Feb 272017
 

Am 1. März 1987 ging Radio 100 in Westberlin auf Sendung. Der erste private Sender der noch geteilten Stadt verstand sich als links-alternativ bis -radikal, war basisdemokratisch organisiert und chronisch unterfinanziert, sendete den Polizeifunk oder Klangexperimente, berichtete aus schwul-lesbischer Sicht und erfand den Fake neu.

Ankündigung der Radio 100 Festivitäten im Columbiatheater.

30 Jahre seit dem Sendestart. Da auch ich an dem Experiment beteiligt war, hat mich eine Kollegin von damals eingeladen, ihre wissenschaftliche Dokumentation über Radio 100 mit einem persönlichen Beitrag zu bereichern. Ich habe die Erlaubnis diesen Beitrag aus meiner Sicht hier vorab unredigiert zu veröffentlichen.

 

für Adam, Bettina, Franz, Hans, Inga und Karla

Einleitung oder Vorwort (als jemand in der dritten Person)

Vorworte schreiben andere, aber es ist gerade niemand zur Hand. Deshalb nur soviel: Einleitungen zählen beim Zeilenhonorar noch mit; vielleicht gibt es nur deshalb so viele

redundante. Vorworte klären bestenfalls, welche Lebensumstände jemanden bewogen haben etwas von sich preiszugeben, ferner worauf die Autoren von Vorworten als privilegierte Rezipienten ihr Augenmerk richten wollten. Einleitungen hingegen sind eine Bitte, dass die Zensur der Öffentlichen Meinung, des Zeitgeschmacks, geflissentlich keine Mutmaßungen anstellen möge, worum es sich bei dem vorgelegten Text handeln könnte. Wenn man es geschickt anstellt als Autor, bekommt man eine Einstellung dem Text gegenüber, die grobe Verstöße gegen den unhinterfragten Konsens hinterlistig aufzulösen vermag.

Ein leeres, schön gebundenes Quartheft

Es ist noch immer leer. Ich wollte darin aus München kommend Tagebuch führen, um den ausgeglichenen psychischen Zustand, in dem ich gefühlt war, für spätere Zeiten zu dokumentieren. Daraus wurde nichts, denn ich hatte eine immer noch nicht beendete Liebesaffäre mit einem Bielefelder, die ich aus München importiert hatte, viel schwulen Darkroom-Sex im beginnenden Aidszeitalter und eine neue Affäre mit einem jungen, hoch talentierten Musiker, die sich im Verlauf der nächsten Jahre zu einer ersten und einzigartigen Beziehung auswuchs.

Das war die Grundausstattung meiner lebenshungrigen kleinen Existenz als ich im Berliner Kabel „Eldoradio“ hörte, Joachim am Mikrofon, glaube ich. Ein paar Monate bis ein Jahr vergingen, so genau weiß ich das nicht mehr, in denen ich mich von kleineren Sprechrollen in Spielfilmen und als Sprecher beim SFB verdingte, dann kam mir die Idee zu einem, nennen wir es hochtrabend, Feature. In der Materialausgabe des SFB im alten „Göbbelsbunker“ lieh ich mir eine Nagra, die ich nicht bedienen konnte. Das einzige Instrument, das ich beherrschte, war wirklich meine Stimme. Nach einiger Übung mit der sensiblen neuen Maschine, traute ich mich sehr entferntes Vogelgezwitscher in meiner Straße aufzunehmen. Das Vogelgezwitscher war nur im Hintergrund. Im Vordergrund waren die ungeschickten Handhabungsgeräusche des Senheisers, interessante Gesprächsfetzen und an- und abfahrende Bezinkutschen.

Damals konnte man nicht nach Telefonnummern im Internet gucken.

Also lies ich mich verbinden. Mit der SPD, um einen Interviewtermin mit Walter Momper (bevor er Regierender war) zu kriegen und mit dem Theater des Westens, um dessen Intendanten, den Tänzer Helmut Baumann mit meiner Nagra und zwei Fragen zu belästigen: „Was tippen sie, wo machen Kranfahrer Urlaub, an der See oder im Gebirge?“

Antwort: „An der See.“ Ich hatte auf eine etwas üppigere Antwort gehofft, aber keine Interviewtechnik. Also schob ich eine spontane Frage nach: „Können sie sich ein Ballett mit lauter großen Kränen vorstellen?“ Die Antwort fiel wiederum schmal aus: „Durchaus, aber abendfüllend wird das nicht.“ Als der Potsdamer Platz nach dem Anschluss der DDR eine riesige Baustelle mit vielen Kranen (so lautet der korrekte Plural von Kran) wurde, gab es genau so ein „Ballett“. Der von mir wegen seines Quartettspiels mit Jaqueline du Pré sehr verehrte Daniel Barenboim dirigierte die nach der Wende vor lauter Bedeutungsaufladung inflationär zu Gehör gebrachte „Ode an die Freude“ aus Beethovens Neunter dazu.

Meine Musik für das Feature sollte von Tschaikowsky sein

Ich nahm den Blumenwalzer aus dem Ballett „der Nussknacker“, eine geniale Harfe zupft die kleine Introduktion, auf die ein fulminanter Walzer folgt, zu dem auch Krane Ballett tanzen wollen, das versichere ich ihnen.

Momper, den ich im Rathaus Schöneberg traf und der sich nicht entblödete, seinen roten Schal über den Sozianzug zu schlingen, antwortete pflichtschuldig mit einer Frage: „Na wahrscheinlich doch an der See, nicht wahr?“

Jetzt (dachte ich) hast du das Feature in der Tasche. Nur noch einen wirklichen Kran besteigen einem realen Kranführer in luftiger Höhe nach seinen bevorzugten Urlaubsorten fragen und was wer tut, wenn er mal „groß muss“. Ein paar Passanten, wo ihrer Ansicht nach Kranführer Urlaub machten, und fertig.

Aber SFB 3, für die ich unterwegs zu sein vorgab und weshalb ich überhaupt Interviewtermine mit den Großkopferten und die Sondergenehmigung auf einen Kran zu klettern erhalten hatte, fand meine Idee schnöde. Es war der auch sehr verehrte Klaus Schulz, der mir schließlich ganz liebenswürdig einen Korb gab. Als Sprecher konnte man doch kein Journalist sein wollen; für Journalist musst du bisschen was können, mein lieber junger Kollege.

Was also tun? Ganz einfach, zur Konkurrenz gehen. Sabine „Bäng“ Wahrmann, Gregor Schuster und Frank „Sambi“ Holzkamp waren die ersten, die ich bei Radio 100 kennenlernte. Man wollte mich oder besser mein Feature. Ich fühlte mich irgendwie ungeheuer gut aussehend.

Die Produktion allerdings gestaltete sich für mich, der ich beim öffentlich rechtlichen Radio nur den verschwenderischen Umgang mit Material gesehen hatte, Nerven zermürbend. Beim Mischen und Schneiden kam der Schnürsenkel ständig an schon mal geklebte Stellen, das Ergebnis war ungenügend, aber den Laden fand ich gut. Die Kulturredaktion, in der Wolfgang Idler, der damlige Freund von Bäng sowie Dorothee Hackenberg, Harald Asel, die beiden Volkers und noch irgendwer, an den ich mich jetzt nicht mehr erinnere, sich um Kinkerlitzchen und das beste Ergebnis zankten, war genau das, was ich von einer Redaktion damals erwartete: Ein kreativer Wahnsinn in dörflicher Idylle.

Schlachtpläne, die niemals aufgehen

In der komfortablen Situation das bisschen Geld, was ich damals brauchte, z.T. als Nachrichten- und Programmsprecher beim SFB zu verdienen, fand ich mich unversehens auch bei „Welt am Draht“. Ich gebe zu, ich hatte keinen Schimmer, wie man eine aktuelle Sendung anders, neu, entscheidend besser, als in der traditionellen Machart hätte moderieren sollen, aber ich wollte unbedingt mindestens Originalität zeigen. Also machte ich es, wie ich dachte, dass man es macht. Das war häufig riesengroßer Shit. Ich war nicht zufrieden damit, ich litt an mir. Und die anderen auch. Aber weil sie mich originell, drollig oder einfach unverschämt fanden, ließen sie mich weiter diletieren. Vielleicht hatte das Ganze aber auch etwas von der landläufigen Qintessenz jener Anekdote, die über den indisponierten Tenor des Wiener Volkstheaters erzählt wird: Der frenetische Jubel des Wiener Publikums zwang ihn solange Zugaben zu bringen, bis er sich weinend in heißer Luft erging. Auch davon gab es reichlich im Kosmos des Alternativradios. Aber bei sich selbst denkt man automatisch immer, sie mögen einen wohl, weil man so talentiert ist.

Ich erinnere, wie die gute Margit Miosga vom weiblichen Aufsichtsrat und selbst bei den „Zeitpunkten“ vom SFB, die sich zu so etwas wie einer wohlwollende Tutorin unserer Selbstfindungsexperimente hergegeben hatte, mir vormachte, was ich am Mikrofon veranstaltete. Da war mir klar, ich bin vielleicht Performer oder sowas, aber überhaupt kein Moderator für eine „aktuelle“ Sendung. Des ungeachtet moderierte ich „Welt am Draht“ weiter, wenn man mich bat.

Damals dachte ich, der ganzen aktuellen politischen Berichterstattung könne nichts besseres geschehen, als die Diktatur des Feuilletons, der angewandten Lyrik , der Verlautbarung durch ein Personal, das sich doch idealer Weise eher aus Koloratursopranistinnen, Countertenören oder Sprecherkoryphäen (wie mir) zusammensetzten sollte, als durch Langweiler „präsentiert“ zu werden, die nur an der Interpretation der Wirklichkeit interessiert zu sein schienen. Wirklichkeit, so ein vager Begriff. Heute, 30 Jahre später und um die Erfahrung einiger redaktioneller Aushilfstätigkeiten reicher, zeigt mir die Rechtschreibkorrektur meines Schreibprogramms, dass ich nicht ganz falsch gelegen habe. Koloratursopranistinnen wird rot markiert – wie wunderlich. Nun ja, als Moderator war ich wirklich eine kolossale Fehlbesetzung, was allerdings niemanden außer der Dame Miosga zu interessieren schien.

Suff, Depression und der Zusammenbruch der materiellen Existenz

Aus München kommend und seelisch relativ gleichschwingend (wie ich annahm), hatte ich gar nicht bemerkt, dass ich viel zu viel trank. Das wuchs sich als ein nicht ernstzunehmendes Problem aus. Der SFB wollte mich nicht mehr und ich den SFB nicht, obwohl es dort nur so wimmelte von Alkoholkranken. Ein zweites Standbein neben der abartig schlecht bezahlten Radioillusion von Radio 100 war zeitweise die Arbeit als Tresenschlampe im „Schwarzen Café“ in der Kantstraße, ein ehemals selbst verwaltetes Projekt, das bei meinem Eintritt bereits stramm hirarchisch aber immer noch voll bekifft am Himmel der Alternativszene aufblitzte. Im Dienstplan war immer jemand als „Gott“ eingetragen. Der hatte die Macht des wahren Gottes zu exekutieren, wenn dieser seiner „Verantwortung“ müde, an der Matratze horchte. Aber auch dabei entging ihm nichts, denn er hatte Zuträger. Also ist es doch weniger verschwenderisch, wenn man gleich alle Zuträger auf Erden zu Göttern erhebt. Nur Franz der Maler und nebenbei eleganteste Kellner aller Zeiten und ich waren uns dessen bewusst.

Bei dem Versuch in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft nur mit Narrenfreiheit ein etwas anderes Radio zu veranstalten, als es die Besitzverhältnisse eigentlich gestatten, gefällt das den Verlegern noch bedeutend besser, als die altmodische Schere im Kopf. Aber die Narrenfreiheit bei Radio 100 war wirklich unermesslich.

Der Vorteil meiner Kneipenkarriere war ein immer voller Kühlschrank, jede Menge Gelegenheiten Männer fürs Bett zu akquirieren und der Segen, den körperliche Arbeit und gewisse nicht all zu schwer zu erwerbenden Bewegungsroutinen zuweilen auf nervöse Nervenzustände ausüben. Klarer Nachteil: An der Quelle saß der Knabe. Vom Café in die Sauna, in die Kneipe, in die schwule Subkultur, zu Radio 100 Großstadtfieber moderieren, in die Kneipe, in fremde Betten oder wieder in die dreckige Kabine in der schwulen Sauna. Mein Freund Adam ging zu Recht fremd, als ich anfing, ihm treu zu werden. Er konnte und wollte mich nicht weiter mitschleppen und Düsternis umfing meinen Alkohol vernebelten ungefähren Lebensentwurf. Die Rechnung für nicht angeschaute Briefe von der Steuerbehörde erreichte mich endlich durch einen mir bekannten Gerichtsvollzieher, der eine formalen Haftandrohung bei weiterem Nichtverhalten in Händen hielt, als er mich im Bademantel sehr vertraut begrüßte. Ich glaube, es war mir auch gerade der Strom abgestellt worden, den ich allerdings an der damals im Aufgang verlaufenden Steigleitung gleich wieder angeklemmt hatte.

Diese Düsternis lichtete sich erst lange nach der glamourösen Radio 100-Episode. Und zwar auf einer Geburtstagsparty, auf der Werner Voigt (gerade noch Vorstand des Vereins der MitarbeiterInnen von Radio 100 e.V., sodann stellvertretender Chefredakteur bei der hippesten SFB Hörfunkwelle in Gründung mir vorschlug, mich doch beim InfoRadio zu bewerben.

Das Geburtagskind war ein knackiger Jurastudent, den ich auf der Klappe am U-Bahnhof Sophie Charlotte-Platz aufgerissen hatte oder umgekehrt. Er wohnte im Studentenheim Mollwitzstraße und stand wie ich außerdem noch auf Bach und Mozart und schöne Stimmen. Ihn hatte ich seinerzeit überredet, eine redaktionelle Karriere bei Radio 100 zu beginnen. Nach seinem Vorstellungsgespräch beim Chefredakteur des InfoRadios befand er, die hippe Welle in Gründung hätte ihm nicht viel zu bieten, womit er etwas anfangen könne und es sei besser, Jura zu Ende zu machen. Dafür und – sie wissen schon – habe ich ihn sehr beneidet.

Radio 100 zahlt sich aus

Der Begriff Selbstausbeutung trifft nicht, was für die Medienarbeiterinnen des „alternativen“ Radioprojekts Radio 100 Alltag war. Der Begriff ist ohnehin eine ideologisch aufgeplusterte Floskel, denn man kann sich nicht selbst ausbeuten, man kann höchstens seine Widerstandskräfte, ausgebeutet zu werden, überschätzen. Wenn sie so wollen, haben wir uns vielleicht gegenseitig ein wenig selbst ausgebeutet. Aber das ist nichts im Vergleich zu der Ausbeutung, die wir tatsächlich erfahren haben, durch die wechselnden Eigentümer dieses ersten Berliner Privatradios – befeuert von der Selbsttäuschung, wir könnten ein besseres, ein alternatives, ein gesellschaftlich relevantes Radio inszenieren, ein richtiges Leben im falschen. Der gesellschaftlich Großraum, in dem das stattfand, war ein kapitalistischer. Heutzutage, das ist der Unterschied, wird man ganz automatisch ausgebeutet und betrogen, wenn man jung ist – vielleicht ein bisschen „gefühlt“ weniger, falls man den pflegeleichten, unpolitischen Nonidealisten gibt.

Ich persönlich zehre allerdings heute noch von dem, was wir uns trotz der Ausbeutungssituation im richtigen Leben durch die Kooperation in dem damals als ideal empfundenen Handlungsspielraum ermöglicht hatten. Zu den größten Glücksmomenten zählt für mich, dass ich gelernt habe, wie man einen kreativen Prozess zu mehreren meistert, ohne ausschließlich auf hirarchische Schemata in den Arbeitsabläufen zu bestehen. Die neue Mode ist, dass die Hirarchien so weit über einem angesiedelt sind, das die Ausbeuter einen Glauben machen können, man dürfe irgend was selbst entscheiden.

Ein weiterer Orgasmus ist für mich die danach nie mehr erreichte gleichberechtigte Zusammenarbeit im Lehrer/Schüler-Verhältnis – mit Talenten, die ich motiviert habe, das Sprechen als ein Organ des Intellekts und des physischen Wohlbefindens zu erleben.

Meine Sprechschülerinnen Karla Schlender und Bettina Kurth haben bei mir nichts gelernt, was sie nicht selber schon gewusst hätten. Und dennoch hat die profane Beschäftigung mit dem Mittel der Sprache als Organ des eigenen Intellekts sie zu hervorragenden Sprecherpersönlichkeiten gebildet. Man bedenke, der Gegenstand des Unterrichts war der Umgang mit der klassischen Form der Nachrichtendarbietung, die ich selbst erst kurz zuvor beim Bayerischen Rundfunk gelernt hatte. Ich habe unendlich viel von Karla und Bettina gelernt. Und das ist bitteschön nur durch produktive und kreative Kraftakte vorstellbar, wie sie trotz der ausbeuterischen Produktionsbedingungen in der ideellen Blase von Radio 100 nun mal gegeben waren. Man kann diese Kräfte aber auch ganz gut ohne existentiellen Zwang loslassen, wetten? Mehr denn je gehören ausbeuterische Produktionsbedingungen abgeschafft. Aber was ist noch selbstverständlich heute?

Unsere Hoffnung war aber, dass wir die Gesellschaft zum Besseren ändern würden

Damit sind wir gründlich gescheitert, weil wir kein politisches Programm hatten. Eine Ahnung davon werde ich wohl gehabt haben, als ich eher durch das Scheitern meines eigenen angenommenen Lebensentwurfs, einen abschließenden Liebesbrief an mein abgeschossenes Lieblingsprojekt Radio 100 adressierte, noch bevor der kühle Machtinstinkt und die organisierte „Phantasie“ von tumben Technokraten schließlich den Gang zum Rittersaal für uns Besserwisser blockiert hielten. Es war wirklich nichts Anderes zu erwarten.

Ich schrieb damals an‘s schwarze Brett:

Zum Brechen…

„ist die Tatenlosigkeit, mit der eine auf das eigene bequeme Überleben ausgerichtete deutsche Linke in Ost und West sich Kilometer um Kilometer die Basis wegreißen lässt, auf der einzig im Medienzeitalter die Multiplikation linker Ideologie funktionieren würde.

Wir brauchen eigene Medien. Wir brauchen funktionstüchtige eigene Medien. Rechts hat Medien von Rechts wegen. So bringen es die Definition der Pressefreiheit nach dem deutschen Hitlerfaschismus und die niemals vollständig erfolgte Demokratisierung deutscher Medien mit sich.

Wo es nicht gelang sie in der ideellen weniger kommerziellen Anfangsphase zu unterbinden, wurde der Wirkungsgrad linker Medien durch den Anspruch der Macher selbst unterminiert mit dem Hinweis, linke Medien seien im gesellschaftlichen Großraum verortet, wie rechte. ….

Das Chaos ist noch kein Programm. Das ist richtig. Aber genauso richtig ist, dass auch ein professionelles Programm ein politisches Konzept in den Köpfen der Macher erfordert.“

Konklusion

Woran ich, woran einige andre KollegInnen gescheitert sind, und woran letztendlich das Projekt Radio 100 scheiterte, verhält sich zueinander wie zwei alte Gummistiefel Größe 58, ein roter und ein grüner meinetwegen, nein lieber ein schwarzer und einen pinker: In beiden kriegt man Schwielen und Schweißfüße, wenn man nicht drei Paar Socken übereinander trägt und die Socken nicht ab und zu wechselt. Ob sie die Gummistiefel für ein Paar halten, hängt allein von ihnen ab, also auch davon, was ihre Mutti meint. Auf jeden Fall wäre es ganz blöd, wollte man sie gleich in die Tonne treten, nur weil man sich ein bisschen kompliziert mit ihnen anstellt.

[2017 © Wolfram Haack, Nehringstr. 12, 14059 Berlin]

 

 

Terenz in Spiritus

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Aug 242012
 

Ich bin ein Mensch. Nichts Unmenschliches ist ihr/ihm/mir fremd.

Ein Zitat in zeitgemäßer Wandlung

Die Interpretation eines Terenz-Zitats, das mir jüngst gleich zweimal, durch einen Radio-Beitrag von Renée Zucker und per E-Mail von einem mir wohlgesonnenen Lehrer für Deutsch und Latein ins Haus flatterte, scheint mir aufschlussreich genug, um ihr eine kleine Reprise zu widmen. Noch bedeutender ist allerdings die Wandlung, ohne die dieses Zitat, von Lateinlehrern sicher bisher unbeachtet, doch durch den Hinweis von dieser Seite aufgemuntert, keinen solchen Vorwitz in meiner Gedankenarchitektur beanspruchen dürfte.

Katholiken bezeichnen als Wandlung den für sie tatsächlichen Vorgang, wie Brot und Wein in der Kommunion zu Christi Leib und Blut werden, weshalb ‚die Reste‘ der Köstlichkeit in einer Art Hochsicherheitshütte, Tabernakel genannt, verwahrt werden. Es handelt sich bei der Wandlung, wie man unschwer folgern kann, um ein Dogma!

Mit Homo sum, humani nihil a me alienum puto.‘ dies ist nach meiner Kenntnis das tatsächliche Zitat des antiken Komödiendichters Terenz, meint man doch wohl, dass auch objektiv unangenehme Eigenschaften zum Menschsein gehören, dass sie nicht wegdiskutiert werden können, weil sie so offensichtlich sind, wenn wir sie an anderen als störend empfinden, insbesondere aber da, wo wir sie bei uns selber feststellen. Und erweitert vielleicht, dass derjenige weniger Schaden in der Welt anrichten wird, der sich der Dualität die dem Erkenntnisgewinn innewohnt nicht verschließt, sondern ihre Zweischneidigkeit begreift und akzeptiert.

Das Komödienhafte, das der Zweischneidigkeit der Erkenntnis zueigen ist, habe die Christen anfangs nicht gemocht, wohl aber beibehalten – denn schlussendlich fühlten sie sich angenehmer, indem sie, insbesondere was die Staatsräson betrifft, eher auf römisch-griechisches, als auf vorderasiatisch-frühchristliches Fundament bauten. Der gemeine Katholik findet daher bis heute nicht uneingeschränkt Vergebung, weil eben dem Menschen und der Humanität grundsätzlich nicht zu trauen ist. Nur Gott selbst kann human sein, wenn er gerade möchte, wenn nicht? Nichts Menschliches sei dem katholischen Menschen daher fremd. Dies gilt jedoch nicht für die sieben Todsünden, die aus der Humanität ausgeklammert werden müssen, um deren Fortbestand im Christentum zu institutionalisieren – so etwas hat Gott selbstredend nicht nötig, aber der Sündenmensch.

Wie mir scheint, findet der interpretationsgeschichtliche Subtext von Terenz durch den Monotheismus mit der ‚Glaubens-Wandlung‘ Eingang in die öffentliche ‚Obskurität‘. Eine Notwendigkeit, die sich einerseits daraus ergibt, dass ich ohne jeden das Lateinische lehren zu wollen, jedermann von der Kontinuität und anhaltenden Konsistenz meiner christlichen Glaubenslehre überzeugen möchte, der noch entfernt von anderen Göttern weiß. Andererseits aus der Not heraus, dass ich als Gelehrter selbst, die antike Philosophie dazu verwendet habe, diese Glaubenssätze in dem gebotenen Maß zu verweltlichen, sie der weltlichen Ordnung dienstbar zu machen. Ohne Dogmatik wäre deswegen allerdings tatsächlich eine fortwährende Erweiterung der Interpretation des Glaubens die Folge- weshalb der Kanon der Schriften begrenzt und dogmatisch bewacht wird, wenn möglich durch eine autoritäre Behörde, wo nicht, indem wenigstens die Meinungsbildung hierarchisch organisiert bleibt. Materiell großzügig ausgestattet, gibt die Meinungsbehörde das ‚Neusprech‘ aus, und kodifiziert bei Strafe der Missachtung der zehn Gebote, was von nun an geglaubt werden darf. Denn ewig droht das Schisma, wie im Morgen- so im Abendland.

Wenn ich als westlicher Rezipient buddhistische Texte studiere, stoße ich manchmal auf dieses Problem des ständig (auch heute noch) wachsenden Kanons der ‚anerkannten‘ Schriften. Ich frage dann meistens: Warum so unübersichtlich, warum wird so viel der Mündlichkeit nachempfundene Wiederholung im Kanon behalten? So erlebe ich Texte als lediglich redundant, weil sie für mich eben zuerst ein Gebet sind, ein Glaubenstext, kein literarischer. Bis ich vielleicht dahinter komme, dass meine westliche Auffassung das eigentliche Problem darstellt.

Die Einschränkungssucht, die Abscheu vor der Erweiterung der Kategorien ins Unendliche, die ganz im Stillen das Legitime in unserem unausgesprochen moralischen Handeln unterfüttern sollte, uns ohne einschränkende Autorität aber nur noch sinnlos und ausweglos erscheint, denn schließlich misstrauen wir seit Kant zuerst den religiösen Urhebern der abendländischen Moralkategorien, heute, mehr noch, der mit irrationaler Vehemenz verdorbenen Narration aus den inflationär wachsenden Zirkeln selbsternannter Vordenker. In diesem Zusammenhang wird rasch klar, welches z.B. die Bausteine sind, von denen penetrant behauptet wird, sie gehörten in unser kulturelles Fundament, und wie billig es ist, eine willkürliche Unterscheidung zu treffen, zwischen unseren angeblich ins Weltliche gewandten moralischen Grundlagen und solchen ‚fremden‘, deren Verweltlichung vielleicht nie ganz gelingen möchte, weil wir eben aus Erfahrung wissen, dass unsere eigene eventuell doch nicht ganz abgeschlossen sein könnte.

Das Problem bleibt doch: Durch unsere derzeitige Gesellschaftsübereinkunft ist die Möglichkeit, offen über individuelle Unmenschlichkeit zu reden, wohlfeil – nicht aber über strukturell bedingte. Denn das würde zugleich bedeuten, sich den Menschen so zu denken, dass er aus eigener Kraft gut und verantwortlich und human sein kann, also im besten Sinn aufgeklärt. Was meinen dann aber die fortgesetzten Appelle, zunehmend eigenverantwortlich einzustehen, für essentiell nur gemeinschaftlich zu bewältigende individuelle Daseinsaspekte wie Krankheit, Alter, Schutz vor psychischer und physischer Gewalt in der Gemeinschaft? Und man kann nicht behaupten, es bliebe bei Appellen, wenn einem großen Teil der Gemeinschaft immer deutlicher vor Augen geführt wird, dass man seine Menschenrechte für ein verzichtbares Privileg hält.

Dass heute unter unseren bekannten Vorbetern fast niemand mehr dazu in der Lage ist, sich selbst Unmenschlichkeit oder auch nur Unehrlichkeit einzugestehen, ist es verwunderlich? Die skandalösesten Minarette sind nicht solche, die Einwanderer bei uns bauen möchten, weil sie hier eben ganz und gar angekommen sind, sondern jene, alles überragenden, der öffentlichen Meinungsmacht, von denen herab es aus bürgerlichem Mund in hoher Auflage, dauernd und kaum widersprochen, chauvinistische, rassistische und sozialdarvinistische Kotzbrocken hagelt.

Warum wurde es nötig das antike Terrenz-Zitat so zu wandeln? Um den ursprünglichen Subtext ohne dessen christlich dogmatische Kategorisierung und seine unwiderruflich in den Alltag geätzte materiell- pragmatische Konnotation wieder in eine humane Gedankenlinie zu zwingen? Manch einer mag schon eine zweite Epoche der europäischen Aufklärung am Horizont erblickt haben. Erst die Grünen mit ihrem bürgerrechtsbewegten Echauffement, das sie längst aufgegeben haben, jetzt die Piraten mit einer mittelständischen Euphorie für eine Kulturtechnik, der man ganz einfach den Stecker rausziehen kann. Das eigentlich Inhumane, die bewusste Teilnahmslosigkeit, die wenigstens vorübergehend doch auch ohne spezielle Kulturtechnik wieder Namen und Adresse bekommen müsste, bleibt in dieser Form der öffentlichen Wahrnehmung obskur. Gläubigen steht das Tabernakel wenigstens zur heiligen Kommunion offen, nicht so den Aufgeklärten, die der Weihrauch genauso betört. Die Gedanken sind frei, denken die Gläubigen weiter im Stillen. Das kann sich aber ganz schnell ändern, sollten wir zurückblickend sagen, denn:

Ich bin die Wange und der Streich,
Ich bin das Messer und die Wunde,
Glieder und Rad zur selben Stunde!
Opfer und Henkersknecht zugleich!

(Aus Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen, deutsch von Max Bruns, vorletzte Strophe des Gedichts mit dem Titel L’Heuautontmoroumenos, der Selbsthenker. So heißt auch das Stück aus dem unser Zitat stammt von dem wahrscheinlich libyschen Sklaven, dem sein römischer Herr Bildung und die Freiheit gewährte, Publius Terenz Afer, der Afrikaner war und Römer wurde.)

Dass wir modernen ‚WandlerInnen‘ eine Korrektur des Terenz-Zitats überhaupt für notwendig erachtet haben, spricht vernehmlich von unserer Kultur des Verschweigens und allererst davon, wie unfrei wir so kurz nach der europäischen Aufklärung immer noch oder schon wieder geworden sind, wir und unsere Gedanken – dialektisch betrachtet. Warum ist die Ontogenese der Interpretation so bezeichnend für den medialen Akt, der bisher noch nach jedem kaum mehr zu vertuschenden öffentlichen ‚Fehltritt‘ in den Reihen der Bourgeoisie, scheinbar reuelose Selbstbezichtigung bedeutete? Weil wir allem Anschein nach die eigene Verantwortlichkeit für den schlechten Zustand der Menschlichkeit in der Welt, nach der Aufklärung als genau genommen humane Kategorie ablehnen. Abhilfe schafft für den einen sein reaktionäres Glaubenwollen, den anderen möge hoffentlich die Göttlichkeit dieser menschlichen Komödie retten – Homo sum!

Wikipedia Link zu Publius Terentius Afer

Das Kinomassaker von Aurora und seine Pathologisierung

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Jul 262012
 

In bezug auf den Terror aus der Mitte der kapitalistischen Gesellschaften, in denen wir leben, muß die Frage nicht lauten: Welches »kranke Gehirn« (wie es der demokratische Gouverneur von Colorado John Hickenlooper formulierte) brütet solche unverständlichen Taten aus, sondern warum kommt es in einer Gesellschaft, in der eine von radikalen Neoliberalen euphorisch beklatschte sozialdarwinistische Konkurrenz herrscht und eine ganze Generation, deren »Glückssucht« einzig und allein darin besteht, die Sicherheit und den Lebensstandard, den sie von ihren Eltern gewohnt sind, zu halten, der Krise geopfert wird, warum kommt es in einer solchen Gesellschaft nicht zu noch viel, viel mehr solcher barbarischen Akte?

Ingar Solty, in dem JW-Artikel Töten als Leistung.  Der Autor ist Doktorand am Fachbereich
Politikwissenschaft der York University in Toronto und Redakteur der Zeitschrift 
"Das Argument". In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit der politischen Ökonomie 
des Rechtspopulismus in den USA.

Wulfsschanze zerdeppert, Schloss steht, Larve verpuppt.

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Feb 202012
 
Deutscher "99 Tage Kaiser" Friedrich III, Foto: Deustches Historisches Museum, gemeinfrei

Unbeschädigt als Amtsinhaber: Deutscher "99 Tage Kaiser" Friedrich III.

Nun werden die Möbel wieder mal gerückt und gewechselt und zwar nicht zu knapp, denn demnächst soll der Obergaukler, Oberbundeskommunistenfresser und aufrechte Sarrazin- Bewunderer, dem z.Z. aller beschädigsten Amt beiwohnen! Die Kanzlerin ist ja für die Springerpresse ‚eingeknickt‘. Würde eher sagen, in der Union und bei den jungnationalen Wirrkopfordoliberalen gibt es absolut niemand mehr, der gleichzeitig will und zum jetzigen Zeitpunkt kann. Aber auch die Sozis haben nur noch abgetakelte Darsteller, bis auf Oskar, der in der falschen Partei und Wowereit wenn er endlich in Gaucks Alter ist. Günter Grass geht auch gar nicht und Christa Wolff ist tot oder hieß die Luft und lebt noch, fragt sich die SPD-Pressestelle. Die Linke sollte aus ihrem Herzen keine Mördergrube und  aus taktischen Erwägungen Egon Krenz zum Kandidaten der alten Karo-Raucher-Herzen machen – soviel Presserummel – obwohl euch die Eiserne nicht in’s Wohnzimmer lassen wollte – werdet ihr sonst  nie wieder kriegen. So lasset den Gauk denn in die Sauherde fahren, liebe Brüder und Schwestern, und fortan Legion heißen. Dass der aller Wahrscheinlichkeit nach nächste Bundespräsidialgaukler in den richtigen Berliner Saustall ziehen wird, werden wir hier später noch erläutern.

Kaum zu glauben, dass der Mann mal ev. Pfarrer war. Der einzige unter den Amtsinhabern im Schloss Bellevue, dem bisher als Mensch und Demokrat mühelos das Adjektiv würdig beizugesellen wäre, ist nach meinem Dafürhalten Gustav Heinemann gewesen, der in der bekennenden Kirche gegen den Nazistaat agierte, und gesetzt, das Attentat auf den GRÖFAZ wäre seinerzeit gelungen, eine Millitaristenregierung  unter Graf Stauffenberg genauso bekämpft hätte, wie er der Wiederbewaffnung  der Adenauerrepublik  (mit ihren vielen nahtlos beschäftigten Nazis in praktisch allen Ämtern) entschieden entgegentrat. Pfarrer Gauck ist wohl eher ein Nachkomme von Reichsbischof Müller. Wie käme er sonst darauf, Thilo Sarrazin Mut im politische Gewerbe zu attestieren. Anstatt diesen üblen rassistischen  Scharfmacher als Demagogen und Demokratiefeind zu brandmarken, empfielt er ihn weiter!

Das kann ja heiter werden, wenn der Gauck, jetzt auch Kandidat der Frau mit der alten Westfrisur, erst Bundespräsident ist. ‚Die moralische Reserve‘ titelt denn auch die katholische Kölner Internetseite domradio.de nicht ganz ohne hämischen Unterton über das ‚Präsidentenkarussel‘ der protestantischen Prominenz. Wer weiß, vielleicht nehmen sie doch noch Kai Pflaume, vielleicht kriegt Beate Tschäpe aber auch noch den neuen Pour Le Mérite am braunen Bande.

Apropos Merkel: Der Proporzkatholik Wulf war vielleicht das letztes Zugeständnis der heimlichen Antiklerikalen an die beiden großen christlichen Volkskirchen der alten Bundesrepublik. Im Osten war man ja meist nichts oder evangelisch.  Demnächst auch andere Glaubensrichtungen im bedeutungslosesten ‚Hochamt‘ der BRD zuzulassen, ist offenbar nicht geplant, wie kämen sonst der westdeutsche evangelische Christendarsteller Huber und der real verpuppte Protestant Gauck gemeinsam auf die Kandidatenliste – die es ja in Wirklichkeit bei Merkel oder Rösler gar nicht gibt, weil sie der VS bei Dietmar Bartsch in der Linksfraktion vermutet. Nur soviel: sie ist in Wahrheit ein Bierdeckel, den Kai Dieckmann auf ebay bei Friedrich März ersteigert hat -auf der Rückseite war noch genug Platz.

Hat sich diese Regierung denn schon jemals einen Plan gemacht? Aprospos! Was macht eigentlich Friedrich März, Frau Merkel? Der wäre doch toll als Bundespräsident. Wehrdienst geleistet, Förderer der „Initiative neue soziale Marktwirtschft“. Die Soffin lässt ihn die WestLB versilbern. Aber , aber, ist er evangelisch oder wenigstens in jüdisch-christlich(seit Wulf)-muslimischer Tradition irgendwie gottesfürchtig? Ich fürchte nicht Kanzelerin, höchstens außen an der Sandpapier rauen Haifischhaut des Mitglieds verschiedenster Ausichtsräte.

Alfred Krajewski DDR, 1981 Öl auf Holzfasertafel 56 x 84,5 x 1,7 cm Haus der Geschichte, Bonn EB-Nr.: 1991/8/560

Unbeschädigte Politdarsteller Breschnew, Honecker und Krenz

‚Times they are a changing‘. Vielleicht bekommen wir doch wieder einen Kaiser und die erbliche Monarchie kehrt nach D zurück? Wir wünschen dem Neuen , wer es auch sei, in jedem Falle von hier aus eine prima primam noctem mit dem Amt und dem meinetwegen Ganzkörper tätowierten Kerl von der Bundesmarine. Es wird ja garantiert kein atheistischer Lump oder ehemaliger Kommunist sein. Vorsichtshalber raten wir dem Würdenträger (zum Mitschreiben für die Qualitätsmedien) eine Amtszeit an, die der unseres seeligen Kaisers Friedrich III. (Nicht der Kaiserin Friedrich!) in nüscht nachsteht.

Heute hatte ich von Kollegen E. eine lustige Fotomontage im E-Briefkasten, die ich aus urheberrechtlichen Gründen lieber nicht hier bringe. Ich beschreibe mal: Ein Ansichtskartenphotographie, sepia, das zerdepperte Schloss Bellevue kurz nach dem vorerst letzten Weltkrieg mit einem Bauschilde im Bilde und der Aufschrift: „Sonderprogramm Berlin, Bundesregierung, Wiederaufbau Schloss Bellevue „. Unten rot und gelb unterlegt ist der Kommentar montiert:“ Immerhin: Das Amt bleibt unbeschädigt“. Das hat mich zum Lachen gebracht und war seit Wochen ausnahmsweise einmal nicht gähnend langweilig. Zudem erinnert es mich an einen anderen Aspekt der Sommerloch verdächtigen Wulf-Novelle. Ich erlaube mir, ihre gelungene Fermate am Ende ein bisschen agitpropper um die Ecke zu denken:

Das Amt, so schwerbeschädigt gefällt es gerade gut! Je schwerbeschädigter das Amt desto penetranter wird das Gequatsche von der Würde seiner Inhaber. In dem ganzen Laden ist die Würde schon so lange aus. Unter Bimbes-Helmut  schrumpfte die Integrität auf das Niveau einer x-beliebigen Bananenrepublik (nicht gegen Bananenrepubliken). Unter Schröder und dem fiesen grünen Kriegstreiber Fischer war sie dann ganz und gar alle, denn die mitleidlosen Krämer, die den gleichen Unsinn über unsere Gesellschaftsform verbreiten und denken sie können ruhig bei Bertelsmann denken lassen, wie zur Zeit meiner Geburt, sie haben die Moral zur Ware gemacht, sie haben alles zur Ware gemacht, nicht zuletzt die Liebe – die ‚alles ist Ware warum sollte ich mich selbst nicht verkaufen-Moral‘ mit der man jetzt globalisiert ‚fairhandelt‘ statt zu übervorteilen (wie man das früher nannte) und sich dumm und dusselig ‚fairdient‘ statt über’s Ohr zu hauen (wie man das früher nannte) – diese Art Adenauer + eine Prise Brigade Ehrhardt Schneid, die Olle-Kammellen-Konkurrenz, die der Herr Hund gestern angesichts der Wirtschaftsleistung der BRD (Herr Hund, leistet der was für mich?)  in der Öffentlichkeit vertrat, sie dient nur noch den Pfeffersäcken – alle wissen es. Alle dulden es. Alle singen das  kakophone Loblied auf die Märkte, solange sie es irgendwie schaffen, sich selbst zu täuschen und im Fernsehen ein bisschen ‚ehrlich betroffen‘ zu fühlen.

Die Märkte, wenn ich das schon höre, leckt mich am Allerwertesten mit Euren Arbeitsmärkten, Wellnessmärkten, Gesundheitsmärkten, Schönheitsmärkten, Dienstleistungs- und Versicherungsmärkten, Finanzmarktstandorten, Marktstimulanzien und der ganzen zu Markte getragenen Haut  Eurer Makler-, Gesundheits-, Sicherheits-, Waffen-, Versicherungs- und Pharma-Lobbyisten , zum Teufel mit der Sklavenarbeitsfirmen- und Beraterbrut und dem schönen neuen Dienstleistungsgewerbe sowie der neuen und der alten Sinn des Lebens- Industrie. Fuck of you bloody Bastards!

Bevor es noch jemand richtig gespannt hat, konnten die Armen schon keine Heizung mehr andrehen. Doch was macht das  schon? In der sehr, sehr kurzen, kriegsbedingten Zeit der Anarchie hat man eines Ottos Möbel kurz und klein gekloppt und den eigenen Ofen damit geheizt. Ja, an den teutschen Beamten Otto Meissner soll idealtypisch deutsch hier einmal erinnert werden. Er kroch schon dem Sozialdemokraten Ebert in den Allerwertesten und brachte es 1939 nach  beharrlichem Buckeln und Treten endlich zum Leiter der Präsidialkanzlei des Führers. Keine Berührungsängste genau wie heutzutage unsere VS-Behördenleiter und die Nazis. Nach Bellevue zog der politisch geschmeidige Otto, weil Ribbentrop ihn aus seiner Wohnung im Reichspräsidentenpalais rausschmeißen ließ . Aber auch das geht hier nicht ohne neue Möbel ab. Selbst der für Hitlers Ermächtigung abstimmende  Theodor Heuss hatte nach Krieg und ‚Zusammenbruch‘ neue Möbel nötig – aber bitte aus dem britischen Sektor!

Die Freiheit führt das Volk Eugène Delacroix, 1830 Öl auf Leinwand, 260 cm × 325 cm Louvre

Die Freiheit führt das Volk; Eugène Delacroix, 1830

 

Hier und heute und trotz der Zumutungen auf den vielen absurden Märkten brennt erstaunlicherweise  kaum mal was, geschweige denn ein Schloss – das wäre ja Anarchie. Deshalb ist der Michel bis heute sauer auf solche wie die Franzosen und die Griechen und die Spanier und die Portugiesen, gießt aber am Stammtisch rhetorisch auch mal gerne Öl nach in den arabischen Frühling, der so schön weit weg ist. Als die Engländer noch unter Thatcher die Mülltonnen in die Straße gerückt und angezündet haben (Fuck off Poll-Tax!), hat er besserwisserisch das Deutsche Wesen vorgehalten und sich wie immer ein bisschen gefürchtet, dass die SUN ihn einen ‚German Nazi‘ nennen könnte, wenn sie dahinter kommt.

Weil der Michel aber nun mal einen Arsch noch nie nicht  in der Hose hatte, brauchte er anno dazumal seinen geliebten Führerarsch zum Anhimmeln und braucht den Bellevue auf Amtsinhaber und Führers Rechtsnachfolger – bis auf den heutigen Tag.

Friede den Hütten und den Generalstreik in die neue deutsche (sozialistische!) Verfassung!

Baron Wolfram von Charlottenburg zu Wilmersdorf (Consul der
Föderation der Vereinigten Planeten)

 

Deutsche Mütter 2010

 Lyrrisch, Nicht vergessen, Zitat  Kommentare deaktiviert für Deutsche Mütter 2010
Okt 312010
 

Deutsche Mütter: Was habt ihr gelernt
aus dem letzten, dem vorletzten Krieg?

An Deiner modernen Supermarktkasse
plauderst Du freundlich, eifrig kassierend
mit einem Ehepaar, in Deinem Alter wohl.

An ihrem Einkauf, sieht man:
Sie sind sicher reicher als Du –
Auf dem Band die Trüffelbutter.

Wie auf dem Markt entsteht da ein Tratsch.
So ungefähr von Mutter zu Mutter.
Sie nennen sie faul und bequem, Söhne!
Männer, die sie geboren haben.

Reiche deutsche Frau, kleine deutsche Angestellte,
Ihr scheint Euch so einig in Euren Sorgen zu sein,
vertraulich miteinander, so ganz unterschiedslos.

„Bald ist Schluss mit Hotel Mama!“, sagt die eine –
„Und meiner, der geht nächstes Jahr zum Bund“,
freut sich die andere: „Lernt er Zucht und Ordnung!
Da wird ihm keiner mehr was hinterher räumen!“

Und wisssend lächelt eine fremde Frau zurück.
Stimmt scheinbar zu, nickt einer Mutter entgegen.
Doch es betrifft sie nicht und auch Ihr Gatte schweigt.

Ich hätte nicht länger schweigen sollen!
Der Nachwuchs, hätte ich sagen wollen,
ob Bub ob Mädchen, Sie lernen dort töten.
Darauf läuft es hinaus im Soldatenberuf.

Wie Eure Großväter kommt Eurer Kind
aus dem sinnlosen Krieg vielleicht bald
im Zinksarg oder mit zerfetztem Gliedern,
am Grauen irre georden, zu Euch zurück.

Das ist der Preis für Zucht und die Ordnung
Der kleinen Kassiererin, der ist nicht zu hoch?
Sie freilich, wird’s nicht bezahlen müssen.
Helft Eurem Sohn ins Leben, nicht in den Tod!

Deutsche Mütter! Was habt ihr gelernt
aus dem letzten, dem vorletzten Krieg?