Meine Musiklehrerin

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Sep 302010
 

Es riecht wie Klavierlack und polierter alter Duysen.

„Es geht hurtig durch Fleiß. Geh Du Alter Esel hole Fische. Frische Brötchen essen Asse des Gesangsvereins“, sagte Irmgard Köhler meine Klavierlehrerin, eine bömische Gastwirtstochter, die mit mir J.S.Bach anstatt Peter Alexander machte, wie es mein Vater wollte, und ihn dann mit Mozarts ‚Rondo Alla Turca‘ rumbekommen hat, dass ich weiter Klassik durfte, bei uns zuhause auf dem konzertschwarzen Duysen-Piano, das der Vater (Möbeltischler) an den Wochenden aufpoliert hatte.

Für 100 Mark erstanden in einer Kneipe um die Ecke, wo es manchmal noch belustigte, wenn einer den Flohwalzer drauf probierte oder ein Soldatenlied. 100 Mark! Das war ein Batzen Geld, deshalb konnte das polierte Instrument nicht auch noch gestimmt werden. Aber Frau Köhler war tapfer und lobte den Anschlag. Ich dachte sie würde sagen, ‚Außen Hui, innen Pfui!‘, wie man damals unter Proletariern gern über die schick angezogenen Frauen von kleinen Angestellten sagte, genauso schick angezogen , wie Frau Köhler, die aber keinen Mann mehr hatte und sowieso keinen mehr wollte.

Aber nein, Frau Köhler sagte: „Musik ist die einzige Quelle aus der Versöhnung in allen Lebenslagen sprudelt.“ Und bevor sie sich von Mutti und Vati und mir verabschiedete, schon in Hut und Mantel sozusagen und aus der Tür, erwähnte sie noch, dass sie einen billigen Klavierstimmer hat, den sie uns gelegentlich mal vorbeischicken würde, wenn sie darf. Eigentlich war er nicht billig sondern kostenlos.  Denn das Geld für die nächste Klavierstunde wollte sie nicht annehmen.

Die Legende vom Unglauben – Folge IV

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Jul 312010
 

Renate erzählt – Das Ryukyu-Kaninchen

<<Karl war a zierlicher Junge.>>

Auf dem Land, wo es nach dem Weltkrieg weniger Hunger gab als in der Stadt, hielt man den 12jähigen daher für unterernährt, erzählte mir Renate, meine Patientin mit dem Leberfleck unter dem linken Auge, während sie den Korb mit den Eiern auf meinem Schreibtisch abstellte.

<<Se wissen doch Karl, der Erstjeborene vom roten Bürjermeister. Den haben se noch nich auf de Welt geholt Herr Doktor, da war noch da alte Doktor und s war ne schwere Jeburt. De Mutter is daran jestorben.

Der Bürjermeister hats nie verwunden aber er war halt e Kleinbauer und musst wieder heiraten und de Elisabeth hatm auch nie darauf jetriezt, dassa seine Erste nich verjessen konnt. Aba dem Karl hat ses spiern lassen, wie die eijenen Jörn da warn. Und wissen se, einmal hat der so e Kaninchen jehabt, des war sein Ein und Alles, e besondres Kaninchen, und er hat jemeint, s sei aus Japan, weila ja die Phantasie hatte, weila ja, sobald a lesen konnte, Tach un Nacht in de villen Bücher von sein Vater jeschmökert hat   – und das sah em aus wie a Kaninchen, wasses nur da in Japan jibt.

Und die Elisabeth hats über Pfingsten geschnappt und jeschlacht und dann kams aufn Teller als Sonntagsbraten. Jab ja nich viel zu beißen seinerzeit. Das hat der Jung der Stiefmutter nich verziehen und er hat jemeint, wenner jroß is tut er nach Japan auswandern, der Karl. Und sein Vater hat ehm versucht zu tresten, aber mit dem warer auch bese und hat drei Tache rein garnischt jejessen. Als er denn groß war, isser wirklich nach Japan, erzähln de Leut. Ob er noch leben tut weiß keiner nich. Na Kaninchen jibt es ja iberall uff de Welt Herr Doktor>>

Wenn man eine Nachricht schnell im Dorf verbreiten wollte, musste man sie nur unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit der Renate anvertrauen. Als ich ihr die Betäubungsspritze setzte, zuckte sie nicht und unterbrach keinen Augenblick ihre Erzählung. Da sie ihren Mund zum Reden, und damit auch das Gesicht fast gar nicht zu bewegen brauchte, hatte ich keine Schwierigkeit mit der Kanüle zu zielen. Während ich ihren Leberfleck entfernte, erfuhr ich noch, dass der zwölfjährige Karl seit der Schlachtung seines Kaninchens, kein Fleisch mehr zu sich genommen haben soll. Selbst Fisch wäre ihm angeblich seit jener Zeit zuwider gewesen.

Was gäbe ich hier um einen Hasenbraten. Auf meinem Gaumen macht sich ein Geschmack breit, wie Wildbrett. Seit meine Katze Emilie von mir gegangen ist, sah ich kein Säugetier mehr. (Ich habe sie nicht gefressen.) Sie liegt unter dem alten Hollerbusch begraben.

Stellt sich das einer vor? Seit nunmehr 200 Jahren sind meine Bestäubungsinsekten und eine kleine Anura-Population die einzige Fauna, die mir blieb.

Das Leben in Gedanken: Vor etwas mehr als siebzig Jahren hatte ich die bisher letzte leibhaftige Begegnung mit einem anderen Exemplar der Gattung Homo. Es gehörte offensichtlich nicht meiner Art an und konnte nicht einmal sprechen. Ich nehme an, er war ein Gezüchteter, dem es gelungen war, seinen Peinigern zu entkommen. Unsere anfängliche Freude einander gefunden zu haben endete all zu schnell. Uns wurde bewusst, dass jenes todbringende Konkurrenzverhalten, das den Planeten so verwüstet hat, in uns beiden noch so tief eingegraben ist. Da beschlossen wir stillschweigend und voller Scham, uns zu trennen – um nicht Gefahr zu laufen, dass über die Zeit, ein Exemplar das andere töte.

Nun haben wir die praktische Unsterblichkeit – und wozu?

Graumanns Kellererinnerungen

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Mrz 072010
 

Einige alte Leute,  erinnern sich kaum an ihr kürzere Zeit zurückliegendes Leben. Vielmehr sehen sie ganz deutlich vor sich, was Kindheit und Jugend ihnen bedeutet haben. Sie erinnern sich wohl an ihre erste Liebe, nicht aber an den Tod ihres späteren Lebenspartners.

Die Sommer auf dem Hof der Mietskaserne kamen Graumann unerinnert wieder. Wie war es möglich, dass sie plötzlich wieder da waren, oder hatte es sie die ganze Zeit über gegeben und er hatte sie nicht bemerkt? Jetzt empfand er sie so stark mit ihren trägen Geräuschen, dem Geruch nach Gewitter, ihrem speziellen Nachmittagslicht – und er erzählte jedem, der es wissen wollte, von diesen Sommern. Sie kehrten wieder und existierten, einbalsamiert in schauderhafte Erinnerungen, als  Ausdruck kindlicher Neugier in seinem Gedächtnis. In einem Sommer kehrten die alten Sommer als reales Wetter  zurück. 30 Jahre lang hatte es sie nicht für ihn gegeben.

Es ist viel zu hell hier, dachte Graumann, und zu laut auch. Ich werde die Nacht abwarten, wenn alles schläft und Abermillionen Geschichten durch die Luft geistern. Krähenträume, Maßlosigkeiten, enorme Korrekturen  schwerwiegender unbedeutender Lebensläufe, die wahren Leben und die Leben der Toten, die noch in den Köpfen funken und ihr Recht wollen. Der Schlaf gibt allen Recht. Und die Träume verschaffen sich Einlass, als würde die Operndiva in einem erstklassigen aber überfüllten Restaurant um einen Platz bitten, an dem man sie ungestört ihre Malzeit einnehmen lässt. Man würde sie in der Mitte des Raumes platzieren und einen Paravent um sie herum aufbauen. Damit die zudringliche Masse sich die Speisenfolge der Diva nicht zusammenreimen kann, würde alles, was aufzutragen ist, in verschiedengroßen zierlich schwarz lackierten japanischen Schachteln transportiert.

Die Träume wollen beachtet sein. Sie leben ihr eigenes Leben an einem mysteriösen Ort, einem zeitlose Ort, an dem die Kindheit weilt: das so genannte ganze Zimmer einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung.

Licht kommt fast nicht hinein, in die Wohnungen im erster Stock, 2. Seitenflügel. Links die elterliche, rechts die der Tante. Vom in die Länge sich ziehenden Hof gehen links und rechts jeweils zwei Seitenflügel ab. Hinten ist ein Gartenhaus mit größeren Wohnungen auf der rechten Seite. Da wohnen etwas begütertere Familien,  die sich darauf aber nichts einbilden. Sie reden mit allen. Eigentlich fast alle reden mit fast allen. Wenn man sich gestritten hat, sagt man das Begrüßungswort mit dem unmissverständlichen Unterton. „Tach!“ Mit Kindern wird gemeckert, aber zu Kindern ist keiner wirklich böse. Nur die Kinder untereinander sind böse zu sich in ihrer eigenen Welt. In ihrer Kinderwelt hinter der großen Eingangstür zum Hof die Einen, auf der Straße beim Buckerspielen und an der Turnstange im Park die Anderen.

Zwei Besonderheiten hat das Gartenhaus: Auf der linken Seite gemauerte Balkons, die übers Eck gehen auch im Paterre. Und links neben der Tür zum Aufgang, die Tür zum Keller unterm Gartenhaus. Die großen, groben Kellerschlüssel werden von einer Hanfstrippe zusammengehalten, an der ein ausgekochter Markknochen hängt. Man muss ihn bei Frau Veit, der Hauswartsfrau, abholen. Durch den Keller führt ein Gang zur Rückseite des Gartenhauses. Das eine elektrische Licht ist meistens kaputt. Man muss sich eine Kerze mitnehmen, die ausgeht, wenn man nicht aufpasst. Wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben kommt einem die Kerze verteufelt hell vor. Nach einer Ewigkeit schimmert vom anderen Ende des Ganges her ein spärliches Licht: Das kleine, blasse Fenster der Tür am Ende der Treppe. Sie weist in ein Gebiet, wo Tote mehrerer Leben und Jahrhunderte umherhuschen. Wohl gibt es keine Gräber hinterm Haus, aber dies ist gewiss die Ruhstätte von Gebeinen. Darunter die Schädel der Toten , die in den Bombennächten gestorben sind, von denen die Alten immer wieder erzählen. Jedenfalls liegt es in der Luft, als würden Gespenster dich warnen: „Hör auf mit dem Teppichklopfen. Wecke mich nicht; ich träume.“

Die jährlich wiederkehrende, ritualisierte Reinigung der Teppiche  im Frühling und im Herbst. Die Teppiche, die wir ein Leben lang treten und die uns überleben. Ein Reinigungsritual muss den Tod hinterm Haus besiegen. In jenem Augenblick würde er das Kind ereilen, da die Stille Oberhand gewönne. Ein Motiv, das schwächlich aus der Vergangenheit in die Gegenwart weht. Deshalb ist es nötig, sich zu erinnern: als würde, wie Rückkehrer behaupten, im Sterben das Leben ein zweites mal vorüber ziehen.

Das ganze Zimmer nach Süden gelegen, in pompösem neoklassizistischem Stil möbliert. Zwei Betten, der Länge nach aneinander gereiht,  füllen die ganze Breite einer Zimmerwand, wenn man durch die Tür eintritt. In der Mitte des Zimmers ein riesiger, nicht ausgezogener, Tisch mit gedrechselten Beinen. Alte Zeitschriften liegen darauf. Vielleicht auch Packpapier ein Schuhkarton und Hanfstrippe, wenn gerade Pakete für Verwandtschaft  in Sangerhausen geschnürt werden sollen. Sangerhausen im unerreichbaren Osten, wo ebenso unerreichbar die echten Großeltern sind, die einen abgeschrieben haben, sonst hätte man nicht zurück gemusst als knapp zweijähriges Kind. Aus der havelländischen Kleinstadt zur jungen Mutter nach Berlin. Dramatische Übergabe des Jungen am Bahnhof Friedrichstraße am 11. oder 12. August 1961. 13081961 ein Password.

Die Tante Kotze, ja sie hieß so, in ihrem ganzen Zimmer ist eine Nenntante, bei der das inzwischen fünfjährigen Kind deponiert wird, wenn beide Eltern arbeiten. Sie ist älter als die Großmutter, aber diesen Unterschied bemerkt das Kind nicht. Tante Kotze ist gegen das Kind machtlos. Sie soll immer berichten, ob es auch artig war. Selten petzt sie, was ihr Verdruss bereitet hat. Sie selbst hat keine Kinder nur die Geschwister in Sangerhausen und deren Kinder und Enkel, denen sie Päckchen schickt. Als Dienstmädchen kam sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Berlin genauso wie viele Mädchen aus der Provinz und vom Lande. Genau wie auch eine jüngere Schwester der Großmutter des Kindes, das sie zu beaufsichtigen hat.  Tante Kotze pflegte die leukämiekranke Frau eines gewissen Herrn Haacke und wohnte im halben Zimmer. Als die Frau verstarb kam zu dem Namensschild von Otto Haacke an der Wohnungstür das der thüringischen Dienstmagd Emilie Kotze. Vielleicht wurden sie ein Paar, der Witwer und die Dienstmagd. Emilie überlebte zwei Weltkriege eine Inflation, drei Währungsreformen und zum Schluss auch Otto Haacke. Sie hatte sich an ein Leben zu zweit gewöhnt, als er starb.

Das Kind war anstrengend. Es erinnerte sie an etwas, dass sie in der Düsternis der Einsamkeit vergessen hatte, wie man ein altes Kaffeesieb vergisst, wenn man ein neues angeschafft hat: dass nämlich alles seine Ordnung haben müsse mit dem Lauf der Welt und deshalb auch sie selbst in diese Ordnung eingeboren sei.

Der schwere große Tisch, dahinter ein Scheselong auf dem sich Berge alter Zeitschriften türmen. Es wird nie benutzt. Auch in Ottos verwaistem Bett, gleich neben der Tür, Zeitschriften. Die Tante schläft im Bett vor dem Fenster. Dort hängt von der Wand eine alte ehemals gelblich goldene Kordel mit Trotteln am Ende. Zieht man daran, geht der große beschirmte Deckenleuchter an und aus. Auf dem Nachtschränkchen bei der Tante Bett eine Nachttischlampe aus den 50gern. An der Kordel darf eigentlich nicht  mehr gezogen werden, damit nichts kaputt geht. Das etwas kaputt geht, wenn man damit spielt, ist ein häufiges aber nicht sehr überzeugendes Argument.

Es gibt da einen aufregenden elektrischen Apparat, der in einem polierten Buchenkästchen steckt. Damit verpassten sie der Frau Haacke Elektroschocks. Ist also gefährlich und darf nicht mit gespielt werden. Aber warum? Solange der Stecker nicht in der Steckdose steckt? Das Kind darf den Apparat untersuchen, will sagen zerlegen. Die Tante keift hoch und auf sächsisch. „Ne, ne.“ Dann ergibt sie sich in ihr Schicksal.

Das Kind findet in Schränken alte Leibwäsche, grobe Leinenstoffe für Übergardienen und ausgeblichene Reste eines bunten Kittels.  Die werden mit Hammer und Nagel rund um den Tisch befestigt. Ein eigenes Reich. Die Tante duldet es. In einem alten blechernen Thermosbecher brutzeln kleine Dauerwurststücke über einer Kerze. Alles unter dem Tisch. Die Tante duldet es. Sie harrt derweil auf ihrem Hocker, wo sie durch bloßes Sitzen Stofftaschentücher, Küchenhandtücher, Leibwäsche und Socken und sogar Servierten zwischen zwei massiven Polstern bügelt. Die alte Kohleplätte auf der Küchenmaschine braucht fast nie benutzt zu werden. Ein schöner Trick, denkt schon das Kind. Heute würde man das vermutlich „nachhaltig sitzen“ nennen.

Worüber hat man gesprochen? Alltägliches. Das alte Leute schneller sterben als Kinder, das man die Wahrheit sagen muss, wenn man etwas ausgefressen hat. Wen man im Haus leiden kann und wen nicht, warum die Eltern arbeiten müssen, wie man saure Milch macht, wie viel Pfenniglutscher man für einen Groschen im Süßigkeiten – Laden von Frau Last kriegt.

Die Pflichten des Kindes sind: Mit dem schweren alten Teppichroller umgehen, später auch Gardinen an und ab machen. Die Tante zur Post begleiten, und noch zwei Ostpakete tragen, die nicht mehr in den riesigen Rucksack passen, diesem wichtigsten Werkzeug vergangener doch immer noch gegenwärtiger Hamsterfahrten. Die Not hat den Lebensstil nachhaltig geprägt

Als das Kind schreiben kann, füllt es die Paketkarten und Aufkleber aus. Im Winter werden die Balkonutensilien auf dem Hängeboden hinterm Klo verstaut, im Frühjahr wieder runtergeholt. Diese sind: eine Fußbank und ein altes emailliertes Wassergefäß, das mal zum Waschgeschirr auf der Frisierkommode mit dem riesigen gerahmten Spiegel gehörte. Er leuchtet an der Wand zwischen Balkontür und  dem Fenster hinter Emilies Bett. In dem Gefäß steht, mit Eierschalen versetzt, das Blumenwasser über Nacht ab.

Auch der Balkon ist dunkel. Umrankt von wildem Wein. In den Blumenkästen wachsen anspruchslose Wicken und fette Henne vor sich hin. Das Kind bekommt auch Geld. Um mit der verbeulten Milchkanne im Kuhstall auf dem Hinterhof  zwei Straßen weiter Milch zu holen. Dies sind die Pflichten des Kindes bei der alten Tante Kotze gewesen.

Der Mann der Hauswartsfrau, Herr Veit, schickt seine Tochter und das Kind mit einer Milchkanne an Sonntagen zuweilen auch nach Bier, das in der Kneipe aus dem Hahn an der Theke hineingezapft wird. Ganz langsam. Damit nicht soviel Schaum in die Kanne läuft.

Je länger Herr Veit wartet, desto schlechter wird die Stimmung im Haushalt. Wenn die Milchkanne mit dem Bier endlich ankommt setzt es für die Tochter ein paar Kopfnüsse, weil sie getrödelt hat. Ihr kleiner Bruder genießt es, wenn sie den Zorn des Vaters abbekommt. Sie ist nicht seine leibliche Tochter und noch dazu wird sie einmal eine Frau sein, die ihren eigenen Willen hat. Das Kind tröstet seine Freundin. Die Spannungen in seinem Elternhaus haben die gleiche Ursache. Doch das Kind ahnt nichts davon.

Die u-förmige Unterkellerung von Vorderhaus und Seitenflügeln wird mit wenigen 15 Watt Glühbirnen  beleuchtet. An einer Stelle, genau hinter einer abgerundeten, lukenartigen Metalltür schreinert der Vater. Die Schutzvorrichtung hat zwei riesige Verschlusshebel oben und unten. In deutscher Druckschrift der verblichene Schriftzug Luftschutz . Die lange Hobelbank ist ganz aus Holz, kein einziger Nagel, kein Beschlag. Die Schraubvorrichtung,  mit der man das Werkstück einspannt, ganz aus Holz. In der Nähe der Kellerverschlag, in dem alle Arten von Holzabfällen lagern, die zu kleinen ansehnlichen Gebrauchsgegenständen verarbeitet werden. Weggeschmissen wird nichts.

Das ist kein gutes Geschäft aber ein kleines Zubrot: Vater baut die Einrichtung des Süßigkeiten- Ladens der Frau Last. Der Erlös aus der ungeliebten Arbeit ist für die Hobbys des Vaters: ein Ruderboot ein Fahrrad mit französischer Dreigangschaltung, ein Tonbandgerät, eine Agfa Spiegelreflex-Kamera. Es gibt Streit mit der Frau, die das Geld lieber für „wichtigere Sachen“ ausgeben würde. Für sie gehören die erschreinerten Groschen zum Familieneinkommen. Wenigstens säuft er nicht, wie all die anderen Männer in dem großen Hinterhaus. Sie schläft nicht mit ihm. Er ist nicht der Vater ihres Kindes. Er möchte mit ihr schlafen und hofft, es möge sich eines Tages ihr  Ekel geben, dass sie keinen Mann mehr an sich lässt, nach der einen, ersten katastrophalen  Erfahrung. Wenn er ihr ein Kind gemacht hat, wird sie schon spuren. Er ist ein schöner Kerl.

„Und man spricht von eines Mannes Schönheit.“ Er ist ein schöner Mann, wie behauptet wird. Er könnte Frauen haben doch sie lässt ihn und keinen wirklich an sich. Ihr Sohn, der nicht sein Kind ist, steht neben der Hobelbank und soll ihm Werkzeug reichen. Und der strafende protestantische Gott seiner Eltern lauert zornig hinter der falschen Vaterschaft und lässt ihm keine Wahl. Man hat barmherzig zu sein. Die Schande der Mutter wird auf ewig begraben, wie die Toten hinterm Haus. Später wird man das Unheil langsam vergessen. Das Kind ahnt von all dem nichts.

Das Kind soll auf einem selbst gezimmerten Küchentisch gestanden und klassische Musik dirigiert haben. Die Mutter hätte ihm heimlich zugesehen. Sie ist und fördert alles, was sie selbst versteht. Sie ist musikalisch, singt mit dem Kind beim Bügeln in der engen Küche Schlager nach, die aus dem Batterieradio dröhnen, das der Mann angeschafft hat, der nicht der Vater ihres Kindes ist. RIAS Schlagerparade. Sie fördert, was das Kind in eine höhere Kaste bringen könnte. Sie ist intellektuell begabt. Ihre Ausbildung zur Berufsschullehrerin in der jungen DDR  hat in Adenauers Republik nicht nur keinen Wert, sie macht sie in den Augen der  Wirtschaftswundergeneration sogar verdächtig. Das sie als Tochter eines NSDAP-Mitglieds studieren durfte, vergisst sie der DDR nicht. Ihr Stolz zieht eine Rückkehr dorthin jedoch nie in Betracht. Sie spricht mit dem Kind in der Erwachsenensprache. Das fördert einen Sprachschatz und eine Ausdrucksweise, die Außenstehende bei einem Jungen aus der Unterschicht für altklug halten. Der unterhält sich dementsprechend auf seinem Niveau, in Erwachsenensprache- mit der Gemüsehändlerin, Frau Krüger, der Frau Bendrick aus dem Milchladen, den schlesischen Schwestern Maas, die die „Drogerie Schlesien“ betreiben, in der es die billige Kaltmangel für einen Groschen die Stunde gibt. Mit Frau Musäus, Frau Arndt und dem alten Herrn Augustin aus dem Hinterhof, dessen Frau am Sonnabend in der Küchenmaschine einen Kuchen bäckt. Selbst mit der Besitzerin des Süßigkeitenladens, wo es dem Vater bei der Montage der Regale geholfen hat, versucht es das Kind Graumann.

„Gib mir die Kneifzange, nein nicht die Flachzange, verdammt,“ flucht der Vater. Aber Tante Last, wie sie sich nennen lässt, hat alle Kinder satt – wie sie auf dem Weg von und zu der nahe gelegenen Schule in Horden ihren Laden stürmen, und um einen Groschen Zuckerkram ihre wertvolle Zeit stehlen. Frau Last klagt dem Kind des öfteren, dass sie nicht reich werden würde und schenkt ihm nichts. „Na, möchtest du denn jetzt lieber ein Pfenniglutscherchen oder so eine saure Untertasse, wo du dem Vati sooo schön geholfen hast?“ Der Vater bezahlt die Brauseuntertassen. „Da macht man Brrrr von mein Hosenscheißerchen, sauer macht lustig, hahaha.“

Eine höhere Macht lässt sie in Kindersprache brabbeln, als wäre sie schwachsinnig. Ihr Lachen ist falsch und geizig. Sie ist eine böse Hexe. „Na ja, vielleicht hat sie es schwer“, versucht der Vater zu erklären.

Die echte Alternative zur Beamtenstippe

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Mrz 042010
 

Ich weiß noch, wie Mutti sagte: „Aber warum denn essen gehen, das kostet doch nur unnötig Geld.“ Nein, eigentlich sagte sie nicht „warum“, sondern „wozu“, in der Art der Kleinstädterin, deren Mutter noch eine havelländische Landpomeranze war.

Mark Brandenburg, Streusandkammer. – Ihr kennt doch bestimmt solche kulinarischen Höhepunkte der Streusandküche wie Beamtenstippe: da ist immerhin Fleisch drin, und dann macht man mit Margarine und Mehl eine so genannte eingebrannte Stippe, die mit Zucker und Essig verfeinert wird. Das Ganze gebe man über den obligaten alltäglichen Kartoffelbrei …Gedeckter Tisch, 2004, Foto: AQ!

Und jetzt Essen gehen, Pizza! So ein Kulturschock: heißes Gemüse, gegarte Dauerwurst und Dinger, die wie Paprikaschoten aussehen, an denen man sich aber leicht das Maul verbrennt, weil sie so scharf sind. Peperoni, höllische Pfefferdinger – Gemüse auf Hefeteig – „den haben sie aber nicht gut gemacht, der ist ja völlig verbrannt am Rand“, sagt Mutter fachfraulich. „Ob man sich daran gewöhnen kann“, und sie meint nicht man, sondern sich und kann sich das durchaus vorstellen, sich an Pizza zu gewöhnen, wenn sie ihr einmal im Monat dampfend und fertig serviert wird, will aber erst abwarten, was Vati sagt – und der sagt: „Also, mia schmecktit.“ Heißer Hefekuchen, nur statt mit Obst mit Fleisch und Gemüse, denke ich.

So bürgerte es sich ein, dass man zum Italiener ging, auch damit Vati zeigen konnte, dass wir uns das auch leisten konnten. Befreundete Ehepaare saßen beim Italiener vertraut beieinander und erzählten sich was. Die Männer, welches Automobil es denn sein möchte im nächsten Jahr, und die Frauen redeten sehr bestimmt über die Urlaubsreise, die man dann im übernächsten Jahr machen könne, wenn die Raten für dies und das abbezahlt worden sein würden. Kurz, es wurde ständig über Geld geredet.Espresso, 2005, Foto:AQ! Und Luigi aus Sizilien, den ich immer fragen wollte, ob er mich nicht an die Mafia verkaufen möchte, damit ich mal zum Stromboli komme, brachte Grappa um Grappa, und die Erwachsenen wurden erträglicher, kümmerten sich nicht mehr darum, ob wir vom Tisch aufstehen dürfen und warum – und wir, meine Kinderfreundin Petra und ich, fragten uns, ob wir nicht vielleicht in Wirklichkeit Bruder und Schwester wären – aber wir wollten trotzdem später heiraten und tobten mit den Kindern von Luigi solange unter dem Stromboli aus Gips, der ein rot glühender Elektrogrill war, bis irgend etwas zu Bruch ging. Dann kam ein lauter Anschnauzer von Vati oder Petras Vati, und dann tobten wir weiter, bis Luigis Kinder „in Bette mussen“ ein letzter Grappa, und wir zogen Mutti und Vati hinter uns her, jeder in die Anderthalbzimmerwohnung, wo es schon mal vorkommen konnte, dass es am nächsten Tag die aufgewärmte Beamtenstippe von vorgestern gab.

Erstveröffentlichung Juli 2008

Kohl und Knacker und Kowalski

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Mrz 032010
 

Um Ihnen einen kurzen, wirklich sehr unvollständigen  Eindruck davon zu vermitteln, worin sich diese Reminiszenz ergehen könnte, wird es am besten sein, Ihnen meine Nehringstraße so knapp und so präzise wie möglich zu schildern, zu dem Zeitpunkt, als ich, Jahrgang 1958, in der Nehring-Grundschule mein erstes Schuljahr durchlitt. Ich weiß, dass mir das nicht gelingen wird, denn, wie man mir schon in frühester Kindheit bedeutete, neige ich zu ausufernder Schwatzhaftikeit.Vor dem Schultor, Foto: Günter Haack, Berlin-Charlottenburg, 1965

Wir schreiben das Jahr 1965. Die Nehring-Grundschule und die Peter Jordan Hilfsschule, wie man das damals nannte, sind in einem knastähnlichen Anstaltskasten aus rotem Backstein untergebracht, der sich weit hinter dem neuen Schulzaun auf dem Grundstück Nehringstraße 10 erstreckt. Davor, zur Straße hin, gibt es einen Exerzierplatz, der Schulhof genannt wird. Die rechte Grundstücksbegrenzung des Schulgeländes bildet eine Backsteinmauer, an der in regelmäßigen Anständen unter einem mit Kreide aufgemaltem Klassenverweis, die Klassen bei Feueralarmübungen und Gefahr von Aufruhr während der Pause, in Reih und Glied anzutreten haben.

„Durchzählen, nun mal Marsch, Marsch, Zack-Zack, oder muss ich erst nachhelfen“, fragt der Herr Burghause, der mit Rommel Spiegeleier auf dem Panzer gebraten hat.

Hinter der Schulhofmauer wiegen sich die langen alten Pappeln geduldig im Winde und noch daneben bilden rostiges Wellblech und verwitterteTeerpappe ungefähr zwischen zweitem und ehemaligen dritten Stockwerk das provisorische Dach einer Ruine, wo sich seit Ewigkeiten in der ersten Etage eine gruselig in rotes Bestrahlungslicht getauchte Ohrenarztpraxis ausbreitet. Huhuhuhu.

Nun, Ruinen solcher Art gibt es zu dieser Zeit noch so einige im Kiez, den man damals noch nicht so nannte. Man hätte diese Ansammlung von Wiederaufbauelend jedoch durchaus Dorf nennen können, denn immerhin gibt es in der Seelingstraße einen leibhaftigen Kuhstall, mit echten Kühen, die man im Dunkeln kaum sieht, denn sie sind schwarz, schwarz, schwarz. Alles ist schwarz in jener Zeit auch die Fingernägel und alles riecht ganz auf seine eigene Art und Weise. Alle pupsen ungeniert. Dort im Stall tauscht man Kartoffelschalen und faules Gemüse gegen Anmachholz oder eben einen Liter Mich, Milchkanne nicht vergessen! Bei Feinkost Bendrick, Nehringstraße 13 gibt es auch noch lose Milch. Beim nach Ansicht meiner Mutter schmuddligen Feinkost Egler, Nehringstraße 11, gibt es nur Milch in Flaschen, dazwischen liegen noch das Süßigkeitengeschäft der geizigen Frau  Last, die ihre Kundschaft, die Schulkinder, hasst, und eine Wäscherei. Wenn dort die große Schleuder austrudelt, ziehen manche älteren Leute im Haus Nr. 12 den Kopf ein, weil es pfeift, wie wenn eine Bombe aufs Haus fiele. Womit das abgehakt wäre, fast.Udo und Wolfram, Foto: Günter Haack, Berlin-Charlottenburg, 1965

Auf der andren Seite der Nehrigstraße zwischen Seeling und Knobelsdorff, tobt doch gewissermaßen schon das Wirtschaftswunder. Nein, was gibt es dort alles für Geschäfte. Beginnen wir mit den liederlichsten. Da ist ein reiner Herrenfriseur, der hinter dem Laden auch wohnt. Er konnte nur Führerfrisuren und trug selber Hitlerbärtchen, war aber sehr billig – und:  konnte gut mit Kindern umgegen, wie es hieß. Verzweifelte Eltern luden ihre blökenden Jünglinge manchmal bei dem Herrenfrisör ab, ohne das ein Haarschnitt zwingend erforderlich gewesen wäre. Der Mann praktizierte sein HJ-werk, soweit ich mich erinnere, bis tief in die 90ger Jahre. Ja vielleicht habe ich Vorurteile, aber da saßen dann nicht selten zukünftige kleiner Machomänner mit deutschem und migrantischem Hintergrund auf dem altmodischen Frisierstuhl und ließen sich vom Obersturmbandführer, wie wir ihn als Kinder heimlich nannten, eine Glatze scheeren. Das war der letzte Schrei. Neben Adolfs Glatzenschneiderei kam dann die ganz schlimme Absturzkneipe „bei Schick“, in der sich der Adel von Suff des ganzen kleinen Dorfes bewegte, zu Füßen der Hohenzollergräber. Wie in Düscherdin Asbachs Lummerland  dösen Kriegsversehrte mit dem Kopf auf dem Kneipentisch. Arm- und Beinprotesen sind dort keine Seltenheit. Granatenzitterer erzählen von Stahlingrad. Der gemeine Rentier und Senatspenner und seine Gattin, Frau Braatz gehen dort „bei Schick“ ein und ungern wieder aus, denn für zuhaus ist es immer viel zu früh und für die Handfestigkeiten der andren polizeibekannten Kaschemme in der Danckelmannstraße (heute Dicker Wirt) ist das Rentner-Ehepaar Braatz nicht mehr schlagkräftig genug.

„Mein Mann wa bei de Wasserwerke, der is ihn nischt als een oller Senatspenner. Aba mein Vata, der hat wat Anständijet jelernt, der wa Zimmamann, ja?“ pflegte Frau Braatz auf dem langgestreckten Hof des Hauses Nehringstraße 12 zu brüllen, wenn sie geruhte  vor ihrem Gatten die Gaststätte bei Schick zu verlassen. Neben Schick kam der Schuster Jokisch, dessen Frau den Kundenverkehr abwickelte, weshalb der Schuster Jokisch in seiner finsteren Werkstatt eigentlich immer blasser hätte werden müssen. Wurde er aber nicht. Ich mochte den ostpreußischen Schrumpfkopf sehr, denn ich durfte als einziges Kind aus der Straße in der Werkstatt zuschauen, wenn ich nicht schwatzhaft war. Rechts neben Jokisch kam der Bäcker Wilde mit drei oder vier Bäckerskindern, die meine Mutter für sehr naschhaft und ich für sehr freigibig gehalten haben. Wahrscheinlich hat der Laden deshalb zugemacht. Vielleicht aber auch, weil er eben einfach nicht dazwischen passte. Wo zwischen? Zwischen den ostpreußischen Schuster Jokisch, die polnischen Einwanderer Kowalski und die „Drogerie Schlesien“ der drei heimatvertriebenen Schwestern Maaß, bei denen es eine Kaltmangel für einen Groschen und ein reichhaltiges Sortiment an Weihnachtsbaumschmuck zu kaufen gab. Um die Sache schnell abzurunden, wieder daneben gab es Obst und Gemüse und Sauerkraut aus dem Holzfass bei Muttern und Hänschen Krüger und einen Photographen, dann noch ein Papiergeschäft mit Schulheften, Zeitungen, Zigarren in hübschen Holzschachteln und harten Schnäpsen in kleinen Fläschchen. An der Ecke Knobelsdorffstraße war lange gar nichts und dann ein Blumenladen.

Sie sehen, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, ist gar nicht schwer. Erwähnt werden soll noch, dass 1965 in der Nehringstraße Automobile einem siebenten Weltwunder gleichkamen. Parkplatzsorgen gab es jedenfalls überhaupt noch keine. In den schlecht beleuchteten Kellern der Mietskasernen bevorratete man sich zu jener Zeit, die längst vergangen ist, mit Winterkartoffeln und natürlich – mit Holz und Kohlen. Denn jederman hatte Ofenheizung und Angst, dass die Russen Westberlin wieder dicht machen.

Und Kohlen gab es bei Kowalski. Von November bis März herrschte Hochbetrieb auf dem Platz der Kohlenhandlung. Eine der beiden Flügeltüren stand bis abends immer offen.  Da hindurch zwängten sich die Kohlenwagen, die zumeist nur von einem Mann gezogen wurden. Auf dem Wagen waren die Brikettkästen gestapelt, deren Inhalt in die Keller oder, bei den „besseren Leute“, in die Kammer im vierten Stock gewuchtet werden mussten. Ein dreckiger Knochenjob. Die frechen Jungs hängten sich auch noch hinten an den Kohlenwagen und ließen sich mitziehen. Aber Kowalski zahlte anständig, und so blieben die Kohlenträger meist länger als einen Winter. Viele Arme, die sich keinen Keller voll Kohlen leisten konnten, kamen ein paar mal die Woche mit alten Kinderwagen oder mit den scheppernden Bollerwagen  aus Hamsterfahrtzeiten und holten Briketts und billige Bruchkohle, Eierkohlen, die zum Transport in alte, zur Hälfte aufgesägte Öltonnen gefüllt wurden. Meistens wurden natürlich die Kinder geschickt, denen man auftrug, Kowalski solle die Rechnung in seinem Schuldenbuch vermerken, nur noch dies eine Mal.

Beherrscht wurde das Kowalskische Wunderreich der Heizstoffe von einer außen rotbraun und innen waldgrün angestrichenen flachen Hozbaracke aus, in deren zwei Zimmerchen es stets nach Kohleintopf und Kienspänen roch und in der natürlich zwei Öfchen fröhlich bullerten. Gebündeltes Holz lag in einer Ecke. Wenn man sie hatte, blätterte man die Kohle für die Kohlen bar auf den kleinen Ladentresen der vorderen Barackenstube, der sehr kinderfreundlich, nämlich niedrig war, denn die alten Kowalskis waren wohl kaum länger als ein Meter und sechzig. Ihre Tochter, schien mit fast einssiebzig aus der Art geschlagen. Herr Kowalski trug immer und wirklich immer eine blaue Prinz-Heinich-Schmidt-Schnauze-Mütze, die wegen des Kohlenstaubs freilich nicht mehr blau war sondern anthrazitgrau glitzerte. Frau Kowalski war selten zu sehen, wahrscheinlich kochte sie ununterbrochen Kohlsuppe im hinteren Privatgemach. Irgendwie muss ich hier unbedingt an Knacker denken. Ja, Knacker und Kohlsuppe und Knistern im Ofen und der Geruch nach Kienspänen und die dicke schwefelig muffige Luft der langen Heizungsperioden in meiner Straße. Und Sehnsucht überkommt mich. Eine Zeitmaschine möchte ich und auf Kowalskis Kohlenplatz als Erwachsener schauen, denn als Kind wurde man ja verscheucht, weil man schwatzhaft und neugierig war, und alles immer zu gefährlich.

Kowalskis bunte Katzen jagen derweil flinke Mäuse im Himmel, im Kohlenstaub zwischen der Zentnerwage mit der Zinkblechkiepe, dem rotbraunen alten Kohlentrecker, dem Anthrazitkohlestapel und der Briketthalde die an den schmutzigen Winterhimmel stößt. Und die  Dackel von Fräulein Kowalski Junior liegen im Warmen im Körbchen und schlagen nur an wenn ein Kunde kommt während die Kolwalskis im himmlischen Hinterzimmer ewig Mittag machen.

Und wenn ich schön artig die Kohlen auf dem Bollerwagen nachause gebracht habe, geht Vati mit mir kurz vor Ladenschluss zu Rogacki in der Wilmersdorfer und wir kaufen uns ein kleines Stückchen Räucheraal für das Abendbrot, dass wir billiger kriegen, weil gleich zusammengepackt wird. Das können wir beide in der Küche ganz alleine essen, denn Muttti mag keinen Fisch, hähä. „Mutti, warum ekelst du dich vor Fisch?“ „Sei still,“ sagt Vati laut, damit es Mutti hört, „sonst sperrt dich Mutti im Keller ein.“  „Hah, hah, hah,“ sagt Mutti vom Bügelbrett aus, bevor sie bei Frau Kuschinski putzen geht. Im Radio läuft die RIAS-Schlagerparade und Rogacki und Kuschinski und Kowalski sind für mich alles urdeutsche Namen.