Die Legende vom Unglauben – Folge IX

 Gespalten, Zukunft  Kommentare deaktiviert für Die Legende vom Unglauben – Folge IX
Aug 202010
 

Die beste aller möglichen Welten

Die Meditationsoase im 87. Stockwerk bestand im Wesentlichen aus einer viereinghalb Meter starken Bodenbedeckung mit konstant temperiertem Polyethylenschleim, der die Körper bei 39 Grad Celsius in sich aufnahm, wie der Utherus ein sich einnistendes Ei. Der Doktor war einen Augenblick lang begeistert, bis ihm einfiel, dass seine Organreparaturbakterien die Temperatur übel nehmen könnten. Für diesen Fall hatte er zwar eine Ampulle Ice an seinem Medizingürtel, das die Bakterien für die Dauer der Übung in Stasis versetzen würde, aber es war die letzte Ampulle und das MIttel schwer zu beschaffen, doch rechnete der Doktor damit, dass Kolchos dies ohne Weiteres bewerkstelligen könne. Oboist, nahm die Zögerlichkeit wahr und bezog sie auf sich. Tränen standen ihm in den Augen. Der Doktor erklärte, setzte sich den Druck und die Gesichtszüge des reichen Erben nahmen wieder ihre gewohnte heitere Ausdruckslosigkeit an. „Wollen sie Quis?“ fragte er. „Nein Junge, kein Quisarin heute, und ich rate dir, den Nebel gar nicht erst einzuschalten, es kommt besser so, die Endorphine aus meinem Blutkreislauf sind viel erquicklicher, gaub‘ mir!“

Sie schwammen jetzt nebeneinander im Polyethylenschleim und entkleideten sich wie in der Schwerelosikeit des Alls. Die Kleidungstücke sanken zu Boden und wurden von dressierten Riesenkäfern mit deren Körpersekreten desinfiziert und dann säuberlich zusammengefaltet in einer verborgenen Glastruhe am Ausgang der Oase deponiert. Die Nacktheit der Organismen, die neben-, über-, und untereinander schwammen, bewirkte eine Veränderung des Aggregatzustands im Polyethylenschleim, der jetzt eine vom Grünen ins Indigo changierende schillernde Nabelschnur ausbildete, die sich an den Bauchnabeln der Menschen festsetzte und eine Enzym ausschied.

Das Körpergewebe der Bauchnabel verschmolz mit der Polyethylennabelschnur. Die Blutkreisläufe der Männer konnte ihre Botenstoffe vermischen. Die Erinnerungen des Alten und des Jüngeren vermengten sich zu einem Erleben. Zuerst war es sagenhaft. Doch ebenso plötzlich musste der Doc mit seinen Endorphinen gegen Oboists Alp von den ledernen Hautfetzen in seinem Handinneren ankämpfen, die sich zu soetwas wie Sofakissenknöpfen verwandelten. Als nächstes halluzinierte er hunderte kleine, mit ihrem Austritt aus der Haut sofort verdorrende Leguanextremitäten über seinem Rücken und an seinem Nacken. Seine Mutter rief nach ihm und er brüllte wie am Spieß. Da konnte auch der Doktor seine Alps nicht mehr stoppen – der Gestank der brennenden Maisfelder stieg in ihm wieder auf, er blutete aus der Nase. Der Adreanlinspiegel stieg kontinuierlich und verteilte sich auf beide Blutkreisläufe. Jetzt befielen auch ihn die Halluzinationen und er wusste nicht, ob es die seinen waren. Er bemerkte sein offenes linkes Bein, kleinere und größere Fleischwunden, Blut quoll in klienen Rinnsalen hervor und rechts unterhalb der Wade blühte ein roter Schwamm der die Form eines natürlicher Schwamms für die Badewanne (Fischlein rot) hatte.

Etwas später verschlossen sich die Wunden und darunter waberte und wuchs etwas. Dann brachen große Stachel durch die Haut. Ableger bildeten sich im Bauchfett. Der Doktor fühlte sich wie in einer selbsorganisierten, wenngleich zur Identifikation mit fremdem persönlichen Leid unfähigen Gesellschaft. Sie fand nichts dabei, dass er rote Schwämme am Schienenbein trug und ihn Stachel aus dem Bauch sprießten. Er musste einen Freund, der weit weg war anrufen um Näheres zu erfahren. Der war mit anderen Sachen beschäftigt und kurz angebunden. Er erklärte QLS in einem Ton, als ob es nicht so schlimm wäre, das die Krankheit vom Verzehr einer Biokäsesorte herkäme, genauer von dessen Rinde. Sehr schön, es half aber nicht weiter. Die lebendigen Stachelbeulen bewegten sich Richtung Geschlecht. Der Doktor musste nun befürchten, das sich das Fremde sein Erbgut holen wollte, um damit ein Ungeheuer zu zeugen. Er riss die Beulen am Bauchfett mit seinen Händen auf. Das ging sehr leicht, die Haut war von den Enzymen des Schleims aufgeweicht. Das Fett darunter war weißlich gelb und klumpig. Es geklang ihm einige der Stachel auszureißen. Der Prozess stoppte oder verlangsamt sich zumindest.

Da riss der junge Oboist sich die künstliche Nabelschnur aus und blutete aus Nabel und Ohren. Die Käfer kamen schließlich gerade noch rechtzeitig und verschafften den an sich selbst leidenden Menschen durch ein Hormon in ihren Duftstoffen den Koitus interruptus, bevor das Blut der Menschen ihnen zum Dank die Chitinpanzer jämmerlich verätzte.

Kolchos war alarmiert worden und eilte zum Eingang der Oase. Seine Regulatoren hatten den Auftrag den Doktor sterblich zu machen. Doch der Sohn flehte ihn an und ereichte im letzten Augenblick, dass Kolchos den Befehl zurücknahm. So nahe, wie bei diesem unglücklichen Versuch, war Oboist noch nie einem Menschen gekommen. Initiation und Ritus war also genüge getan, nur der Sex hätte besser sein sollen. Vielleicht wäre etwas Quisarin doch nicht schlecht gewesen, dachte Oboist. Der Doktor wusste, dass es zwecklos war, Kolchos nach all dem zu bitten, seine Beziehungen spielen zu lassen, um ihm ein paar Ampullen Ice zu beschaffen.

Die Legende vom Unglauben – Folge VIII

 Dramatisch  Kommentare deaktiviert für Die Legende vom Unglauben – Folge VIII
Aug 182010
 

Kohlfelder soweit das Auge reicht

Im Winter, wenn der Ackerbau ruht, werden die Wanderarbeiter weggeschickt. Nur wenigen dürfen bleiben, die sich um das Vieh kümmern und um den Haushalt der ultrareichen Städter, die wegen der zusammengebrochenen Nahrungsmittelindustrie immer häufiger gestandene Bauern aus ihren Habitaten vertreiben und die Gewächshäuser danach von ausgemergelten Gestalten bewirtschaften lassen, die von ihrem Grund schon vor Zeiten durch die Privatarmeen der Reichen vertrieben worden sind. Das Geschäft mit den durch Sklavenarbeiter produzierten und von Söldnern beschützten Nahrungsmitteln ist eine Goldgrube. Bei den Gelagen der Oligarchie in ihren befestigten städtischen Wohnburgen herrscht Goldgräberstimmung, wie vor der Eiszeit. Man isst wieder rohes Gemüse. Das nach den vielen kleinen atomaren, biologischen und klimatologischen Kriegen überhaupt wieder irgend etwas wächst, grenzt an ein Wunder, erzählt ein Bioingenieur in den Diensten von Kolchos. So nennt sich ein Exgeneral, der auch vor dem neuerlichen Boom der konventionellen Landwirtschaft sein gutes Auskommen hatte, mit der Produktion von Aerosolen und dem Betrieb mehrerer Carnini-Schlächtereien.

„Nun, man muss immer mit der Zeit gehen. Mann muss flexibel bleiben und sich den unveränderlichen Konstanten der Märkte anpassen. Man darf sich dem Schicksal nicht in den Weg stellen, verehrter Doktor.“ „Sie, Kolchos und alle, die wie Sie sind und denen man sich nicht beizeiten in den Weg stellt, sind das Schicksal. Aber ich glaube nun mal nicht an das, was sie Schicksal nennen. Ich glaube nur an Gewalt zur Durchsetzung von Interessen. Gewalt ist ein Naturgesetz. Und sie sind nicht mein Schicksal.“ – „Vielleicht, vielleicht auch nicht Doktorchen, aber das wäre wohl eher eine Konversation für Reformer und Salonpazifisten wie sie das 21. Jahrhundert noch kannte, meinen sie nicht auch? Darf ich ihnen meinen Sohn vorstellen, er ist gerade 48 geworden, ja ich zähle immer noch die Jahre, als ob wir sterblich wären, hahahaha. Und nun möchte der kleine Racker unbedingt Sexualstimulanz praktizieren, bevor er in meinen Aerosolfabriken die höhere Drogenlaufbahn antritt. Er hat den Wusch geäußert, dass sie ihn einführen, sie sind doch gesund, oder?“ –  „Nun. Ich habe eine altertümliche HIV-Infektion. Aber sie wissen ja, dass das bei der Zuchtwahl von Vorteil sein kann. Kommt ganz auf das Genmaterial an, das sie ihrem Sprössling gekauft haben.“ –  „Er ist positiv gezüchtet. Meine 38. Gespielin wollte das so. Für meine Begriffe ein bisschen zu positiv. Glückshormone als Nebeneffekt des HI Virus, das ist mir ein bisschen wie soll ich sagen, zu schwul, Hahahahaha. Aber meinetwegen, also wenn sie ihm den Gefallen tun wollen, ich habe eine sündhaft teure Meditationsoase im 87. Stock bauen lassen, die kaum einer benutzt, QSL. Ich brauche so was ja wirklich nicht.“ –  „Sie sind aber auch ein durch und durch ausgeglichenes Individuum, Kolchos.

Na dann wollen wir mal ans Werk gehen, äh …..“ –  „Oboist, ich nenne mich zur Zeit Oboist. Danke Vater! Und sie? In welchem Intevall wechseln sie ihre Identifikationsdeklaration und wie lautet die gerade?“ – “ Oboist, soso, wie treffend. Nun Oboist, ich habe noch nie Identifikationsdeklarationen benutzt, meine Identität ist in 300 Jahren immer dieselbe geblieben.“ – „Sie Ärmster, das ist ja nussbaum!“ Weißt du denn, was ein Nussbaum ist, Junge? Na ja, ist schon gut.“ „Wieso ein Nussbaum? Nussbaum ist die Farbe von frischem Carninitran. Das weiß doch jeder, oder was dachten sie?“ – „Eine Farbe also, interessant, was von den wirklichen Dinge in der Sprache überlebt. Denn die Sprache ist sterblich geblieben, und welche Bedeutungen die Töne bekommen haben. – – – Früher, Junge, gehörte der Nußbaum zur Flora. Aus seinem Stamm machte man Möbel – ach, das kennst du ja auch nicht, also Möbel, das waren Materialcontainer aus einem nachwachsenden Rohstoff, das man Holz nannte, wie dein Kopf Junge, klopfe mal dagegen, dann weißt du, was Holz war. Heutzutage gibt es das nur noch syntetisch, weil die Bäume schon lange ausgerottet sind. So Junge, und jetzt gebe ich dir noch eine Nuss zu knacken: Ich habe noch das, was man in bunter Vorzeit bei den gleichberechtigt Sterblichen einen Namen nannte, nenn‘ mich einfach OSL, wenn du willst auch Doc QSL.“ – „Ich mag, wie sie reden, Doc QSL,“ wisperte Oboist ungezwungen ins Falsett fallend.

Die Legende vom Unglauben – Folge VII

 Damals, Dramatisch, Zukunft  Kommentare deaktiviert für Die Legende vom Unglauben – Folge VII
Aug 062010
 

Living on earth

Die Glocken, die den Doktor beschützten, bestanden im Wesentlichen aus einem Silizium-Aluminium-Titan-Polymer, und es waren Intuition, Phantasie und ein glücklicher Zufall nötig, damit aus seinem Eremitenhaushalt ein überlebenstüchtiges Habitat werden konnte.

Die bekannte Zivilisation außerhalb der Städte hatte sich vor Jahrhunderten aufgelöst. Das Land war nicht mehr bestellt worden, weil durch die Auskreuzung patentierter Energiepflanzen genetisch nicht veränderte Nahrungspflanzen praktisch nicht mehr existierten. Die Patenteigentümer lieferten Samen und Bestäubungsinsekten im Paket und nur noch an zahlungskräftige Großhabitate. Die bestäubende Fauna außerhalb dieser war lange ausgestorben. An ihrer Stelle gab es neue bestäubungsunbegabte Insekten. Faustgroße wie Anthrazit schimmernde Außenskelettler mit kräftigem Horngebiss, die zwar sozial, wie apis mellifera organisiert waren, da sie aber von Holz- oder sogar Kunststoffabfällen lebten, wurden sie flugunfähig. Im Gegenzug stattete sie die Evolution mit der Fähigkeit aus, große Strecken ohne Wasser und Nahrung zurückzulegen. Aber auch diese harmlosen Zeitgenossen waren zum Aussterben verurteilt, denn ihre Königinnen produzierten ein Zellgift, das eigentlich die Königinnendichte regelte, sich aber leider auch hervorragend eignete, um aufständische Carnini in Schach zu halten, die sich nicht länger von ihren Artgenossen fressen lassen wollten. Als die Zentraleuropäer dahinter kamen, wurden die Insektenvölker bejagt. Dem steigenden Bedarf an glücklichem Menschenfleisch konnte die Geburtenrate von Königinnen in freier Natur nicht standhalten.

Bis das Zellgift der Königinnen erstmals im industriellen Maßstab synthetisiert werden konnte, suchte man die Insektenvölker mit großem Aufwand in künstlichen Kolonien am Leben zu erhalten. Doch die einzelnen Individuen waren hochspezialisiert und an ihre Umgebung viel zu perfekt angepasst. Ihre Lebensbedingungen waren schwer nachzuahmen. Die Individuen verlernten in der Gefangenschaft ihre originären Aufgaben, zeigten Symptome von depressiver Verstimmung und Anzeichen eines kannibalistischen Verhaltens, als hätte ihre Lernfähigkeit sie auf die falsche Spur gesetzt. Nur ein Habitat war bei der Insektenzucht wirklich erfolgreich. Die Züchter verwendeten holographische Farbprojektionen und eine Art Beschallung im Tetaband. Letztere war nach neuerer Lehrmeinung dafür verantwortlich, dass es im Habitat der Insektenzüchter zum ersten Aufstand der Carnini kam.

Eine Konsultationsgruppe der aufständischen Carnini (siehe Geschichte der europäischen Kannibalenhabitate, S. 432 ff, Mars 2B2, 2359) beschloss vorrangig alle Insektenvölker zu töten. Zur gleichen Zeit aber gelang es in einem anderen Kannibalenhabitat die Unterdrückungsdroge künstlich herzustellen. Die Markteinführung ließ jedoch auf sich warten, die Carniniaufstände eskalierten und griffen um sich. Das Zellgift blieb aber so lange eine solide Leitwährung der europäischen Kannibalen, bis sie anfingen, es selbst zu konsumieren. Das Konstrukt der kannibalistischen Großhabitate, deren moralische Grundlage einst eine starke Erweckungsreligion gewesen war, zerbrach letztlich an der massenhaften Verfügbarkeit einer synthetischen Droge, die die Evolution ehemals zur Reglung der Königinnendichte sozial begabter Insekten vorgesehen hatte.

Der Doktor hatte angefangen auf seinen Ausflügen in die Umgebung alles zu sammeln, womit er in der Lage sein würde eine Glocke zu bauen. Sie sollte sein Haus und die angrenzenden ca. 2400 Quadratmeter Anbaufläche überdachen. Mit einer traditionellen Gewächshauskonstruktion wurde dies zwar möglich und er fand auch genügend Glas und Stahl in den Hinterlassenschaften verlassener Habitate: Doch der Schwachpunkt dieser ersten klassischen Konstruktion waren die verbindenden Stahlteile. Die der Atmosphäre ausgesetzte Außenseite hatte bei der exponentiellen Zunahme der sauren Schadstoffkonzentration in der Luft, keine zehn Jahre instand gehalten werden können.

Die perfekte Abdichtung und die Möglichkeit von Reparaturen der Glocke mit nahezu unbegrenzt vorhandenem, vielleicht organischem Material, war jedoch unabdingbar, wenn ein Mann darunter in einem geschlossenen Ökosystem mit sauberem Wasser und sauberer Luft überleben wollte. Ferner hatte die Konstruktion stabil und begehbar zu sein. Um die größtmögliche Lichtausbeute sicherzustellen, die Voraussetzung für das Pflanzenwachstum ist, sollte ein ausgewachsener Mann mit einem Gewicht von 122 kg inklusive Schutzkleidung und Putzutensilien, die Glocke problemlos erklettern können. Die Überlegungen gingen schließlich dahin, nicht eine einzige alles überdachende Hülle zu errichten, sondern mehrere untereinander durch Gänge mit luftdichten Schotts verbundene Module. Aber aus welchem Material?

Die Lösung dieses Problems bereitete dem Doktor einmal wieder erhebliches Kopfzerbrechen, als er auf einer alten zivilen Landkarte, die ihm auf einem vergangenen Streifzug in die Hände gefallen war, einen weißen Fleck fand, dessen Bedeutung seine Neugier erweckte. Er entschloss sich herauszufinden, was sich auf dem Areal befindet, das nach seiner Größe die frühere oder noch gegenwärtige Existenz einer militärischen Anlage nahelegte. Am späten Abend, als die Schwebteilchenstürme fast gänzlich abgeflaut waren, packte er seinen Werkzeugkoffer, zwängte sich in seinen alten Laborschutzanzug und fuhr mit seinem Brennstoffzellen-Vehikel und einem Vorrat an Wasser und aromatisierter Algennahrung, dem Koffer und einer Zeltblase auf den weißen Fleck in der Karte zu – ohne konkrete Erwartungen aber doch mit einer gewissen positiven Anspannung. Den Methanvorrat für die Brennstoffzelle hatte er großzügig bemessen. Er wollte kein Risiko eingehen. Bei einem seiner letzten Materialraubzüge hatte er nur zwei von insgesamt 27 Kartons mit hochwertigen Wasserfiltern aus einem verlassenen Kleinhabitat mitnehmen können, weil er mit mehr Ladung den Rückweg vor Sonnenaufgang keinesfalls geschafft hätte.

Sich nach Sonnenaufgang auf unbekanntem Gelände zu bewegen war mehrfach unratsam. Bis zum Mittag war es das Ultraviolett, in dem sich der Kunststoff des Laboranzugs auf die gleiche Art zersetzen konnte, wie er einst hergestellt worden war – und ab dem Nachmittag tobten Schwebteilchenstürme, die das Fortkommen bis zum Sonnenuntergang ganz und gar vereitelten. Bei einem Ausflug, der in mehreren Nachtetappen erfolgen musste, tat man auch gut daran, sich zu überlegen, wo tagsüber die „Blase“ aufgestellt werden sollte, ein kugelförmiges aufblasbares Zelt. Während der Stürme überwucherten Schwebteilchen durch statische Aufladung die Außenhaut, so das der Ballon einem riesigen Findling glich, wie sie zu Tausenden nach dem Abschmelzen der kleinen europäischen Eiszeit (etwa 2133 bis 2245) übriggeblieben waren.

Solch vorgeblicher Findling hätten gut und gerne eine Beute der Robobax werden können. Die kybernetisch perfekten Bergbaumaschinen waren nach der Eiszeit vom Mischkonzern der Fruit Company für das Abtragen von Abraum über Süßwasservorkommen entwickelt worden. Bei ihrer Außerdienststellung hatte sicherlich niemand ernsthaft daran gedacht, dass diese stattlichen Werkzeuge sich zu einer eigenständigen Maschinenspezies entwickeln könnten, die sogar das Problem ihres riesigen Energiebedarfs elegant zu lösen imstande wären. Es war aber so. Und die kybernetische Gemeinschaft entwickelte sich zu einer reinen Spaßgesellschaft. Rein deshalb, weil ihr ganzer Daseinszweck sich im Spiel mit eiszeitlichen Findlingen definierte, die äußerlich in allem der von Staubpartikeln bedeckten Zeltblase des Doktors glichen.

Die Stelle, an der nach der vom Doktor diagnostizierten geographischen Lage der weiße Fleck liegen musste, war tatsächlich eine Wüstenei. Zunächst schien es ihm, als sei die Mühe vergebens gewesen, bis er ein seltsames Phänomen beobachtete, dass jedes Mal auftrat, wenn sein Körperschatten sich mit einer unscheinbaren länglichen Erhebung, einer Sanddüne ähnlich, traf: Die Erhebung viel in sich zusammen und baute sich in anderer Richtung so wieder auf, dass sie jeweils den Ausgangspunkt des Körperschattens wiederum berührte. Der Doktor ließ sich auf das Spielchen ein. Mehr noch er baute nun seinerseits eine Sanddüne, die mit der einen Seite an die Wunderdüne stieß. Da dabei sein Körperschatten wanderte, baute sich auch das Phänomen neu auf. Eine leichte Aufgabe, die ein gedrillter Fußsoldat auch unter Stress zu lösen imstande gewesen wäre.

Vor dem Kreisintervall malte man einen Kreis in den Sand, der die künstliche Düne berührte, vor dem Dreieckintervall ein Dreieck usw., dann öffnete sich wie aus dem Nichts ein winziger Einstieg, durch den ein einzelner Mensch über eine korrodierte Stahlleiter seinen Abstieg in das unterirdische Labyrinth einer militärischen Forschungsanlage bewerkstelligen konnte. Dies war gewiss ein Not – Ein- oder Ausgang. Es musste demnach weitere geben, durch die auch sperriges Material in den Forschungsbunker gebracht werden konnte. Vielleicht hatte man den Bunker aber auch um die Anlage gebaut, in der Absicht, das Inventar vor überfallartigen Brachialdiebstählen zu schützen.

Dr. QLS war entzückt. Seine Instrumente zeigten, dass er die Atemmaske abnehmen konnte. Das Militär hatte ihm buchstäblich alles hinterlassen, was er brauchte, um sein Habitat recht stattlich auszurüsten, einschließlich mehrerer nicht ganz schrottreifer Terraformingreaktoren. Aus denen würde man wohl mit Geduld und Spucke wenigstens eine funktionstüchtige Maschine löten können, und der Rest war Ersatzteil. Ferner entdeckte er an die zweihundert Pakete zusammengefalteter Dünnschichtfolie aus einem Mischmetallpolymer. Das Militär hatte sie als flexiblen Schutzschild für zivil wissenschaftliche Objekte entwickelt, für die ursprünglich keine Panzerungen vorgesehen waren. Die Folie wurde beispielsweise um die erbeutete Rechnereinheit einer meteorologischen Station gewickelt und dann mit Äthylengas bedampft, so härtete das Polymer aus und war imstande selbst panzerbrechender Uranmunition zu widerstehen.

Der Transport der wertvollen Materialien war allerdings eine logistische Herausforderung für einen einzelnen Bastler und die Voraussicht mit mehreren Tagesvorräten Methan für die Brennstoffzellen des Vehikels auszurüsten, machte sich jetzt bezahlt. Das in der Forschungsanlage vorhandene Energiemittel war nämlich Wasserstoff, den die Militärs mit Hilfe eines Nuklearreaktors aus den reichlich vorhandenen Wasservorräten unter der Wüste elektrolysierten. Das Fahrzeug brauchte aber Methan. Hier gab es Wasser und Strom und saubere Luft, kurz alles, was man gebrauchen konnte, um ein funktionierendes Habitat zu basteln, das dem des Doktors technisch überlegen gewesen wäre. Aber der Standort. Der Standort musste auch anderen bekannt sein. Er war zu leicht auszumachen, von Intelligenzen, für die man am besten gar nicht existierte.

Viele Teile mussten auseinander gelegt und transportfähig verpackt werden. Wie immer war einzuplanen, dass es vielleicht keine zweite Möglichkeit geben würde, sich mit den hier im Dämmerschlaf verstaubenden Schätzen einzudecken.

Auf einmal war es dem Eindringling als durchströmte ein Geruch nach frischem Gebäck den Bunker. Der Doktor, der gelernt hatte, seine Sinneseindrücke eben so rasch wahrzunehmen wie zu interpretieren, war verblüfft: wie aus dem Nichts der Geruch von Mürbegebäck in einer verlassenen militärischen Forschungsanlage. Unter seinem Stiefel knirschte etwas. Er hatte eine Glasampulle zertreten. Von denen lagen einige neben einem aufgerissenen Karton.

Verdammt, Quisarin, das Aerosol aus dem Königinnenzellgift zur Ruhigstellung der Carnini. Ein wunderschönes Halluzinogen, kein Hunger, kein Durst, ausschließlich angenehme sinnliche Assoziationen. Irgendwie setzte er die Atemschutzmaske wieder auf und sich auf einen Stapel Verpackungsmaterial, den er im Moment für einen duftenden Heuhaufen hielt. Er verhielt sich ruhig und schloss die Augen.

Emilie tollte im Heu herum und im nächsten Augenblick machte sie Jagd auf seine Zehen, die unter der Bettdecke hervorlugten. Er lag an einem Sonntagmorgen in seinem Jungendstilbett und wartete auf irgendetwas, das passieren sollte, aber es passierte nichts. Es roch nur nach dem Mittagessen, dass in der Küche zubereitet wurde. Emilie fraß ein kleines zähes Stück Knorpel mit Sehne von den Steinfliesen am Küchenboden. Das war nicht vom Braten abgeschnitten worden, damit es Geschmack macht für die Sauce. Als es sich vom Fleisch gelöst hatte, kam es aus dem Topf und wurde der Katze, die sich vor Appetit verzehrte hin geschmissen. Nein, das war alles, mehr gibt es nicht aus dem Topf, und wage ja nicht dem Braten zu nahe zu kommen, Du Raubtier. Emilie. Emilie.

Der Doktor kam wieder zu sich. Er saß schluchzend auf einem Stapel abgewetzter Plastikplanen. Wie viel Zeit mochte vergangen sein? Die Luft roch wieder muffig durch die Atemmaske. Der Rausch war vorbei.

Die Legende vom Unglauben – Folge VI

 Damals, Nicht vergessen, Zukunft  Kommentare deaktiviert für Die Legende vom Unglauben – Folge VI
Aug 042010
 

Antike Grammatik

High Doc, the replacement part you wish me to send, is at the moment…..starting translation – ten, nine, eight, seven, six, five, four three, two, one, zero….nicht aufzutreiben. Aber lassen sie die Ohren nicht hängen. Wir haben ja noch über einen Monat Zeit. Das kriegen wir schon hin. Ihre alten binären Daten sind der absolute Hammer, sagt man so? Ich habe meiner Klasse die Bildformate gegeben und sie mal damit rumprobieren lassen. Keiner konnte diese jpg bmp, PNG oder tiff knacken. Dann habe ich das Rätsel aufgelöst – binäre Daten. Wir lachen uns kaputt, sagt man so? Ich hoffe es stört Sie nicht, dass jetzt alle Ihre alten Fotos sehen können. Es ist zwar verboten, aber das schert hier keine Sau, so sagt man bei Ihnen, nicht wahr? Sagt man ’nicht wahr‘ oder wahr, wenn man sagen will, dass es vermutlich wahr sein könnte?

Die transeurasischen Datenknoten sind ja wohl mal wieder total verstopft, was? Na auch gut. Meine Recherchen zum Thema Hydroverstärker zur Sicherheit niederfrequenzmoduliert. Simsalabim da sind sie. Kann natürlich ne Weile dauern. Aber vielleicht kriegen Sie ja auch was über die Optik. Mann, Sie können sich nicht vorstellen, wie heiß das hier ist. Die ganze ZM läuft in Badelatschen, es stinkt fürchterlich nach Nukleol aus der Kühlung. Halten sie mir die Salvia-D-Samen warm. Und hätten sie noch was von dem altmodischen klumpigen Zeug, Agar Agar oder so, damit ich die Dinger auch zum Laufen kriege? Bis bald Doktorchen! Tai Sen Tschen alias Takuan der Zweischneidige grüßt aus der hübschesten Einöde der zivilisationswütigsten Welt.

PS: Ich habe einen undefinierbaren Mitschnitt von einer antiken Kurzwellenfrequenz (unsere Frequenz! 9645 kHz) ausgegraben. Ich wette, sie könne damit was anfangen – wer, wenn nicht sie, sollte noch aus so was schlau werden? Es folgt nun wie immer ein minutenlanger Kehlkopfgesang, in den ich ihre sensiblen Daten untergebracht habe! Ist es nicht wundermild?

Zentrale Mediation

Im Gebiet der ehemaligen Volksrepublik China (bis 2174 der letzte verbliebene Nationalstaat der Erde) gab es ab 2188 eine Gruppe von interdisziplinär arbeitenden Naturwissenschaftlern, die sich zum Bund der NAOM zusammengeschlossen hatte, mit dem Ziel, Streitigkeiten um Ressourcen unter den verbliebenen Großhabitaten Zentralasiens einzudämmen. Den Namen hatten die Gründer dieser Institution von der Maya-Muttergottheit „alaghom naom tzentel“ entlehnt, was ihnen furchtbar verschworen vorkam. Tai Sen Tschen, ein Astronom und Biochemiker hatte zu Beginn des 22. Jahrhunderts Zusammenhänge zwischen neuen kosmologischen und alten biochemischen Strukturmodellen entdeckt, die ihm plausibel genug erschienen, einen Versuch zu wagen, diese Modelle auch mal soziologisch zu induzieren. Er stand aber vor dem kaum lösbaren Problem, dass es zu jener Zeit noch von der alten zentralen Weltwirtschaftsoligarchie ausgehende, streng geregelte Auflagen für die gesamte Kommunikation unter den Habitaten gab. Nach dem wiederholten Zusammenbruch aller kommunikablen Märkte trat an die Stelle frei verhandelbarer Valuten ein Regime weltweiter zentraler Tauschwertfestlegung auf der Basis nanosekundengenauer, alles umfassender Datenermittlung in den am Handel beteiligten Großhabitaten. Dies hatte zur Folge, dass die optischen Datennetze zusammen mit dem bis dahin unreglementierten privaten Traffic an ihre äußerste Grenze stießen. Terrestrische Frequenzen schieden für exakte Datenübermittlung wegen anhaltender magnetischer Sonnenturbulenzen völlig aus. Auf den globalen Ausbau des Glasfasernetzes konntne sich die Oligarchen nicht einigen, weil die einzigen Ingenieure, die dies hätten bewerkstelligen können, sich in einer marktunabhängigen eigenständigen Zunft organisiert hatten, welche dem Anspruch auf territoriale Hoheit eine Absage erteilte, um trotz der mitunter rasant wechselnden Interessenlagen einzelner Habitate, als Person und Handwerker ungehindert reisen zu können – ein Affront in den Augen der zentralen Oligarchie und ihrer dezentralen Handlanger. Ein ungeheuerliches, selbst angemaßtes Privileg.

Also wurde der private Datenverkehr auf ein Mindestmaß gestutzt. Daraufhin kam es zu den Aufständen in Eurasien und Mittelamerika in deren Folge die traditionell stärksten Nahrungsmittelexporte von Mittelamerika in das von diesen Exporten existentiell abhängige Europa jahrzehntelang zum Erliegen kamen. In den überwiegend nicht nahrungsautarken europäischen Großhabitaten starben trotz großzügiger afrikanischer Hilfslieferungen vier Fünftel der Bevölkerung an Unterernährung und deren Folgen. Ab 2133 kam dann zur Abwechslung mal wieder das Eis nach Europa. Während der sogenannten europäischen Miniatureiszeit, die durch atomare Kleinkriege und eine zeitweilige Umkehr des Golfstroms erzeugt worden war, kam es zu Kannibalismus und der Ausprägung einer neuen sadomasochistischen Erweckungsbewegung, deren zentraler Glaubenssatz darin bestand, dass es naturgewollt sei, eine bestimmte Kaste (Karnini) von Menschen zu Nahrungszwecken zu züchten und zu schlachten.

Sämtliche noch verbliebenen nahrungsautarken Habitate mittlerer Größe, von den viel mächtigeren einst als Gemüsekolonien geschmäht, wurden innerhalb von 40 Jahren geplündert oder von Gletschermassen zerstört. Reelle Chancen diesem Wahnsinn zu entkommen hatten nur die in den großen süd- und zentraleuropäischen Wüsten gelegenen, schwer erreichbaren Kleinsthabitate, die vergessen worden waren, weil sie, einer schwer nachvollziehbaren inneren Regung folgend, im Laufe von 150 Jahren jeglichen Datenverkehr zu Großhabitaten eingestellt hatten. Auch sie waren im Prinzip autark. Die Herausforderungen machten ihnen aber um so mehr zu schaffen, als sie auch untereinander nur spärliche Kontakte pflegten, Dies wurde zumeist über ein altes Datenfragment bewerkstelligt, das sich im ehemaligen buddhistischen Zentralarchiv der mongolichen Voksbibliothek versteckte. Die Fragmente enthielten nahezu vollständige Aufzeichnungen eines Blogs vom Anfang des 21. Jahrhunderts, der nach seinem Verbot noch 99 Jahre im Untergrund agierte und den schönen Namen ‚weissgarnix‚ trug. Wir behaupten, dass diese Sotisse mit Fug und Recht unter dem Begriff  ‚bewiesene Blogreinkarnation‘  rangieren darf.

Die NAOM auf der Südhalbkugel hielt es für angeraten ein auf dem Gebiet der Soziologie noch unerprobtes Modell von möglicherweise größerer Tragweite zunächst unter den denkbar drastischsten gesellschaftlichen Bedingungen auf der Nordhalbkugel zu testen. Damit stand die Wahl des Versuchsortes fest: Zentraleuropa.

Gleich zu Beginn des Experimentes wurden versuchsweise alte Funkfrequenzen getestet, um inoffiziell vielleicht auch Kontakt zu einzelnen Individuen aufnehmen zu können. Die erste „Antwort“ kam jedoch über eine Kurzwellenfrequenz, die seit Jahrhunderten aus einem Atombunker unter den Ruinen des Petersdoms in einer Endlosschleife das Ostergeläut im Jahr vor der Zerstörung sendete. Das Oberhaupt der römisch katholischen ehemaligen Weltreligion, der s.g. Heilige Vater hatte die Installation des Senders angeordnet, bevor er mit seiner Gattin, einer umjubelten Invitrotoxikologin, von deren eurasischen Auftraggebern auf eine Mars Basis evakuiert worden war. Sein letzter Amtsakt auf Erden war die Aufhebung des trinitarischen Dogmas und die Rehabilitation einger schwacher Agnostiker.

Der genauer Standort des Senders war jedoch von der Südhalbkugel aus, ohne Kreuzpeilung nicht zu ermitteln. Schwierig gestaltete sich zunächst auch die Kommunikation an sich. Die NAOM hielt zwar einige Tausend Sprachübersetzungsmodule alter zentraleuropäischer Sprachen und Dialekte sowie verschiedene visuelle Kulturcodes einschließlich sämtliche internationaler Morsealphabete vor, doch niemand konnte oder wollte offensichtlich antworten.

Das war eigentlich nicht verwunderlich, denn die Wissenschaftler hatten gar keine Fragen gestellt, sondern aus einer Datenbank für alte europäische Kochrezepte wahllos Daten hinaus geschickt, in der Annahme die Empfänger so für sich einzunehmen, die noch keine oder gemäßigte Kannibalen waren.

Tai Sen Tschen erinnerte sich nach zahllosen zwecklosen Aussendungen an eine Methode, die er selbst irgendwo gelesen hatte und immer, wenn er sich in großen, hallenden Räumen befand, mit an poetischer Begeisterung grenzenden Euphorie praktizierte. „Ein deutsches Frage-Rufspiel, bei dem das Echo eine weitere Person suggeriert, die einen lokalen Würdenträger verächtlich macht …“ So erklärte es seine historisch-soziologische Raritätensammlung:

Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?

Die Antwort aus Zentraleuropa lautete: „Um Wesel ist es nicht schade und um seinen gewesenen Bürgermeister wahrscheinlich noch weniger.“ Dieser Erstkontakt war die Geburtsstunde einer Institution, die weltweit Schule machen sollte und letztlich selbst den Europäern den Weg aus der Barbarei ebnete. Man nannte sie Zentrale Mediation, kurz ZM.

Die Legende vom Unglauben – Folge V

 Damals  Kommentare deaktiviert für Die Legende vom Unglauben – Folge V
Aug 022010
 

Die Erinnerung an eine Landschaft

Karl der Graue betrat nach so langer Zeit wieder Terrain, dem er entflohen war. Er suchte nach Zeichen seiner Vergangenheit und fand sie. Eine Schaukel baumelte im Hof des Elternhauses von dem mächtigen Ast einer Platane. Ein alter Pflaumenbaum, hinter dem Hühnerstall trug schon kaum gebläute kleine Früchte. Sein Großonkel mochte ihn gepflanzt haben, denn er kaute meistens auf einem Pflaumenkern herum. Ein verrosteter Pflug, von dichtem Brombeergestrüpp überwuchert, ein tönernes braunes Ei im Stall, das den Legehennen vorgaukelt, hier sein ein guter Platz die eigenen Eier hin zu legen. Ein Holztrog, aus dem Stamm einer Buche getrieben, man mischte das Futter für die privaten Sauen darin, die grob gezimmerte Bank vor dem rückwärtigen Ausgang des Hauses – wer darin des Nachts in den klaren Sternenhimmel blickte, dem wollte sein eigener Kummer kleinlich vorkommen. Ein Karnickelstall im Abstellraum für die Landmaschinen – das zerschlissene Drahtgeflecht der offenstehenden Türchen und das wurmdurchlöcherte Holz verrieten, dass darin seit Jahrzehnten kein Tier mehr gehalten worden war.

In der Stube, in der nacheinander seine Mutter, sein Vater und zuletzt seine Stiefmutter aufgebart lagen, damit man Abschied von ihnen nehme, wie es der Brauch war, saß Karl in seiner grauen Kluft, der Einzige mit langem Haar, seinen Halbbrüdern an einem kleinen massiven Rauchtisch gegenüber. Das Zimmer roch leichenmuffig, obwohl Walter, Elisabeths erster Sohn, seine Frau Dorothee zurechtgewiesen hatte, rechtzeitig vor der Verlesung des Testaments, die Stube zu lüften. Clemens, der jüngste der Brüder, den Elisabeth erst mit 42 Jahren zur Welt gebracht hatte, zündete unter den drohenden Augen seines Bruders Walter eine Zigarre an.

„Eine von Vaters, ich denke der Anlass ist angemessen, außerdem, wenn sie noch zehn Jahre in der Schachtel liegt, wird sie auch nicht besser.“ – „In dieser Stube wird nicht geraucht, nicht heute, wo wir so viel zu besprechen haben,“ erwiderte Walter, der sich kaum beherrschen konnte, selbst in die hölzerne Schachtel zu greifen, die da so einladend auf dem Tisch stand, als würde der Vater gleich kommen und hineinlangen.

Da schlug Karl vor: „Lasst uns hinters Haus gehen zu Vaters Bank und zwei Stühle mitnehmen, es ist milde draußen.“

„Und wo sollen wir die Papiere ausbreiten, auf dem Erdboden vielleicht?“ sagte Clemens und gab Walter ein Zeichen, damit Karl nicht die Hoheit über die Verhandlung gewönne. Doch Karl hatte schon zwei Stühle in der Hand und ging damit behutsam zu der niedrigen Stubentür.

„Öffne mir doch bitte die Tür Clemens!“

Die Standuhr in der Stube schlug wie von fern halb vier. Walter stellte den schweren Rauchtisch, den er mitgenommen hatte, mühelos vor der kleinen väterlichen Bank ab. Elisabeth hatte da nie ohne Eifersucht gesessen, weil sie wahrnahm, wie ihr Mann dort innehielt, wenn ihn die Unruhe und Erinnerungen umtrieben, und wie er diesen Platz eigentlich nur für sich und nur zu einem Zweck beanspruchte: zur lautlosen Zwiesprache mit seiner gestorbenen ersten Frau, der er nicht verzieh, dass sie in allein zurückgelassen hatte.

Viel war nicht zu verteilen. Walter und Clemens boten Karl einen Sebstgebrannten an. Er lehnte ab und so enthielten auch sie sich zunächst. Dann wurde das Gespräch zwischen Walter und Clemens zusehends hitziger, nämlich als die Sprache auf einige Gegenstände aus Elisabeths Truhe kam, die keiner der beiden dem anderen gönnen mochte. Und beide begannen, Schnaps zu trinken. Das Hochzeitskleid, die Taufkleidchen der beiden Jungen, das Paar solider bäuerlicher Sonntagsschuhe, das die Mutter nie getragen hatte, weil sie die Schnalle darauf für eitel hielt, ein silbernes Amulett mit dem Bildnis der Urgroßmutter und einen Perlmutterkamm, den Karl Elisabeth aus Persien geschickt hatte, aber das ahnten Clemens und Walter nicht. Es waren dies keine Werte, um die der alte Streit sich drehte, sondern es ging wie eh und je darum, wen die Mutter mehr liebhaben sollte. Elisabeth hatte über diese Dinge, die ihr selbst so viel bedeuteten nicht verfügt, weil sie den Brüdern keine Gelegenheit geben wollte, ihre Anweisung als Bevorzugung oder Benachteiligung zu missdeuten, gerade eben, wie die Söhne der Mutter es zu Lebzeiten vorgehalten hätten. Wie die Vermögenswerte zu vererben seien, hatte die resolute Alte allerdings in zähen Verhandlungen mit dem letztendlichen Einverständnis beider Söhne zu ihren Lebzeiten geregelt, als sie noch völlig gesund war und Kraft zum Streiten hatte.

Clemens trank jetzt wie abwesend aus der Pulle. Als er merkte, dass er nicht alles bekam, was er sich vorstellte, erst recht und zu viel. Walter, der den Schnaps immer besser vertrug, leerte den Rest in einen Zug, um Clemens zu beschützen. Der nüchterne Karl dachte an Takuan Soho und nahm sich vor den Brüdern am nächsten Tag das Versprechen abzuringen, dem Bau der Marienkapelle nicht im Wege zu stehen, wie es Vater und Stiefmutter gewünscht hatten, wenn möglich sollten sie sogar selbst Hand anlegen beim Bau, dann würde er auf sein Erbteil verzichten.