einigen Flaschen Rotwein in der Laube, blieb Herrka, der sonst leicht zur Panik neigte, erstaunlich gelassen. In dem grauen Ford saßen zwei weitere, sehr leger gekleidete Herren. Einer davon schwitze unter einem Kopfhörer. Der andere wurde von dem Pärchen geschickt, um Eis zu besorgen. Er murmelte etwas, verschwand und kam sehr schnell wieder mit drei billigen Wasser-Eis am Stiel. Herrka schwitzte und betrachtete die von Staub verschmutzen Füße des Mannes unter dem Kopfhörer, die in hellblauen ‘Arizona Birkenstocksandalen’ steckten. Ein unangenehmer Geruch strömte aus dieser Richtung, der noch getoppt wurde vom süßlichen Gestank eines billigen Rasierwassers.

Mit dem Zeitungsausschnitt der ‘Neuen Zürcher’ unterm Arm, der das Konterfei eines toten italienischen Diplomaten und Waffenschiebers zeigte, zog der Privatermittler Stänker an der bekannten Zunge des Löwen. Pünktlich mit Verspätung heulte die New-Yorker Polizeisirene hinter der geschmacklosen Nachbildung einer italienischen Facettentür. Einen Augenblick später öffnete ihm eine junge Frau mit langen braunen Haaren und einer 50er-Frisur, die nach dem Schwimmen ihre Form merklich eingebüßt hatte. Stänker wusste, dass sie gerade 17 geworden war. Sie sah älter aus. Sie wirkte nicht erstaunt und bat den Herren, dessen Gesicht ihr bei seinem letzten Besuch vorenthalten worden war, in einen riesigen Raum, der fast ausschließlich mit einer teuren elfenbeinweißen Ledergarnitur dekoriert war. Die Vollglastüren der Veranda standen weit geöffnet. Der Innenraum verschmolz mit dem spießig angelegten Garten, dessen ehedem blühendes Gesträuch nach wochenlangem Wassermangel verdorrt zu sein schien.

“Machen sie sich’s bequem”, forderte die junge Frau den Schnüffler Alois Stänker ehrlich und freundlich auf. “Wollen sie vielleicht einen Campari oder ein Alkopop oder ein Leitungswasser? Mehr ist nicht mehr da in dieser Bruchbude. Eis kann ich auch nicht mit dienen. Der Strom ist seit einer Woche abgestellt.” – „Aber warum bleiben sie dann hier, können sie nicht zu Freunden oder Bekannten?” – “Mein Alter hatte keine Freunde, also hat er meine paar Bekannten allesamt vergrault. Er hat alle vergrault. Und meine Mutter hat er umbringen lassen, und jetzt hat jemand mit ihm das Gleiche gemacht, was er mit meiner Mutter hat machen lassen. Die gleichen Leute waren das. Wenn es eine gibt, schmort er in der Hölle. Dieser Typ, der in der Immobilie vom Alten in der Bayernallee gehaust hat, der hat mir alles erzählt. Ich bin mir sicher, dass er mir nichts vorgemacht hat. Er sagte mein Alter hätte ihn unter Druck gesetzt, mich abzumurxen, aber er könne nicht, weil ich noch so jung wäre, blabla. Aber sonst hat er nicht gelogen, das weiß ich.” Stänker streckte ihr die Zeitung mit dem Konterfei des toten Italieners hin. “Ist er das?” – “Er sah besser aus, nicht so schleimig, aber das ist er.” – “Sie sind noch nicht volljährig, Frau Treusch. Haben sie was mit dem Staatsanwalt Limburg?” – “Dieses Schwein hat mich gezwungen, mit ihm zu bumsen.” Sie sackte in sich zusammen und schluchzte kurzatmig. Sie raufte ihr langes braunes Haar, die Frisur mutierte zur Karikatur einer einzelnen Erinye, falls es so was gibt.

“Beruhigen sie sich, Frau Treusch. Sie müssen den Mistkerl unbedingt anzeigen.” – “Geht doch nicht, der ist doch der Einzige, der mir jetzt helfen kann.” – “Wobei helfen kann?” – “Mit der Erbschaft, dem Scheiß Haus hier, bei dem was da noch kommen wird wegen der Schulden und den kriminellen Machenschaften von meinem Erzeuger – was glauben sie, wie ich das allein schaffen soll?” Genauso schnell, wie sie in sich zusammen gesunken war, schien sie die Fassung wieder zu gewinnen. “Oder wollen sie mir helfen? Können sie mir helfen? Niemand hilft mir wirklich, alle haben es nur auf das Geld abgesehen, das ich von meiner Mutter erbe – alle”, fügte sie nach einer Pause bestimmt hinzu und wischte mit dem Ärmel ihres Bademantels die Tränen aus dem ungeschminkten Gesicht. “Sie gehen noch zur Schule, nicht?” – “Ach lassen sie bitte diese Tour, deshalb sind sie doch nicht gekommen. Fragen sie. Ich werde ihnen auf alles antworten, und dann gehen sie.” Als Alois das verwahrloste Haus verließ, hatte er der jungen Frau glaubwürdig versichert, dass er und sein Freund der Komjupp, ihr beistehen würden. Er hatte der jungen Frau das Versprechen abgenommen, dass sie den Staatsanwalt ans Messer liefert, wie es der Hund verdient hatte. Auch wenn er sich am Ende doch noch aus der Sache heraus winden könnte, sie wollte es tun.

“2007, knapp 20 Millionen ‚Innovationsbeihilfe‘, das heißt bürokratisch natürlich anders. Für ein einziges Projekt von EADS SPACE allein. Da lohnt sich doch ein bisschen Lobbyarbeit, oder? Aber wenn so eine noch verhältnismäßig kleine Summe wegbricht, weil Gerüchte im Umlauf sind, dass die Mittel vielleicht nicht zweckgebunden verwendet werden, dann kriegen die EU-Bürokraten aber doch feuchte Höschen, haben vielleicht Schiss um ihr unbezahltes Häuschen, wie der Treusch, die kleine subalterne Schranze. Und wenn Du ein nordamerikanischer Rüstungskonzern bist, da kannst du dem Konkurrenten aber hübsch eins auswischen. Dazu sind die Dienste ja da; so was erledigen die heutzutage mit Priorität! Die Unterstützung von irgendwelchen Contras nimmt sich daneben bescheiden aus. Und wenn so eine “Innovationsbeihilfe” wegbricht, und du steckst mittendrin in dem Auftrag, sagen wir ein fettes Rüstungsgeschäft mit Libyen, dann kannst du damit rechnen, dass du bald die Heimat auf dem Hals hast. Aber Hallo. Zunächst einmal versuchst du Zeit zu schinden. Du lancierst Häppchen, lässt gezielt ganz böse Sachen über dein Geschäft mit dem Schurkenstaat durchsickern, gerade soviel, dass die elende Pressemeute aufheult und du deinem libyschen Partner erzählen kannst, also Herr Oberst, im Moment – ist bei uns gerade ganz schlecht – können sie vielleicht noch ein bisschen warten? Preisnachlass usw. Dann bietest du deiner Regierung an, dass du bulgarische Staatsbürgerinnen mit deinen Kontakten zur libyschen Regierung behilflich sein kannst, und deine schlechte Presse interessiert deine Regierung gar nicht mehr, weil sie ihrerseits sich mit deiner Hilfe, ein hübsches freiheitliches Image bastelt, womit sie prima von den Zumutungen ablenken kann, die sie für das Volk noch im Köcher hat – national und sentimental zieht immer. Bei euch doch auch wieder! Nachdem ihr eurer “natürliches Nationalgefühl” solange nicht feiern durftet, ihr armen, armen zu spät geborenen Krauts. Jetzt dürft ihr wieder und ihr macht es. Ihr schwenkt euer Fähnchen und haltet es in den national-sentimentalen Sommerwind, der von den Werbeleuten der Fifa dahergewedelt wird.

Wenn du so ein gutes ’nationales Blatt‘ auf der Hand hast, musst du es als Unternehmen jetzt ganz ausreizen: Contra, Re, Bock – Du drohst den Regierungen, dass du Standorte schließt oder noch schlimmer – zu den Chinesen verlagerst. Aber was ist, wenn die Regierungen trotzdem nicht willig oder, grausamer noch, fähig sind, deine Kredite abzusichern? Dann musst du den Karren sehenden Auges in den Dreck fahren lassen. 500 bis 1000 Arbeitsplätze hängen vielleicht da dran. Nicht, dass das wichtig wäre für die Rendite, im Gegenteil. Man nennt das dann Neustrukturierung, Umstrukturierung, überall hübsch drüberlackieren, wo der Putz abbröckelt und der Staub rieselt. Aber dein Marktreputation, die hat schon gelitten. Deine Börsenkurse sind gesungen. ‚Die Märkte‘ reagieren doch schon gereizt, wenn ein Eierkopp in der Regierungspartei, ein Notenbankchef oder ein besoldeter Wirtschaftsschreiberling pupst.

Vielleicht rollen dann ein paar untergeordnete Köpfe in einer untergeordneten Tochterfirma. Du musst zeigen, dass du alles im Griff hast. Die Öffentlichkeit hat ihre Satisfaktion, schön. Oder? Man besorgt das Kapital anderswo her. Die Öffentlichkeit drischt noch auf die Boni für ein paar Schwachköpfe, wie auf den Esel, der das gedroschene Stroh zur Mühle karrt, um es nochmals dreschen zu lassen – derweil hast du schon einen potenten Geldgeber. Aber sein Geld stinkt noch ein bisschen nach Mord und Totschlag, nach Drogen und Schutzgeld. Und hier kommt nun der Geschäftsbereich des diplomatischen Signor Benito Bernardo Marinelli ins Spiel: Geld ranschaffen, Geld über Libyens Nationalbank waschen. Eine Scheinfirma mit wohlklingendem Namen nimmt einen Kredit beim libyschen Staat auf, der selbstverständlich großzügig gewährt wird, kauft im Auftrag der libyschen Regierung das Männerspielzeug für den Revolutionsführer und seine Söhne, und zahlt den Kredit mit Zins und Zinseszins in ungewaschenen Dollars an die Libyer zurück. Die Libyer ruhig halten und ihnen einen fairen Preis für ihre jüngste Kriegswaffenbestellung versprechen, das war Marinellis Aufgabe dabei. Von dem eigentlichen Transfer wusste er nichts, da bin ich mir sicher. Er hat sich bestimmt geschmeichelt gefühlt, als er eines Abends in seiner Villa in Brindisi diskret und mit einem Vorschuss von einem Regierungsbeauftragten des Wohlwollens in dieser Sache auch des Ministerpräsidenten versichert wurde. Als ob ein Paparazzo die Kamera auf ihn hält, wird er sich gefühlt haben. Er war eitel, wie ihr alle.

Eine kleine Nummer war der Benito, für die das Libyen-Geschäft viel zu groß war. Sie haben ihn extra ausgesucht, verstehst du Juppi. Und als sie ihn nicht mehr brauchten, hatten ihn die Dienste “aller Herren Länder” auf ihrer Abschussliste. Seine kleinen Mafia-Freunde waren die einzigen, die zu ihm hielten. Sie heuerten den subalternen deutschen Schuldenmacher Treusch an, der dadurch sein kleines Problem mit einer fremdgehenden Frau und sein großes mit der Überschuldung zu lösen gedenkt. Der ahnungslose Treusch versteckt Marinelli im deutschen Sozialsystem.

Unschlagbar, oder? Hartz IV-Empfänger, wer guckt da schon hin, wenn der hübsch brav und nicht renitent ist, wenn er den sinnlosen Mist mitmacht, der ihm aufgetragen wird, und immer schön fröhlich bleibt – ‘Arm ist sexy in der Hauptstadt’. Hauptsache du hältst das verdammte Maul und tust dich nicht mit anderen armen Säuen zusammen, wirst politisch oder so. Aber dann macht der Treusch einen dummen Fehler, den nur Leute machen, die sich zu sicher fühlen. Er hat nichts Besseres zu tun, als den Marinelli, alias Werner zu erpressen. Als das nicht funktioniert, überhebt er sich völlig und versucht den unbrauchbaren Marinelli bei seinen einzigen wirklichen Freunden anzuschwärzen, um ihn gefügig zu machen – von wegen er hätte sich der deutschen Justiz gestellt, wolle das Maul aufreißen als Kronzeuge. Erstaunlich nur, dass die ehrenwerte Gesellschaft dem Treusch das geglaubt hat.

Vielleicht hat Italiens neuer Benito von seinen alten Freunden selbst den Wink erhalten. Seit 2007 ist er jedenfalls der Chef aller Schlapphüte. Er steht dem “Dipartimento delle Informazioni per la Sicurezza” höchstpersönlich vor. Ein typischer Berlusconi-Schachzug – plump aber deutlich. Die Richter können ihn alle mal am vaffanculo. Nun, unter solchen Umständen kann ein Maserati in der italienischen Schweiz schon leicht vom Weg abkommen, Jupp. Du sagst ja gar nichts. Bist du noch da?”

Es dauerte einen Moment bis Perstein schaltete. Sein Hirn arbeitete angestrengt. Er hatte große Angst um seine Geliebte und er bewunderte sie mehr denn je. “Ja, ich bin noch da. Und wo du gerade bist, kannst du mir vermutlich nicht sagen.” – Nein Juppi, kann ich nicht. Und ich habe meine Vorkehrungen getroffen, dass es auch keiner so leicht herauskriegen kann.” – “Wann bist du fertig mit deiner ‘Arbeit‘?“- “Auch dazu möchte ich nichts sagen. Sie können mich zwar nicht orten, aber vielleicht hören sie mit. Ich muss jetzt Schluss machen. Das nächste Mal melde ich mich. Lass das Notebook nicht an. Formatiere die Festplatte. Geh nicht nochmal mit dem Stick ins Netz. Ich lasse dich wissen, wenn ich bereit bin und wie wir uns im Netz treffen. Und du gehst dann in ein Internetcafé, versprochen Knackarsch?” – “Versprochen.” Der Kontakt riss ab.

Alois war unbemerkt in die Kajüte getreten. “Knackarsch”, wiederholte er. Juppi zuckte zusammen. Einen Moment lang misstraute er dem Freund, dann fasste er sich: “Mensch, kannst du dich nicht bemerkbar machen. Also, was war bei der schönen reichen Erbin Eleonore Treusch? Hast du dich von ihr um den Finger wickeln lassen? Sicher hast du. Ich sehe es an deinem blöden Grinsen. Ich rieche Schweizer Pitralon.” – “Jupp, es ist alles viel doller, als du denkst. Da hängt die Mafia drinnen. Wollen wir’s nicht besser lassen? Noch können wir aussteigen und so tun, als hätte nur ein armer Teufel, die falsche Konsequenz aus der richtigen Analyse seiner sozialen Lage gezogen.” – ” Mein lieber Stinker, es ist ärger als du es dir vorstellen kannst. Meine waghalsige Freundin hat es mir gerade erklärt.” – “Um so besser, dann geht es uns noch weniger an.” – “Zum Teufel, Ali, was ist aus dir geworden, willst du den Schwanz einkneifen, noch bevor wir zurückgepfiffen werden? Das heißt ich.” – “Jupp, die Nummer ist zu groß für uns. Alle, die zu spät kapiert haben, dass die Nummer zu groß für sie ist, sind tot! Jupp alter Junge, wenn dir nichts mehr an der Polente liegt, dann quittiere deinen Dienst und tritt meinetwegen im Quatsch Comedy Club auf, wie dieser türksichstämmige Polizist aus Kreuzberg, Murat, ne, oder ist der woanders aufgetreten? Du hast echt Talent. Ansonsten kannst du auch bei mir einsteigen. Wir bringen ein paar kleine Ganoven vor die Schranken der niederen Gerichtsbarkeit und ein paar andere lassen wir laufen, weil sie anständige Kerle sind. Hör doch einmal auf mich. Du musst nicht besser sein, als dein alter Herr, der sich sein ganzes Rentnerleben lang geschämt hat, dass sie ihn als Kommunist doch noch befördert haben. Du hast nichts falsch gemacht, und Karl hat auch nichts falsch gemacht – außer dir in den Kopf zu setzen, dass du was wieder gut zu machen hättest – an deiner Arbeiterklasse. Wo ist’ sie denn jetzt Deine Arbeiterklasse. Ist die Tunte Herrka vielleicht deine Arbeiterklasse oder der tote Junge auf dem U-Bahn-Gleis, den du dir noch immer nicht verzeihen kannst?

“Ja, beide” brüllte Jupp seinen besten Freund an, “sogar du bist meine Arbeiterklasse, du blöder Arsch du, du niederbayerischer Bauernführer, du bourgeoiser Depp, auch du bist meine Arbeiterklasse, nur dass du selbst davon nichts weißt, weil du zu faul, zu verweichlicht, zu verwöhnt, zu versoffen bist, du Stinker. Wer mein Freund ist, kann nur Arbeiterklasse sein, selbst wenn er ausspuckt bei dem Wort Klassenbewusstsein.” – „Schon gut schon gut, Jupp, ich habe es nicht so gemeint…” – “Wohl hast du’s so gemeint. Und natürlich…” Jupp ging erst jetzt die Luft aus, “natürlich haben sie uns bzw. mich morgen weg von dem Fall. Ali, lass uns wenigsten noch den Herrka aus der Schusslinie holen. Er hat es verdient, glaub mir.” – “Verdient, verdient – verdient habe es viele. Wenn du kurzzeitig mal die kleine Treusch in deine Arbeiterklasse aufnehmen könntest, ließe sich mit Herrka bestimmt was machen. Ich hab’ da ne Idee.” –

“Also dieses kleine, nicht allzu weit vom Stamm ihres Baums gefallene Früchtchen, willst du mir im Tausch gegen deine Hilfe bei Herrka anbieten? Also du hast Nerven. Was hab ich denn davon?” – “Gar nichts. Im Gegenteil. Dieses kleine Früchtchen hat nämlich, als du nächtens Heldentaten im Jobcenter zu vollbringen geruhtest, mit dem Meuchelpuffer ihres Erzeugers auf dich geschossen, und nicht der Herrka, wie du vielleicht immer noch glaubst, weil du ihm in den Bauch getreten hast. Sie war dort, um einen Virus in die EDV zu spielen, der ihren Mörderpapa denunzieren sollte. Ich hab den Stick; ich hab die Diskette; ich habe Beweise.” – “Ach, Quatsch, das hat sie dir nur erzählt, ich sag’ ja, sie hat dich vom ersten Moment an, als du ihre Füße über dem Sofa hängen gesehen hast, betört.” – “Nur mein Vaterherz, Jupp, nur mein Vaterherz hat sie betört. Der Herr Staatsanwalt Limburg hat sie vergewaltigt an dem Tag, als ich da war, als ihr Vater in Mailand an HCN krepiert ist. Gut, sie fand das nur gerecht. Und trotzdem hat es sie mitgenommen. Sie ist ein Kind, Jupp, ein Kind ohne Eltern. Der Limburg hat ihre Hilflosigkeit brutal ausgenutzt. Der darf nicht davon kommen, der Lump. Und außerdem weiß sie noch ‘ne Menge, was zur Wahrheitsfindung beiträgt. Zum Beispiel, dass der italienische Ehrenmann, den echten Werner ein Mittelchen in den Kaffee getan hat, als der sich bei dem Wachdienst vorgestellt hat. Vater Treusch hat das in die Wege geleitet. Treusch war es, der ihn in der betreffenden Nacht nach drei Monaten Isolationshaft aus seinem Kerker in einem alten Keller geholt hat, bei der Sicherheitsfirma, die sein Jobcenter vor renitenten Klienten schützen soll. Dann hat er den mit Psychopharmaka bis zum Rand zugepumpten, abgemagerten Mann auf dem Dachboden des Jobcenters eiskalt hingerichtet – nur um die Deckung des Italieners auffliegen zu lassen. Treusch wollte den Italiener dazu bringen, dass er ihm seine eigene Tochter auch noch vom Hals schafft. So geschäftsmäßig war der denn aber doch nicht drauf. Er hat sich mit dem Mädchen getroffen und ihr reinen Wein eingeschenkt, bevor er mit Treuschs Auto in die Schweiz gedüst ist, mit echten Papieren übrigens, die er über die Mafia von den italienischen Diensten bekommen hat. Der echte Werner hatte einfach Pech im Leben, Juppi, im richtigen Leben zählen nur Freunde, die hatte er leider nicht, keine Freunde, keine Verwandten, denen was an ihm gelegen gewesen wäre. Sein posthumer “Yellow Press-Ruhm” wird in keine Familienchronik eingehen; keiner wird seine Geschichte aus “Bild der Frau” ausschneiden; keiner wird seine Geschichte erzählen. Aber wir können es. Wir können beweisen, dass er eigentlich ein anständiger Kerl war, ein einfacher Arbeiter eben, wenn die Kleine aussagt. Was hältst du davon?”

Juppi hielt den zerknitterte Zettel in der Hand, der in Herrkas Gesäßtasche unentdeckt geblieben war. Er öffnete ein Bullauge, streckte den linken Arm über den Wassern aus und ließ das Papier, das aus einem Ringbuch ausgerissen und an der Seite nochmals abgerissen war, ins Wasser gleiten. Dann schloss er das Bullauge. Das Papier saugt sich voll und eine gelblich grüne Fluroesceinnatrium-Schrift leuchtete in der Sonne. “ovationsbeihilfe” stand auf den abgerissenen Zettel. Innovationsbeihilfe, das war das letzte Wort, das Werner Schmitt in seinem Kerker darauf geschrieben hatte, bevor ihm sein unbedeutendes Lebenslicht ausgeblasen wurde. „Er war clever,” stöhnte der Komjupp ohne die Leuchtbuchstaben zu sehen, die auf dem Wasser trieben. “Man muss clever sein, sonst kann man es nicht aushalten mit sich selber, ohne Freunde!” – “Aber er war offensichtlich nicht clever genug”, ergänzte Alois.

“Ali, das alles ist für ’n Arsch, wir können nichts beweisen.” – „Ach, Scheiß der Hund drauf, beweisen, wichtig ist dass die Wahrheit ans Licht kommt, nimm dir ein Beispiel an deiner Freundin Garance, verdammt noch mal, nimm dir ein Beispiel an ihr, wenn du mir schon nicht traust!” Am Mittag des folgenden Tages wurde Juppi Perstein zu seinem Polizeidirektor befohlen. Sachlich und in einem fast freundschaftlichen Ton teilte er seinem Hauptkommissar mit, dass der Staatsschutz die Ermittlungen im Fall Werner Schmitt an sich gezogen hätte. Es täte ihm Leid, säuselte er noch, bevor er Perstein auf die Schulter klopfte, was sonst niemals vorkam, und zur Tür geleitete.

Bernhard Herrka wurde wegen Haus- und Landfriedensbruch und ein paar andrer kleiner Sachen, die man ihm anhängte, angeklagt. Im Knast verliebte er sich in einen 35 jährigen russlanddeutschen Totschläger, dem er die schönsten Liebesbriefe an seine Freundin verfasste, die sich sehr drüber freute und ihn auch einmal besuchen kam. Leider flog der Schwindel da sofort auf. Von da an schrieb Herrka weniger delikate aber stilistisch genauso vollkommene Meisterwerke an die Mutter des jungen Mannes im Wedding. Leider sprach sie nur russisch. Nach seiner Haftstrafe zog es Herrka als Tagelöhner zu jungen elsässischen Winzern, die außer Herrka auch traditionsreiche regionale Rebsorten bei sich aufnahmen – es handelte sich in beiden Fällen also keineswegs um ein Art von Asyl, wie es die freundlichen Mitgliedsstaaten der EU beispielsweise ihren afrikanischen Menschenbrüdern sonst zu gewähren pflegen. Aber einige wenige ganz junge Winzer sind auch, dem Himmel sei Dank, keine EU-Richtlinienreiter, was sie nicht daran hindert, ihren guten Wein zu angemessenen Preisen auch an ärmere Leute zu verkaufen. Manchmal taucht so was dann sogar im Angebot bei Discountern auf.

Staatsanwalt Limburg wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, blieb aber der Rechtsbeistand der Treusch-Erbin Eleonore, die wegen ihres Alters und “anderer Umstände” niemals belangt wurde.

In der Washington Post veröffentlichte die Journalistin Marie Garance Ronchetti einen Bericht, der Zusammenhänge zwischen der Freilassung bulgarischer Staatsangehöriger durch die Intervention der libyschen Regierung im Jahre 2007 und einem Waffengeschäft des Landes mit einer französischen Tochterfirma der EADS aufdeckte, sowie die Mafia-Verstrickungen höchster italienischer Regierungsbeamter, die diesen Waffendeal eingefädelt hatten. Mme. Ronchettis Nominierung für den Pulitzer-Preis scheiterte am massiven Druck, den wohlhabende US-Bürger auf die Columbia University ausübten.

Juppi Perstein schied aus dem Polizeidienst aus, heiratete Garance in einem verschlafenen Le Midi -Nest kirchlich und wurde der Kompagnon des Privatermittlers Alois Stänker in “Spandau bei Berlin”. Garance ließ sich ein halbes Jahr später von Juppi scheiden. Die Ehe blieb kinderlos. Man verlor sich aus den Augen.

Die Ovationsbeihilfe – Folge III

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Jul 032010
 
Eine Kriminalkurzgeschichte in vier Folgen
Folge III – Risotto Bitter Mandel

Am dritten Tag nach dem spektakulären Selbstmord des Wachmannes auf dem Dachboden des Jobcenters, war das Wetter plötzlich umgeschlagen. Bei 24 Grad im Schatten füllten sich die Charlottenburger und die Wilmersdorfer Straßencafés. In den Biergärten wurden die Wolldecken weggeräumt und Vorkehrungen getroffen, statt der Heizpilze die Großbildschirme so zu platzieren, dass niemand daran vorbei schauen konnte, der auch nur gekommen war, kurz einen wässrigen Espresso zu tolerieren. Die Wirte hielten das für Umsatz steigernd und sollten damit leider goldrichtig liegen. Die trübe Laune der Berliner kam dem plötzlichen Bombenwetter nicht hinterher. Ratlos stierten die eben erst aufgetauten Eingeborenen auf die Mattscheiben und ärgerten sich über ein paar Touristen, deren Urlaubsstimmung schneller auf Frohsinn umschaltete, als der missmutige Gram des gemeinen Wilmersdorfers dies für gewöhnlich vermochte. Ach Berlin, deine Sommer sind viel zu kurz.

Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters kamen mit dem plötzlichen Sonnenschein nicht gut zurecht, zumal sie bei dem Wetter ab 10:00 Uhr viel lieber in ihren Lieblingscafés gesessen hätten. Die Qualitäten der amtlichen Essensausgabe wurden hier ja schon angesprochen. Um 10:10 verwirrte ein unvorhersehbarer Umstand die Gemüter der Gehaltsempfänger der Behörde allerdings noch heftiger, als das Wetter hierzu imstande gewesen war: Die Monitore im gesamten Jobcenter flackerte bunt auf und aus dem Farbenmeer kam ein Totenkopf hervor, unter dem ein Textlaufband verkündete: “Treusch dieses Schwein, hat seine Frau umgebracht! Treusch ist ein verdammtes Mörderschwein!” Du entgehst der Gerechtigkeit nicht, das schwöre ich beim Namen meiner Mutter, du Killer!”

Helle Aufregung. Der Krallengriff brachte gar nichts. Das System war offenkundig abgestürzt. Die Klienten wurden vertröstet oder gleich weggeschickt, oder saßen vielleicht noch ein Stündchen sinnlos in den Warteräumen, bevor ihnen mitgeteilt wurde, dass es EDV-Probleme gäbe, und sie schriftlich einen neuen Termin bekommen würden. Zwei Stunden später bemühten sich einige wenige Experten, die Ursache des Problems herauszufinden und scheiterten kläglich. Die Leiterin der Behörde, die sich auf einem Pressetermin befand, den ihr Pressesprecher Treusch nicht wahrnehmen konnte, wurde benachrichtigt und ordnete an, dass ihre Untergebenen den Nachmittag damit verbringen sollten, alle morgigen Termine, wenn möglich abzusagen. Es war nicht möglich, denn dazu hätte es einer funktionierenden EDV bedurft.

Juppi und sein Freund Alois saßen unterm Sonnenschirm auf alten grün gestrichenen Gartenmöbeln in bequemer Haltung. Alois gähnte und zündete sich einen billigen Burgerstumpen an. Juppis Protest verhallte ungehört. Herrka machte sich derweil in der kleinen Kochnische der Jugendstillaube zu schaffen und fabrizierte einen Kartoffelsalat mit zu viel Knoblauch, der den Geschmack der frischen Gartenkräuter völlig übertünchte. An den heißen Kartoffeln verbrannte er sich das eine ums andere Mal die Finger, pellte aber tapfer weiter. Dann brachte er drei kleine Wassergläser heraus, über deren Rand ein akzeptabler Bordeaux schwappte, der allerdings viel zu warm war, weil er kurz zuvor noch geschlossen eine Weile in der Sonne gestanden hatte.

“Gut, wie der Herr Superkriminalist meinen, der Schmitt ballert in die Decke und anschließend ballert er sich gekonnt die eigene Birne weg. Du solltest Kriminalautor werden, die denken genauso logisch”, nuschelte Alois und versuchte mit gespitzten Lippen Rauchkringel zu formen. – “Das funktioniert nur, wenn du den Stinkerstumpen Lunge rauchst, du niederbayerischer Bauernführer.” – “Komm, ja, hör’ auf, als Nächstes zitierst du aus dem Kapital, das kennen wir auch schon in Bayern, bei uns nennt man das Milchviehbestand.” – “Also gut nehmen wir mal an, der Schmitt hat ein paar zu viel von den Pillen genommen, die ihm sein Psychoonkel verschrieben hat. Das kann schon mal vorkommen, wenn man sich ganz schön schlecht fühlt. Mehr Pillen weniger Frust….Wenn er jedoch in der Lage ist, sich bei der Dosis in den Schädel zu schießen, wozu ballert er denn in die Decke, kannst du mir das mal verraten?” – “Aber wozu erörtert ihr denn die Selbstmordthese noch, wenn ihr doch beide davon ausgeht, dass er sich nicht selber umgebracht hat”, warf Herrka halblaut ein.  “Weil wir darauf kommen möchten, ob der Täter uns was zu sagen hat mit der Art, wie er vorgegangen ist, mein Junge. Vielleicht auch ohne, dass er das unbedingt mit Bedacht gemacht hat – obwohl – selbst das kommt mitunter vor.” – “Quatsch”, schob Herrka jetzt etwas energischer nach, “und vor allem, dass der Werner Pillen geschluckt haben soll, das hätte ich ja wohl in der Redaktion merken müssen, eigentlich war der nicht gedämpft, sondern eher gespeedet, wie auf Coca manchmal.” – “Ach damit hast du wohl Erfahrung Herrka”, spitzelte Juppi im Befragungston. Jetzt war Herrka beleidigt: “Nein, ich saufe Rotwein, so was sieht man doch, sehe ich vielleicht wie ein Gelegenheitskokser aus? Ist doch Scheiße das Zeug. Naja, die Jugendfotos von Werner aus der Zeitung sehen auch nicht gerade aus wie die, von einem, der mal genügend Kohle scheffeln wird, die er sich durch die Nase ziehen kann.” – “Wie kommst du denn auf Jugendfotos, Mensch? Die sind ganz aktuell aus seiner Personalakte beim Wachschutz.” – “Aber nie, niemals ist das der Werner, den wir alle aus dem Projekt kennen, der Werner, der diese dreckigen Witze über Berlusconi und den Papst erzählt hat. Da könnt ihr ja mal die übrigen Eineurosklaven fragen. Ne-he-he, die Fotos, das kann vielleicht Werner vor 20 Jahren sein, aber nicht der, den wir wir im Projekt hatten. Ich hab mich sowieso gewundert, warum die Mist-Zeitungen keine neuen Fotos von dem haben. Ich dachte vielleicht hat er einfach Dreck am Stecken oder so ähnlich!” – “Hast du das gehört Juppi, KomJupp, du alter Internationalist? Hast Du den Sinn aber vielleicht auch verstanden, Herr Kriminalhauptkommissar?” – Ja, Wasserschutz, hab ich, los zieht Euch ein Hemd über die behaarte Brust, oder lasst es. Wir fahren eine Kollegin besuchen, die ein komisches Hobby hat, das sie zu ihrem Beruf machen durfte.”

Treusch war verunsichert. Jedes mal wenn der Oberkellner Umberto den Herren an den Tischen der Trattoria ins Ohr flüsterte – mit einer Mine, als erzählte er ihnen in Gegenwart ihrer Damen etwas Unanständiges – bestellten die Kavaliere die Rechnung, wie wenn sie plötzlich etwas Wichtigeres vorhätten. Das “Monti e Mare” lehrte sich kontinuierlich; bald war Treusch der einzige Gast. Dann kehrte auch Umberto der Oberkellner nicht mehr aus der Küche zurück. Statt seiner kam ein kleiner dicker Mann mit einem übertrieben elegantem Anzug, setzte sich zu Treusch und drückte seine Zigarette in den Resten auf dem Antipastiteller aus, der traurig etwas abseits von Treuschs Risotto stand. “Wer sind sie?” – “Nun, sagen wir ein Freund eines besorgten Freundes, dem sie einen Gefallen versprochen hatten.” Der Kleine wartete, bis Treusch sich anschickte etwas zu vermelden, und fuhr ihm dann sogleich ins Wort: “Ich muss mich entschuldigen Signore, das Risotto ist scheußlich, wirklich! Ich habe eben davon probiert; es ist eine Schande für unsere Haus. Umberto, bring’ unserem deutschen Freund doch ein anständiges Risotto, eins, an das er sich immer mit Dankbarkeit erinnern wird. Subito Umberto. Ein Spezialrezept von meiner Mama, Signor Treusch. Wenn ich nicht so in Eile wäre, würde ich sie meiner Mama vorstellen. So müssen sie mit dem vorlieb nehmen, das ihnen Umberto bringt. Es ist auch nicht schlecht, wirklich nicht – ahh – da kommt unser Umberto schon.”

Das schnippische Lächeln, mit dem er eben die Gäste hinauskomplimentiert hatte, war aus Umbertos Gesicht gewichen. Eine gewisse Blässe machte sich stattdessen in seinem südlichen Teint breit, die Treusch beunruhigte. Andererseits, was sollte er zu befürchten haben. Sein Verstand sagte ihm wohl, dass es sich bei dem Theater, das der Zwerg da veranstaltete, um eine grobe Unhöflichkeit, allenfalls aber um eine Drohgebärde handele. Nun, damit kannte er sich aus. Er sandte dem fetten kleinen Mann in dem übertriebenen Anzug einen unverschämt kühlen Blick in sein lächerliches Gesicht zurück. “Sie irren sich, Herr, wie war gleich ihr Name, ich glaube sie hatten sich mir noch nicht vorgestellt, das Risotto im “Monti e Mare” ist vorzüglich, wie immer vor-züg-lich”, wiederholte er mit leicht erhobener Stimme. “Umberto, il conto prego.” Mit leicht zitternder Hand stellte Umberto die zweite vorzüglich duftende Speise, ein Mandel-Wirsing-Risotto, vor Treusch auf den Tisch und entfernte sich rasch und wortlos. Der kleine fette Mann zog ein winziges braunes Plastikfläschchen aus der linken Seitentasche seiner Anzugjacke und postierte es direkt neben Treuschs dampfendes Risotto. Als Treusch Anstalten machen wollte, das Gedeck und den kleinen Mann hinter sich zu lassen, hielt der Unverschämte seine 9 mm Smith & Wesson Long Slide auf den Deutschen gerichtet, der jetzt doch nach Luft schnappte. “Probieren sie von dem Risotto, Herr Treusch. Besonders gut schmeckt es, wenn sie noch etwas frisch gepresstes Mandelöl von meine Mama drüber tun. Nur zu, ich nehme an, sie haben heute Abend nichts mehr vor.” Dabei wurde seine Stimme ruhiger und fast gedämpft. Treusch schüttelte nur den Kopf. Da rief der Kleine wieder Richtung Küche: “Umberto, würdest du bitte unserem Gast etwas von dem Mandelöl meiner Mama über das Risotto tun?” Statt Umberto kam eine zierliche Frau aus der Küche an den Tisch. Umbertos Frau, die berühmte Köchin im “Monti e Mare”, die zuvor niemals an ihre fünf Sterne gedacht hatte. Über ihre feingliedrigen Hände hatte sie gelbe Gummihandschuhe zum Putzen gestülpt. Vorsichtig öffnete sie das kleine braune Plastikfläschchen und schüttet den gesamten Inhalt über Treuschs Risotto. Sie blieb am Tisch stehen. Treusch starrte sie flehend an, doch sie blickte in die Ferne, wie wenn man allein ist, und in der Nacht aufs Meer schaut. “Jetzt riecht es wie das Risotto meiner Mama, Herr Treusch, nach frisch geschälten bitteren Mandeln. — Los probier’ das Risotto, oder willst du mich beleidigen”, brüllte der kleine Fette, ohne Vorwarnung in die Tonhöhe fallend, in der auch Treusch seine ungewollten Lacher ausstieß. In irrer Panik griff Treusch mit beiden Händen in das hübsch angerichtete Reisgericht und verschmierte den unansehnlichen Brei wie ein sabberndes Kleinkind in seinem Gesicht. Den Mund hielt er geschlossen. Er wollte weinen. Er konnte nicht. Alles in ihm war ausgetrocknet. “Los, friss deinen Reis, Treusch. Friss du Schwein, du widerst mich an”, keifte der Fette. Treusch versuchte seinen Mund zu öffnen, es gelang ihm nicht. Aber da hatte die Blausäure schon den Weg zu den Schleimhäuten seiner Augen und seine Nase gefunden. Er erstickte innerlich und sein Hinscheiden offenbarte dieselbe jämmerliche Aufführung jeglichen Sterbens.

Herrka trat gestützt von Juppi vor die Tür der Pathologie und kotzte Rotwein mit Kartoffelsalat. “Ich habe dir gesagt, du sollst dir nichts mehr reinstopfen. Mann oh Mann, kotze dir nicht auf die Hosenbeine und mir schon gar nicht. Gut. Das da im Kühlfach war nicht dein Werner, der Werner aus deinem Zeitungsprojekt, stimmts?” Herrka spuckte aus und nickte mit dem Kopf. Sein dünnes Haupthaar war verschwitzt und angeklatscht. “So, jetzt geh’n wir zu dir und du gibst mir alle Telefonnummern – von sämtlichen Leuten aus dem Projekt. Das wird ein hübscher kleiner Auflauf. Herrka brachte noch einen winzigen Kotzschwall hervor, dann spie er erneut und versuchte mit Spucke zu gurgeln. “Was ist, mit Auflauf meinte ich nichts zu essen.” Erneut versuchte Herrka zu spucken aber sein Mund war so trocken wie nach einer durchzechten Nacht. “Wenn ich die noch alle habe”, stöhnte er heiser und hüstelte. – Wenn du drei hast, ist schon mal gar nicht schlecht. Ihr werdet mir alle diesen falschen Werner beschreiben, oder besser gesagt nicht mir, sondern dem Kollegen, der am Computer das Phantombild von eurem Witzbold macht.”

Alois Stänker zog an der Zunge eines geschmacklosen Messinglöwenkopfs, der die Mitte einer ebenso hässlichen italienischen Facettentür zierte, gleich unter einem Messingschild. Dort stand in den Versalien einer Calligraph Schrifttype: Familie Treusch. Nach etwa 5 Sekunden heulte im Innern eine New-Yorker Polizeisirene auf. Alois trat ein wenig zurück und hielt instinktiv eine billige, in Plastik eingeschweißte Karte in die Höhe, die ihn als Privatermittler ausweisen sollte. Nichts tat sich. Er ging um das Kleinmachnower Haus herum, auf dem nicht nur die Hypotheken lasteten. Auf der Terrasse erblickte er durch die geschlossene Verandatür zwei nackte Unterschenkel, die über einer ziemlich kostspieligen elfenbeinweißen Ledergarnitur hingen. Die Füße daran bewegten sich und krampften, wie ihm auffiel. Eindeutig, sagte Alois zu sich selbst. Eine Frauenstimme brüllte, dann kamen einige langanhaltende männliche “Atmer” in den bekannten Tonlagen hinzu. “Eindeutig,” sagte der gewesene Wasserpolizist. Langsam ging er wieder zur Eingangstür und zog nun im rhythmisch an der Zunge des Löwen. Die Polizeisirene verkündete mindestens den Überfall auf die Bank of New York. Der Kerl, der Stänker die Tür öffnete, war Ende 40, muskulös mit einem kleinen Bauchansatz, der sich verräterisch unter dem schwarzen Bademantel abzeichnete. Ein rot-goldener Drache war auf den schwarzen Seidenstoff gestickt. Hier ist alles billig, dachte Stänker. Der Mann setzte seine randlose Brille auf die platte Boxernase, unter der die kleine Narbe einer Mensur rosarot unter Schweißperlen glänzte – keine große, nichts Gefährliches, nur zur gesellschaftlichen Zierde.

“Wir kaufen nichts”, blaffte ihn der Mann mit der Überheblichkeit des Emporkömmlings an. “Entschuldigen sie bitte die Störung, Herr…”, versuchte Stänker den urältesten aller Tricks und hielt jetzt seine Plastikkarte wieder in die Höhe. “Ach, ne, sie sind wohl nicht von der Versicherung”, sagte der Mann, “das ging aber schnell, also Moment mal, wir haben es doch vor drei Stunden erst erfahren.” Der Mann biss sich auf die Lippe. “Wer sind sie, zum Teufel, und was wollen sie hier?” – “Mein Name ist Alois Stänker, Privatermittler, und ich würde gern ein paar Worte mit Fräulein Treusch wechseln, bezüglich ihres Vaters und des plötzlichen Todes ihrer Mutter.” – “ Ja, möchten sie das? Dann verlassen sie mal unverzüglich das Grundstück. Ansonsten sehe ich mich gezwungen die Polizei zu rufen und gegen sie Anzeige wegen Hausfriedensbruchs zu erstatten. Wenn sie noch einen Rest von Anstand hätten, wären sie nicht unmittelbar nach dem tragischen Tod meines besten Freundes Treusch, des Vaters von Eleonore, hier aufgekreuzt. Sie hat einen Nervenzusammenbruch erlitten und befindet sich in ärztlicher Obhut.” – “Dass es ihr nicht gutgeht, habe ich eben beobachten können, Herr…” – “Limburg, Oberstaatsanwalt Limburg, wenn es ihnen nichts ausmacht. Merken sie sich den Namen, Herr, er wird ihnen noch begegnen.” – “Davon bin ich überzeugt”, antwortete Alois ruhig. “Und, was sie da gesehen haben wollen, zischelte der Oberstaatsanwalt und zog den Gürtel seines Seidenmäntelchens fester“, ist ja absurd. Und jetzt sehen sie zu, dass sie sich trollen, Mann.” – “Schon gut, schon gut, Herr Oberstaatsanwalt, ich befolge ihre Anweisung.”

Stänker machte auf dem Absatz kehrt und ging zum Wagen. Als er davor stand, drückte er mechanisch auf den Zündschlüssel in seine Hosentasche, wie er das bei seinem BMW immer tat, bis ihm einfiel, dass an der “Mistkarre” von Juppi die Zentralverrieglung kaputt war, seit er denken konnte. “Scheißkarre. Scheiß Oldtimer, Scheiß der Hund drauf!” An Juppis Schreibtisch klingelte das Telefon. “Jupp, es ist dein Busenfreund, ich lege auf”, flötete die Stimme einer jungen Kollegin.

Am kommenden Sonntag lesen Sie hier die IV. und letzte Folge  - La forza del destino.