Feige Köter – Hingehuschter Sommerkrimi…

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Sep 162012
 

...in vier Folgen, die jeden 1.  Sonnabend des Monats hier erscheinen.

Folge 1 – Alle wollen nur das Eine

Die ganze Seele liegt immer offen. „Meine armen kleinen abgeschnittenen Sonnenblumen“, dachte sie, jetzt seid ihr fast abgeblüht und ich werde euch in den Mülleimer werfen, wie schade, aber so ist es. Das muss ein komischer Obergärtner sein, falls es ihn gibt.

Johanna war 36 und hatte in der Schule ein wenig darunter gelitten, das ihre Mutter ihr einen altmodischen Vornahmen gegeben hatte. Jetzt waren die deutschen Namen wieder in Mode und sie hätte sich freuen können, aber inzwischen nannten alle sie Jan. Jan, das Mädchen mit den Wurzelpeterhaaren und der modischen Brille, die sie nicht einmal zum lesen braucht. Jans derzeitiger Freund ist Jan. Er putzt in der Oberfinanzbehörde. „Aber immerhin hat er Arbeit, Johanna“, sagt Edith, Jans Mutter, die gerne gerne arbeiten gegangen wäre aber arbeiten musste, weil Johannas Vater den Unterhalt nicht zahlte. „Die Sonnenblumen sind hinüber, die kann man wegwerfen“, fügte Edith hinzu. „Mach du das, sie tun mir Leid“, brüllte Jan aus dem Bad am Ende des Flurs. „Niemand hat uns gesagt wo es lang geht, nur das wir immer laufen, laufen, laufen sollen“, schob sie halblaut nach.

„Dein Vater hat sich heute gemeldet. Er fragt, ob er Dir eine Geburtstagskarte schicken darf .““Wieso sollte er nicht dürfen“, antwortete Jan, die jetzt neben ihrer Mutter an der Spüle stand und gab ihr vergnügt einen Schmatzekuss auf die Wange. „Lass das, ich finde das Geräusch abscheulich.“ “ Du sollst nicht immer abwaschen, wenn Du hier bist, ich bin doch kein Baby mehr.“

„Schon gut, erwiderte Edith, mir macht das nichts aus, ich habe mein Leben lang abgewaschen.“ „Aber mir macht das was aus, es stört mich, wenn du putzt, du machst alles so umständlich.“ „Abwaschen ist ZEN, mein Kind, wusstest du das?“ „Ich werd’s mal ausprobieren – in 30 Jahren.“

Von der Straße tönte der Baulärm an der Fassade des Nebenhauses in die Stube herein, aber es wäre auch blöd gewesen die Fenster zuzuknallen, weil die Bauarbeiter sowieso nichts hören, wenn sie den Putz mit ihrem elektrischen Werkzeug von der Wand holen. Der Schwule mit der üppigen Balkonbrüstung und den beneidenswerten Gemüsekübeln, hörte wieder irgendeine basslastige Technomucke, in der die Lautstärke der Lust sich fast gänzlich verlor. Jan, war darüber sehr froh, denn sie dachte, dass Ediths alte Gehörgänge die Begleitmusik zum Schwulensex nicht mehr durch die Bässe lassen könnten. „Sind das zwei Schwule da drüben?“ „Nein es ist nur ein Schwuler, Edith, der einen aufblasbaren Ken in den….“ „Ein aufblasbarer Ken?“ „Also Mutter, stell dich nicht dümmer als du bist.“ „Ach so, jetzt verstehe ich“, rief Edith aus der Küche und ein kurzer Lacher in Form einer Terz in B-moll folgte. „Komm in die Küche, mein Kind. Du trocknest ab, und wir singen zusammen den Kanon Meister Jakob.“ „Wenn du das auf türkisch kannst, trockne ich ab“, konterte Jan.

„Die schönen Jahre sind vorbei“, krächzte Bull, zog seine nassgepinkelten Jeans aus und zog noch mal an dem Megajoint, in dem kaum ein Gramm Dope war. Er musste husten von dem vielen Tabak, und er wusste gar nicht wie recht er behalten sollte. „Du machst zu viel Tabak rein“, sagte Jan und stapelte eine grüne Bierkiste auf eine rote für Cola. „Hey mein Bruder, was machst du da?“ „Ich räume Deinen illegalen Partykeller auf.“ „Du bist schon ziemlich lange beim Finanzamt, was?“ „Ich bin nicht beim Finanzamt, ich putze dort.“ „Ach nein? Du stapelst eine breite grüne Bierflaschenkiste auf eine rote dünne Colakiste. Ob das passt, ist egal, Hauptsache du hast gestapelt.“ „Bullshit“, nuschelte Jan. „Was sagst du?“ „Ich sagte du kannst mir mal einen blasen.“ „Echt? Das wäre neu.“ Jan legte eine CD ohne Beschriftung in den Player, die ihm Jan vor der Party gestern Abend gegeben hatte. Er sollte sie mal dem DJ unterjubeln und sehen, ob er sie nimmt und wenn ja, wie sie ankommt. Dann musste er selber den DJ mimen, weil Bull sich mit einem Typen auf’s Klo verzogen hatte – sowas um die drei, vier Stunden. Gestern hatte Jan die CD nicht gespielt, weil er nicht wusste, was drauf sein könnte. Jan liebte Überraschungen. Rauschen. Rauschen. Ein verhallendes Knacken. Ein Wald. Ein Specht, der sein Eigenheim selber zimmert, weil es dann billiger kommt. Rund herum eine Armee von Fersehfritzen, die für den Ton sieben Minuten lang die Fresse halten müssen. „Und was soll das sein“, fragte Bull. „Hörst du doch, ein Specht im deutschen Wald.“ „Wieso im deutschen?“ „Weil deutsch zwingend mit Wald zusammen zu nennen ist. Paragraph 3 Absatz 4 Der Abgaben- und Gebührenordnung. Das Nähere regelt ein Paragraph weiter hinten im Text.“ „Also ist es Kunst?“

„Ja Finanzamtslyrik. Tock,tock, tock, tock. Ja bitte herein. Ich soll nur einen Spion in Augenhöhe an ihrer Tür anbringen, bevor man sie ins Gebet nimmt – wegen dem vielen Steuergeld, dass sie für die CD’s rausgeschmissen haben, sagte der Finanzmakler, der sich in einen blauen Hausmeister-Overall geschmissen hatte, um bei der Steuerbehörde nicht aus der Rolle zu fallen.“ „Was meinst Du damit?“ brummte Bull etwas missgelaunt. „Wenn ich dir erzähle, was du hören solltest, nämlich: ein Specht im deutschen Wald, fragst du, wieso im deutschen, und ob das Kunst ist. Wenn ich dann Kunst mache, nur für dich, kommst du mies drauf.“ “ Hast du eben deine erste Gutenachtgeschichte für euren Nachwuchs.“ „Jan ist nicht schwanger sondern einfach fetter geworden, das habe ich dir schon mal erzählt aber du hast es vergessen, weil du zu viel kiffst.“ „Dann wird es aber Zeit dass ihr wieder ein bisschen mehr Sport treibt.“ „Um Himmels Willen.“ „Und vorhin hast du gesagt, dass ich zu wenig Dope in den Joint tue.“

Armin Müller (ichbinnichtmitdemostschauspielerverwandt) fuhr mit dem Fahrstuhl in den ersten Stock, wo der Kindergarten von seine Tochter war, bzw. wo seine Tochter in den Kindergarten ging. Er war spät dran und musste danach mit seinem Jeep noch ins Sportstudio fahren. Immer diese Überraschungsangriffe der Kindsmutter. „Ist ihre Frau krank?“ „Wir sind nicht verheiratet, aber kann sein.“ „Lea, kommst du mal? Dein Vati ist endlich gekommen.“ „Ich will aber heute von Mama abgeholt werden.“ „Zieh dich schon mal an Mäuschen, soll ich dir die Schuhe zumachen?“ „Hallo Papa“, grüßt Lea traurig und wird ganz schnell wieder fröhlich. „Ich bin heute mit dem Rad gekommen, ganz alleine.“ „Aber das stimmt doch nicht Lea, Mutti hat dich gebracht.“ „Den Flitzer packen wir hinten in den Jeep, kleine Märchenfee. Papa muss noch wo hin, kannst du dich ein bisschen beeilen?“ „Ich will aber von Mama abgeholt werden und mit dem Rad nach hause fahren.“ Sie verschluckt sich an den Tränen. Armin bindet Leas hellblaue Schühchen zu und knöpft ihr den Anorak wieder auf, weil sie noch ihren dicksten Pullover darunter an hat und es draußen brütend heiß ist. Lea weint. Er setzt seine Tochter auf die Schultern und greift sich das hellblaue Kinderfahrrad. „Ich hole euch den Fahrstuhl, ja Lea?“ „Doofe Nutte“, schimpft Lea. „Lea, sowas sagt ein kleines Mädchen nicht. Das ist echt doof“, sagt Armin und denkt: alle Weiber sind doch Nutten.

„Was darf’s noch sein?“ „Drei Pfund Kartoffel,“ sagt die spät geschiedene klapperige alte Frau auf dem Wochenmarkt. Sie ist gerade zwei Tagen aus dem Krankenhaus zurück und hatte das Gefühl, dass sie ihre jüngere Nachbarin um keinen Gefallen mehr bitte sollte, weil die sonst wieder ins Quatschen kommt. „Und noch was?“ fragt der Gemüsehändler genervt, weil er für jede Kleinigkeit hin und her muss am Marktstand, weil die alte Frau vergessen hat was sie will, weil sie zu stolz ist, um jemand zu bitten, für sie einzukaufen und weil sie sich nicht mal einen Einkaufszettel geschrieben hat. Es wäre ihm auch egal, dass sie fast blind ist und drei Stunden braucht, bis sie einen Einkaufszettel zusammen hat. Schließlich hat sie genug Zeit, die alte Kuh. Sie erinnert ihn an die letzten Jahre vor dem Tod seiner eigenen Mutter, als sie nicht mehr am Marktstand stehen und aushelfen konnte. „Noch vier Eier und vielleicht eine grüne Gurke und drei Schöne von Boskoop,“ interveniert die Alte schnippisch, „oder, wenn die noch nicht sind, Jonathan.“ „Und eine Gurke?“ versucht der Gemüsehändler ihre Bestellung zu konkretisieren. „Na wenn sie meinen,“ lacht die Alte und spielt den kleinen Trumpf aus, über den sich nur die Alten so maßlos freuen können, dass ihr ganzer Tag gerettet ist. Dem hab ich’s aber gezeigt, dem Stoffel, der eine alte Frau, die gerade aus dem Krankenhaus kommt, nicht eine alte Frau sein lassen will, die gerade aus dem Krankenhaus gekommen ist. Die junge Mutter mit Kinderwagen hinter der Alten weiß nicht, für wen sie jetzt Partei ergreifen muss. Sie entscheidet sich für den Gemüsehändler, damit es voran geht. Da hat sie die Rechnung aber nicht mit der Alten gemacht. Die Alte zahlt mit einem frisch gedruckten Hunderter. Typisch, denkt die junge Mutter. Wurscht, denkt der Gemüsehändler, Scheine hab ich aber keine Groschen. Auf dem Markt, bei den alten Leuten und bei denen, für die Entschleunigung nicht nur ein vorübergehender Marketinggag ist, heißt das noch so.

„Zehn, dreißig, fuffzig – und Hundert, Madame.“ „Grüßen sie ihre Frau Mutter,“ sagt die Alte zum Abschied. Als sie oben vor der Wohnungstür angekommen ist, den Einkaufsbeutel um das rechte Handgelenk geschlungen, klingelt drinnen das Telefon. Sie wird hektisch und bekommt die zwei Türschlösser noch schlechter auf als sonst. Warum werde ich nicht auch noch taub, denkt sie.

„Joe, hat eine neue Flamme“, flüstert Ernst Erik zu. „Und du bist es nicht“, flüstert Erik zurück, dabei bräuchten sie gar nicht flüstern, denn Joe hat frei und Ernst hat die Information aus dem Sprachbrei gefiltert, den man im Großraumbüro Flurfunk nennt. „Halt dich nicht mit Unwesentlichem auf“, erklärt Erik weiter, „wenn du die Chefin rumkriegst, hast du bald ein schmales kleines Büro, aber dein Büro. Und dann holst du mich nach oben.“ „Nach oben. Ein schmales Büro, zwei Vogelfreie, das nennst du oben.“ „Egal, nur endlich raus aus der Masse“, sagt Ernst etwas zu laut, die brünette Kollegin am Regionaltisch gegenüber schaut kurz auf, weil sie ihren Beitrag sprechen will und sich bei Gemurmel über minus 4 db nicht konzentrieren kann. Ernst lächelt ihr ohne Erwiderung zu und macht Erik ein Zeichen, das so viel bedeutet wie Kaffeeplempe mit H-Milch in der Cafeteria. — „Was macht Bull?“ „Der ist echt schräg drauf, kifft zu viel und hängt nur noch mit diesem Loser Jan zusammen, der im Finanzamt die Böden schruppt,“ Die jungen Männer genießen es laut zu lachen. „Aber die Alte von Jan ist Klasse.“ Die Männer lachen. „Die heißt auch Jan…“ Die Männer können sich nicht halten vor lachen. Die ganze Cafeteria findet das prollmäßig. „Und bist du noch scharf auf den geilen Bull-en?“ Ernst lacht alleine, da fällt sein Blick auf die dezente Wanduhr, die so schlecht abzulesen ist, obwohl sie einen Sekundenzeiger hat. „Ey Erik, du musst los, noch drei Minuten, zweineunundfünfzig, zweiachtundfünfzig…“ Erik lässt die Plempe stehen, geht schnellen aber nicht zu hastigen Schrittes zur Schwingtür der Cafeteria hinaus. Er macht: „Mih, mih, mih, mih.“

„Alles fing damit an, das der Kasten, wo der Lieferant morgens immer die AutoMotorSport und die Computerbild reintut, gestern aufgecknackt war. Naja, fehlte nur eine Computerbild, da war diese DVD dabei“, erklärt der libanesische Familienvater, dem der Zeitungsladen gehört, der Krimalbeamtin, die sich nichts aufschreibt, wie er dachte. Er ist die dritte Generation und Deutscher, seine Töchter sprechen kein Arabisch mehr, worüber ihr Großvater in Tränen ausbrechen kann, wenn er getrunken hat . „Und heute morgen war die Tür aufgebrochen und die haben die ganze Kasse mitgehe lassen?“ „War ja nichts drin, bringe ich ja abends immer zur Bank.“ Gut, also ihnen fehlt kein Geld, nur die Kasse.“ Nur ist gut, wissen sie was die kostet, 6000!“ „Aber sie müssen doch versichert sein.“ „Ja, aber ich wollte gerade die Versicherung wechseln, weil die mir den Wasserschaden hinten nicht bezahlen wollten, angeblich ist das nicht in der Police.“ „Sie sind also im Moment nicht versichert,“ „Ja aber den Schaden müssen sie ja trotzdem aufnehmen.“ „Nur wozu, wenn sie nicht versichert sind? Da müsste schon ein Wunder passieren, damit sie uns mal unterkommt, ihre Kasse, ein echtes Wunder.“ „Wissen sie, ich glaube an Wunder.“ Er lächelt die Beamtin gewinnend an. „Na dann wollen wir mal. Haben sie ein Foto von der Kasse, irgendwelche Kaufbelege, was für ein Fabrikat war das?“ Sie zückt einen Formblattblock aus der Uniformjacke und einen hübschen Kugelschreiber, den sie aus dem dafür vorgesehenen Brustfach merkwürdig unbeholfen heraus zottelt, weil die elektronische Erfassung wieder Zicken macht.

Edith schminkte sich für die Oper. Eigentlich war ihr Oper heute Abend to much. Wenn Jan- Johanna nun doch schwanger war? Dann würde sie die nächste Zeit Oma spielen und einen Opa für die Oper gab es auch nicht. Sie ging immer mit ihrer Freundin, die hatte ein Abonnement, und ihr Gatte war ständig auf Dienstreise. Sie quatschte immer soviel in der Pause und sah sich dabei den Hals verrenkend um, ob sie jemand bemerkte, den man erkennen müsste. Sie bemerkte immer jemand. Sie schaute nicht speziell nach Typen, nein, nur so, damit noch jemand mit ihnen am Stehtisch steht und sie das Thema wechseln kann und noch auffälliger nach ‚bekannten Gesichtern‘ Ausschau halten kann. Und sie sah einen nie an, wenn sie mit einem sprach.Worüber, außer über ‚bekannte Sichtungen‘, wird sie mit ihrem Jack reden, wenn er wieder von einer Dienstreise zurück kommt? Vielleicht reden sie auch gar nicht so viel. Edith nannte Jack nicht Jack sondern Black-Jack, weil sie fand, das er etwas zu häufig blöffe. Er sah umwerfend aus. Typisch für Anne. Anne fand Black-Jack sei ein Name für farbige US-Spieler, wie sie das nannte. Warum farbig, fragte Edith, sind die bunt? Weil man das so nennt. Ach, tut man das, da kannst du auch gleich Nigger sagen? Darum nennt man sie ja bunt, damit man nicht Nigger sagen muss, keifte Anne. Dumm aber dreist. Eigentlich ist das doch ü-ber-haupt kein Thema mehr, es sei denn, du wärst mit einem verheiratet. Angst essen Seele auf. Ach komm hör doch auf jetzt. Es hat sich überhaupt nichts geändert, es gibt nur neue Übereinkünfte, wie man die etwas tiefer sitzende rassistische Scheiße p.c. formuliert. Aber wenn sie sich ärgerte, sah Anne einen wenigstens an beim Reden. Siehst du das? Die Frau ist bestimmt dreißig Jahre jünger. Von welcher Sekte? Und er schiebt sie vor sich her, in dem er p.c an ihren Po grabscht. Das ist doch p.c. – oder? Schreibt man das mit b oder mit p, mit doppelten oder einfachen Konsonanten? Wen interessiert das? Sie hat einen schönen Po. Was macht das schon. Dein Po ist niemals so schön gewesen, wie der da. Jetzt hör aber mal auf, heute Abend bist du eine richtige Nnnatter – dein Po ist auch nicht schöner, als meiner. Und wen interessiert das Darling? Das dritte Klingeln.

Herzogenaurach, Stinkinass Fabrikverkauf. Das nennen die Schuhe, dass ich nicht lache. Das Mistzeug kommt doch garantiert aus China. Ne. Ne, vielleicht aus Kambodscha, Laos oder Vietnam oder vielleicht noch Taiware. Egal woher es kommt und wer es macht, Markenmüll. Nix weiter. Hier, das sind mir mal Schuhe, echte Budapester, handgenäht. Und du meinst das ist kein Markenmüll? Mann. halt die Taschenlampe nicht so hoch du Vollhulk, ey. Bullshit du Muttersöhnchen. Er ist auf Dienstreise, und seine Tusse ist in der Oper. Na und gibt es Nachbarn hier, die die Bullen genauso schön holen können? Dann sage ich die Wahrheit, ich bin der Gärtner. Großes unterdrücktes Gelächter. Die Tür im Erdgeschoss wird geöffnet. Psssst. Er zieht das Fenster hinter sich zu. Im Rucksack(Jack Wolfskin-Good Fella) hat er eine hässliche Vase (billiges Imariporzellanimitat) und jede Menge wertlosen Modeschmuck, na ja nicht ganz wertlos, tröstet er sich. Fuffi wird der Inder mir schon geben dafür.

Black-Jack öffent das nämliche Fenster, weil es irgendwie seltsam riecht. „Es riecht hier nach Scheiße, oder täusche ich mich?“ Er macht das Licht an. Was ist denn das für eine wi-der-li-che Sauerei? Ein sauberer Turnschuhabdruck – Hellbraune bis ocker tonfarbene Scheiße auf Teppich wird aufgerufen, wir sind damit bei der Nummer 129, nein 129 b, bitte Verzewihung das Eingansgebot liegt bei drei MIllionen US-Dollar, meine Damen und Herren, wenn ich um ihre Gebote bitten dürfte – wer biete mehr? Die Brünette wankt in der Schlafzimmertür und droht nach hinten abzuknicken, wo gleich die steile Treppe anfängt. „Oh Gott, Scheiße, oh Gott. Komm mach hinne du Schnapsleiche.“ „Wer hat mich veeefühhht sum…sum… „Nein oh Gott, zieh dich bitte nicht hier oben aus, sonst brichst du dir noch das Genick auf der Treppe, oder denkst du, ich trage dich darunter, blöde Votze!“ „Treppe?“ “ Beeil dich, wir machen es unten . Beeil dich doch, meine Alte kommt gleich aus der Oper.“ Er trägt sie die Treppe runter, damit es vorwärts geht. „Es hat keinen Sinn, ich fahr dich noch rum.“ „Surüg su Jacques‘, aber Liebling, ich hab genug getrunken für heut.“ „Da hast du Recht, nein Mensch, ich bring dich heim.“ Sie singt: „Heim ins Reich, heim ins Reich su old Adolf, mach mir den Gaooosleiter, loss sofort, auf der Stelle (Glissando ma un pocco pizzicato), sonst ruf ich die Polssei. (Tanto amabile)“ Sie stampft mit dem linken Fuß auf und fällt endlich um.

Komm jetzt und halt die Klappe.“ Black-Jack dämmert, dass er heute noch ein ganz cleverer Junge sein könnte. Wenn es ihm gelänge hier mit der besoffenen Irren unerkannt weg zu kommen, würde die Alte gewiss in die Scheiße treten und müsste außerdem den Bruch melden. „Ekelhaft dieser Gestank nach Scheiße. Er hebt zieht die schnarchende Frau vom Boden her zu sich herauf. Auf halber Höhe hat die Szene etwas von- sie wissen schon – nein, nein und nochmal nicht „ich schau dir‘ usw. Dann  zieht er die Tür ganz sachte einfach ran. Er bugsiert die betrunkene Frau bis zum nächsten Einfamilienhaus. In der Küche im Erdgeschoss geht das Licht an. Er trägt die betrunkene Frau wie einen Sack über der linken Schulter in die Dunkelheit, bis zur übernächsten Straßenecke. sie ist nicht tot, sie schnarcht. Der Bugatti antwortet standardgemäß auf den Funkschlüssel.- Uip, oimp-oimp.

„Soll ich dich noch bringen, Edith?“ Ach lass mal, das ist nicht nötig, ich geh lieber ein Stück zu Fuß und nehme dann die Tram. Rusalka ist eine ganz schön anstrengende Braut, meinst du nicht auch? Ganz schön anstrengend. „Das war doch nicht Bedřich (Friedrich) Smetana, Edith, das war Dvořák.“ „Gute Nacht Anne, schlaf schön.“

Rummmms. Knirsch. Zwei Männer stehen sich auf der Kreuzung gegenüber. Die Motoren laufen. Die Fahrertüren stehen weit offen. Ansonsten Nachtruhe und Gaslaternenlicht, dann mehr Lichter in den Fenstern rund herum. Dann der gellenste Schrei seit 20 Jahren in dieser Einfamilienhausgegend: Ruhe ihr Arschgesichter. „Du Vollhirni, rechts vor links, kennst du das?“ quetscht der Ḿann aus dem Bugatti seinen Zorn in die Nacht. „Es tu mir schrecklich Leid“, sagt der Mann aus dem Jeep. Wir können die Polizei holen oder ich schreib ihnen Adresse und Ausweisnummer auf. Was ist ihnen lieber“, sagt der Mann aus dem Jeep, denn er sieht auf dem Beifahrersitz der Karosse eine in sich zusammengesunkene Halbnackte. „Na ja schreiben sie mir mal hier alles auf.“ Jack zückt einen Füllfederhalter der in einem Moleskinekalender steckt. „Sie sehen ja ehrlich aus“, tut er jovial, dabei sitzt ihm die Angst im Nacken. „Mein Gott, was für ein Scheißtag, denkt Jack. Mein Gott, was für ein arrogantes Arschloch, denkt Armin. Aber es kommt, wie es kommen muss, noch dicker. „Wie heißen sie? Sie sind nicht irgendwie mit diesem Ostschauspieler verwandt?“ „Nein, hm, leider nicht.“ Armin Müller hasst den Bugatti-Spinner. Aber erstens hat er Schiss, das der Pinkel ein Zuhälter und bewaffnet sein könnte und zweitens, besser würde die Situation für ihn jetzt eigentlich gar nicht mehr laufen können, außer der Unfall wäre nicht passiert. Jack reicht Armin huldvoll seine Karte hin. Einen Moment lang denkt Armin an Erpressung. „Sind sie so freundlich, schreiben sie noch ihre Nummer dazu, Herr Müller, sie können auch die nächste Seite benutzen.“ Nein, ein Zuhälter ist der Typ nicht, fahren Zuhälter Bugatti? Aber Herrenfahrer fahren Bugatti, und das wird bei der Schadensabwicklung viel ekliger. Ich werde doch mal testen, ob er genug Dreck am Stecken hat. Ich ruf ihn morgen früh an und werde dreist. Das ist ein Auto, du Wixer, denkt Armin, während er seines liebevoll anlächelt. So ein Crash und nur eine kleine Schramme an der Stoßstange.

Folge 2 – Verschiedene Wunder

„Und die Puste ist garantiert sauber?“ „Klar Mann, glaubst du ich will dich linken?“ „Hm.“ „Wieviel?“ „Die Kasse, den Glashütte-Wecker und das Notizbuch aus deinem letzten Bruch, weil du es bist.“ „Was willst du denn mit der beschissenen Kasse Mann?“ „Willst du sie wieder runter schleppen? Im Club fehlt eine – hier, der Schalldämpfer für die Puste, hier Mann.“ Die dürre Gestalt zottelte sich den kaum sichtbar grün blau changierenden Hausmantel aus Seide zurecht. „Zwei Ersatzmagazine, voll.“ „Willst du ’n Blutbad anrichten Mann? „Geht dich ’n Dreck an.“ „Was is‘ jetzt‘? Ich krieg Besuch gleich.“

Der irre Vollmond, der durch das Atelierfenster schien, stülpte den scharf umrissenen Schatten der Registrierkasse, die auf der langen Schreibtischglasplatte vor dem Fenster stand, genau über den linken Krokostiefel der langen dürren Gestalt, die die Waffe mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer in Händen hielt und schon wieder die Seide zurechtrückte. Vögelgezwitscher.

„Ok, ich nehm‘ sie – gib her.“ „Psst.“ Die dürre Gestalt gibt die Waffe in die Hände des Einbrechers. Vögelgezwitscher. „Halt die Klappe und geh ins Bad, kein Mux und Licht aus, verstanden?“ Länger anhaltendes Vögelgezwitscher. „Moment!“ Der Dürre tut verschlafen und geht die eichengetäfelte Tür seiner Eigentumswohnung öffnen.

„Kühne schickt mich. Ich soll hier was abholen.“ „Es ist zwei Uhr, Mann.“ „Ging nicht früher, ich hatte noch was zu erledigen, für Kühne.“ Die Frau mit der vollledernen Motorradkluft in der Tür hat den Helm noch auf. Ihre dicken rotbraunen Locken schimmern aus dem Heln heraus im Treppenlicht. „Na dann komm mal in Pappas gute Stube, mein Kind.“ „Ne, geht nich‘, keine Zeit, hol das Paket.“ „Komm rein, es zieht.“ der Unterton war herrisch genug. Die Frau tritt ein und befreit ihr schönes Haar von der Schutzkappe. Der Dürre holt zwei Drinks aus der Küchenzeile, sie bleibt neben dem weißen Ledersofa im Mondlicht stehen und sieht sich um. Eiswürfel klingeln in die Gläser. „Hey, Baby, lass dich nicht so rumschicken. Kühne kann ruhig mal ’ne halbe Stunde warten.“ Er stellt die Gläser auf den Glastisch vor dem Sofa und setzt sich. „Wenn er könnte, würde er’s mir sagen, meinst du nicht? Also wo ist das Paket? „Setz‘ dich“, herrscht er wieder. Sie bleibt stehen. Er steht auf und greift ihr zwischen die Beine. Sie verpasst ihm ein Ding, das sich gewaschen hat. Er wird wütend, sein seidener Hausmantel rutscht und gibt das schlaffe Gemächt frei. Er fummelt den Hausmantel zurecht und geht zum Schreibtisch am Atelierfenster, wo die heiße geladene Waffe nicht mehr liegt, die er eben an den kleinen Scheißer verhökert hat, der im Badezimmer, wie befohlen, keinen Mux von sich gibt. Er nimmt den Brieföffner und rennt brüllend auf sie zu. Sie zückt Pfefferspray und verpasst ihm eine Ladung. Er hat noch nicht genug. Er ist schneller an der eichengetäfelten Tür, schließt ab und rennt zurück zum Fenster, öffnet es und schmeißt den Schlüssel raus. „Und was machst du jetzt, du blöde Schlampe?“ Sie fingert eine ME-8 aus dem Leder und geht langsam und zielsicher zum Fenster. Er schnappt sich die Registrierkasse. Sie steht am Fenster und visiert den Dürren im Mondlicht an. Der ist zu blöd, um aufzugeben. Er wirft die Kasse nach ihr, sie tritt beiseite und die Kasse rauscht durch das offene Atelierfenster.

„Du wirst nicht abdrücken.“ Er ist einen Meter von ihr entfert. Der Schuss reißt ihm krachend den Hals auf. Er röchelt und fällt. Der kleine Scheißer richtet die geladene Makarow auf die Frauenfigur in Leder. Es ist totenstill bis auf den schwächer röchelnden Dürren. „Er hat einen Ersatzschlüssel, OK? Er liegt in der Küche – in der gelben Kaffeedose. “ Du gehst vor, Kleiner, wie heißt du?“ „Jan.“ „Nimm die Waffe runter, dann nehm‘ ich meine runter.“ Der Dürre röchelt nicht mehr. Sie schließt die eichengetäfelte Tür auf. Es ist totenstill. Sie finden in der gespannten Stille ohne ein Geräusch zu machen mit dem grünen Licht der Notausgangsleuchten des Büroturms bis zur Tiefgarage. „Hier trennen sich unsere Wege, Kleiner – mach keinen Schwachsinn mit dem Männerspielzeug.“ „Die ist nicht für mich, Mann, äh…“ Sie grinst und lässt die W800 an. das satte Geräusch entfernt sich mit ihr.

Jan steckt das kleine Notizbuch, dass er, aus welchem Grund auch immer, beim Bruch in der Villa mitgehen lassen hat, in die Gesäßtasche seiner schmuddligen Jeans. Er nimmt das Magazin aus der M. Jetzt hat er nur das eine und nach oben will er auf keinen Fall noch mal. Die M ist für sonen Presse-Fuzzi, der ihm einen Tausender dafür geboten hat. Zwei Monate keinen Bruch und keine Verstellung. Er sagt, er muss was recherchieren. Und die Knarre braucht er zum eigen Schutz – mit zwei Ersatzmagazinen. Egal. Erstmal muss die Knarre weg. Jan fährt mit dem Roller zu Bull. Neben dem Kellereingang ist eine völlig zugerümpelte Werkstatt, wo die Hausbewohner ihre Fahrräder reparieren. Jan schüttet Öl über ein paar alte Lappen, wickelt die M drin ein und bunkert sie in ’nem Loch über dem alten Abguss, wo mal der Wasserhahn gewesen sein muss. Die Lappen und die M fühlen sich hinter den Spinnweben und dem Modder an, wie ein Stein und ein paar alte Lappen, mit der die Nachkriegswand mal zugestopft worden ist. Auf die Idee, dass da jemand anders schon was gebunkert haben könnte, kommt Jan nicht.

„Hey, wo warst du? du stinkst nach Schmieröl.“ „Hey Jan, mein Süße, hab ich dich geweckt, entschuldige, leg dich wieder in Bett. Schöne Grüße von Bull. Der verdammte Roller ist wieder im Arsch. Ich hab ihn notdürftig hingekriegt.“ „Auf dem Herd ist Chili con carne, könnte noch lauwarm sein, Edith war hier und lässt dich auch grüßen.“ „Ah, Edith, was hat sie erzählt?“ Seit wann interessiert dich, was Edith erzählt? Sie weiß immer nur Nettigkeiten über dich, meine kleine Putze.“ „Nein das mein ich nicht. Wie war’s denn in der Oper neulich? „Seit wann interessierst du dich für Oper? Die Oper war mäßig aber es ist ein Verbrechen passiert – bei Gundula ist in der Villa eingebrochen worden und der Einbrecher ist vorher in Hundescheiße getreten und hat auf dem ganzem Teppich seinen Stinkinasshundescheißabdrücke hinterlassen, ziemlich blöd, was?“ „Ach du Scheiße.“ „Genau. Das war Ediths Thema heute und dass die Vase, die Edith Gundula zum 55. geschenkt hat auch weg ist, ob wohl das ein plumpes Imitat war. Haben wir gelacht. Gundula denkt, das wäre teures Porzellan – iss was oder komm ins Bett Liebster.“ Morgen verbrenne ich die Scheiß-Stinkinass, nahm sich Jan vor. Er trug seit nach dem Bruch Bulls speckige alte Motorradstiefel. Dass seine Stinkinass voll Scheiße waren, ist niemand, auch ihm nicht, aufgefallen, weil er sie irgendwo in dem Durcheinander der Werkstatt hingeschmissen hatte, wo jetzt auch noch die M war. Jan hatte sich wahnsinnig gefreut, als Bull ihm die alten Specker geschenkt hatte. Jan liebt alte Schuhe und Jan.

Für manche ist Tarnung einfach Tarnung und für manchen wird sie nach und nach zur Lebenslüge. Jacks Tarnung ist der Beau. Armins Lebenslüge ist das Sportstudio. Gundulas Lebenslüge ist Jack. Ediths Tarnung ist Gundula. Jans Lebenslüge der Job, den er nicht hat. Johanna braucht keine Tarnung, und Bull läuft nicht Gefahr, das seine Tarnung zur Lebenslüge wird, denn er muss aufpassen das er nicht auffliegt. Er findet seine Tarnung abscheulich.

 

Die Ovationsbeihilfe – Folge IV

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Jul 102010
 
Eine Kriminalkurzgeschichte in vier Folgen
Folge IV und Schluss – La forza del destino

“Du bist in einem Hotelzimmer, ma chérie, war die Nacht schön?” – “Heiß war sie, sehr heiß und unklimatisiert. Du kannst dir ruhig ein bisschen was ausmalen, ich bin viel zu monogam. Leider nicht wegen dir, sondern weil ich zu so gar nichts mehr komme, Genosse Perstein.”

Garance Stimme war nicht Garance Stimme, wie der Jupp sie wollte. Er wollte sie ganz nah bei sich, er wäre überall hin, um diese Stimme ganz nah bei sich zu haben. Garance sagte gerade nichts, aber sie bewegte sich aus dem Bild, das in der Skype-Anwendung ruckelte. “Ich habe das Feuerzeug auf dem Nachttisch liegenlassen“, hustete Garance aus dem Off. Juppi saß in der Gluthitze auf seines Freundes Alois’ Motorboot unter Deck, der einzige Platz auf dem man das Display des Notebooks erkennen konnte. Vor den altmodischen Bullaugen waren die braunen Gardinen wie zur Nachtruhe zugezogen. Ein Angeberspeedboot donnerte vorbei, und die Bugwellen drückten Alois Stänkers Holzschiffchen an den Anleger. Garance setzte sich wieder ins Bild und zündete eine algerische Zigarette an. Blauer Dunst verschleierte ihr kleines freches Gesicht mit dem Bubihaarschnitt.

“Warum rauchst du dieses Kraut mein Schmetterling, weißt du nicht, dass deine Haut davon schneller altert?” – “Ach, und sobald ich ein paar Fältchen habe, wirst du noch eine Ausrede haben, deine Verabredungen mit mir nicht einzuhalten.” – “Nein mein Herz, bestimmt nicht. Du hast dich eben in einen miesen Typen verknallt, dem seine Arbeit wichtig ist.” – “Wichtiger als ich? Mach einen Kussmund, los.“ – “Ich küsse dich in echt, aber ich mache keinen Kussmund vor einem Notebook. Wo bist Du?” – “In einer schäbigen Absteige in Tripolis, du erinnerst dich, dass ich auch hinter den bösen Buben her bin?” – “Hinter richtig bösen Buben aber, mein Abendstern, ich jage ja nur kleine Schurken.”

“Ganz genau. Lest ihr in der BRD keine Zeitungen mehr? Besorg’ dir die FAZ.” – “Der Aloisius bringt die Schrippen und den Berliner Kurier aus dem Dorf, ich schaukle auf seinem Kahn.” – “Ach ja? Schöne Ermittlung. Was macht dein toter Wachmann?” – “Er ist tot, mein Kind, viel mehr wissen wir nicht.” – “Hmm, genau wie bei mir. Aber ich hatte so eine Idee, und da bin ich nach Tripolis. Du erinnerst dich an die bulgarischen Krankenschwestern? 2007, Libyen, großer Waffendeal, EADS, Frankreich, Italien.  – Der Sohn des Revolutionsführers plauderte ein wenig zu viel mit einem britischen Kollegen, sonst hätte niemals jemand erfahren, zu welchem Preis die Töchter Bulgariens eigentlich freigekommen sind. Männer sind so eitel. Ein paar Raketen und ein bisschen Kommunikations-Hightech wechseln den Standort und schon ist alles möglich. Menschenleben? Humanität? Pah.”

„Ich erinnere mich dunkel, aber das ist doch längst gegessen, oder?” – “Dachte ich auch. Wenn du dich auch mal für meine Sachen interessieren würdest, dann könntest du dich vielleicht daran erinnern, dass ich dir damals einen Namen genannt habe. Der Mann, der den EADS-Deal unter der Hand vermittelt haben soll  – sehr talentiert, sehr charmant, sehr gebildet, ein echter Frauenfreund, in allem das ganze Gegenteil von dir, meine kleine deutsche Zwetschge: Benito Bernardo Marinelli heißt er. War mal sowas wie ein Kulturattaché in Tripolis. Attaché, das sagt im Grunde schon alles. Und gestern ist er in Lugano mit einem als gestohlen gemeldeten dunkelbraunen Maserati Mistral vom Weg abgekommen. Er ist nun also mausetot, wie dein Wachmann, was sagst du dazu? Der Maserati hatte übrigens ein deutsches Kennzeichen, ich glaube Potsdam.” – “Was?” – “Ich sag’s ja, du liest keine oder die falsche Zeitung!” – “Mein Mädchen, das ist der Wagen vom Treusch, ein kleines Beamtenleben, auch dahin, in Mailand, hat sein Risotto schlecht verdaut. Und wer ist dieser Benito, ist der mit dem?” –  “Nein, ist er nicht, aber er ist mindestens eben so scharf. Ich habe die letzten Jahre immer versucht, ihn in Nordafrika zu erwischen. Er war untergetaucht nach dem Deal, nicht offiziell aber realiter. Und jetzt stellt sich heraus, dass er vielleicht die ganze Zeit in Europa war. Türkei, Marokko, Algerien, Ägypten, Saudi Arabien, sogar Jemen, überall ist er angeblich aufgetaucht in den letzten drei Jahren. Wie dumm ich doch war.”

“Ich mag dein Gesicht, wenn du wütend bist, Garance.” – ” Ja? Aber was hilft es mir? Du bist nicht bei mir. Warum bin ich bloß auf diese inszenierte Schnitzeljagd hereingefallen? Der feine Diplomat hat Beziehungen in höchste italienische Regierungskreise, zur Mafia, zur Camorra, ich könnte mich in den…” – “Machs nicht mein Herz. Haben die Zeitungen ein Bild von dem schönen Mann?” – “Aber sicher, kauf dir die ‘Neue Zürcher’, die ‘FAZ’ und den ‘Corriere’, da hast du eine schöne Auswahl. Eitel war er nämlich auch, was in seinem Beruf allerdings ziemlich stupide ist.”

“Ah, da kommt gerade der Stinker, sag’ meiner investigativen Freundin ‘Grüß Gott’  –  hast du die Zeitung?” – “Allo, du sollst mit mir reden! Mit deinem Freund kannst du doch jeden Tag schäkern, nicht wahr? Bonjour ça va, Alois?” – “Wie soll’s einem schon gehen mit einem übelgelaunten Salon-Kommunisten an Bord, ma petit?”

“So übel ist er doch gar nicht…” – “Na, ich weiß nicht, wenn ich ein so hübsches, blendend gebautes charakterstarkes Frauenzimmer wäre, würde ich mich nicht in den…” – „So, jetzt reicht es aber,” mischte sich Juppi wieder ein: “Wir skypen heute Abend wieder, ja? Sei vorsichtig und gehe kein unnötiges Risiko ein, mein Schmetterling!” – “Das sagst du mir! Nun gut, bis morgen. Ich werde schon schlafen. Denke an die Zeitverschiebung. Gib Acht auf eure hübschen Po, Alois!” Garance’ fragendes Gesicht verschwand auf einmal abrupt aus dem Bildfenster.

Herrka wollte zu Hause nach dem Rechten schauen. Außerdem waren seine Vorräte in der Laube aufgebraucht. Im Kühlschrank daheim hatte er noch genug. Er überlegt eine Weile, denn es war eine lange Tour: 20 Minuten Fußweg, eine Stunde S-Bahn, 3 Minuten Fußweg und das Ganze noch einmal in umgekehrter Reihenfolge. Aber für einen Zusatzeinkauf im “Dorf” hatte er in diesem Monat keine Geld mehr übrig. Eigentlich hatte er gar keins mehr, weshalb er auch schwarzfuhr. Er hasste es. Verängstigt, dass ihn eine Kontrolle erwischen würde, stand er nahe der ersten Tür des durchgängigen S-Bahn-Zuges und hielt Ausschau nach Kontrolleuren, von Kameras erfasst, die sein Bild in die Zentrale der S-Bahn-Sicherheit und sonst wohin übertrugen. Der Zug aus Potsdam war menschenleer. Die Bahnsteige, die vorüberzogen, füllten sich erst nach Wannsee. Zwei auffällig zu unsommerlich Gekleidete, Männlein und Weiblein, vielleicht ein junges Ehepaar oder jung-dynamische Geschäftsreisende, stiegen zu und setzten sich zwei Reihen hinter Herrka gleich ans Fenster. Sie redeten gedämpft, Ab und zu zeigten sie oder er auf irgendetwas völlig Unwichtiges, das am Fenster vorbeizog und wieder verschwand. Einmal lachte sie kurz auf und blickte dann ganz unverhohlen zu dem stehenden Herrka. Herrka schaute unangenehm berührt zurück, machte sich aber keine Gedanken, dass die beiden irgendetwas mit ihm zu tun haben könnten, denn wie Fahrscheinkontrolleure waren sie nicht gekleidet.

Am Westkreuz stieg er um. Als er am Bahnhof Westend ankam, war das Paar auf einmal wieder da und folgte ihm. Der Typ ging auf ihn zu, als wolle er Herrka etwas fragen. Das wollte er auch. Er zog ein Foto aus dem Jackett und eine Plastikkarte, die ihn als Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes auswies. “Kennen sie diesen Herrn hier auf dem Foto?” Herrka war so perplex, dass er keine Anstalten machte, eine Beleidigungsformel aus seinem umfangreichen Repertoire hervor zu kramen. “Ja, den kenne ich.  Ersparen sie sich die Mühe, der ist nicht mehr. Entweder er oder ein anderer, der sich für ihn ausgegeben hat. Ich kannte ihn, hab mit ihm in einem Eineuroladen die Zeit vertrödelt.” – “Tja, Herr Herrka, dann muss ich sie wohl bitten, kurz mit uns zu kommen und uns das mal ein wenig näher zu erläutern, in welcher Beziehung sie zu Herrn Schmitt standen.” – “Jetzt ging es Herrka wieder gut und er konterte: “Ach noch ein Schmitt, wie komisch. Wenn sie nicht wollen, müssen sie bestimmt auch gar nichts. Es ist heiß . Und da haben bei mir nicht einmal sehr freundliche Bitten Aussicht, Gehör zu finden, bevor ich nicht ein Eis gegessen habe.” – ” Ein Eis? Das lässt sich sicherlich einrichten – was meinen sie?” – “Das dürfte kein Problem darstellen”, erklang die Stimme der jungen Frau, die offensichtlich zum selben Verein gehörte. Zu Herrkas großem Erstaunen parkte ein gut gepflegter alter grauer Ford-Lieferwagen genau im Halteverbot vor dem S-Bahnausgang auf der Brücke. Widerstand war nicht angeraten. Herrka ließ sich auf das Spielchen ein. Nach den Erlebnissen der vergangenen Tage und ihrer Verarbeitung im Kreise angenehmer Menschen bei einigen Flaschen Rotwein in der Laube, blieb Herrka, der sonst leicht zur Panik neigte, erstaunlich gelassen. In dem grauen Ford saßen zwei weitere, sehr leger gekleidete Herren. Einer davon schwitze unter einem Kopfhörer. Der andere wurde von dem Pärchen geschickt, um Eis zu besorgen. Er murmelte etwas, verschwand und kam sehr schnell wieder mit drei billigen Wasser-Eis am Stiel. Herrka schwitzte und betrachtete die von Staub verschmutzen Füße des Mannes unter dem Kopfhörer, die in hellblauen ‘Arizona Birkenstocksandalen’ steckten. Ein unangenehmer Geruch strömte aus dieser Richtung, der noch getoppt wurde vom süßlichen Gestank eines billigen Rasierwassers.

Mit dem Zeitungsausschnitt der ‘Neuen Zürcher’ unterm Arm, der das Konterfei eines toten italienischen Diplomaten und Waffenschiebers zeigte, zog der Privatermittler Stänker an der bekannten Zunge des Löwen. Pünktlich mit Verspätung heulte die New-Yorker Polizeisirene hinter der geschmacklosen Nachbildung einer italienischen Facettentür. Einen Augenblick später öffnete ihm eine junge Frau mit langen braunen Haaren und einer 50er-Frisur, die nach dem Schwimmen ihre Form merklich eingebüßt hatte. Stänker wusste, dass sie gerade 17 geworden war. Sie sah älter aus. Sie wirkte nicht erstaunt und bat den Herren, dessen Gesicht ihr bei seinem letzten Besuch vorenthalten worden war, in einen riesigen Raum, der fast ausschließlich mit einer teuren elfenbeinweißen Ledergarnitur dekoriert war. Die Vollglastüren der Veranda standen weit geöffnet. Der Innenraum verschmolz mit dem spießig angelegten Garten, dessen ehedem blühendes Gesträuch nach wochenlangem Wassermangel verdorrt zu sein schien.

“Machen sie sich’s bequem”, forderte die junge Frau den Schnüffler Alois Stänker ehrlich und freundlich auf. “Wollen sie vielleicht einen Campari oder ein Alkopop oder ein Leitungswasser? Mehr ist nicht mehr da in dieser Bruchbude. Eis kann ich auch nicht mit dienen. Der Strom ist seit einer Woche abgestellt.” – „Aber warum bleiben sie dann hier, können sie nicht zu Freunden oder Bekannten?” – “Mein Alter hatte keine Freunde, also hat er meine paar Bekannten allesamt vergrault. Er hat alle vergrault. Und meine Mutter hat er umbringen lassen, und jetzt hat jemand mit ihm das Gleiche gemacht, was er mit meiner Mutter hat machen lassen. Die gleichen Leute waren das. Wenn es eine gibt, schmort er in der Hölle. Dieser Typ, der in der Immobilie vom Alten in der Bayernallee gehaust hat, der hat mir alles erzählt. Ich bin mir sicher, dass er mir nichts vorgemacht hat. Er sagte mein Alter hätte ihn unter Druck gesetzt, mich abzumurxen, aber er könne nicht, weil ich noch so jung wäre, blabla. Aber sonst hat er nicht gelogen, das weiß ich.” Stänker streckte ihr die Zeitung mit dem Konterfei des toten Italieners hin. “Ist er das?” – “Er sah besser aus, nicht so schleimig, aber das ist er.” – “Sie sind noch nicht volljährig, Frau Treusch. Haben sie was mit dem Staatsanwalt Limburg?” – “Dieses Schwein hat mich gezwungen, mit ihm zu bumsen.” Sie sackte in sich zusammen und schluchzte kurzatmig. Sie raufte ihr langes braunes Haar, die Frisur mutierte zur Karikatur einer einzelnen Erinye, falls es so was gibt.

“Beruhigen sie sich, Frau Treusch. Sie müssen den Mistkerl unbedingt anzeigen.” – “Geht doch nicht, der ist doch der Einzige, der mir jetzt helfen kann.” – “Wobei helfen kann?” – “Mit der Erbschaft, dem Scheiß Haus hier, bei dem was da noch kommen wird wegen der Schulden und den kriminellen Machenschaften von meinem Erzeuger – was glauben sie, wie ich das allein schaffen soll?” Genauso schnell, wie sie in sich zusammen gesunken war, schien sie die Fassung wieder zu gewinnen. “Oder wollen sie mir helfen? Können sie mir helfen? Niemand hilft mir wirklich, alle haben es nur auf das Geld abgesehen, das ich von meiner Mutter erbe – alle”, fügte sie nach einer Pause bestimmt hinzu und wischte mit dem Ärmel ihres Bademantels die Tränen aus dem ungeschminkten Gesicht. “Sie gehen noch zur Schule, nicht?” – “Ach lassen sie bitte diese Tour, deshalb sind sie doch nicht gekommen. Fragen sie. Ich werde ihnen auf alles antworten, und dann gehen sie.” Als Alois das verwahrloste Haus verließ, hatte er der jungen Frau glaubwürdig versichert, dass er und sein Freund der Komjupp, ihr beistehen würden. Er hatte der jungen Frau das Versprechen abgenommen, dass sie den Staatsanwalt ans Messer liefert, wie es der Hund verdient hatte. Auch wenn er sich am Ende doch noch aus der Sache heraus winden könnte, sie wollte es tun.

“2007, knapp 20 Millionen ‚Innovationsbeihilfe‘, das heißt bürokratisch natürlich anders. Für ein einziges Projekt von EADS SPACE allein. Da lohnt sich doch ein bisschen Lobbyarbeit, oder? Aber wenn so eine noch verhältnismäßig kleine Summe wegbricht, weil Gerüchte im Umlauf sind, dass die Mittel vielleicht nicht zweckgebunden verwendet werden, dann kriegen die EU-Bürokraten aber doch feuchte Höschen, haben vielleicht Schiss um ihr unbezahltes Häuschen, wie der Treusch, die kleine subalterne Schranze. Und wenn Du ein nordamerikanischer Rüstungskonzern bist, da kannst du dem Konkurrenten aber hübsch eins auswischen. Dazu sind die Dienste ja da; so was erledigen die heutzutage mit Priorität! Die Unterstützung von irgendwelchen Contras nimmt sich daneben bescheiden aus. Und wenn so eine “Innovationsbeihilfe” wegbricht, und du steckst mittendrin in dem Auftrag, sagen wir ein fettes Rüstungsgeschäft mit Libyen, dann kannst du damit rechnen, dass du bald die Heimat auf dem Hals hast. Aber Hallo. Zunächst einmal versuchst du Zeit zu schinden. Du lancierst Häppchen, lässt gezielt ganz böse Sachen über dein Geschäft mit dem Schurkenstaat durchsickern, gerade soviel, dass die elende Pressemeute aufheult und du deinem libyschen Partner erzählen kannst, also Herr Oberst, im Moment – ist bei uns gerade ganz schlecht – können sie vielleicht noch ein bisschen warten? Preisnachlass usw. Dann bietest du deiner Regierung an, dass du bulgarische Staatsbürgerinnen mit deinen Kontakten zur libyschen Regierung behilflich sein kannst, und deine schlechte Presse interessiert deine Regierung gar nicht mehr, weil sie ihrerseits sich mit deiner Hilfe, ein hübsches freiheitliches Image bastelt, womit sie prima von den Zumutungen ablenken kann, die sie für das Volk noch im Köcher hat – national und sentimental zieht immer. Bei euch doch auch wieder! Nachdem ihr eurer “natürliches Nationalgefühl” solange nicht feiern durftet, ihr armen, armen zu spät geborenen Krauts. Jetzt dürft ihr wieder und ihr macht es. Ihr schwenkt euer Fähnchen und haltet es in den national-sentimentalen Sommerwind, der von den Werbeleuten der Fifa dahergewedelt wird.

Wenn du so ein gutes ’nationales Blatt‘ auf der Hand hast, musst du es als Unternehmen jetzt ganz ausreizen: Contra, Re, Bock – Du drohst den Regierungen, dass du Standorte schließt oder noch schlimmer – zu den Chinesen verlagerst. Aber was ist, wenn die Regierungen trotzdem nicht willig oder, grausamer noch, fähig sind, deine Kredite abzusichern? Dann musst du den Karren sehenden Auges in den Dreck fahren lassen. 500 bis 1000 Arbeitsplätze hängen vielleicht da dran. Nicht, dass das wichtig wäre für die Rendite, im Gegenteil. Man nennt das dann Neustrukturierung, Umstrukturierung, überall hübsch drüberlackieren, wo der Putz abbröckelt und der Staub rieselt. Aber dein Marktreputation, die hat schon gelitten. Deine Börsenkurse sind gesungen. ‚Die Märkte‘ reagieren doch schon gereizt, wenn ein Eierkopp in der Regierungspartei, ein Notenbankchef oder ein besoldeter Wirtschaftsschreiberling pupst.

Vielleicht rollen dann ein paar untergeordnete Köpfe in einer untergeordneten Tochterfirma. Du musst zeigen, dass du alles im Griff hast. Die Öffentlichkeit hat ihre Satisfaktion, schön. Oder? Man besorgt das Kapital anderswo her. Die Öffentlichkeit drischt noch auf die Boni für ein paar Schwachköpfe, wie auf den Esel, der das gedroschene Stroh zur Mühle karrt, um es nochmals dreschen zu lassen – derweil hast du schon einen potenten Geldgeber. Aber sein Geld stinkt noch ein bisschen nach Mord und Totschlag, nach Drogen und Schutzgeld. Und hier kommt nun der Geschäftsbereich des diplomatischen Signor Benito Bernardo Marinelli ins Spiel: Geld ranschaffen, Geld über Libyens Nationalbank waschen. Eine Scheinfirma mit wohlklingendem Namen nimmt einen Kredit beim libyschen Staat auf, der selbstverständlich großzügig gewährt wird, kauft im Auftrag der libyschen Regierung das Männerspielzeug für den Revolutionsführer und seine Söhne, und zahlt den Kredit mit Zins und Zinseszins in ungewaschenen Dollars an die Libyer zurück. Die Libyer ruhig halten und ihnen einen fairen Preis für ihre jüngste Kriegswaffenbestellung versprechen, das war Marinellis Aufgabe dabei. Von dem eigentlichen Transfer wusste er nichts, da bin ich mir sicher. Er hat sich bestimmt geschmeichelt gefühlt, als er eines Abends in seiner Villa in Brindisi diskret und mit einem Vorschuss von einem Regierungsbeauftragten des Wohlwollens in dieser Sache auch des Ministerpräsidenten versichert wurde. Als ob ein Paparazzo die Kamera auf ihn hält, wird er sich gefühlt haben. Er war eitel, wie ihr alle.

Eine kleine Nummer war der Benito, für die das Libyen-Geschäft viel zu groß war. Sie haben ihn extra ausgesucht, verstehst du Juppi. Und als sie ihn nicht mehr brauchten, hatten ihn die Dienste “aller Herren Länder” auf ihrer Abschussliste. Seine kleinen Mafia-Freunde waren die einzigen, die zu ihm hielten. Sie heuerten den subalternen deutschen Schuldenmacher Treusch an, der dadurch sein kleines Problem mit einer fremdgehenden Frau und sein großes mit der Überschuldung zu lösen gedenkt. Der ahnungslose Treusch versteckt Marinelli im deutschen Sozialsystem.

Unschlagbar, oder? Hartz IV-Empfänger, wer guckt da schon hin, wenn der hübsch brav und nicht renitent ist, wenn er den sinnlosen Mist mitmacht, der ihm aufgetragen wird, und immer schön fröhlich bleibt – ‘Arm ist sexy in der Hauptstadt’. Hauptsache du hältst das verdammte Maul und tust dich nicht mit anderen armen Säuen zusammen, wirst politisch oder so. Aber dann macht der Treusch einen dummen Fehler, den nur Leute machen, die sich zu sicher fühlen. Er hat nichts Besseres zu tun, als den Marinelli, alias Werner zu erpressen. Als das nicht funktioniert, überhebt er sich völlig und versucht den unbrauchbaren Marinelli bei seinen einzigen wirklichen Freunden anzuschwärzen, um ihn gefügig zu machen – von wegen er hätte sich der deutschen Justiz gestellt, wolle das Maul aufreißen als Kronzeuge. Erstaunlich nur, dass die ehrenwerte Gesellschaft dem Treusch das geglaubt hat.

Vielleicht hat Italiens neuer Benito von seinen alten Freunden selbst den Wink erhalten. Seit 2007 ist er jedenfalls der Chef aller Schlapphüte. Er steht dem “Dipartimento delle Informazioni per la Sicurezza” höchstpersönlich vor. Ein typischer Berlusconi-Schachzug – plump aber deutlich. Die Richter können ihn alle mal am vaffanculo. Nun, unter solchen Umständen kann ein Maserati in der italienischen Schweiz schon leicht vom Weg abkommen, Jupp. Du sagst ja gar nichts. Bist du noch da?”

Es dauerte einen Moment bis Perstein schaltete. Sein Hirn arbeitete angestrengt. Er hatte große Angst um seine Geliebte und er bewunderte sie mehr denn je. “Ja, ich bin noch da. Und wo du gerade bist, kannst du mir vermutlich nicht sagen.” – Nein Juppi, kann ich nicht. Und ich habe meine Vorkehrungen getroffen, dass es auch keiner so leicht herauskriegen kann.” – “Wann bist du fertig mit deiner ‘Arbeit‘?“- “Auch dazu möchte ich nichts sagen. Sie können mich zwar nicht orten, aber vielleicht hören sie mit. Ich muss jetzt Schluss machen. Das nächste Mal melde ich mich. Lass das Notebook nicht an. Formatiere die Festplatte. Geh nicht nochmal mit dem Stick ins Netz. Ich lasse dich wissen, wenn ich bereit bin und wie wir uns im Netz treffen. Und du gehst dann in ein Internetcafé, versprochen Knackarsch?” – “Versprochen.” Der Kontakt riss ab.

Alois war unbemerkt in die Kajüte getreten. “Knackarsch”, wiederholte er. Juppi zuckte zusammen. Einen Moment lang misstraute er dem Freund, dann fasste er sich: “Mensch, kannst du dich nicht bemerkbar machen. Also, was war bei der schönen reichen Erbin Eleonore Treusch? Hast du dich von ihr um den Finger wickeln lassen? Sicher hast du. Ich sehe es an deinem blöden Grinsen. Ich rieche Schweizer Pitralon.” – “Jupp, es ist alles viel doller, als du denkst. Da hängt die Mafia drinnen. Wollen wir’s nicht besser lassen? Noch können wir aussteigen und so tun, als hätte nur ein armer Teufel, die falsche Konsequenz aus der richtigen Analyse seiner sozialen Lage gezogen.” – ” Mein lieber Stinker, es ist ärger als du es dir vorstellen kannst. Meine waghalsige Freundin hat es mir gerade erklärt.” – “Um so besser, dann geht es uns noch weniger an.” – “Zum Teufel, Ali, was ist aus dir geworden, willst du den Schwanz einkneifen, noch bevor wir zurückgepfiffen werden? Das heißt ich.” – “Jupp, die Nummer ist zu groß für uns. Alle, die zu spät kapiert haben, dass die Nummer zu groß für sie ist, sind tot! Jupp alter Junge, wenn dir nichts mehr an der Polente liegt, dann quittiere deinen Dienst und tritt meinetwegen im Quatsch Comedy Club auf, wie dieser türksichstämmige Polizist aus Kreuzberg, Murat, ne, oder ist der woanders aufgetreten? Du hast echt Talent. Ansonsten kannst du auch bei mir einsteigen. Wir bringen ein paar kleine Ganoven vor die Schranken der niederen Gerichtsbarkeit und ein paar andere lassen wir laufen, weil sie anständige Kerle sind. Hör doch einmal auf mich. Du musst nicht besser sein, als dein alter Herr, der sich sein ganzes Rentnerleben lang geschämt hat, dass sie ihn als Kommunist doch noch befördert haben. Du hast nichts falsch gemacht, und Karl hat auch nichts falsch gemacht – außer dir in den Kopf zu setzen, dass du was wieder gut zu machen hättest – an deiner Arbeiterklasse. Wo ist’ sie denn jetzt Deine Arbeiterklasse. Ist die Tunte Herrka vielleicht deine Arbeiterklasse oder der tote Junge auf dem U-Bahn-Gleis, den du dir noch immer nicht verzeihen kannst?

“Ja, beide” brüllte Jupp seinen besten Freund an, “sogar du bist meine Arbeiterklasse, du blöder Arsch du, du niederbayerischer Bauernführer, du bourgeoiser Depp, auch du bist meine Arbeiterklasse, nur dass du selbst davon nichts weißt, weil du zu faul, zu verweichlicht, zu verwöhnt, zu versoffen bist, du Stinker. Wer mein Freund ist, kann nur Arbeiterklasse sein, selbst wenn er ausspuckt bei dem Wort Klassenbewusstsein.” – „Schon gut schon gut, Jupp, ich habe es nicht so gemeint…” – “Wohl hast du’s so gemeint. Und natürlich…” Jupp ging erst jetzt die Luft aus, “natürlich haben sie uns bzw. mich morgen weg von dem Fall. Ali, lass uns wenigsten noch den Herrka aus der Schusslinie holen. Er hat es verdient, glaub mir.” – “Verdient, verdient – verdient habe es viele. Wenn du kurzzeitig mal die kleine Treusch in deine Arbeiterklasse aufnehmen könntest, ließe sich mit Herrka bestimmt was machen. Ich hab’ da ne Idee.” –

“Also dieses kleine, nicht allzu weit vom Stamm ihres Baums gefallene Früchtchen, willst du mir im Tausch gegen deine Hilfe bei Herrka anbieten? Also du hast Nerven. Was hab ich denn davon?” – “Gar nichts. Im Gegenteil. Dieses kleine Früchtchen hat nämlich, als du nächtens Heldentaten im Jobcenter zu vollbringen geruhtest, mit dem Meuchelpuffer ihres Erzeugers auf dich geschossen, und nicht der Herrka, wie du vielleicht immer noch glaubst, weil du ihm in den Bauch getreten hast. Sie war dort, um einen Virus in die EDV zu spielen, der ihren Mörderpapa denunzieren sollte. Ich hab den Stick; ich hab die Diskette; ich habe Beweise.” – “Ach, Quatsch, das hat sie dir nur erzählt, ich sag’ ja, sie hat dich vom ersten Moment an, als du ihre Füße über dem Sofa hängen gesehen hast, betört.” – “Nur mein Vaterherz, Jupp, nur mein Vaterherz hat sie betört. Der Herr Staatsanwalt Limburg hat sie vergewaltigt an dem Tag, als ich da war, als ihr Vater in Mailand an HCN krepiert ist. Gut, sie fand das nur gerecht. Und trotzdem hat es sie mitgenommen. Sie ist ein Kind, Jupp, ein Kind ohne Eltern. Der Limburg hat ihre Hilflosigkeit brutal ausgenutzt. Der darf nicht davon kommen, der Lump. Und außerdem weiß sie noch ‘ne Menge, was zur Wahrheitsfindung beiträgt. Zum Beispiel, dass der italienische Ehrenmann, den echten Werner ein Mittelchen in den Kaffee getan hat, als der sich bei dem Wachdienst vorgestellt hat. Vater Treusch hat das in die Wege geleitet. Treusch war es, der ihn in der betreffenden Nacht nach drei Monaten Isolationshaft aus seinem Kerker in einem alten Keller geholt hat, bei der Sicherheitsfirma, die sein Jobcenter vor renitenten Klienten schützen soll. Dann hat er den mit Psychopharmaka bis zum Rand zugepumpten, abgemagerten Mann auf dem Dachboden des Jobcenters eiskalt hingerichtet – nur um die Deckung des Italieners auffliegen zu lassen. Treusch wollte den Italiener dazu bringen, dass er ihm seine eigene Tochter auch noch vom Hals schafft. So geschäftsmäßig war der denn aber doch nicht drauf. Er hat sich mit dem Mädchen getroffen und ihr reinen Wein eingeschenkt, bevor er mit Treuschs Auto in die Schweiz gedüst ist, mit echten Papieren übrigens, die er über die Mafia von den italienischen Diensten bekommen hat. Der echte Werner hatte einfach Pech im Leben, Juppi, im richtigen Leben zählen nur Freunde, die hatte er leider nicht, keine Freunde, keine Verwandten, denen was an ihm gelegen gewesen wäre. Sein posthumer “Yellow Press-Ruhm” wird in keine Familienchronik eingehen; keiner wird seine Geschichte aus “Bild der Frau” ausschneiden; keiner wird seine Geschichte erzählen. Aber wir können es. Wir können beweisen, dass er eigentlich ein anständiger Kerl war, ein einfacher Arbeiter eben, wenn die Kleine aussagt. Was hältst du davon?”

Juppi hielt den zerknitterte Zettel in der Hand, der in Herrkas Gesäßtasche unentdeckt geblieben war. Er öffnete ein Bullauge, streckte den linken Arm über den Wassern aus und ließ das Papier, das aus einem Ringbuch ausgerissen und an der Seite nochmals abgerissen war, ins Wasser gleiten. Dann schloss er das Bullauge. Das Papier saugt sich voll und eine gelblich grüne Fluroesceinnatrium-Schrift leuchtete in der Sonne. “ovationsbeihilfe” stand auf den abgerissenen Zettel. Innovationsbeihilfe, das war das letzte Wort, das Werner Schmitt in seinem Kerker darauf geschrieben hatte, bevor ihm sein unbedeutendes Lebenslicht ausgeblasen wurde. „Er war clever,” stöhnte der Komjupp ohne die Leuchtbuchstaben zu sehen, die auf dem Wasser trieben. “Man muss clever sein, sonst kann man es nicht aushalten mit sich selber, ohne Freunde!” – “Aber er war offensichtlich nicht clever genug”, ergänzte Alois.

“Ali, das alles ist für ’n Arsch, wir können nichts beweisen.” – „Ach, Scheiß der Hund drauf, beweisen, wichtig ist dass die Wahrheit ans Licht kommt, nimm dir ein Beispiel an deiner Freundin Garance, verdammt noch mal, nimm dir ein Beispiel an ihr, wenn du mir schon nicht traust!” Am Mittag des folgenden Tages wurde Juppi Perstein zu seinem Polizeidirektor befohlen. Sachlich und in einem fast freundschaftlichen Ton teilte er seinem Hauptkommissar mit, dass der Staatsschutz die Ermittlungen im Fall Werner Schmitt an sich gezogen hätte. Es täte ihm Leid, säuselte er noch, bevor er Perstein auf die Schulter klopfte, was sonst niemals vorkam, und zur Tür geleitete.

Bernhard Herrka wurde wegen Haus- und Landfriedensbruch und ein paar andrer kleiner Sachen, die man ihm anhängte, angeklagt. Im Knast verliebte er sich in einen 35 jährigen russlanddeutschen Totschläger, dem er die schönsten Liebesbriefe an seine Freundin verfasste, die sich sehr drüber freute und ihn auch einmal besuchen kam. Leider flog der Schwindel da sofort auf. Von da an schrieb Herrka weniger delikate aber stilistisch genauso vollkommene Meisterwerke an die Mutter des jungen Mannes im Wedding. Leider sprach sie nur russisch. Nach seiner Haftstrafe zog es Herrka als Tagelöhner zu jungen elsässischen Winzern, die außer Herrka auch traditionsreiche regionale Rebsorten bei sich aufnahmen – es handelte sich in beiden Fällen also keineswegs um ein Art von Asyl, wie es die freundlichen Mitgliedsstaaten der EU beispielsweise ihren afrikanischen Menschenbrüdern sonst zu gewähren pflegen. Aber einige wenige ganz junge Winzer sind auch, dem Himmel sei Dank, keine EU-Richtlinienreiter, was sie nicht daran hindert, ihren guten Wein zu angemessenen Preisen auch an ärmere Leute zu verkaufen. Manchmal taucht so was dann sogar im Angebot bei Discountern auf.

Staatsanwalt Limburg wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, blieb aber der Rechtsbeistand der Treusch-Erbin Eleonore, die wegen ihres Alters und “anderer Umstände” niemals belangt wurde.

In der Washington Post veröffentlichte die Journalistin Marie Garance Ronchetti einen Bericht, der Zusammenhänge zwischen der Freilassung bulgarischer Staatsangehöriger durch die Intervention der libyschen Regierung im Jahre 2007 und einem Waffengeschäft des Landes mit einer französischen Tochterfirma der EADS aufdeckte, sowie die Mafia-Verstrickungen höchster italienischer Regierungsbeamter, die diesen Waffendeal eingefädelt hatten. Mme. Ronchettis Nominierung für den Pulitzer-Preis scheiterte am massiven Druck, den wohlhabende US-Bürger auf die Columbia University ausübten.

Juppi Perstein schied aus dem Polizeidienst aus, heiratete Garance in einem verschlafenen Le Midi -Nest kirchlich und wurde der Kompagnon des Privatermittlers Alois Stänker in “Spandau bei Berlin”. Garance ließ sich ein halbes Jahr später von Juppi scheiden. Die Ehe blieb kinderlos. Man verlor sich aus den Augen.

Die Ovationsbeihilfe – Folge III

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Jul 032010
 
Eine Kriminalkurzgeschichte in vier Folgen
Folge III – Risotto Bitter Mandel

Am dritten Tag nach dem spektakulären Selbstmord des Wachmannes auf dem Dachboden des Jobcenters, war das Wetter plötzlich umgeschlagen. Bei 24 Grad im Schatten füllten sich die Charlottenburger und die Wilmersdorfer Straßencafés. In den Biergärten wurden die Wolldecken weggeräumt und Vorkehrungen getroffen, statt der Heizpilze die Großbildschirme so zu platzieren, dass niemand daran vorbei schauen konnte, der auch nur gekommen war, kurz einen wässrigen Espresso zu tolerieren. Die Wirte hielten das für Umsatz steigernd und sollten damit leider goldrichtig liegen. Die trübe Laune der Berliner kam dem plötzlichen Bombenwetter nicht hinterher. Ratlos stierten die eben erst aufgetauten Eingeborenen auf die Mattscheiben und ärgerten sich über ein paar Touristen, deren Urlaubsstimmung schneller auf Frohsinn umschaltete, als der missmutige Gram des gemeinen Wilmersdorfers dies für gewöhnlich vermochte. Ach Berlin, deine Sommer sind viel zu kurz.

Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters kamen mit dem plötzlichen Sonnenschein nicht gut zurecht, zumal sie bei dem Wetter ab 10:00 Uhr viel lieber in ihren Lieblingscafés gesessen hätten. Die Qualitäten der amtlichen Essensausgabe wurden hier ja schon angesprochen. Um 10:10 verwirrte ein unvorhersehbarer Umstand die Gemüter der Gehaltsempfänger der Behörde allerdings noch heftiger, als das Wetter hierzu imstande gewesen war: Die Monitore im gesamten Jobcenter flackerte bunt auf und aus dem Farbenmeer kam ein Totenkopf hervor, unter dem ein Textlaufband verkündete: “Treusch dieses Schwein, hat seine Frau umgebracht! Treusch ist ein verdammtes Mörderschwein!” Du entgehst der Gerechtigkeit nicht, das schwöre ich beim Namen meiner Mutter, du Killer!”

Helle Aufregung. Der Krallengriff brachte gar nichts. Das System war offenkundig abgestürzt. Die Klienten wurden vertröstet oder gleich weggeschickt, oder saßen vielleicht noch ein Stündchen sinnlos in den Warteräumen, bevor ihnen mitgeteilt wurde, dass es EDV-Probleme gäbe, und sie schriftlich einen neuen Termin bekommen würden. Zwei Stunden später bemühten sich einige wenige Experten, die Ursache des Problems herauszufinden und scheiterten kläglich. Die Leiterin der Behörde, die sich auf einem Pressetermin befand, den ihr Pressesprecher Treusch nicht wahrnehmen konnte, wurde benachrichtigt und ordnete an, dass ihre Untergebenen den Nachmittag damit verbringen sollten, alle morgigen Termine, wenn möglich abzusagen. Es war nicht möglich, denn dazu hätte es einer funktionierenden EDV bedurft.

Juppi und sein Freund Alois saßen unterm Sonnenschirm auf alten grün gestrichenen Gartenmöbeln in bequemer Haltung. Alois gähnte und zündete sich einen billigen Burgerstumpen an. Juppis Protest verhallte ungehört. Herrka machte sich derweil in der kleinen Kochnische der Jugendstillaube zu schaffen und fabrizierte einen Kartoffelsalat mit zu viel Knoblauch, der den Geschmack der frischen Gartenkräuter völlig übertünchte. An den heißen Kartoffeln verbrannte er sich das eine ums andere Mal die Finger, pellte aber tapfer weiter. Dann brachte er drei kleine Wassergläser heraus, über deren Rand ein akzeptabler Bordeaux schwappte, der allerdings viel zu warm war, weil er kurz zuvor noch geschlossen eine Weile in der Sonne gestanden hatte.

“Gut, wie der Herr Superkriminalist meinen, der Schmitt ballert in die Decke und anschließend ballert er sich gekonnt die eigene Birne weg. Du solltest Kriminalautor werden, die denken genauso logisch”, nuschelte Alois und versuchte mit gespitzten Lippen Rauchkringel zu formen. – “Das funktioniert nur, wenn du den Stinkerstumpen Lunge rauchst, du niederbayerischer Bauernführer.” – “Komm, ja, hör’ auf, als Nächstes zitierst du aus dem Kapital, das kennen wir auch schon in Bayern, bei uns nennt man das Milchviehbestand.” – “Also gut nehmen wir mal an, der Schmitt hat ein paar zu viel von den Pillen genommen, die ihm sein Psychoonkel verschrieben hat. Das kann schon mal vorkommen, wenn man sich ganz schön schlecht fühlt. Mehr Pillen weniger Frust….Wenn er jedoch in der Lage ist, sich bei der Dosis in den Schädel zu schießen, wozu ballert er denn in die Decke, kannst du mir das mal verraten?” – “Aber wozu erörtert ihr denn die Selbstmordthese noch, wenn ihr doch beide davon ausgeht, dass er sich nicht selber umgebracht hat”, warf Herrka halblaut ein.  “Weil wir darauf kommen möchten, ob der Täter uns was zu sagen hat mit der Art, wie er vorgegangen ist, mein Junge. Vielleicht auch ohne, dass er das unbedingt mit Bedacht gemacht hat – obwohl – selbst das kommt mitunter vor.” – “Quatsch”, schob Herrka jetzt etwas energischer nach, “und vor allem, dass der Werner Pillen geschluckt haben soll, das hätte ich ja wohl in der Redaktion merken müssen, eigentlich war der nicht gedämpft, sondern eher gespeedet, wie auf Coca manchmal.” – “Ach damit hast du wohl Erfahrung Herrka”, spitzelte Juppi im Befragungston. Jetzt war Herrka beleidigt: “Nein, ich saufe Rotwein, so was sieht man doch, sehe ich vielleicht wie ein Gelegenheitskokser aus? Ist doch Scheiße das Zeug. Naja, die Jugendfotos von Werner aus der Zeitung sehen auch nicht gerade aus wie die, von einem, der mal genügend Kohle scheffeln wird, die er sich durch die Nase ziehen kann.” – “Wie kommst du denn auf Jugendfotos, Mensch? Die sind ganz aktuell aus seiner Personalakte beim Wachschutz.” – “Aber nie, niemals ist das der Werner, den wir alle aus dem Projekt kennen, der Werner, der diese dreckigen Witze über Berlusconi und den Papst erzählt hat. Da könnt ihr ja mal die übrigen Eineurosklaven fragen. Ne-he-he, die Fotos, das kann vielleicht Werner vor 20 Jahren sein, aber nicht der, den wir wir im Projekt hatten. Ich hab mich sowieso gewundert, warum die Mist-Zeitungen keine neuen Fotos von dem haben. Ich dachte vielleicht hat er einfach Dreck am Stecken oder so ähnlich!” – “Hast du das gehört Juppi, KomJupp, du alter Internationalist? Hast Du den Sinn aber vielleicht auch verstanden, Herr Kriminalhauptkommissar?” – Ja, Wasserschutz, hab ich, los zieht Euch ein Hemd über die behaarte Brust, oder lasst es. Wir fahren eine Kollegin besuchen, die ein komisches Hobby hat, das sie zu ihrem Beruf machen durfte.”

Treusch war verunsichert. Jedes mal wenn der Oberkellner Umberto den Herren an den Tischen der Trattoria ins Ohr flüsterte – mit einer Mine, als erzählte er ihnen in Gegenwart ihrer Damen etwas Unanständiges – bestellten die Kavaliere die Rechnung, wie wenn sie plötzlich etwas Wichtigeres vorhätten. Das “Monti e Mare” lehrte sich kontinuierlich; bald war Treusch der einzige Gast. Dann kehrte auch Umberto der Oberkellner nicht mehr aus der Küche zurück. Statt seiner kam ein kleiner dicker Mann mit einem übertrieben elegantem Anzug, setzte sich zu Treusch und drückte seine Zigarette in den Resten auf dem Antipastiteller aus, der traurig etwas abseits von Treuschs Risotto stand. “Wer sind sie?” – “Nun, sagen wir ein Freund eines besorgten Freundes, dem sie einen Gefallen versprochen hatten.” Der Kleine wartete, bis Treusch sich anschickte etwas zu vermelden, und fuhr ihm dann sogleich ins Wort: “Ich muss mich entschuldigen Signore, das Risotto ist scheußlich, wirklich! Ich habe eben davon probiert; es ist eine Schande für unsere Haus. Umberto, bring’ unserem deutschen Freund doch ein anständiges Risotto, eins, an das er sich immer mit Dankbarkeit erinnern wird. Subito Umberto. Ein Spezialrezept von meiner Mama, Signor Treusch. Wenn ich nicht so in Eile wäre, würde ich sie meiner Mama vorstellen. So müssen sie mit dem vorlieb nehmen, das ihnen Umberto bringt. Es ist auch nicht schlecht, wirklich nicht – ahh – da kommt unser Umberto schon.”

Das schnippische Lächeln, mit dem er eben die Gäste hinauskomplimentiert hatte, war aus Umbertos Gesicht gewichen. Eine gewisse Blässe machte sich stattdessen in seinem südlichen Teint breit, die Treusch beunruhigte. Andererseits, was sollte er zu befürchten haben. Sein Verstand sagte ihm wohl, dass es sich bei dem Theater, das der Zwerg da veranstaltete, um eine grobe Unhöflichkeit, allenfalls aber um eine Drohgebärde handele. Nun, damit kannte er sich aus. Er sandte dem fetten kleinen Mann in dem übertriebenen Anzug einen unverschämt kühlen Blick in sein lächerliches Gesicht zurück. “Sie irren sich, Herr, wie war gleich ihr Name, ich glaube sie hatten sich mir noch nicht vorgestellt, das Risotto im “Monti e Mare” ist vorzüglich, wie immer vor-züg-lich”, wiederholte er mit leicht erhobener Stimme. “Umberto, il conto prego.” Mit leicht zitternder Hand stellte Umberto die zweite vorzüglich duftende Speise, ein Mandel-Wirsing-Risotto, vor Treusch auf den Tisch und entfernte sich rasch und wortlos. Der kleine fette Mann zog ein winziges braunes Plastikfläschchen aus der linken Seitentasche seiner Anzugjacke und postierte es direkt neben Treuschs dampfendes Risotto. Als Treusch Anstalten machen wollte, das Gedeck und den kleinen Mann hinter sich zu lassen, hielt der Unverschämte seine 9 mm Smith & Wesson Long Slide auf den Deutschen gerichtet, der jetzt doch nach Luft schnappte. “Probieren sie von dem Risotto, Herr Treusch. Besonders gut schmeckt es, wenn sie noch etwas frisch gepresstes Mandelöl von meine Mama drüber tun. Nur zu, ich nehme an, sie haben heute Abend nichts mehr vor.” Dabei wurde seine Stimme ruhiger und fast gedämpft. Treusch schüttelte nur den Kopf. Da rief der Kleine wieder Richtung Küche: “Umberto, würdest du bitte unserem Gast etwas von dem Mandelöl meiner Mama über das Risotto tun?” Statt Umberto kam eine zierliche Frau aus der Küche an den Tisch. Umbertos Frau, die berühmte Köchin im “Monti e Mare”, die zuvor niemals an ihre fünf Sterne gedacht hatte. Über ihre feingliedrigen Hände hatte sie gelbe Gummihandschuhe zum Putzen gestülpt. Vorsichtig öffnete sie das kleine braune Plastikfläschchen und schüttet den gesamten Inhalt über Treuschs Risotto. Sie blieb am Tisch stehen. Treusch starrte sie flehend an, doch sie blickte in die Ferne, wie wenn man allein ist, und in der Nacht aufs Meer schaut. “Jetzt riecht es wie das Risotto meiner Mama, Herr Treusch, nach frisch geschälten bitteren Mandeln. — Los probier’ das Risotto, oder willst du mich beleidigen”, brüllte der kleine Fette, ohne Vorwarnung in die Tonhöhe fallend, in der auch Treusch seine ungewollten Lacher ausstieß. In irrer Panik griff Treusch mit beiden Händen in das hübsch angerichtete Reisgericht und verschmierte den unansehnlichen Brei wie ein sabberndes Kleinkind in seinem Gesicht. Den Mund hielt er geschlossen. Er wollte weinen. Er konnte nicht. Alles in ihm war ausgetrocknet. “Los, friss deinen Reis, Treusch. Friss du Schwein, du widerst mich an”, keifte der Fette. Treusch versuchte seinen Mund zu öffnen, es gelang ihm nicht. Aber da hatte die Blausäure schon den Weg zu den Schleimhäuten seiner Augen und seine Nase gefunden. Er erstickte innerlich und sein Hinscheiden offenbarte dieselbe jämmerliche Aufführung jeglichen Sterbens.

Herrka trat gestützt von Juppi vor die Tür der Pathologie und kotzte Rotwein mit Kartoffelsalat. “Ich habe dir gesagt, du sollst dir nichts mehr reinstopfen. Mann oh Mann, kotze dir nicht auf die Hosenbeine und mir schon gar nicht. Gut. Das da im Kühlfach war nicht dein Werner, der Werner aus deinem Zeitungsprojekt, stimmts?” Herrka spuckte aus und nickte mit dem Kopf. Sein dünnes Haupthaar war verschwitzt und angeklatscht. “So, jetzt geh’n wir zu dir und du gibst mir alle Telefonnummern – von sämtlichen Leuten aus dem Projekt. Das wird ein hübscher kleiner Auflauf. Herrka brachte noch einen winzigen Kotzschwall hervor, dann spie er erneut und versuchte mit Spucke zu gurgeln. “Was ist, mit Auflauf meinte ich nichts zu essen.” Erneut versuchte Herrka zu spucken aber sein Mund war so trocken wie nach einer durchzechten Nacht. “Wenn ich die noch alle habe”, stöhnte er heiser und hüstelte. – Wenn du drei hast, ist schon mal gar nicht schlecht. Ihr werdet mir alle diesen falschen Werner beschreiben, oder besser gesagt nicht mir, sondern dem Kollegen, der am Computer das Phantombild von eurem Witzbold macht.”

Alois Stänker zog an der Zunge eines geschmacklosen Messinglöwenkopfs, der die Mitte einer ebenso hässlichen italienischen Facettentür zierte, gleich unter einem Messingschild. Dort stand in den Versalien einer Calligraph Schrifttype: Familie Treusch. Nach etwa 5 Sekunden heulte im Innern eine New-Yorker Polizeisirene auf. Alois trat ein wenig zurück und hielt instinktiv eine billige, in Plastik eingeschweißte Karte in die Höhe, die ihn als Privatermittler ausweisen sollte. Nichts tat sich. Er ging um das Kleinmachnower Haus herum, auf dem nicht nur die Hypotheken lasteten. Auf der Terrasse erblickte er durch die geschlossene Verandatür zwei nackte Unterschenkel, die über einer ziemlich kostspieligen elfenbeinweißen Ledergarnitur hingen. Die Füße daran bewegten sich und krampften, wie ihm auffiel. Eindeutig, sagte Alois zu sich selbst. Eine Frauenstimme brüllte, dann kamen einige langanhaltende männliche “Atmer” in den bekannten Tonlagen hinzu. “Eindeutig,” sagte der gewesene Wasserpolizist. Langsam ging er wieder zur Eingangstür und zog nun im rhythmisch an der Zunge des Löwen. Die Polizeisirene verkündete mindestens den Überfall auf die Bank of New York. Der Kerl, der Stänker die Tür öffnete, war Ende 40, muskulös mit einem kleinen Bauchansatz, der sich verräterisch unter dem schwarzen Bademantel abzeichnete. Ein rot-goldener Drache war auf den schwarzen Seidenstoff gestickt. Hier ist alles billig, dachte Stänker. Der Mann setzte seine randlose Brille auf die platte Boxernase, unter der die kleine Narbe einer Mensur rosarot unter Schweißperlen glänzte – keine große, nichts Gefährliches, nur zur gesellschaftlichen Zierde.

“Wir kaufen nichts”, blaffte ihn der Mann mit der Überheblichkeit des Emporkömmlings an. “Entschuldigen sie bitte die Störung, Herr…”, versuchte Stänker den urältesten aller Tricks und hielt jetzt seine Plastikkarte wieder in die Höhe. “Ach, ne, sie sind wohl nicht von der Versicherung”, sagte der Mann, “das ging aber schnell, also Moment mal, wir haben es doch vor drei Stunden erst erfahren.” Der Mann biss sich auf die Lippe. “Wer sind sie, zum Teufel, und was wollen sie hier?” – “Mein Name ist Alois Stänker, Privatermittler, und ich würde gern ein paar Worte mit Fräulein Treusch wechseln, bezüglich ihres Vaters und des plötzlichen Todes ihrer Mutter.” – “ Ja, möchten sie das? Dann verlassen sie mal unverzüglich das Grundstück. Ansonsten sehe ich mich gezwungen die Polizei zu rufen und gegen sie Anzeige wegen Hausfriedensbruchs zu erstatten. Wenn sie noch einen Rest von Anstand hätten, wären sie nicht unmittelbar nach dem tragischen Tod meines besten Freundes Treusch, des Vaters von Eleonore, hier aufgekreuzt. Sie hat einen Nervenzusammenbruch erlitten und befindet sich in ärztlicher Obhut.” – “Dass es ihr nicht gutgeht, habe ich eben beobachten können, Herr…” – “Limburg, Oberstaatsanwalt Limburg, wenn es ihnen nichts ausmacht. Merken sie sich den Namen, Herr, er wird ihnen noch begegnen.” – “Davon bin ich überzeugt”, antwortete Alois ruhig. “Und, was sie da gesehen haben wollen, zischelte der Oberstaatsanwalt und zog den Gürtel seines Seidenmäntelchens fester“, ist ja absurd. Und jetzt sehen sie zu, dass sie sich trollen, Mann.” – “Schon gut, schon gut, Herr Oberstaatsanwalt, ich befolge ihre Anweisung.”

Stänker machte auf dem Absatz kehrt und ging zum Wagen. Als er davor stand, drückte er mechanisch auf den Zündschlüssel in seine Hosentasche, wie er das bei seinem BMW immer tat, bis ihm einfiel, dass an der “Mistkarre” von Juppi die Zentralverrieglung kaputt war, seit er denken konnte. “Scheißkarre. Scheiß Oldtimer, Scheiß der Hund drauf!” An Juppis Schreibtisch klingelte das Telefon. “Jupp, es ist dein Busenfreund, ich lege auf”, flötete die Stimme einer jungen Kollegin.

Am kommenden Sonntag lesen Sie hier die IV. und letzte Folge  - La forza del destino.

Die Ovationsbeihilfe – Folge II

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Jun 272010
 
Eine Kriminalkurzgeschichte in vier Folgen
Folge II – Menschlich gesehen

“Der Herrka ist ein kleines Licht und ein großer Spinner, aber davon gibt’s ja genug”, wandte sich der Untersuchungsrichter an den Staatsanwalt, der ihm am Limoautomat auflauerte. “Also wenn Sie da nicht mehr haben, der wohnt seit 20 Jahren in der gleichen Bude, hat keine Vorstrafen und eine Tatbeteiligung bei der Schießerei schließt die Kripo aus, also was wollen sie? Fürs Übernachten im Jobcenter kriegt er von mir kein Bett in Moabit. Am besten sie ziehen den Antrag zurück, Herr Kollege.”

“Aber Jessen, der weiß doch mehr, als er uns sagt, diese Geschichte mit dem Telefonat und den Hampelmännern auf dem Dachboden ist doch Humbug, da lenkt er doch ab. Und in ein paar Tagen können wir dann die polnischen Kollegen bemühen. Sie sind doch lange genug dabei, um zu wissen, wie sowas geht!”

“Martin, ich weiß, dass sie den Perstein nicht abkönnen, aber glauben sie mir, der kann ihnen genau sagen, wann der Herrka aufs Klo geht. Mit mehr werde ich ihnen beim besten Willen im Augenblick nicht dienen, Herr Kollega, es sei denn, sie sagen mir, warum sie so scharf auf den Herrka sind. Ziehen sie den Antrag nun zurück?”

Karl Heinz Jessen und Martin Limburg waren der gleiche Examensjahrgang; sie studierten die Jurisprudenz an der gleichen Uni bei den gleichen Professoren, aber mehr hatten sie nicht gemeinsam. In Jessens Familie gab es seit vier Generationen Juristen, die meisten davon waren Richter oder Staatsanwälte geworden, einer juristisches Allgemeingut, als er in der Ära Adenauer dem Staatssekretär Hans Globke missfiel, weil er mit der Praxis von Strafrechtskommentaren aus der Nazizeit aufzuräumen begann.

Martin Limburgs Eltern waren geschieden. Vater Limburg war Pfarrer in einem kleinen havelländischen Dorf, Martins Mutter Oberärztin in der Psychiatrie eines Kreiskrankenhauses. Limburg war ein glühender Verfechter der Theorie vom “Unrechtsstaat DDR” und ein Kommunistenfresser. Und er stimmte mit dem frühen Sebastian Haffner darin überein, dass die deutschen Kommunisten Hitler erst ermöglicht hätten, weil sie keine Demokraten sein wollten. Und also standen Faschisten und Kommunisten für Limburg auf einer Stufe. Wenn er etwas älter gewesen wäre, hätte er auch Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten werden können.

“Es wird mir ja nichts anderes übrigbleiben, sie Menschenfreund”, entgegnete Martin Limburg dem Richter, und seine Stimme nahm auf den Worten “sie Menschenfreund” einen unchristlich spitzen Klang an, etwa dem eines preußischen Oberleutnants vergleichbar, der ein Dienstmädchen geschwängert hat und nun den Vater derselben zum Duell fordert, falls er seine Dreistigkeiten sowie seine schandhafte Tochter nicht zurücknehmen will. “Ach wissen sie”, entgegnete Jessen, “sie haben doch im Grunde auch Freunde unter den Menschen, oder? Es muss ja nicht jeder Mensch so satisfaktionsfähig wie sie sein, Limburg.”

Nach gut vier Stunden war Herrka wieder auf freiem Fuß und in seiner Charlottenburger Wohnung. Es ärgerte ihn, dass er den Beamten die Geschichte mit dem Telefonat überhaupt erzählt hatte und noch mehr, dass er nicht einfach die Finger von der ganzen kruden Sache gelassen hatte. In seinem eintönigen Leben war etwas passiert, und dem war er wie ein Depp auf den Leim gegangen. Selber Schuld, dachte er, und beschloss einige Tage in der Gartenlaube eines Freundes zu verbringen, um die Sache zu vergessen. Er klaubte Körperreinigungsutensilien und ein paar Klamotten zusammen, und sah sich nach einer geeigneten Lektüre für den Garten um. Vielleicht “Der Schupfen”, nein – vier ungelesenen “Ed McBains”, bloß nicht – “Die Kartause” vielleicht oder besser, ja: “Jürg Jenatsch” war schon mal sehr gut und dann noch Gionos “Deserteur”, so war ihm jetzt. Bloß weit weg. Als er mit dem dicken alten Bundeswehrrucksack auf dem Rücken vor die Tür trat, bat ihn Juppi, der Mann der ihn nächtlings in den Bauch getreten hatte, um eine Unterredung.

“Herr Herrka, ich komme, um mich bei Ihnen zu entschuldigen. Aber ich musste davon ausgehen, dass sie was mit der Schießerei zu tun haben. Wie geht’s ihnen?” – “Also das ist jetzt wirklich der Gipfel! Was spitzeln sie mir denn jetzt hier nach, sie sind wohl rund um die Uhr Bulle, was? Macht’s ihnen Spaß mir auf den Sack zu gehen?” – “Ne, Herr Herrka, ich bin nicht im Dienst, in diesem Fall wirklich nicht. Und wenn sie jetzt vorhaben, zu verreisen, noch weniger. Dann hat der Staatsanwalt nämlich genau was er braucht, um sie doch noch einzubuchten, verstehen sie? Ich fliege dann, wie ich es vorhatte, zu meiner Freundin nach Algerien. Und denn sprechen wir uns in drei Wochen wieder, nach ihrem Haftprüfungstermin – das nächste Mal allerdings im Dienst. Also, wohin soll’s denn gehen, Herr Herrka?” – “Das geht sie einen feuchten Kehricht an. Beschatten sie mich doch, oder wie ihr Bullen dazu sagt, dann wissen sie ’s.” – “Herrka, auch wenn sie mir das jetzt nicht glauben können, ich mein’s wirklich gut. Haben sie schon was gefrühstückt? Lassen sie uns doch in der Bäckerei da drüben einen Kaffee trinken. Ich möchte die Geschichte mit dem Telefonat noch mal von ihnen wissen, und zwar ganz genau, alles woran sie sich erinnern, ist ja noch nicht so lange her. Ich glaube nämlich nicht, dass sie das erfunden haben. Der Staatsanwalt ist da aber anderer Meinung. Und ich frage mich, warum er meint, sie wollten uns da von was ablenken und wüssten mehr. Vielleicht will uns ja der Herr Staatsanwalt von was ablenken, was meinen sie? Übrigens haben sie ganz großes Schwein gehabt, dass der Richter das auch anders gesehen hat, als der Staatsanwalt. Sonst säßen Sie nämlich jetzt in Moabit, Herrka. Wenn sie jetzt mit unbekanntem Ziel, na sagen wir mal, verreisen, könnten Böswillige sich daraus einen Haftgrund basteln! Wissen sie, was ich meine?”

“Ich verstehe rein gar nix, und ich will es auch gar nicht verstehen – im Grunde ist mir das alles zu viel, alles: der Quatsch, den sie mir da erzählen, ist für mich genauso unwirklich, wie Werners Anruf gestern Morgen, wie die Nachrichten im Radio oder Mariae unbefleckte Empfängnis, verstehen sie jetzt was ich meine? Was hat mich nur geritten in diesem Scheißgebäude zu übernachten?” Herrkas Stimme baute näher und näher am Wasser.

“Kommen sie, eine halbe Stunde, ein, zwei Plunderteilchen, eine Tasse Kaffee, da können sie nichts falsch machen Herrka, bitte!” – “Meinetwegen, weil sie so schön “bitte” sagen und so schöne blaue Augen haben.”

Aus der Unterredung in der Bäckerei wurde ein dreistündiges Gespräch. Als die Männer sich verabschiedeten, hatten beide das Gefühl, dem anderen über den Weg trauen zu können. “Ich kann sie noch dahin fahren, in ihre Laube”, bot Juppi an. “Ne, ne, nach allem was sie mir da erzählt haben, isses wohl besser, ich nehme die S-Bahn”, erwiderte Herrka. “Das wäre nicht so schlimm, aber sie haben Recht, besser sie nehmen die S-Bahn, wenn sie fährt!” Herrka grinste, deutete mit dem Zeigefinger leicht auf Juppi und machte sich ohne ein weiteres Wort des Abschieds auf zum S-Bahnhof Charlottenburg, wo der Zug nach Potsdam gerade einrollte.

Die Untersuchung der Projektile von der Jobcenter-Schießerei ergab keine Übereinstimmung mit irgendeiner bekannten Waffe aus der Kartei. Die Spurensuche sammelte fleißig, doch nichts davon war irgendwie zu verwerten. Manchmal macht sich die Sammelwut viel später bezahlt, aber in diesem Fall schien es wirklich aussichtslos. Publikumsverkehr gab es im 12. Stockwerk des Jobcenters im Gegensatz zu den Etagen darunter kaum. Manchmal verirrte sich hierher wohl eine Fahrradkurierin oder ein Journalist, der eingeladen war, eine weitere Erfolgsmeldung zu der Story “Fördern und Fordern” in Empfang zu nehmen. Der giftgrüne Lackpömps, den Herrka nicht loslassen wollte, war der Kriminaltechnik zufolge nahezu ungetragen. Wie sich herausstellte, stammte er von einer Shopping Tour in der Mittagspause und war aus einem Schuhkarton, der in der untersten unabgeschlossenen Schreibtischschublade von einer Mitarbeiterin im Zwölften zwischengelagert wurde. Sie hatte auch vergessen ihr Büro abzuschließen; und der indiskrete Herrka, dem der Farbton an eine Handtasche seine Mutter erinnerte, hatte beide nigelnagelneuen Pömps aus dem nigelnagelneuen Schuhkarton geklaut. Bei der Ballerei in Panik geraten, ging er des Schuhkartons und des einen Pömps leider verlustig. Letzterer fand sich jedoch im Treppenhaus wieder und war ebenfalls nicht öfter als zweimal getragen. Ein unscheinbares Detail konnte den Forensikern jedoch nicht aufstoßen, denn es befand sich in Herrkas Gesäßtasche und war den Beamten bei der Visitation durch die Lappen gegangen. Ein zerknüllter Zettel, auf dem nichts stand. Herrka hatte ihn Juppi in der Bäckerei anvertraut.

Giesbert Treusch, 54 Jahre, Witwer, wohnhaft in einem hübschen Kleinmachnower Einfamilienhaus, Baujahr 1920 war bemüht, den Imageschaden für seine Institution in Grenzen zu halten: Mit geringerem Erfolg, denn seine Institution hatte ohnehin ein ganz mieses Image. Natürlich lag das nicht an der Behörde und deren Mitarbeiter, sondern daran, dass diese und das Gesetz, das ihr zugrunde lag, politisch schlecht gearbeitet waren. Die Schuld lag bei den Politiker. Eindeutig. Vielleicht war es sogar ein klein wenig unangebracht, ein paar Hasardeuren aus dem privaten Bankensektor, ein paar Bankrotteuren aus der Finanzwirtschaft, Milliarden in den Rachen zu werfen. Unter dem Gesichtspunkt der alltäglichen, entnervenden Erfahrungen mit der schmarotzenden Klientel, war es das gewiss. Und deshalb schickte Treusch seine Tochter auch vorsorglich auf die Waldorfschule und nicht in die staatliche. Trotzdem wünschte sich Giesbert Treusch in mancherlei Hinsicht das gute alte Sozialamtsmodel zurück, in dem er selbst gedient hatte. Auch dort hatte es Scherereien mit den Sozialhilfeempfängern gegeben, aber die waren verglichen mit dem was jetzt hier passierte ja geradezu folkloristisch. Und jetzt war das Haus abzubezahlen und es fehlte das zweite Einkommen. Die Schule und das Kind überhaupt fraßen ihm die Haare vom Kopf. Der Schein wollte gewahrt, der gesellschaftliche Status musste aufrecht erhalten werden. Das Geld wurde knapp.

Auf die drei bis vier kleinen Abstecher, wie Treusch das nannte, konnte er nicht verzichten. Kurzreisen übers Wochenende zu Opernbesuchen in den europäischen Metropolen, Übernachtung in erstklassigen Hotels, Nachtmal mindestens in einem 5-Sterne-Schuppen, besonders schwärmte er für Mailland oder besser: dessen kulinarische Umgebung, wie er sich auszudrücken pflegte. Auf den dunkelbraun lackierten Maserati Mistral, den er sich erst kurz vor der Erkrankung seiner Gattin zugelegt hatte, wollte er auf keinen Fall verzichten; eher hätte er seine Tochter in die Sklaverei verkauft. Doch die Ausgabenseite wuchs schneller als die der Einnahmen. Wenngleich Treusch ein hervorragender Vortragsredner war, der gerne angefragt wurde, weil er kein “Blatt vor den Mund nahm”, wie ihm vonseiten der einladenden Sozialwissenschaftler immer wieder bestätigt wurde; Treusch hätte es lieber gesehen, wenn ernstzunehmende Vertreter der privaten Rentenversicherer, Krankenhauskonzerne, Banker und Vordenken aus den liberalen Think Tanks an seinen Lippen gehangen hätten. Aber die fragten ihn nicht an.

Treusch war kurz gesagt der Ansicht, dass es einfach zu viele Transfergeldempfänger gab und zu viel “Wischiwaschi”, wie mit ihnen zu verfahren sei. Keine solide gesetzliche Grundlage, keine brauchbaren Ausführungsvorschriften und also Ermessensspielräume, die nichts taugten und endlich dementsprechend die peinliche öffentliche Einmischung des Justizapparates in seine alltäglichen Angelegenheiten zur Folge hatten. Das alles konnte er als Sprecher seiner Behörde der Presse natürlich so nicht erzählen. Und die Presse stand Schlange nach der Sache auf dem Dachboden. Manchmal fragte sich Treusch, wie viele Türen des Nachts eigentlich tatsächlich im Gebäude nicht abgeschlossen wurden. Kein Wunder. Die Leute waren ein zusammengewürfelter Haufen, nichts wert, hielten nichts aus, wurden alle Nase lang krank – Personalüberhangmaterial, notdürftig zusammengeschusterte Abteilungen, die überflüssigerweise auch noch alle drei Jahre umstrukturiert werden mussten, um einzusparen oder einen tollen Erfolg beim Abbau überflüssiger Bürokratie vermelden zu können. Alles Murx. Murx ist die Praxis, dachte er, aber Gott dem Allmächtigen sei es gedankt, ist Marx bei uns nicht die Theorie Wenn wir allerdings so weitermachen müssen, dann wird sie es vielleicht demnächst. Und vor diesem Gespenst hatte der Amtmann fürchterliche Angst. Also ging er, unbefriedigt trotz seiner eigenen kühnen Gedanken, in die Mittagspause. Treusch musste auf seine Mahlzeit in der viel besseren Kantine des Finanzamts neuerdings verzichten und im Hause speisen, wenn man das so nennen konnte. Dennoch war er häufiger zu Tisch, als dies seine Vorzimmerdame so nennen konnte, die gar nicht mehr nachkam, mit der Erfindung von Lügengeschichten, in welchem lebensnotwendigen Meeting sich ihr Vorgesetzter nun schon wieder wahrscheinlich befinden möchte.

Als sich Treusch das Glasschälchen mit der auf Wasserbasis bereiteten roten Grütze aufs Tablett stellte, verfluchte er innerlich das Schneckentempo der Ermittlung im Selbstmordfalle Werner Schmitt. Dieser Idiot, kochte Treusch, doch sein Gesicht blieb ausdruckslos dabei, dieser Volltrottel, der der Welt etwas zu beweisen gedachte. Der die Welt vielleicht sogar verändern wollte. Und hier entfuhr ihm ganz ohne einen für Außenstehende ersichtlichen Grund, der schrille spöttische Lacher. Treusch blickte sich um, niemand schien die kurzzeitige Entgleisung aufgefallen. Und indem Treusch das Tablett auf einem unbesetzten Tisch abstellte, den nach Anerkennung heischenden Blick eines Angestellten missachtete und sein Besteck in Reih und Glied antreten ließ, stellte er fest: Dieser Vollidiot verfault jetzt, und es könnte mir völlig wurscht sein, aber die Hoffärtigkeit zu besitzen, mit dem eigenen, miesen kleinkarierten Leid fremde Menschen zu beschäftigen. Was für ein Arschloch. Was der sich herausnimmt, dieser Wurm, der noch bis vor kurzem selbst hier auf der Matte stand. Das konnte der Treusch dem Wachmann nicht verzeihen, diese Borniertheit, wie er es nannte.

Tags darauf kam Juppi Perstein unangemeldet in Treuschs Büro und erfuhr von seiner Mitarbeiterin, dass Giesbert Treusch sich krankheitshalber vier Tage abgemeldet, jedoch nicht krankgemeldet, sondern Urlaub genommen habe. “Manchmal ist er ein klein wenig zu korrekt”, erklärte die Dame, die ein der Jahreszeit entsprechendes geblümtes Kostüm aus minzgrüner Seide trug. Rechts neben ihrem Schreibtisch standen kokett eine paar aufreizende schwarze Lacklederpömps. Während Perstein ihr ebenfalls lackierten Fußnägel betrachtete, kam ihm ein Gedanke.

“Welche Schuhgröße haben sie, wenn man fragen darf?”

“Sie dürfen nicht, es sei denn sie verraten mir ihre”, antwortete die Mitarbeiterin, die ihre lackierten Fußnägel unter den Blicken von Juppi Perstein auf einmal kritisch betrachtete. Sie blickte jetzt zu dem athletischen Typen auf und stellte fest, dass er sehr frisch aussah, erstaunlich frisch.

“46″, schnurrte Juppi, “aber leider habe ich zwei unterschiedlich große Füße. Es ist wirklich ein Drama für mich anständige Schuhe zu finden, die mir gefallen und auch noch an beiden Füßen passen.” Das hatte offensichtlich gesessen. Denn die Dame bot ihm nun durch die Blume an, dass sie ihm beim nächsten Schuhkauf gerne behilflich sein würde, er könne ohne Scheu darauf zurückkommen, wenn es bei ihm wieder mal soweit sei, denn sie wäre wohl zweifellos eine Expertin, nicht nur für Damen-, sondern auch für Herrenschuhe.

“Ach, könnten sie mir unter Umständen ihre Handynummer mitgeben? Nur, falls ich ermittlungstechnisch noch irgendwelche Fragen an sie haben sollte?” – “Ich habe kein Handy”, log die Brünette, “aber sie wissen ja, wo ich von Montag bis Donnerstag zu erreichen bin.” – “Ja, ach und noch eine Kleinigkeit”, log nun auch der Hauptkommissar, “wissen sie zufällig, wohin es ihren Chef gezogen hat?”

“Nach Mailland”, gab die Dame sehr kühl zurück, denn ihr war nun vollends Persteins Absicht aufgegangen, zwar spät aber noch nicht zu spät. Sie fand es unfair, dass der ansehnliche Mann sie nur umgarnt zu haben schien, um sie auszuhorchen und wollte das den Kindskopf spüren lassen. Der KomJupp hielt es im Augenblick für zwecklos, sie nach dem Hotel zu fragen, in dem sich Treusch in dieser Nacht in Mailand aufhalten würde.

“Die Schuhe führen uns kein Stück weiter”, brüllte Juppi in die billige Freisprechanlage, die er irgendwann eigenhändig auf die abgeschabte Konsole seines alten Citroën DS geklebt hatte. “Und was haben wir sonst?” Ein guter alter Kollege, der seit seinem Rauswurf bei der Wasserschutzpolizei privat ermittelte, brüllte seinerseits in das Handy, das er mit der einen Hand an sein Ohr presste, während er mit der anderen am Ruder eines geliehenen Speedbootes fingerte und dabei kurzzeitig in eine nur für Außenstehende bedenkliche Schieflage geriet.

“Mann, jetzt halt doch mal an, Du Irrer”, plärrte Juppi in die Freisprechanlage, “man versteht ja kein Wort.” Das dröhnende Geräusch, das verzerrt aus den schlechten kleinen Lautsprecher drang, wurde leiser und verstummte dann ganz. Perstein meinte Wellen zu hören, die an die Bootswand stießen, aber es waren leider die Blubbse der Hydraulik seiner eigenen Schüssel.

“Was hast Du gerade gesagt?” – “Dass Du Dein teures Spielzeug mal bremsen sollst.” – “Bremsen, typisch Landratte. Holst du mich in Kladow ab, falls Deine Rostschüssel es noch bis dahin schafft? – “Stinker, wage dich ja nicht, meine Auto zu beleidigen, sonst schicke ich Dir eine paar von meinen ehemaligen politischen Freunden, die dir das Spielzeug abfackeln, das du dir von dem Angeber geborgt hast.”

Am Steg in Kladow nahm Juppi seine Freund und Kollegen, die Wasserratte Alois Stänker in Empfang. Sie ballten die rechte Faust zum Arbeitergruß, sprachen wenig und fuhren Richtung Potsdam, wo sie mit Herrka verabredet waren. Es wurde dunkel über der BRD. Im Mailänder Teatro alla Scala ging der Vorhang zu einer mittelprächtigen Inszenierung auf, die zudem teilbestreikt wurde. Mindestens ein Dutzend weniger Balletthäschen in Charles Gounods Fünfakter “Faust” waren die Folge. Treusch schien vom Pech verfolgt und verließ das Theater in der Pause, um sich ein ausgedehntes Nachtmahl in der Via Privata della Bindellina zu gönnen.

Nächsten Sonntag lesen Sie hier die Folge III - Risotto Bitter Mandel.

Die Ovationsbeihilfe I

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Jun 202010
 
Eine Kriminalkurzgeschichte in vier Folgen
Folge I – Vier Stricke und ein fassadenkletternder Bulle

Bernhard Herrka entsprach keiner gesellschaftlichen Norm. Er war aus dem vorigen Jahrhundert und bemühte sich, in diesem, so gut es ging, zu überleben. An einem ungewöhnlich kalten Junimorgen läutete das alte schwarze Bakelittelefon. Herrka war gerade dabei, die Reste seines Haupthaars zu shampoonieren. In seiner Jugend hatte er in sein dunkelblondes, sehr dünnes Haar einen ganzen Batzen von dem Haarwaschmittel geben müssen. Jetzt reichten ein paar Tropfen von dem teuren Biershampoo, das angeblich Fülle ins Haar bringen sollte. Herrka stieg aus der Wanne, in der er duschte. Wenn er dies eilig tat, dachte er jedes mal an den Sturz von Rudi Dutschke, der eigentlich an den Spätfolgen des faschistischen Attentats gestorben war, das die Springerpresse herbei gehetzt hatte. Aber tot ist tot, egal ob man sich am Badewannenrand den Hals bricht oder nach dem Orgasmus im Bett einen Herzkasper kriegt. Herrka versuchte, seine Bewegungen beim Aussteigen präzise zu koordinieren. Mit der Körperbeherrschung hatte es bei ihm krankheitsbedingt phasenweise immer wieder stark nachgelassen. Besonders dann, wenn er in der Depression schwamm und sich wenig bis gar nicht bewegte. Ohnehin hasste er Bewegung, die keinem ersichtlichen Zweck diente, also auch das ganze Sportprogramm, das ihm sein behandelnder Arzt ans Herz gelegt hatte, um nicht zu sagen, befohlen.

Das Telefon läutete bereits zum fünften Mal, als es Herrka unabgetrocknet und frierend endlich geschafft hatte, den Hörer von der Gabel zu nehmen. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine arme Callcenteragentin, die man verdonnert hatte, Leute zu belästigen, und die das mit Scham in der Stimme tat, weil sie das für besser hielt, als sich von den Willkürlichkeiten des sogenannten Jobcenters Gewalt antun zu lassen.

“Scheiße!” brüllte Herrka in den Apparat und knallte den schweren Hörer in die Gabel. Fehlt nur noch, dass die Zettelknilche wieder ausgerechnet bei mir klingeln, um ihr Altpapier auf die Briefkästen zu verteilen, dachte Herrka wütend. Dieser ganze Mist. Seine Haarwäsche setzte er am Handwaschbecken fort. So geladen, wie er war, hatte er Sorge, er würde bei der Prozedur rein in die Wanne, raus aus der Wanne, diesmal wirklich ausgleiten und sich das Genick brechen. Dieser ganze Bereich der Halswirbelsäule war ohnehin ein stetig sprudelnder Quell des Schmerzes, der ihm in regelmäßigen Abständen die Hölle der Migräne bescherte. Nur langsam, dachte er. Überhaupt: Für wen soll diese ganze Tempospinnerei in diesem tollen neuen Jahrhundert eigentlich gut sein. Für mich nicht. Und von wegen neues Jahrhundert: Gar nichts ist neu. Es ist das gleiche alte beschissene Gewese, das diese dumme Menschheit um sich macht. Die meisten nehmen sich so wichtig, dass sie ständig Gefahr laufen, vor Wichtigkeit zu platzen und andere mit ihrer Wichtigkeit zu besudeln. Gut, es gibt ein neues Vokabular, aber wozu taugt es? Es destilliert aus einer ehemals schönen Sprache die qualvolle Erfahrung der Sinnlosigkeit des Sprechens, der Formulierung, weiter nichts. Es ist belästigend und überflüssig wie ein Kropf, irgendwem etwas mitteilen zu wollen, es ist mit dieser Sprache geradezu obszön.

Herrka trocknete sich ab und frottierte das ausgedünnte Haupthaar. Er betrachtete die unregelmäßigen grauen Stellen an den Schläfen im Spiegel über dem Waschbecken, als sich das Telefon erneut meldete. Gelassen schritt er, das Handtuch diesmal unter dem umfänglichen Bauch verknotend, und nahm den Hörer ab, nachdem die hübsche Glocke zum dritte Mal geschellt hatte. Atemlos und erregt meldete sich ein Bekannter.

“Werner hier, Du hör mal, du hast doch eine gute Kamera oder?”

Herrka hatte zwar eine, aber sie funktionierte nur, wenn sie Lust dazu hatte. Das war lästig aber im Prinzip OK. Im Übrigen misstraute Herrka diesem Werner, den er von einem furchtbar peinlichen Eineurojob kannte. Werner war zum Wachmann avanciert, soviel war Herrka zu Ohren gekommen, aber wen oder was Werner nun zu bewachen hatte, war Herrka bei dem Tratsch, den er hasste, nicht mitgeteilt worden, oder es war ihm einfach entfallen. Er bemühte sich jedoch, neutral zu formulieren, damit sein Unwille den schlechten Bekannten nicht verletzten möge.

“Ja, Werner, tut mir Leid, die ist leider im Arsch. Mal geht sie, mal nicht.”

“Egal, du bist der Einzige, den ich bis jetzt erreichen kann. Hier oben bietet sich einem ein schöneres Bild, kann ich dir sagen, also ich weiß nicht…eigentlich doch eher ein schauderhaftes…

“Wo bist Du denn, verdammt noch mal? Ich höre irgendeinen Elektromotor im Hintergrund.”

“Ich bin auf dem Dach vom Jobcenter… Hier hängen nebeneinander drei Typen und eine Frau, aufgebaumelt, verstehst Du? Alles Sachbearbeiter, die Frau ist Abteilungsleiterin oder so…”

Herrka verstummte. “Hey, Herrka, bist Du noch da?”

“Ja, verdammt ich bin noch da, und du? Bist du jetzt völlig durchgeknallt, oder soll das ein blöder Gag sein, um mich mit der Kamera in deine versiffte Bude zu locken? Wie willst Du überhaupt da rein gekommen sein?”

Langsam dämmerte Herrka, dass an der wahnwitzigen Schilderung doch etwas dran sein musste, denn Werner war zwar ein intrigantes Arschloch, aber nicht bescheuert. Und jetzt fiel es Herrka auch wieder ein, dass Werner das Jobcenter bewachte. Ein Superjob für ein Arschloch, dachte er.

“Ist doch jetzt schnuppe, Herrka, komm her, nimm die Kamera und das Handy mit. Wenn du vor der Tür bist, rufst Du mich an, und ich erkläre dir, wie du über die Tiefgarage hier reinkommst. Da gibt es so ‘ne Tastatur, wo du ’nen Nummerncode eingeben musst.”

“Ich hab’ kein Handy, Werner, also musst du es mir wohl gleich erklären.”

“Mein Gott, Herrka, Herrka! Die Nummer ist 7201784, hörst du? Vergiss das nicht.  Du sollst Fotos machen von dem Elend hier. Was meinst du, was die bringen, wenn wir die an die ganze Boulevardpresse verkloppen. Schön scheibchenweise. Immer noch eins und noch eins. Du musst nur ‘ne Menge knipsen, und wir werden stinkreich, Alter, Moment mal…”

Durch das Handy hörte Herrka wie Werner flehte: “Nein bitte, bitte nicht, ich..” Dann folgte ein Schuss und dann polterte Werners Handy auf den Boden. Wieder war der Fahrstuhlmotor zu hören. Schritte von hochhackigen Bleistiftabsätzen kamen auf das Handy zu, und jemand drückte das Gespräch weg.

“Verdammt”, brachte Herrka hervor. Während er den Telefonhörer immer noch in der Hand hielt. Als wäre das letzte Wort nicht schon gesprochen, fühlte er an Hals und Schläfen seinen enorm beschleunigten Puls pochen. Er nahm sich zusammen, drückte auf die Gabel, bekam das Freizeichen und wählte die Nummer des Polizeinotrufs. Als sich die Notrufzentrale meldete, legte Herrka schnell wieder auf. Was hätte er denen sagen sollen? Die Geschichte war so unglaublich, wahrscheinlich hätte man ihn einweisen lassen dafür.

Aber es handelte sich doch um keinen Gag. Die Blätter des nächsten Tages hatten die Story als Aufmacher – das heißt nicht ganz. Überschrift: Wachmann erschießt sich auf dem Dachboden des Jobcenters – usw. usf. Daneben irgendein altes Foto, das rein gar nichts mit dem Werner zu tun hatte, den Herrka aus dem Eineuro-Zeitungsprojekt kannte. Gut. Da war von einem Wachmann im Jobcenter die Rede, der sich auf dem Dachboden selbst erschossen hatte, wahrscheinlich aus Frust, dass er seinen Job bald wieder verlieren würde. Aber kein Wort von den vier Beamten, die Werner hatte baumeln sehen. Kein Wort über Werners Dienstherrin, eine private Wach- und Schließgesellschaft, die gerade Konkurs angemeldet hatte, nichts.

Herrka hasste die sinnlosen Termine im Jobcenter. Doch nun ließ er sich einen bei seiner Sachbearbeiterin geben, um einen Vorwand zu haben, in das zwölfstöckige Gebäude zu kommen, auf dessen Dachboden ein entfernter Bekannter von ihm durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe zum Schweigen gebracht worden war, vermutlich von einer Frau.

Juppi Perstein wusste da schon mehr. Aber er hatte auch einen gut eingespielten Apparat im Rücken, der die Drecksarbeit machte, während er sich bei einem Bier in seiner Alt-68-er-Stammkneipe verschiedene Abläufe zusammen reimte, denn er glaubt nicht an Selbstmord, obwohl alles ganz hübsch passte. Da war zunächst einmal der Fundort der Leiche, auf Dachböden wurde gern gestorben, wenngleich sich die meisten einfach dort aufhängten. Auch die Tatsache, dass der Tote, bevor er Wachmann geworden, justament in diesem Jobcenter Klient gewesen war, dass ferner seine Firma Konkurs angemeldet hatte, er also bald wieder in einem der zwölf Stockwerke in einem dieser verdammte Warteräume sitzen und sich wie der letzte Dreck fühlen würde. Das passte alles zusammen. Da war ein Motiv, wie es besser nicht sein konnte, und die kriminaltechnischen Untersuchungen redeten die gleiche glasklare Sprache. Selbstmord. Die Tatwaffe, eine Beretta, war auf den Chef der Wachfirma registriert. Die Auflösungserscheinungen in dessen Firma mochten es dem Suizidanten erleichtert haben, an die Waffe heranzukommen, die der Inhaber in einem privaten Waffenschrank verwahrte, der dürftig gesichert war.  Die Firma mit ihren gut 40 Arbeitsplätzen hatte er durch riskante Spekulationen an die Wand gefahren. Aber nicht er war tot, sondern sein Angestellter. Wenn der Wachmann mit seinem Selbstmord eines ausdrücken wollte, dann, dass er die Schnauze voll hatte. Von den Praktiken seines Arbeitgebers, der miesen Entlohnung und erst recht von der Stumpfheit einer Gesellschaft, die mit Hartz IV leben kann, ohne dass größere Teile der Betroffenen in absehbarer Zeit aufmucken würden.

So sah Juppi Perstein das. Und dennoch war irgendetwas faul hier; das spürte er. Er überlegte nur noch, ob er sich reinhängen sollte oder nicht. Wenn er sich reinhängen würde, hieße das unter Umständen seine Reise nach Algerien müsste flach fallen – Ermittlungen hatten so ihre eigene Dynamik. Im Grunde konnte man nicht genau vorhersagen, wie sie sich entwickeln würde. Dafür mochte Hauptkommissar Perstein andererseits seinen Job auch nach 30 Jahren noch, obwohl sich inzwischen im Vergleich zu seinen Anfängen in den Achtzigern fast alles verändert hatte: Methoden, Herangehensweisen, Kriminaltechnik, Routinen. Entscheidend war immer noch, ob man immer wieder Spaß daran finden konnte, eine Geschichte in Variationen zu Ende zu spinnen. Dabei half ihm die Dialektik, denn Juppi war Kommunist, wie schon sein Vater, der auch bei den Bullen war und beinahe noch den Berufsverboten erlegen wäre.

Vater Karl war Mitglied der Kreisleitung der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin (SEW), betrieb zu Weihnachten einen gut gehenden Christbaumhandel auf einem großen Platz in einer stinkreichen Gegend und wäre über sein Ausscheiden aus dem aktiven Dienst bei der Berliner Kriminalpolizei, nicht übermäßig traurig gewesen, obwohl er gerne Bulle war. Aber da war die Frage der Pension, keine Frage der Ehre, wie Karl betonte, sondern eine des Klassenbewusstseins. Als sein Sohn in den Polizeidienst eintrat, hatte er noch ein halbes Jahr bis zur Pension. Und er war immer noch Kommissar. Jede regelmäßige Beförderung war ihm als Kommunist versagt worden, bis zu dem Tag vor seinem Ausscheiden, wo er einen unscheinbaren Brief auf seinem Schreibtisch fand, in dem man ihm mitteilte, dass er mit den Bezügen eines Hauptkommissars in Rente gehen würde. Er nahm das gelassen hin, wie er auch die Demütigungen stets gelassen als etwas betrachtet hatte, das sein Engagement für eine menschlichere Gesellschaftsordnung nur noch bestärkte. Dann räumte er die paar persönlichen Sachen aus dem Schreibtisch und füllte damit eine gelbe Plastikkiste, die er sich aus der Poststelle geliehen hatte.

Juppi Perstein nannte eine durchtrainierte Muskulatur sein eigen, wirkte aber trotzdem eher drahtig, was daran liegen mochte, dass er einsneunundachtzig lang war und trotzdem nur gute 85 Kilo auf die Wage brachte. Als Jungbulle hatte Juppi einmal einen Sprayer über die Gleise der Hochbahn verfolgt. Mit Leichtigkeit hatte er den Typen trotz des Gleisbrettschotters erwischt. Seine Lauftechnik war genial. Er hüpfte fast wie ein Hürdenläufer von Schwelle zu Schwelle. Der Typ hatte keine Chance, ihm zu entkommen. Und das war auch besser so, denn es kam ihnen eine U-Bahn entgegen. Juppi krallte sich den Jungen mit eiserne Hand und drückte ihn an die Brüstung. Dieser brüllte gegen den Lärm der vorbei donnernden U-Bahn: “Ey, Mann, bist du bescheuert, du drückst mir ja die Luft ab, dämlicher Bulle.” Die U-Bahn war vorbei, und Juppi lies den Jungen wieder los.  Der aber bewegte seine Gräten so unglücklich, dass er mit der Stromschiene in Berührung kam und verschmorte. Das war Juppis Trauma.

Er konnte es einfach nicht aus dem verdammten Schädel bringen. Er saß beim siebten oder achten kleinen Kölsch, und die Frau hinterm Tresen wollte Feierabend machen. Sie hatte die Stühle schon alle hochgestellt, nur auf dem einen Barhocker saß der lange Dürre und starrte auf die abgeschraubten Bierhähne, die funktionslos in einem 0,5 Glas schwammen, obendrauf eine Zitronenscheibe. Nur einer war noch angeschraubt – der Kölschhahn für den Schuss, den Juppi möglicherweise noch verlangen würde, denn das war sein gutes Recht in der Stammkneipe.

“Juppi, Feierabend, willste noch ’n Schuss? Denn bestell’ ich dir schon mal ‘ne Taxe, ja?”

“Ein dämlicher Ausdruck für sowas, Schuss, ist doch bescheuert -aaahch brauch keine Taxe’, ick laufe.”

“Na nich’ dass de mir noch hinfällst, du weeßt ja, ick habe ‘ne Sorgfaltspflicht.”

“Red keen Blech Ursel, wat kriegste?”

“Acht Kleine, macht 20 Mäuse, ick kann’s och auf den Deckel tun, wenne willst…”

“Ja, mach mal, schlaf jut, bis morjen.”

Blitzschnell stand der lange Kerl auf und verschwand mit der Motorradjacke überm Arm in der dunklen Kälte der Juninacht.

Herrka hatte sich im Jobcenter einsperren lassen und war eine Zeit lang eingenickt. Nun knipste er seine kleine Funzel an und hielt den Strahl so, dass er glaubte, man würde von außen keinen verdächtigen Lichtschein erkennen können. Vorsichtig bahnte er sich seinen Weg aus der Toilette und durch das stockfinstere oberste Stockwerk des Gebäudes. Er hatte keine Ahnung, was er genau machen wollte, aber er steuerte zielstrebig auf die Fahrstühle zu und fand hier oben eine kleine feuersichere Stahltür links neben den Fahrstühlen, die nicht einmal abgeschlossen war. Dahinter führte eine stählerne Wendeltreppe ins Maschinenhaus der Fahrstuhlanlage. Über vier riesengroße Räder liefen die Stahlseile, an denen die Kabinen tagein, tagaus zwölf Stockwerke hinauf und hinunter fuhren, in den Etagen anhielten, Beamte und Klienten ausspieen und wieder aufsaugten, scheinbar einer Gesetzmäßigkeit folgend, doch keine erkennbaren Logik.

Als Juppi leicht torkelnd um die Ecke bog, meinte er, einen minimalen Lichtschein, aus dem obersten Stockwerk scheinen zu sehen. “Ach, Scheiß der Hund drauf”, bellte er gegen den Eingang der Tiefgarage des Jobcenters, und seine Worte hallten wider. Dann dieses Flackern im obersten Stockwerk noch einmal. Und diesmal konnte es wohl kein Irrtum gewesen sein, denn jetzt sah Juppi mit bloßem Auge auch ein Fenster dort oben aufgehen, aus dem es mitten in der Nacht Aktenblätter regnete, die in der Windstille langsam wie Ahornsamen auf den Gehsteig und die Straße herab segelten. Zwei Sekunden später gab es plötzlich einen hellen Lichtschein, und ein Feuer flackerte im dritten Stockwerk auf, das aber rasch wieder zu verlöschen schien. Juppi durchsuchte die Seitentasche seine Mopedjacke, in der sich normalerweise das Handy befinden sollte – leer. Er musste es  bei den “Philharmonikern” liegen gelassen haben. Egal, er fühlte sich fit genug und kletterte an der Fassade des Hochhauses, in dem sich diese Merkwürdigkeiten abspielten, bis ins oberste Stockwerk hoch, als sei das ein Spaziergang. Dort angekommen gelangte er ausgepowert nur noch kopfüber in einen kleinen Raum mit altmodischen Metallschränken, aus denen die Schubladen herausgerissen waren, deren Inhalt jemand über den gesamten Fußboden verteilt und teilweise aus dem Fenster geschmissen hatte. Die Tür zum Gang stand eine Handbreit offen. Juppi griff zu seiner Kanone. Die wenigstens war an ihrem Platz, wo sie hingehörte. Er entsicherte die 9-mm-Walter PPK/S. Das Geräusch war schwerlich zu überhören. Von draußen ballerte jedenfalls postwendend jemand durch die Zimmertür, die dabei noch einen Spalt weit mehr aufging. Ein Projektil erwischte Juppi an der Schusshand. Er stöhnte leicht auf und verbarrikadierte sich hinter den Metallschränken, von denen er instinktiv drei Stück auf ihren Rollen in Schussrichtung voreinander schob, denn einer allein hätte keinen besonders guten Kugelfang abgegeben. Ein weiterer Schuss fiel. Das Projektil zerstob diesmal den Papiermüll auf dem Fußboden, der Schütze, dessen Position Juppi nur erahnen konnte, musste jetzt direkt im Raum sein oder draußen aus erhöhter Position schießen. Dann zwei weitere Schüsse aus einer leicht veränderten Position, dann Stille. Aber warum verschwand der Mensch nicht einfach über den Gang und die Treppe? Wahrscheinlich gab es in dem langen Gang keine besonders gute Deckung. Natürlich hätte die Person, die auf Juppi schoss, eine Tür eintreten können. Aber damit hätte sie sich in die gleiche unvorteilhafte Lage gebracht, in der sich Juppi nach seiner wahnhaften Kletteraktion und dem Eindringen in den altmodischen Registraturraum befand. Die Person konnte auch nicht einfach den Gang entlang laufen; Juppi hätte es gehört und wäre hinter seiner Blechbarrikade aus der Deckung gegangen, und mit ein bisschen Geschick hätte er die Person noch auf dem Gang gestellt. Im Augenblick sah es nach Patt aus. Wem die Munition zuerst ausging, der hatte verloren und würde doch noch Matt gesetzt.

Aber es gab ja auch noch die wage Möglichkeit, dass irgendwer da unten sich über die zerfledderten Akten beugen könnte und auf den Gedanken käme, dass da was nicht stimmen könnte, vielleicht die Schüsse hören würde und die Kollegen alarmierte. Ein kleiner Nervenkrieg entspannte sich in der Stille, die plötzlich eine Ewigkeit zu dauern schien. Juppi machte eine sachte Bewegung, um sich der Jacke und dann des Hemds zu entledigen und mit einem Ärmel seine verletzte Hand einzuwickeln, die immer noch stark blutete. Dabei stieß er leicht gegen den Blechschrank vor ihm, dessen nicht geöltes Rollgestell einen spitzen kleinen Quietscher von sich gab. Nichts rührte sich, keiner schoss von draußen. Juppi folgerte, die Person habe sich auf Zehenspitzen buchstäblich aus dem Staub gemacht. Aber das konnte genauso gut eine Finte sein, um ihn zu erwischen. Doch er lag richtig mit seiner ersten Vermutung. Als er auf den Gang kam, sah er dort nur noch vier leere 9-mm-Hülsen vor einem hässlichen Stuhl liegen. Von dort oben hatte der Täter oder die Täterin das zweite Mal auf ihn geschossen, in der Hoffnung, Juppi werde sich einstweilen nicht von der Stelle bewegen, was er ja dann auch tat. Von der Person war weit und breit keine Spur mehr.

Hauptkommissar Perstein war erleichtert. Jetzt trat er eine Zimmertür ein, schnappte sich den Telefonapparat auf dem Schreibtisch und rief seine Dienststelle an. Mit Lalülala rückte vier Wannen aus, und trafen fast unmittelbar gleichzeitig mit einem Wachschutzmann vor dem Jobcenter ein, in dessen Firma über einen Bewegungsmelder im Gebäude Alarm ausgelöst worden war. Er hatte den Generalschlüssel in der Tasche, die etwas früher eingetroffenen Wannenbesatzungen verschafften sich gerade selbst Einlass, indem sie die hässliche gläserne Einganspforte mit ihrem Werkzeug kunstgerecht zerlegten. Ein an der Hand blutender Kollege kam ihnen entgegen und zeigte seine Hundemarke, um den Jungs und Mädels zu bedeuten, dass er einer von ihnen war, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie seine Fresse nicht gleich erkennen sollten. Denn man kannte und mochte den KomJupp. Seine Einlassungen gegenüber der Polizeidirektion waren mindestens ebenso waghalsig, wie die inkriminierten Diensthandlungen, die dazu geführt hatten. Gerade bei den Berufsanfängern in den unteren Rängen dienten letztere immer als willkommenes Gesprächsthema während der Theoriestunden. Der KomJupp war ein Vorbild, auch wenn man das nicht offiziell sagen konnte.

Doch hinter dem Hauptkommissar kam noch eine Figur in das dunstige Sparlaternenlicht des Eingansbereichs. Wie es schien, trug sie keine Waffe, aber man konnte nicht wissen. Eine Polizistin machte Perstein eine unauffällige Geste, und dieser begriff sofort, dass er jemand im Nacken hatte. Der Lange drehte sich mit dem Tempo einer nervösen Muskelzuckung um, machte mit der schussbereiten Waffe in der Linken sechs seiner kerllangen Schritte auf den Mann hinter sich zu und trat ihm dann überraschend mit dem linken Fuß so arg in die Magengrube, das dieser mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammenbrach und am Boden winselte. Jiu Jitsu. Mit der einen Hand hielt Herrka das linke Exemplar von einem Paar giftgrünen Lackpöms fest umschlossen, als hinge sein Leben davon ab. In der Gesäßtasche hatte er einen zusammengeknüllten Zettel, auf dem nichts stand und der nicht wichtig schien. Er weinte und schnappte nach Luft. Es tat der Polizistin, die Perstein den Wink gegeben hatte, Leid. Perstein registrierte erleichtert, dass nicht mehr passiert war.

Nächsten Sonntag: Folge II - Menschlich gesehen