Die Legende vom Unglauben – Folge IX

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Aug 202010
 

Die beste aller möglichen Welten

Die Meditationsoase im 87. Stockwerk bestand im Wesentlichen aus einer viereinghalb Meter starken Bodenbedeckung mit konstant temperiertem Polyethylenschleim, der die Körper bei 39 Grad Celsius in sich aufnahm, wie der Utherus ein sich einnistendes Ei. Der Doktor war einen Augenblick lang begeistert, bis ihm einfiel, dass seine Organreparaturbakterien die Temperatur übel nehmen könnten. Für diesen Fall hatte er zwar eine Ampulle Ice an seinem Medizingürtel, das die Bakterien für die Dauer der Übung in Stasis versetzen würde, aber es war die letzte Ampulle und das MIttel schwer zu beschaffen, doch rechnete der Doktor damit, dass Kolchos dies ohne Weiteres bewerkstelligen könne. Oboist, nahm die Zögerlichkeit wahr und bezog sie auf sich. Tränen standen ihm in den Augen. Der Doktor erklärte, setzte sich den Druck und die Gesichtszüge des reichen Erben nahmen wieder ihre gewohnte heitere Ausdruckslosigkeit an. „Wollen sie Quis?“ fragte er. „Nein Junge, kein Quisarin heute, und ich rate dir, den Nebel gar nicht erst einzuschalten, es kommt besser so, die Endorphine aus meinem Blutkreislauf sind viel erquicklicher, gaub‘ mir!“

Sie schwammen jetzt nebeneinander im Polyethylenschleim und entkleideten sich wie in der Schwerelosikeit des Alls. Die Kleidungstücke sanken zu Boden und wurden von dressierten Riesenkäfern mit deren Körpersekreten desinfiziert und dann säuberlich zusammengefaltet in einer verborgenen Glastruhe am Ausgang der Oase deponiert. Die Nacktheit der Organismen, die neben-, über-, und untereinander schwammen, bewirkte eine Veränderung des Aggregatzustands im Polyethylenschleim, der jetzt eine vom Grünen ins Indigo changierende schillernde Nabelschnur ausbildete, die sich an den Bauchnabeln der Menschen festsetzte und eine Enzym ausschied.

Das Körpergewebe der Bauchnabel verschmolz mit der Polyethylennabelschnur. Die Blutkreisläufe der Männer konnte ihre Botenstoffe vermischen. Die Erinnerungen des Alten und des Jüngeren vermengten sich zu einem Erleben. Zuerst war es sagenhaft. Doch ebenso plötzlich musste der Doc mit seinen Endorphinen gegen Oboists Alp von den ledernen Hautfetzen in seinem Handinneren ankämpfen, die sich zu soetwas wie Sofakissenknöpfen verwandelten. Als nächstes halluzinierte er hunderte kleine, mit ihrem Austritt aus der Haut sofort verdorrende Leguanextremitäten über seinem Rücken und an seinem Nacken. Seine Mutter rief nach ihm und er brüllte wie am Spieß. Da konnte auch der Doktor seine Alps nicht mehr stoppen – der Gestank der brennenden Maisfelder stieg in ihm wieder auf, er blutete aus der Nase. Der Adreanlinspiegel stieg kontinuierlich und verteilte sich auf beide Blutkreisläufe. Jetzt befielen auch ihn die Halluzinationen und er wusste nicht, ob es die seinen waren. Er bemerkte sein offenes linkes Bein, kleinere und größere Fleischwunden, Blut quoll in klienen Rinnsalen hervor und rechts unterhalb der Wade blühte ein roter Schwamm der die Form eines natürlicher Schwamms für die Badewanne (Fischlein rot) hatte.

Etwas später verschlossen sich die Wunden und darunter waberte und wuchs etwas. Dann brachen große Stachel durch die Haut. Ableger bildeten sich im Bauchfett. Der Doktor fühlte sich wie in einer selbsorganisierten, wenngleich zur Identifikation mit fremdem persönlichen Leid unfähigen Gesellschaft. Sie fand nichts dabei, dass er rote Schwämme am Schienenbein trug und ihn Stachel aus dem Bauch sprießten. Er musste einen Freund, der weit weg war anrufen um Näheres zu erfahren. Der war mit anderen Sachen beschäftigt und kurz angebunden. Er erklärte QLS in einem Ton, als ob es nicht so schlimm wäre, das die Krankheit vom Verzehr einer Biokäsesorte herkäme, genauer von dessen Rinde. Sehr schön, es half aber nicht weiter. Die lebendigen Stachelbeulen bewegten sich Richtung Geschlecht. Der Doktor musste nun befürchten, das sich das Fremde sein Erbgut holen wollte, um damit ein Ungeheuer zu zeugen. Er riss die Beulen am Bauchfett mit seinen Händen auf. Das ging sehr leicht, die Haut war von den Enzymen des Schleims aufgeweicht. Das Fett darunter war weißlich gelb und klumpig. Es geklang ihm einige der Stachel auszureißen. Der Prozess stoppte oder verlangsamt sich zumindest.

Da riss der junge Oboist sich die künstliche Nabelschnur aus und blutete aus Nabel und Ohren. Die Käfer kamen schließlich gerade noch rechtzeitig und verschafften den an sich selbst leidenden Menschen durch ein Hormon in ihren Duftstoffen den Koitus interruptus, bevor das Blut der Menschen ihnen zum Dank die Chitinpanzer jämmerlich verätzte.

Kolchos war alarmiert worden und eilte zum Eingang der Oase. Seine Regulatoren hatten den Auftrag den Doktor sterblich zu machen. Doch der Sohn flehte ihn an und ereichte im letzten Augenblick, dass Kolchos den Befehl zurücknahm. So nahe, wie bei diesem unglücklichen Versuch, war Oboist noch nie einem Menschen gekommen. Initiation und Ritus war also genüge getan, nur der Sex hätte besser sein sollen. Vielleicht wäre etwas Quisarin doch nicht schlecht gewesen, dachte Oboist. Der Doktor wusste, dass es zwecklos war, Kolchos nach all dem zu bitten, seine Beziehungen spielen zu lassen, um ihm ein paar Ampullen Ice zu beschaffen.

“Ich” und Bla

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Mai 162010
 

Ich höre im Radio, Irving sagt, er schreibe den letzten Satz zuerst, weil er sonst kein Ziel hätte und sich verwirren würde. Das ist eine Methode, auch wenn ich sie nicht glaube. Aber welchen Grund hätte der Mann uns etwas anderes von seiner Arbeitsweise zu überliefern, als das, von dem er glaubt, es gereiche seinem Bild zum Besten.

Der Entwurf, den wir von uns machen, ist entscheidend. Das schreibende Voranschreiten, im Kreis gehen, zum Ausgangspunkt zurückkehren, im Zyklus steckenbleiben – der sprachgelehrte Affe, ein dünnes Bändchen, für das ich zwölf Jahre brauchte und bis an mein Lebensende brauchen werde(wie übertrieben)- gerade war ich, zwölf Jahre nach der ersten Lektüre, die ich schnell abbrach, dieser Ungeheurlichkeiten wegen, zum erstenmal (die neue Rechtschreibung ist falsch hier) war ich gestern auf der letzten Seite angelangt, schaudernd, und habe es doch nicht zuende gelesen, weil die Realität(welche, oder besser Plural, nein, übertrieben), die ich Leser hatte, weiter geht im Kopf, sich weiterdreht, in sich zusammenfällt, Gedächtnis aussetzt und ich mich zwingen muss, diesen einen auffällig kurzen Satz zu erinnern, den der Tote zu mir, für mich in die kleine Leere, die am Ende der kleinen Seite blieb, gesetzt hat. Ich bilde mir ein für mich. Also stimmt es.

„Ich kämpfe auch gegen Irrealität“.

Ich bilde mir ein, der Satz lautete so, habe ihn aber vielleicht schon neu zusammengesetzt, als das, was ich verstanden habe. Der Satz war im Zusammenhang nicht lauter gesprochen von Paz, als seine anderen, er war nur einfach für mich. Und nun schaue ich nach, ob ich ihn „richtig“ behalten habe, diesen kurzen Satz, und „richtig“ zitiert. Ich weiß, dass er ganz unten auf einer linken Seite steht, oder zumindest gestern noch stand, und wenn ich linke Seite schreibe, denke ich an Paz den Spanienkämpfer auf Seiten der Republikaner, an Paz den mexikanischen Diplomaten, der in Paris ist, sowieso Ecke sowiso, kein Ort, den ich kenne, der mir bekannt vorkommt, dennoch, Paz in Indien, in dem Satz, den Paz schrieb, und von dem ich glaubte, er sei für mich bestimmt:

„Ich leide auch an Irrealität.“

Aus Leiden mache ich Kampf. Zuviel Herold Binsack gelesen, gestern. Und der mutige Feudalprovokateur HM555 war der Einzige, der das richtige gefragt  hat gestern, den Herold der marxistischen Orthodoxie, nämlich wie man ihm helfen könne, denn seine Schlussfolgerungen sind überlegenswert und er ist dennoch/deshalb verzweifelt. Und mein persönlicher Satz von Paz steht nicht unten links sondern unten rechts, und es ist noch Leere darunter, die jetzt die meine ist, die ich mir aneigne, die ich jetzt ausfüllen werde, voran schreitend, weiter schreibend, die Namen der Dinge nicht nennen könnend – nur ein bischen weiter hin zum Wahnsinn – soweit es geht.

Ich habe ihn wiedergefunden, den Satz. Ende. Keine Notwendigkeit weiter zu schreiben, außer dem Drang weiter zu reden, Bla. Sinn lassen. Sinn entlassen. Sinn liegenlassen. Sinnablass. Mir ist kalt. Ich, meiner, mir, mich. Ich bin gerade nicht von der anderen Seite. Der Fluß trocknet aus; noch waten in seinen Pfützen langstelzige Vogelarten. Deren Farben, die ich nicht auszudrücken vermag aber sehe, reizen wieder zur Beschreibung, Farben erinnern mich (also diese erinnern jenen) die ich gestern sah, als ich die Bettdecke über den Körper gezogen hatte, in der Kälte dieses Mais, des Maien. Reine Farben, leuchtend karmesinrot, es war nicht karmesin, aber es sah aus, wie ich karmesin jetzt klingen höre, nicht sonieren höre, denn sonieren klingt falsch. Reines Indigo, das ultramarin und schließlich ein mit weiß vermischtes Bleiblau war. Das Rot in einem vertikalen Balken, soweit ich mich erinnere, und das Blau in einem horizontalen Balken, etwas mehr als hauchdünn, ca. einen Zentimeter lang, offenen Auges in das Halbdunkel gesetzt, wachgeträumt, eingegeben; wo? Es raubte mir den Schlaf. Von wo aus? Von irgendwoher, vielleicht aus dem chemischen Zusammenspiel in den Regionen der grauen Wirrungen.

Wir nennen seinen Namen: Gehirn. Ein jetzt schon nichtssagender, leerer Name, dessen transponierter Nichtsinn oder Neusinn sich aufgelöst haben wird am Ende dieser eingebildeten Sentenz, der verwest, der gegessen werden kann, gut abgehangen, edelbeschimmelt, wie die teuren Fleischstücke eines New Yorker Gourmet-Restaurants, das auch die Einbildung stimuliert. Ich möchte und so weiter schreiben.

Mir ist kalt. Es spricht mich. Es versiegt und quält sich als dieses innere Sprechrinnsal erneut in die Tastatur des Apparates, den ich hassen gelernt habe. Korrekturen der Orthographie werden nötig werden, und es wird wieder und wider hinzukommen beim Lesen, beim Nichten und dem Drang das Genichtete zu füllen und widerum zu nichten bis es dasteht, da steht, hier steht.

Ach und übrigens! müssen wir mal über Ich sprechen. Ich hatte da gestern nach den Spracherfahrungen, dem Plappern ins Dunkle, diesem vorformulierten Bla, das ich nicht aufschreiben wollte, weil der Mai mir zu kalt ist, und nach dem bunten Gelichter, eine Form für etwas, das ich unangenehm finde – es zu beschönigen höchstwahrscheinlich, war sie gedacht. Diese zwei ö direkt hintereinander schmecken mir nicht, genausowenig wie dieses Ich. Ich pfeife auf eure Inetrpunktion. Interpunktiert euch doch selber. Erinnere! Fehlanzeige. Entwirf es neu. Es plappert, ja, Bla kam darin vor. Ich versuche eine Rekonstruktion:

Ich, ich, bla bla.

Eintrittskarte lösen,

Im Freibad am Mahlstrom,

Erzählfluss, Untertauchen,

Kiemenatmung, Fischwerdung,

Embryonales Stadium.

Namenlosigkeit, Eigenname,

Unterschiedlos, Eigentlich

Aufgelöst in Deutlichkeit.

INDIGO, Foto: AQ!, 2010

Mehr geht jetzt nicht.
Melde mich irgendwann wieder.

ENDE

Frühling – Vier Haikus

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Mrz 242010
 
für Regina

I.

Im Frühling trag‘ ich
das graue Ausgehjacket.
Überall sprießt es.

II.

Stadt wie verwandelt
bist du im März, im späten,
kältevergessen.

III.

Auf dem Wochenmarkt
jungen Spargel bietet feil
ein altes Gesicht.

IV.

Gesenkten Hauptes
reißt der betagte Lehrer
Zettel vom Kasten.

Meine Stachelbeere

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Mrz 232010
 
für Clemens

Der Winter, der neuerlich wieder grimmig gewesen
Und lang, sehr lang, bis in den März hinein dauerte,
Hat meinem kleinen bescheidenen Stachelbeerstrauch,
Von dem ich im letzten Herbst vier Früchte erntete,
Trotz all seiner rauhen Fröste nichts anhaben können.

Mich haben der Winter und ähnliche Dinge
Verhöhnt und beträchtlich zu Boden gebracht.
Da hab‘ ich auf das nicht achtgegeben, was lebt.
Und mein Stachelbeerstrauch, der mich so erfreute,
War in der Wurzel gefroren, wie wohl auch ich.

Mir war  schon, wie dies‘ bewehrte Gewächs im Kübel.
Auch ich müsst‘, auch wenn ich bewehrt wär‘ verderben.
Doch als ich dieses Jahr das erste Mal auf dem Balkon
Und im Sonnenschein Tee aus Darjeeling getrunken,
Erkenn‘ ich mit Freuden , mir gingen die Augen über,
Junges Grün sprießt versöhnlich aus stachligem Holz.

Ach, wissen sie –

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Mrz 092010
 
für Jandl (obwohl das Blödsinn ist)

Da bemüht sich jemand,
wer auch immer er sei.

Niemals ist er identisch
mit einem anderen jemand,
der sich ebenfalls bemüht –
man will seine Entscheidungen
auf ein verlässliches Prinzip bauen.

Man trifft eine Entscheidung „a priori“
und baut danach sein System.

Es hat mehrere oder
gar keine Berührungspunkte.

Mit anderen.
Aber man setzt ein System in Gang.

Eine Entscheidung.
Der Willensakt rollert einem davon,
wenn sie so wollen.

Eine moralische Prämisse,
ein Leitsatz,
ein Grundsatz,
eine Überzeugung,
eine Meinung.

Überlebenswichtiger Fluchtweg
oder die Aussicht, es existiere
nur mehr diese eine Möglichkeit.

Ein Jemand macht es sich leicht, dem anderen
wird es leicht gemacht und dennoch: um wie viel
schwerer tut sich dieser mit der Leichtigkeit,

die jenen scheinbar
ohne irgendwelche
Abwägung von Prinzipien,

seine Entscheidung treffen lässt?

Erfahrung
Praxis
Pragmatismus
Sachzwang
Selbstvertrauen
Fehleinschätzung
Hypothese
Utopie