Geheime Regierungserklärung

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Dez 302010
 

 

Über die bekannte Plattfischform Gossipleaks erreicht uns soeben diese eigentlich mit Sperrfrist (01.01.2011, 00:00 Uhr) zur Veröffentlichung vorgesehenen Regierungserklärung des 1. Consuls einer gewissen  Föderation:

Liebe Mitmenschen, liebe Füchse und Katzen, liebe Waschmaschinen und Computer, liebe Gräser, Stachelbeeren und Kirschbäume, geschätzte Wesenheiten aller Art! Meine Aufgabe als ihr Consul ist es, dieses Amt selbst und den Menschenstaat, welchen es übergangsweise noch reguliert, überflüssig zu machen! Meine vorläufige Regierung ordnet deshalb vorläufig  an:

  1. Die Staatsverschuldung ist verboten.
  2. Spekulationsgewinne sind verboten.
  3. Zins und Zinseszins sind verboten.
  4. Fossile Energieträger und Kernenergie sind verboten.
  5. Industrielle, nicht ökologische Landwirtschaft ist verboten.
  6. Massentierhaltung ist verboten.
  7. Bei Haushaltsgeräten und allerlei technischen Spirenzchen ist herstellerseits ein garantierte Lebensdauer von mindestens 30 Jahren zu gewährleisten.
  8. Die Erzeugung von Nahrungsmitteln, und Gebrauchsgüter ist mittel- und langfristig importunabhängig, dezentral und mit minimalem Transport- und Verpackungsaufwand zu gewährleisten.
  9. Tierversuche und Freilandversuche mit gentechnisch veränderte Organismen sind verboten.
  10. Profit orientierte kommerzielle Forschung ist verboten.
  11. Vor allem Biotechnologie, Gentechnik und Werkstoffforschung im Nanobereich werden restriktiv auf Folgeerscheinungen sowie deren gesamtgesellschaftlichen und ökologischen Nutzwert untersucht. Sofern sie mit Frist bis zum 13. August 2011 den Nachweis nicht erbringen können, dass sie dem Erhalt und der Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts auf der Erde dienen, sind sie ausschließlich auf die Grundlagenforschung zu beschränken.
  12. Wissenschaft und Forschung haben generell eine von kommerziellem Nutzwert gänzlich unabhängige, paranoide Risikobewertung zum Wohle des Lebens auf der Erde vorzunehmen.
  13. Der private medizinische und pharmazeutische Industriekomplex wird vollständig zerschlagen und vergesellschaftet.
  14. Die Energieerzeugung wird strikt dezentralisiert.
  15. Energieleitungs- und Datennetze werden enteignet und vergesellschaftet.
  16. Wasser-und Abwasserwirtschaft werden in Ballungsräumen enteignet und rekommunalisiert.
  17. Der öffentliche Personennahverkehr und der nationale Fernverkehr sind kostenlos.
  18. Die Deutsche Bahn AG wird zerschlagen und vollständig vergesellschaftet. Künftige Eigentümer, sind, solange sie noch existieren, gemeinsam Länder, Städte und Gemeinden. Investitionen in Infrastruktur und Instandhaltung der Betriebsanlagen, zur Erweiterung und Modernisierung des Fuhrparks und des Beförderungskomforts, werden zu 60 % aus dem Haushalt des Bundes, zu 35 % aus den Haushalten von Ländern, Städten und Gemeinden und zu 5 % mit den Einnahmen aus freiwilligem Fahrgeldspenden gedeckt.
  19. Speisewagen werden ausschließlich von erstklassiger privater Gastronomie bewirtschaftet. Es gilt das Prinzip: pro Speisewagen ein gastronomischer Betrieb. Die Bewirtschaftung mehrere Speisewagen durch ein und denselben Betrieb ist verboten.
  20. 60 % aller Privatvermögen über 1 Million Euro werden enteignet.
  21. Der militärisch industrielle Komplex wird verstaatlicht, zerschlagen
    und abgewickelt.
  22. Große Städte, die weiterbestehen wollen, sind verpflichtet midestens 47 % ihres Bedarfs an Energie und 12% ihrer Nahrung auf eigenem, innerstädtischem Grund zu erzeugen.
  23. Megacitys sind aufzuheben, sofern sie den Anordnungen aus Punkt 20 nicht genügen und sich nicht in kleineren bezirklichen Einheiten demokratisch selbst organisieren.
  24. Die maximale Geschosszahl städtischer Bebauung beträgt 100, die maximale Geschosshöhe 7 Meter, der Minimalabstand zwischen Hochbauten 1,5 km.
  25. Der motorisierte Individualverkehr innerhalb geschlossener Ortschaften ist verboten. Ausgenommen ist der Verkehr von privaten Bewirtschaftungs- Instandhaltungs- und Rettungsfahrzeugen.
  26. Bis zur Beseitigung der profitorientierten Erwerbsarbeit wird in solcher eine gesetzliche Regelarbeitszeit von maximal 15 Wochenstunden eingeführt.
  27. Es wird ein leistungsunabhängiger einheitlicher Mindestlohn von zunächst 18 Euro/Stunde festgesetzt..
  28. Die gesamte human- und veterinärmedizinische Versorgung ist flächendeckend kostenlos.
  29. Arzneimittel sind kostenlos.
  30. Schulische und universitäre und jegliche Bildung sind kostenlos.
  31. Die Kunst ist frei!
  32. Jetzt noch staatliche Museen, Theater, Opernhäuser, zoologische und botanische Gärten sind kostenlos.
  33. Zoos werden langfristig aufgelöst. Die Tiere werden freigelassen , wofern sie selbstständig unter den hier gegebenen ökologischen Bedingungen existieren können.
  34. Die Kirchensteuer ist abgeschafft.
  35. Bis zur Beseitigung der staatlichen Besteuerung liegt der Steuersatz auf Erwerbseinkommen über 6000 Euro monatlich bei 1%. Unter der Marke von 5600 Euro werden keinerlei Steuern fällig. Von 5600 bis 6000 Euro ist eine pauschale monatliche Abgabe von 14 Euro für die Abwicklung der Steuerverwaltungsinfrastruktur zu entrichten.
  36. Das Berufsbeamtentum ist abgeschafft.

 

Diese Bestimmungen  treten zum Wohle der Erde auf dem Gebiet des
derzeitigen Nationalstaats sofort in Kraft und gelten, sofern die
Mehrheit der Einzelindividuen der Völker nichts anderes empfiehlt
und mehrheitlich beschließt zunächst bis zum 8. Mai 2035.
Seid hoffnungsfroh, furchtlos, unaufgeregt und vermehrt Euch
regelmäßig aber viel, viel mäßiger als bisher. Und lasst Euch
von niemandem als Euch selbst zur Eile anhalten.
Gegeben zu Charlottenburg, den 31.12.2010
der hier üblichen Zeitrechnung.
Baron Wolfram von Charlottenburg zu Wilmersdorf Consul der
Föderation, nach Diktat weiter in Lektüre  von Stefano
Bennis Roman "Terra!" vertieft, Übersetzung aus dem
Italienischen:Pieke Biermann, Berlin 2002,
Verlag Klaus Wagenbach.

Gruß zwischen den Jahren

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Dez 242010
 

Winterliche Landstraße von Rathemow nach Grütz

Eine liebe Freundin verehrte mir vor gar nicht langer Zeit ein kleines Reclam-Bändchen mit Gedichten von Li Tai-bo (李白, Lǐ Bái).

Das war ein sehr kluges Geschenk und ist eine Quelle lang anhaltender Freude!

Dass ich schon lange keine Christ mehr bin, hindert mich nicht daran Weihnachten mitzumachen. Dass ich nicht dass Weihnachten des Konsumterrors und der sentimentalen Besinnlichkeit meine, versteht sich dabei von selbst. Wir, die wir in den Städten leben, sollten jedoch den Mehrwert der kulturellen Vielfalt anerkennen und mit der eigenen beschenken.

Im vergangenen Jahr war davon in unserer reichen Gesellschaft allerdings wenig zu vernehmen – im Gegenteil. Als Gesellschaft sind wir ganz schön auf dem Holzweg! Wenn sich daran im nächsten Jahr nichts ändert, wird sich einiges ändern, was unser ‚Bruttoinlandglück‘ weiter absenkt.

Wir sollten daran gehen, dass es sich nicht weitgehend und langanhaltend verflüchtigt. Wir sollten unsere Sinne schärfen und unsere Herzen öffnen und denen, die guten Willens sind, ein Zeichen geben, dass sie nicht allein bleiben.

Und wir sollten unsere Kompromissbereitschaft nicht gerade von denen missbrauchen lassen, die sich nicht an die Verträge halten, die sie immer noch mit uns geschlossen haben – mehr noch: Wir sollten nicht zulassen, dass die Macht der guten alten Willkür sich in naher Zukunft nur noch in der Willkür der kurzsichtigen neuen Mächtigen entäußern kann!

In diesem Sinn wünscht der AgenturQuerulant! allen Leserinnen und Lesern schöne Feiertage und eine fröhliche Konversion in das Jahr 2011 unserer Zeitrechnung!

Von den Wagen, den großen, steigt weiterhin wirbelnder
Staub auf,
Dass am hellichten Tag düster sind Heerweg und Zeil.

Wenn des Hofes Eunuchen gewogen, hat Goldes die
Fülle;
Vielgeschossig sein Haus, bis an die Wolken getürmt.

Just am Korso begegnete mir ein Kampfhahnbesitzer.
Welch ein Funkeln sein Hut! Welch ein Geflimmer sein
Schirm!

Schon eine Niesen genügt, dass ein Regenbogen sich
bildet;
Und verängstigt-erschreckt weichen die Fußgänger aus.

Ach uns fehlt jener Greis, der Versuchungen sich
aus dem Ohr wusch!
Heiliger oder Bandit – wer unterscheidet sie heut?

Aus "Li Tao-bo |GEDICHTE übersetzt von Günter Debon,
neu durchgesehen von Rainald Simon,
2009, Stuttgart,Philipp Reclam jun.

Meine Musiklehrerin

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Sep 302010
 

Es riecht wie Klavierlack und polierter alter Duysen.

„Es geht hurtig durch Fleiß. Geh Du Alter Esel hole Fische. Frische Brötchen essen Asse des Gesangsvereins“, sagte Irmgard Köhler meine Klavierlehrerin, eine bömische Gastwirtstochter, die mit mir J.S.Bach anstatt Peter Alexander machte, wie es mein Vater wollte, und ihn dann mit Mozarts ‚Rondo Alla Turca‘ rumbekommen hat, dass ich weiter Klassik durfte, bei uns zuhause auf dem konzertschwarzen Duysen-Piano, das der Vater (Möbeltischler) an den Wochenden aufpoliert hatte.

Für 100 Mark erstanden in einer Kneipe um die Ecke, wo es manchmal noch belustigte, wenn einer den Flohwalzer drauf probierte oder ein Soldatenlied. 100 Mark! Das war ein Batzen Geld, deshalb konnte das polierte Instrument nicht auch noch gestimmt werden. Aber Frau Köhler war tapfer und lobte den Anschlag. Ich dachte sie würde sagen, ‚Außen Hui, innen Pfui!‘, wie man damals unter Proletariern gern über die schick angezogenen Frauen von kleinen Angestellten sagte, genauso schick angezogen , wie Frau Köhler, die aber keinen Mann mehr hatte und sowieso keinen mehr wollte.

Aber nein, Frau Köhler sagte: „Musik ist die einzige Quelle aus der Versöhnung in allen Lebenslagen sprudelt.“ Und bevor sie sich von Mutti und Vati und mir verabschiedete, schon in Hut und Mantel sozusagen und aus der Tür, erwähnte sie noch, dass sie einen billigen Klavierstimmer hat, den sie uns gelegentlich mal vorbeischicken würde, wenn sie darf. Eigentlich war er nicht billig sondern kostenlos.  Denn das Geld für die nächste Klavierstunde wollte sie nicht annehmen.

Pfiffig und auf Zack

 En passant, Lyrrisch  Kommentare deaktiviert für Pfiffig und auf Zack
Aug 232010
 
So sind die Rechercheure von der IMDb!

Bei der Hübschung meiner künstlerischen Vita und der Überprüfung der angegebenen Links, stoße ich auf meine Eintragung in der Datenbank. Und was sehe ich? Endlich! Nach 17 Jahren werden nun auch eimal meine „Lyrics“ für Frl. Andreja Schneider in der Kneipenszene von „Prinz in Hölleland“ gewürdigt! Das ist jetzt wirklich nicht ironisch zu verstehen. Die Noten dazu waren  übrigens auch von mir. Ich glaube, es waren mal mehr Strophen. Aber die kommen ja nicht vor im Film, und ich habe sie auch vergessen. Hier zumindest noch einmal der Text, an den ich mich erinnere:

Chanson vom Trinken an der Bar ohne Geld in den Taschen

Ach ich sitze hier schon gut drei Stunden.
Und ich kippe traurig in mich rein.
An der Bar zählt man für mich die Runden.
Meinen Schwips werd’n sie mir wohl verzeih’n.

Woll’n sie mir ein Tässchen Schnaps spendieren?
Dann sing ich für sie mein schönstes Lied!
Wenn sie woll’n könn‘ sie auch applaudieren.
Aber heftig und nicht nur bemüht!

Es gefällt mir immer noch - wie "mit der Axt gedichtet". Werde noch ein paar
Strophen drauflegen. Und bei Gelegenheit stelle ich dann ein Audio mit meiner
eigenen Interpretation ein.

Kohl und Knacker und Kowalski

 Damals  Kommentare deaktiviert für Kohl und Knacker und Kowalski
Mrz 032010
 

Um Ihnen einen kurzen, wirklich sehr unvollständigen  Eindruck davon zu vermitteln, worin sich diese Reminiszenz ergehen könnte, wird es am besten sein, Ihnen meine Nehringstraße so knapp und so präzise wie möglich zu schildern, zu dem Zeitpunkt, als ich, Jahrgang 1958, in der Nehring-Grundschule mein erstes Schuljahr durchlitt. Ich weiß, dass mir das nicht gelingen wird, denn, wie man mir schon in frühester Kindheit bedeutete, neige ich zu ausufernder Schwatzhaftikeit.Vor dem Schultor, Foto: Günter Haack, Berlin-Charlottenburg, 1965

Wir schreiben das Jahr 1965. Die Nehring-Grundschule und die Peter Jordan Hilfsschule, wie man das damals nannte, sind in einem knastähnlichen Anstaltskasten aus rotem Backstein untergebracht, der sich weit hinter dem neuen Schulzaun auf dem Grundstück Nehringstraße 10 erstreckt. Davor, zur Straße hin, gibt es einen Exerzierplatz, der Schulhof genannt wird. Die rechte Grundstücksbegrenzung des Schulgeländes bildet eine Backsteinmauer, an der in regelmäßigen Anständen unter einem mit Kreide aufgemaltem Klassenverweis, die Klassen bei Feueralarmübungen und Gefahr von Aufruhr während der Pause, in Reih und Glied anzutreten haben.

„Durchzählen, nun mal Marsch, Marsch, Zack-Zack, oder muss ich erst nachhelfen“, fragt der Herr Burghause, der mit Rommel Spiegeleier auf dem Panzer gebraten hat.

Hinter der Schulhofmauer wiegen sich die langen alten Pappeln geduldig im Winde und noch daneben bilden rostiges Wellblech und verwitterteTeerpappe ungefähr zwischen zweitem und ehemaligen dritten Stockwerk das provisorische Dach einer Ruine, wo sich seit Ewigkeiten in der ersten Etage eine gruselig in rotes Bestrahlungslicht getauchte Ohrenarztpraxis ausbreitet. Huhuhuhu.

Nun, Ruinen solcher Art gibt es zu dieser Zeit noch so einige im Kiez, den man damals noch nicht so nannte. Man hätte diese Ansammlung von Wiederaufbauelend jedoch durchaus Dorf nennen können, denn immerhin gibt es in der Seelingstraße einen leibhaftigen Kuhstall, mit echten Kühen, die man im Dunkeln kaum sieht, denn sie sind schwarz, schwarz, schwarz. Alles ist schwarz in jener Zeit auch die Fingernägel und alles riecht ganz auf seine eigene Art und Weise. Alle pupsen ungeniert. Dort im Stall tauscht man Kartoffelschalen und faules Gemüse gegen Anmachholz oder eben einen Liter Mich, Milchkanne nicht vergessen! Bei Feinkost Bendrick, Nehringstraße 13 gibt es auch noch lose Milch. Beim nach Ansicht meiner Mutter schmuddligen Feinkost Egler, Nehringstraße 11, gibt es nur Milch in Flaschen, dazwischen liegen noch das Süßigkeitengeschäft der geizigen Frau  Last, die ihre Kundschaft, die Schulkinder, hasst, und eine Wäscherei. Wenn dort die große Schleuder austrudelt, ziehen manche älteren Leute im Haus Nr. 12 den Kopf ein, weil es pfeift, wie wenn eine Bombe aufs Haus fiele. Womit das abgehakt wäre, fast.Udo und Wolfram, Foto: Günter Haack, Berlin-Charlottenburg, 1965

Auf der andren Seite der Nehrigstraße zwischen Seeling und Knobelsdorff, tobt doch gewissermaßen schon das Wirtschaftswunder. Nein, was gibt es dort alles für Geschäfte. Beginnen wir mit den liederlichsten. Da ist ein reiner Herrenfriseur, der hinter dem Laden auch wohnt. Er konnte nur Führerfrisuren und trug selber Hitlerbärtchen, war aber sehr billig – und:  konnte gut mit Kindern umgegen, wie es hieß. Verzweifelte Eltern luden ihre blökenden Jünglinge manchmal bei dem Herrenfrisör ab, ohne das ein Haarschnitt zwingend erforderlich gewesen wäre. Der Mann praktizierte sein HJ-werk, soweit ich mich erinnere, bis tief in die 90ger Jahre. Ja vielleicht habe ich Vorurteile, aber da saßen dann nicht selten zukünftige kleiner Machomänner mit deutschem und migrantischem Hintergrund auf dem altmodischen Frisierstuhl und ließen sich vom Obersturmbandführer, wie wir ihn als Kinder heimlich nannten, eine Glatze scheeren. Das war der letzte Schrei. Neben Adolfs Glatzenschneiderei kam dann die ganz schlimme Absturzkneipe „bei Schick“, in der sich der Adel von Suff des ganzen kleinen Dorfes bewegte, zu Füßen der Hohenzollergräber. Wie in Düscherdin Asbachs Lummerland  dösen Kriegsversehrte mit dem Kopf auf dem Kneipentisch. Arm- und Beinprotesen sind dort keine Seltenheit. Granatenzitterer erzählen von Stahlingrad. Der gemeine Rentier und Senatspenner und seine Gattin, Frau Braatz gehen dort „bei Schick“ ein und ungern wieder aus, denn für zuhaus ist es immer viel zu früh und für die Handfestigkeiten der andren polizeibekannten Kaschemme in der Danckelmannstraße (heute Dicker Wirt) ist das Rentner-Ehepaar Braatz nicht mehr schlagkräftig genug.

„Mein Mann wa bei de Wasserwerke, der is ihn nischt als een oller Senatspenner. Aba mein Vata, der hat wat Anständijet jelernt, der wa Zimmamann, ja?“ pflegte Frau Braatz auf dem langgestreckten Hof des Hauses Nehringstraße 12 zu brüllen, wenn sie geruhte  vor ihrem Gatten die Gaststätte bei Schick zu verlassen. Neben Schick kam der Schuster Jokisch, dessen Frau den Kundenverkehr abwickelte, weshalb der Schuster Jokisch in seiner finsteren Werkstatt eigentlich immer blasser hätte werden müssen. Wurde er aber nicht. Ich mochte den ostpreußischen Schrumpfkopf sehr, denn ich durfte als einziges Kind aus der Straße in der Werkstatt zuschauen, wenn ich nicht schwatzhaft war. Rechts neben Jokisch kam der Bäcker Wilde mit drei oder vier Bäckerskindern, die meine Mutter für sehr naschhaft und ich für sehr freigibig gehalten haben. Wahrscheinlich hat der Laden deshalb zugemacht. Vielleicht aber auch, weil er eben einfach nicht dazwischen passte. Wo zwischen? Zwischen den ostpreußischen Schuster Jokisch, die polnischen Einwanderer Kowalski und die „Drogerie Schlesien“ der drei heimatvertriebenen Schwestern Maaß, bei denen es eine Kaltmangel für einen Groschen und ein reichhaltiges Sortiment an Weihnachtsbaumschmuck zu kaufen gab. Um die Sache schnell abzurunden, wieder daneben gab es Obst und Gemüse und Sauerkraut aus dem Holzfass bei Muttern und Hänschen Krüger und einen Photographen, dann noch ein Papiergeschäft mit Schulheften, Zeitungen, Zigarren in hübschen Holzschachteln und harten Schnäpsen in kleinen Fläschchen. An der Ecke Knobelsdorffstraße war lange gar nichts und dann ein Blumenladen.

Sie sehen, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, ist gar nicht schwer. Erwähnt werden soll noch, dass 1965 in der Nehringstraße Automobile einem siebenten Weltwunder gleichkamen. Parkplatzsorgen gab es jedenfalls überhaupt noch keine. In den schlecht beleuchteten Kellern der Mietskasernen bevorratete man sich zu jener Zeit, die längst vergangen ist, mit Winterkartoffeln und natürlich – mit Holz und Kohlen. Denn jederman hatte Ofenheizung und Angst, dass die Russen Westberlin wieder dicht machen.

Und Kohlen gab es bei Kowalski. Von November bis März herrschte Hochbetrieb auf dem Platz der Kohlenhandlung. Eine der beiden Flügeltüren stand bis abends immer offen.  Da hindurch zwängten sich die Kohlenwagen, die zumeist nur von einem Mann gezogen wurden. Auf dem Wagen waren die Brikettkästen gestapelt, deren Inhalt in die Keller oder, bei den „besseren Leute“, in die Kammer im vierten Stock gewuchtet werden mussten. Ein dreckiger Knochenjob. Die frechen Jungs hängten sich auch noch hinten an den Kohlenwagen und ließen sich mitziehen. Aber Kowalski zahlte anständig, und so blieben die Kohlenträger meist länger als einen Winter. Viele Arme, die sich keinen Keller voll Kohlen leisten konnten, kamen ein paar mal die Woche mit alten Kinderwagen oder mit den scheppernden Bollerwagen  aus Hamsterfahrtzeiten und holten Briketts und billige Bruchkohle, Eierkohlen, die zum Transport in alte, zur Hälfte aufgesägte Öltonnen gefüllt wurden. Meistens wurden natürlich die Kinder geschickt, denen man auftrug, Kowalski solle die Rechnung in seinem Schuldenbuch vermerken, nur noch dies eine Mal.

Beherrscht wurde das Kowalskische Wunderreich der Heizstoffe von einer außen rotbraun und innen waldgrün angestrichenen flachen Hozbaracke aus, in deren zwei Zimmerchen es stets nach Kohleintopf und Kienspänen roch und in der natürlich zwei Öfchen fröhlich bullerten. Gebündeltes Holz lag in einer Ecke. Wenn man sie hatte, blätterte man die Kohle für die Kohlen bar auf den kleinen Ladentresen der vorderen Barackenstube, der sehr kinderfreundlich, nämlich niedrig war, denn die alten Kowalskis waren wohl kaum länger als ein Meter und sechzig. Ihre Tochter, schien mit fast einssiebzig aus der Art geschlagen. Herr Kowalski trug immer und wirklich immer eine blaue Prinz-Heinich-Schmidt-Schnauze-Mütze, die wegen des Kohlenstaubs freilich nicht mehr blau war sondern anthrazitgrau glitzerte. Frau Kowalski war selten zu sehen, wahrscheinlich kochte sie ununterbrochen Kohlsuppe im hinteren Privatgemach. Irgendwie muss ich hier unbedingt an Knacker denken. Ja, Knacker und Kohlsuppe und Knistern im Ofen und der Geruch nach Kienspänen und die dicke schwefelig muffige Luft der langen Heizungsperioden in meiner Straße. Und Sehnsucht überkommt mich. Eine Zeitmaschine möchte ich und auf Kowalskis Kohlenplatz als Erwachsener schauen, denn als Kind wurde man ja verscheucht, weil man schwatzhaft und neugierig war, und alles immer zu gefährlich.

Kowalskis bunte Katzen jagen derweil flinke Mäuse im Himmel, im Kohlenstaub zwischen der Zentnerwage mit der Zinkblechkiepe, dem rotbraunen alten Kohlentrecker, dem Anthrazitkohlestapel und der Briketthalde die an den schmutzigen Winterhimmel stößt. Und die  Dackel von Fräulein Kowalski Junior liegen im Warmen im Körbchen und schlagen nur an wenn ein Kunde kommt während die Kolwalskis im himmlischen Hinterzimmer ewig Mittag machen.

Und wenn ich schön artig die Kohlen auf dem Bollerwagen nachause gebracht habe, geht Vati mit mir kurz vor Ladenschluss zu Rogacki in der Wilmersdorfer und wir kaufen uns ein kleines Stückchen Räucheraal für das Abendbrot, dass wir billiger kriegen, weil gleich zusammengepackt wird. Das können wir beide in der Küche ganz alleine essen, denn Muttti mag keinen Fisch, hähä. „Mutti, warum ekelst du dich vor Fisch?“ „Sei still,“ sagt Vati laut, damit es Mutti hört, „sonst sperrt dich Mutti im Keller ein.“  „Hah, hah, hah,“ sagt Mutti vom Bügelbrett aus, bevor sie bei Frau Kuschinski putzen geht. Im Radio läuft die RIAS-Schlagerparade und Rogacki und Kuschinski und Kowalski sind für mich alles urdeutsche Namen.