Keine Entschuldigung.

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Sep 082012
 

Eigentlich sollte hier bereits die dritte Folge des Sommerkrimis stehen. Am vergangenen Sonnabend wurde mir jedoch die Seite, auf der ich publiziere, endgültig zerschossen. Sie kränkelte schon eine Zeit lang ziemlich, also wie es sich gehört. Ich weiß nun etwas genauer, welche bösen Bubenstreiche es offenbar rechtfertigen, eine harmlose, wenig gelesene Seite, zum Spaß zu zerdeppern, nachdem sie von kommerziellen Arschgesichtern immer wieder benutzt wird, um Content einzusammeln und Backlinks abzugreifen.

Es macht mich müde. Und was schlimmer ist, es drischt genau in eine Phase relativer Schreibwut, die ich eigentlich nutzen wollte, um etwas Hübsches im Netz zu lassen, umsonst – nein eigentlich zahle ich ja noch drauf für dieses eitle Hobby.

Nun sitze ich hier zwei Sonnabende später und bin leer.

Ich überlege, ob diese Seite auf eigenem Server (ist fertig und flunzt, denn ganz untätig war ich ja doch nicht, auch Radio kann bei Bedarf wieder gemacht werden) nur noch Sonntags für jeweils 6 Stunden laufen soll. Ich verknappe das Angebot und steigere so die Nachfrage. Kokolores. ich schaue bei der Wikipedia und bin schlauer: Kokolores= Unsinn. „Dieser Artikel befasst sich mit dem abstrakten Begriff Unsinn, für den ehemaligen Eishockeytrainer siehe Xaver Unsinn.“

Den eigenen Server 6 Stunden lang pro Woche zu betreiben,  würde bedeuten, pro Woche 6 x 1 Stunde lang ca. 50 Watt zu verbrauchen – selbstredend Ökostrom, wie mein Webhoster.  Aber für mich würde es teuer! Die Webhoster sind mit den Stromkosten eindeutig im Vorteil. Ich weiß nicht, ab welcher Größenordnung und Systemrelevanz man ihnen die Elektronen quasi hinterher tunnelt. Wahrscheinlich bekommen sie jedoch auf jeden Fall satte Rabatte, ein Prinzip, das für Großabnehmer nur in einem sozialistischen Gesellschaftssystem Sinn macht.

Ich denke an Viktor von Bülows Darstellung eines pensionierten Ehemanns, der im Tante Emma Laden eine Palette Senf bestellt, weil dann das einzelne Glas unschlagbar billig wird – so funktioniert ja die derzeit praktizierte „Wirtschaftsethik“. Ich habe, wie Evelyn Hamann als Ehefrau, nun den Part, mir ökonomischen Sinn vernünftig zu generieren, weil ich eben die substanziellen Einblicke in die eigenen ökonomischen Verstrickungen besser kenne, als jemand, der ständig auf der Suche nach dem größeren Schnäppchen für seine Aktionäre ist. Es gibt eine großartige Kolumne vom alten Vertretungshausmeister der TAZ (Helmut Höge) in der Jungen Welt. Sie heißt ‚Wirtschaft als das Leben selbst‘. Das ist es. So sollte es wahrgenommen werden.

Wie an anderer Stelle schon gesagt, ich vergesse nicht. Aber natürlich kann ich Bubenstreiche verzeihen. Die Arbeitsmarktreformen der SPD und dreiste Strom- und andere Preise verzeihe ich niemals -und noch einiges mehr.

Der Glaube an die Machbarkeit der Moral aus Kinderbüchern

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Jul 212010
 

Der Sozialschmarotzer Frederick ist Mäuserich. Und während das übrige Mäusevolk Tag und Nacht Vorräte für den Winter sammelt, macht er sich rar mit der Ausrede er sammle doch auch, Sonnenstrahlen, Farben und Wörter nämlich. Der Winter kommt, die Vorräte sind alle, die Mäuse verzweifelt.

Fredrick räuspert sich verlegen, steigt auf einen Stein und erzählt den Mäuschen von den Farben und den Sonnenstrahlen, den Gerüchen des Sommers und dem Gesang der Nachtigallen, die auf den Dschunken der Menschen in Käfigen über den Yantse schaukeln, bevor sie gefressen werden. Und obwohl die Mäusesippe von Frederiks Worten nicht satt wird, geht es den Hungerleidern gleich viel besser und ihnen ein Licht auf: Frederick, du bist ja ein Dichter, sagen sie und verhungern.

Nein, der Schluss ist jetzt von mir. So muss ich die Geschichte heute natürlich erzählen, ich bin doch kein Volltrottel. Jedenfalls nicht deshalb, weil ich an die Machbarkeit der Moral aus Kinderbüchern glaube.   Im Kinderbuch verbeugt sich Frederick und Abblende. Typisch Erwachsene, immer schwindeln sie einen an.  (also das mit dem Gesang der Nachtigallen auf den Dschunken im Yangtse….)

„Volltrottel“ nannte mich neulich ein Wichtigtuer mit Aktenetui Mitte dreißig, der ein Taxi herbei gewinkt hatte, in das ich versehentlich eingestiegen war. Als mir der Taxifahrer bedeutete, der Wichtigtuer habe ihn tatsächlich hergewunken, stieg ich selbstverständlich wieder aus. Das macht man doch gern. Der Wichtigtuer steigt ein in sein Taxi, knallt die Tür zu, kurbelt die Fensterscheibe hoch und nennt mich aus sicherem Abstand nochmals Volltrottel und total verblödet.

In seinen Augen hätte ich niemals wieder aussteigen dürfen, ihm das im Handstreich in Besitz genommene Taxi überlassen. Ich versuche etwas Beleidigendes zu sagen, aber mir fällt nichts ein. Ich war perplex. Einen Augenblick später erfuhr ich von einer fröhlich angetüttelten Frau in meinem Alter, sie kam wie ich gerade aus dem Schwarze Café in der Kantstraße, dass es sich bei meinem Wichtigtuer um einen gefragten jungen Filmregisseur gehandelt haben soll.

Stimme einer Nachtigall

Graumanns Taschen – Buch oder Redouté, Napoleon und der Frühling in Berlin

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Apr 232010
 

Mon Dieu que tout le monde est gentil
Mon Dieu quel sourire à la vie
Mon Dieu merci
Mon Dieu merci d’être ici
Charles Trenet, „Revoir Paris“

the Roses, Pierre-Joseph Redouté, Taschen-Verlag, 1999, printed in Italy

„Das ist ja peinlich, so für ein Buch zu schwärmen“, sagte Graumanns Bekannte kürzlich im Vertrauen, als sie zur Teatime unerwartet bei ihm aufkreuzte. Ihre neuste Eroberung nach dem „Far out“, Martin, hatte sie am Vortag zum Tee in seine Anderthalb-Zimmer-Dachterassenwohnung in Steglitz eingeladen und dabei das „relativ billige“ Taschen-Buch hergezeigt, das „allerdings gar kein Taschenbuch ist sondern vom Taschen-Verlag und relativ groß und relativ gut gebunden“. Zufällig hat Graumann das auch. Er blättert immer darin, wenn er niedergeschlagen ist. Und weil Martin so viel redete, hat sie Martin „auf Anhieb verachtet“. Demnach hielt sie also Martins relativ großen Enthusiasmus bei diesem und anderen Büchern sofort für reines Blendwerk. Graumann weiß manchmal nicht, was Frauen einem mit solchen Erzählungen sagen wollen, oder wie die Frage lautet, die da im Subtext lauert. Gut, er steht nicht auf Frauen, aber das ist seinem Dafürhalten nach nicht der Grund, warum er diese Geschichten nicht versteht.

Der Mann, der Graumanns Bekannten sicherlich imponieren wollte, hat ihr also dieses großformatige Buch „The Roses, Pierre Joseph Redouté“ gezeigt, hat darin herumgeblättert und ist schier übergschnappt, dass er seiner Flamme diese zauberhafte Abbildung der „Rosier de frêne a fleurs Panachées“ zeigen durfte. Das war für ihn ganz wichtig. Graumann vermutet, seine Bekannte hat neutral getan, er hat sie nicht gefragt. Vielleicht wollte sie ja seine Meinung wissen, ob er Martin für schwul hält, weil er für Bücher mit Abbildungen von Rosen aus dem Garten von Napoleons Josephine schwärmt. Und wenn sie Graumann gefragt hätte, wäre seine klare Antwort gewesen: „Du spinnst wohl.“

Rotgehölz im englischen Garten, Foto: AQ! 2010
Aber sie hat nicht gefragt. Und Graumann hätte ihr auch noch gesagt, dass der Mann vermutlich schüchtern und in sie verliebt ist, und dass frau einen solchen indirekten zärtlichen Antrag nicht wegklicken sollte, wie ein lästiges Popup. Wenn dann der Groschen bei ihr immer noch nicht gefallen wäre, hätte er gedroht, sich mal mit Martin zum Tee zu verabreden. Das wirkt immer. Mein Gott, wie kompliziert das heutzutage alles ist. Es ist Frühling, aber keinem fällt hier ein Frühlingslied ein.

Menschenleere Krüppelbaumallee im französischen Garten, Foto: AQ!, 2010

Graumann hatte im Schlosspark Spaziergänger und Joggerinnen interviewt, ob jemand eins kann. Ein Hamburger Rentnerehepaar konnte: Mörikes Frühlingsgedicht  – „Frühling lässt sein blaues Band…“.  Sie haben es zwar für Uhland gehalten, aber immerhin, sie konnten es zusammen auswendig. Mein Gott, und sie waren so verliebt, als sie das zusammen aufsagten. Ein österreichisches Paar fing vor Graumanns Mikro sofort an zu singen: „Der Mai ist gekommen die Bäume schlagen aus“ und „Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder..“ fast hätten sie zusammen im Kanon gesungen. Dieser Romeo war schätzungsweise zehn bis fünfzehn Jährchen älter als seine Julia .

Frühling im Park und alle joggen hier in Funktionskleidung stumpfsinnig, um fit zu bleiben, ohne sich rechts und link und oben und unten zu vergegenwärtigen, diese ganz andere, wenngleich immer noch miserable Luft. Fragst du im Park eine ureinwohnende, berollschuhte Mama, die ihren dreirädrigen Buggy vor sich herschiebt nach einem Frühlingslied, kriegst du nur ein patziges, keuchendes „Wat? Nö, keene Ahnung.“ Was singt sie ihrem Kinde vor? Julimond? Wäre ja auch gut. Hauptsache sie singt überhaupt was vor. Keiner bleibt hier mal stehen und hält einen Moment lang inne.

Graumanns Vorderhaus-Nachbar unten im ersten Stock säuft sich wieder ins Koma und brüllt dabei zum Sportfernsehkanal. Schade, dass es kein Testbild mehr gibt. Es sollte auf allen Bändern und Kanälen von 00:00 bis 00:00 Uhr gesendet werden. Graumann findet das Dorf zu Füßen des Hohenzollern-Schlosses immer häufiger zum Kotzen. Und daran kann nicht der Frühling Schuld sein. Liegt es an Graumann?