Festungshaft für Sitzredakteure

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Okt 102012
 

Das kann leider nur Putin, denke ich. Wenn ich es könnte, würde ich alle Nachrichtenredakteurinnen und Redakteure, die heute das Wort ‚Lagerhaft‘ in der Meldung über die Berufungsverhandlung für die Pussy-Riots-Frauen benutzt haben, zwei Tage in die Festung von Omsk, gleich bei Imsk, um die Ecke rum von Umsk sperren lassen! Ziemlich viele Redakteure schreiben einfach ab und halten das für  gut. Ist das gut?- Gar nicht gut! Aber echt russisch! Hei.Hei. Und schon für diesen Scherz werden mich die späten Jünger Gerhard Löwenthals sofort einen Stalinisten schimpfen. Das ist kein Scherz, werden sie behaupten. Da kann ich mit leben.

Aber kommen wir zur Sache. Ich gebe zu, dass ich total (ein hässliches Wort) auf Deduktion stehe. Heute hat meine PussyCat, bei der Jagd nach einem lebensmüde torkelnden Brummer  meine geliebte, ja heilige Teekanne vom Tisch gefegt – tot, Brummer und Teekanne. Das darf natürlich nicht ungesühnt bleiben. Denn schließlich hat Pussy meine religiösen Gefühle verletzt. Außerdem bin ich (glaube ich) immer noch der Boss hier, denke ich.

Pussy machte sich gleich nach der Tat daran, den Tunfisch in ihrem Fressnapf zu verschlingen, denn Tätigkeit macht hungrig, welcher Art sie auch sein mag. Normalerweise ist Pussy bei der Brummerjagd wesentlich vorsichtiger – aber das Wetter, und dann war ich heute auch überhaupt etwas unaufmerksam. Das muss gesagt werden, weil es wahr ist. Ich stellte mich also zum Fressnapf dazu und Pussy vor die Wahl: Willst Du Deutschlandfunk oder Kulturradio zur Strafe?

MIaaaooooo. Sie wusste nicht gleich, was ich meine. Ich präzisierte also: Gefängnisstrafe(Deutschlandfunggg 15:30 Uhr) oder Lagerhaft(kultuuradio vom rbb 14:00 Uhr)? Ein bis drei Sekunden blickt Pussy von Ihrem Mahl auf, miaut gottserbärmlich in die Welt hinaus, als täte ich ihr gerad‘ auf den Schwanz treten. Ich deute das als ‚Was? Zuchthaus für solch eine Albernheit?‘

Zuchthaus. Diese Variante der Meldung über die Bestätigung der Verurteilung von zwei Pussy-Riot-Frauen und Bewährungsstrafe für eine dritte bei der Berufungsverhandlung in Moskau hat mir noch gefehlt in den deutschen Nachrichten. Beim Inforadio auf der Homepage konnte man sich wieder mal nicht entscheiden, ob man in der Sache nun Hü oder Hott sein darf: ‚Lager-Haftstrafe‘ – wo gibt’s denn sowas im Deutschen??? Im Hauptwort Lager schwingst auch immer ein bisschen KZ mit, wenn wir es auf deutsch sagen. Und das ist so gewollt. Jetzt ist 15:00 Uhr; es läuft immer noch Deutschlandfunggg, und die Gefängnisstrafe ist in der neuen Nachrichten-Meldung zur Lagerhaft mutiert.

Es gibt auch Verben, Damen und Herren Redakteure, aber die benutzen Sie vorzugsweise als Bremsklotz, nähmlich benutzen sie sie, nämlich substantiviert. Es gibt so schöne abwechslungsreiche Verben: Inhaftieren, einkerkern, einsperren, arretieren, internieren, füsilieren, sollten jemand in der Redaktion die Rosen mit dem Staatsanwalt durchgehen. Nun ja.  Pass dich an, und du bist niiiiiiiiiiie einsam, behältst deinen Job und kommst vielleicht später mal nicht ins Lager, wenn der Wind sich gedreht hat.

Miaoo – Miiaooooooooo. ‚Was ist denn nun‘?, fragt mich meine Katze und meint nicht, ob sie nun Lagerhaft, Gefängnisstrafe oder Lager-Haftstrafe kriegen will, sondern natürlich, dass ich noch was in den Napf tun soll. Ich hebe den rechten Zeigefinger zur UrteilsverkündungXXL: Du, Du, Du! Böse Terrorkatze! Ich verkneife mir den Ukas Festungshaft. Denn wer sollte den durchsetzen? Ich bestimmt nicht. Du bist fortan – vergeneralabsolutiert, sage ich (so streng wie möglich). Das scheint mir gut benamst – mit der Vorsilbe ‚ver‘ und dem ‚general‘ das ist deutsch genug – und mit dem ‚absolutiert‘ darin, das klingt sogar schlau;  und es beweist, dass ich nichts gegen Katholiken habe, könnte man denken. Dazu ziehe ich eine spitze Schnute, wie Pussy sonst, wenn sie zufrieden ist. Dann eile ich – zum Radio und schalte es für den Rest des Tages aus, aus, aus – gehe zurück in die Küche, räume die Scherben beiseite und öffne eine neue Dose Tunfisch. Die Trauerarbeit um meine Teekanne hält an.

Endlich ein Katzenbild hier. Jetzt ist es eine echte Webseite.

 

Gruß zwischen den Jahren

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Dez 242010
 

Winterliche Landstraße von Rathemow nach Grütz

Eine liebe Freundin verehrte mir vor gar nicht langer Zeit ein kleines Reclam-Bändchen mit Gedichten von Li Tai-bo (李白, Lǐ Bái).

Das war ein sehr kluges Geschenk und ist eine Quelle lang anhaltender Freude!

Dass ich schon lange keine Christ mehr bin, hindert mich nicht daran Weihnachten mitzumachen. Dass ich nicht dass Weihnachten des Konsumterrors und der sentimentalen Besinnlichkeit meine, versteht sich dabei von selbst. Wir, die wir in den Städten leben, sollten jedoch den Mehrwert der kulturellen Vielfalt anerkennen und mit der eigenen beschenken.

Im vergangenen Jahr war davon in unserer reichen Gesellschaft allerdings wenig zu vernehmen – im Gegenteil. Als Gesellschaft sind wir ganz schön auf dem Holzweg! Wenn sich daran im nächsten Jahr nichts ändert, wird sich einiges ändern, was unser ‚Bruttoinlandglück‘ weiter absenkt.

Wir sollten daran gehen, dass es sich nicht weitgehend und langanhaltend verflüchtigt. Wir sollten unsere Sinne schärfen und unsere Herzen öffnen und denen, die guten Willens sind, ein Zeichen geben, dass sie nicht allein bleiben.

Und wir sollten unsere Kompromissbereitschaft nicht gerade von denen missbrauchen lassen, die sich nicht an die Verträge halten, die sie immer noch mit uns geschlossen haben – mehr noch: Wir sollten nicht zulassen, dass die Macht der guten alten Willkür sich in naher Zukunft nur noch in der Willkür der kurzsichtigen neuen Mächtigen entäußern kann!

In diesem Sinn wünscht der AgenturQuerulant! allen Leserinnen und Lesern schöne Feiertage und eine fröhliche Konversion in das Jahr 2011 unserer Zeitrechnung!

Von den Wagen, den großen, steigt weiterhin wirbelnder
Staub auf,
Dass am hellichten Tag düster sind Heerweg und Zeil.

Wenn des Hofes Eunuchen gewogen, hat Goldes die
Fülle;
Vielgeschossig sein Haus, bis an die Wolken getürmt.

Just am Korso begegnete mir ein Kampfhahnbesitzer.
Welch ein Funkeln sein Hut! Welch ein Geflimmer sein
Schirm!

Schon eine Niesen genügt, dass ein Regenbogen sich
bildet;
Und verängstigt-erschreckt weichen die Fußgänger aus.

Ach uns fehlt jener Greis, der Versuchungen sich
aus dem Ohr wusch!
Heiliger oder Bandit – wer unterscheidet sie heut?

Aus "Li Tao-bo |GEDICHTE übersetzt von Günter Debon,
neu durchgesehen von Rainald Simon,
2009, Stuttgart,Philipp Reclam jun.

September 2010

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Sep 132010
 

Die Sonne scheint, während es aus Gießkannen regnet.
Die Gurkenernte ist zuende. Meine Tomaten verfaulen
bei dem vielen Regen der letzten Tage.

Sonst ist fast alles in Ordnung –
wenn man keine Nachrichten hört
und keine Zeitung liest.

Wolferls politisch nahezu korrekte kalte Gurkensuppe

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Jul 222010
 

sky is blue, Foto: AQ!

Zutaten:

6 frische kleine pommersche Einlegegurken

1/4 l Buttermilch (besser Kefir)

2 mittelgroßer Büffelmozzarella

2 Messerspitzen Guru – Garam Masala (gem)

1 Messerspitze Kreuzkümmel (gem)

1 Messerpitze Otto (gem)

3/4 Teelöffel atlantisches Allianz – Meersalz

1 Esslöffel Kürbiskernöl (bedauerlicherweise kommt das beste aus der Steiermark)

Zubereitung:

Gurken schälen (von der Blüte zum Stiel gegen mögliche Verbitterung), Gurken stadtplanend entkernen. 5 Gurken und den Rest der Zutaten zusammen mit drei Eiswürfeln im Ex-Bischof pürieren. Die letzte Gurke so fein würfeln, wie den Sozialismus im Godesberger Programm und ins Püree geben. Auf zwei schöne große tiefe Wasserstoffbombenerfinder verteilen. Garnieren mit 3-4 fr. Minzeblättchen und/oder Raukeblättchen. Fertig. Dazu ein Baguette zum stippen und eine schöne Flasche Crémant d’Alsace, bitte nicht eiskalt!