Keine Entschuldigung.

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Sep 082012
 

Eigentlich sollte hier bereits die dritte Folge des Sommerkrimis stehen. Am vergangenen Sonnabend wurde mir jedoch die Seite, auf der ich publiziere, endgültig zerschossen. Sie kränkelte schon eine Zeit lang ziemlich, also wie es sich gehört. Ich weiß nun etwas genauer, welche bösen Bubenstreiche es offenbar rechtfertigen, eine harmlose, wenig gelesene Seite, zum Spaß zu zerdeppern, nachdem sie von kommerziellen Arschgesichtern immer wieder benutzt wird, um Content einzusammeln und Backlinks abzugreifen.

Es macht mich müde. Und was schlimmer ist, es drischt genau in eine Phase relativer Schreibwut, die ich eigentlich nutzen wollte, um etwas Hübsches im Netz zu lassen, umsonst – nein eigentlich zahle ich ja noch drauf für dieses eitle Hobby.

Nun sitze ich hier zwei Sonnabende später und bin leer.

Ich überlege, ob diese Seite auf eigenem Server (ist fertig und flunzt, denn ganz untätig war ich ja doch nicht, auch Radio kann bei Bedarf wieder gemacht werden) nur noch Sonntags für jeweils 6 Stunden laufen soll. Ich verknappe das Angebot und steigere so die Nachfrage. Kokolores. ich schaue bei der Wikipedia und bin schlauer: Kokolores= Unsinn. „Dieser Artikel befasst sich mit dem abstrakten Begriff Unsinn, für den ehemaligen Eishockeytrainer siehe Xaver Unsinn.“

Den eigenen Server 6 Stunden lang pro Woche zu betreiben,  würde bedeuten, pro Woche 6 x 1 Stunde lang ca. 50 Watt zu verbrauchen – selbstredend Ökostrom, wie mein Webhoster.  Aber für mich würde es teuer! Die Webhoster sind mit den Stromkosten eindeutig im Vorteil. Ich weiß nicht, ab welcher Größenordnung und Systemrelevanz man ihnen die Elektronen quasi hinterher tunnelt. Wahrscheinlich bekommen sie jedoch auf jeden Fall satte Rabatte, ein Prinzip, das für Großabnehmer nur in einem sozialistischen Gesellschaftssystem Sinn macht.

Ich denke an Viktor von Bülows Darstellung eines pensionierten Ehemanns, der im Tante Emma Laden eine Palette Senf bestellt, weil dann das einzelne Glas unschlagbar billig wird – so funktioniert ja die derzeit praktizierte „Wirtschaftsethik“. Ich habe, wie Evelyn Hamann als Ehefrau, nun den Part, mir ökonomischen Sinn vernünftig zu generieren, weil ich eben die substanziellen Einblicke in die eigenen ökonomischen Verstrickungen besser kenne, als jemand, der ständig auf der Suche nach dem größeren Schnäppchen für seine Aktionäre ist. Es gibt eine großartige Kolumne vom alten Vertretungshausmeister der TAZ (Helmut Höge) in der Jungen Welt. Sie heißt ‚Wirtschaft als das Leben selbst‘. Das ist es. So sollte es wahrgenommen werden.

Wie an anderer Stelle schon gesagt, ich vergesse nicht. Aber natürlich kann ich Bubenstreiche verzeihen. Die Arbeitsmarktreformen der SPD und dreiste Strom- und andere Preise verzeihe ich niemals -und noch einiges mehr.

Geheime Regierungserklärung

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Dez 302010
 

 

Über die bekannte Plattfischform Gossipleaks erreicht uns soeben diese eigentlich mit Sperrfrist (01.01.2011, 00:00 Uhr) zur Veröffentlichung vorgesehenen Regierungserklärung des 1. Consuls einer gewissen  Föderation:

Liebe Mitmenschen, liebe Füchse und Katzen, liebe Waschmaschinen und Computer, liebe Gräser, Stachelbeeren und Kirschbäume, geschätzte Wesenheiten aller Art! Meine Aufgabe als ihr Consul ist es, dieses Amt selbst und den Menschenstaat, welchen es übergangsweise noch reguliert, überflüssig zu machen! Meine vorläufige Regierung ordnet deshalb vorläufig  an:

  1. Die Staatsverschuldung ist verboten.
  2. Spekulationsgewinne sind verboten.
  3. Zins und Zinseszins sind verboten.
  4. Fossile Energieträger und Kernenergie sind verboten.
  5. Industrielle, nicht ökologische Landwirtschaft ist verboten.
  6. Massentierhaltung ist verboten.
  7. Bei Haushaltsgeräten und allerlei technischen Spirenzchen ist herstellerseits ein garantierte Lebensdauer von mindestens 30 Jahren zu gewährleisten.
  8. Die Erzeugung von Nahrungsmitteln, und Gebrauchsgüter ist mittel- und langfristig importunabhängig, dezentral und mit minimalem Transport- und Verpackungsaufwand zu gewährleisten.
  9. Tierversuche und Freilandversuche mit gentechnisch veränderte Organismen sind verboten.
  10. Profit orientierte kommerzielle Forschung ist verboten.
  11. Vor allem Biotechnologie, Gentechnik und Werkstoffforschung im Nanobereich werden restriktiv auf Folgeerscheinungen sowie deren gesamtgesellschaftlichen und ökologischen Nutzwert untersucht. Sofern sie mit Frist bis zum 13. August 2011 den Nachweis nicht erbringen können, dass sie dem Erhalt und der Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts auf der Erde dienen, sind sie ausschließlich auf die Grundlagenforschung zu beschränken.
  12. Wissenschaft und Forschung haben generell eine von kommerziellem Nutzwert gänzlich unabhängige, paranoide Risikobewertung zum Wohle des Lebens auf der Erde vorzunehmen.
  13. Der private medizinische und pharmazeutische Industriekomplex wird vollständig zerschlagen und vergesellschaftet.
  14. Die Energieerzeugung wird strikt dezentralisiert.
  15. Energieleitungs- und Datennetze werden enteignet und vergesellschaftet.
  16. Wasser-und Abwasserwirtschaft werden in Ballungsräumen enteignet und rekommunalisiert.
  17. Der öffentliche Personennahverkehr und der nationale Fernverkehr sind kostenlos.
  18. Die Deutsche Bahn AG wird zerschlagen und vollständig vergesellschaftet. Künftige Eigentümer, sind, solange sie noch existieren, gemeinsam Länder, Städte und Gemeinden. Investitionen in Infrastruktur und Instandhaltung der Betriebsanlagen, zur Erweiterung und Modernisierung des Fuhrparks und des Beförderungskomforts, werden zu 60 % aus dem Haushalt des Bundes, zu 35 % aus den Haushalten von Ländern, Städten und Gemeinden und zu 5 % mit den Einnahmen aus freiwilligem Fahrgeldspenden gedeckt.
  19. Speisewagen werden ausschließlich von erstklassiger privater Gastronomie bewirtschaftet. Es gilt das Prinzip: pro Speisewagen ein gastronomischer Betrieb. Die Bewirtschaftung mehrere Speisewagen durch ein und denselben Betrieb ist verboten.
  20. 60 % aller Privatvermögen über 1 Million Euro werden enteignet.
  21. Der militärisch industrielle Komplex wird verstaatlicht, zerschlagen
    und abgewickelt.
  22. Große Städte, die weiterbestehen wollen, sind verpflichtet midestens 47 % ihres Bedarfs an Energie und 12% ihrer Nahrung auf eigenem, innerstädtischem Grund zu erzeugen.
  23. Megacitys sind aufzuheben, sofern sie den Anordnungen aus Punkt 20 nicht genügen und sich nicht in kleineren bezirklichen Einheiten demokratisch selbst organisieren.
  24. Die maximale Geschosszahl städtischer Bebauung beträgt 100, die maximale Geschosshöhe 7 Meter, der Minimalabstand zwischen Hochbauten 1,5 km.
  25. Der motorisierte Individualverkehr innerhalb geschlossener Ortschaften ist verboten. Ausgenommen ist der Verkehr von privaten Bewirtschaftungs- Instandhaltungs- und Rettungsfahrzeugen.
  26. Bis zur Beseitigung der profitorientierten Erwerbsarbeit wird in solcher eine gesetzliche Regelarbeitszeit von maximal 15 Wochenstunden eingeführt.
  27. Es wird ein leistungsunabhängiger einheitlicher Mindestlohn von zunächst 18 Euro/Stunde festgesetzt..
  28. Die gesamte human- und veterinärmedizinische Versorgung ist flächendeckend kostenlos.
  29. Arzneimittel sind kostenlos.
  30. Schulische und universitäre und jegliche Bildung sind kostenlos.
  31. Die Kunst ist frei!
  32. Jetzt noch staatliche Museen, Theater, Opernhäuser, zoologische und botanische Gärten sind kostenlos.
  33. Zoos werden langfristig aufgelöst. Die Tiere werden freigelassen , wofern sie selbstständig unter den hier gegebenen ökologischen Bedingungen existieren können.
  34. Die Kirchensteuer ist abgeschafft.
  35. Bis zur Beseitigung der staatlichen Besteuerung liegt der Steuersatz auf Erwerbseinkommen über 6000 Euro monatlich bei 1%. Unter der Marke von 5600 Euro werden keinerlei Steuern fällig. Von 5600 bis 6000 Euro ist eine pauschale monatliche Abgabe von 14 Euro für die Abwicklung der Steuerverwaltungsinfrastruktur zu entrichten.
  36. Das Berufsbeamtentum ist abgeschafft.

 

Diese Bestimmungen  treten zum Wohle der Erde auf dem Gebiet des
derzeitigen Nationalstaats sofort in Kraft und gelten, sofern die
Mehrheit der Einzelindividuen der Völker nichts anderes empfiehlt
und mehrheitlich beschließt zunächst bis zum 8. Mai 2035.
Seid hoffnungsfroh, furchtlos, unaufgeregt und vermehrt Euch
regelmäßig aber viel, viel mäßiger als bisher. Und lasst Euch
von niemandem als Euch selbst zur Eile anhalten.
Gegeben zu Charlottenburg, den 31.12.2010
der hier üblichen Zeitrechnung.
Baron Wolfram von Charlottenburg zu Wilmersdorf Consul der
Föderation, nach Diktat weiter in Lektüre  von Stefano
Bennis Roman "Terra!" vertieft, Übersetzung aus dem
Italienischen:Pieke Biermann, Berlin 2002,
Verlag Klaus Wagenbach.

Kunst ist überflüssig-

 En passant  Kommentare deaktiviert für Kunst ist überflüssig-
Nov 152010
 

genau wie Rauchen auch! Und trotzdem machen wir Kunst und rauchen! Obwohl auch Kunst zu einem langen und schmerzhaften Tod führen kann- ehrlich!

Sonntagsration

Letzte Sonntagsratio(n), Foto: Wolfram Haack, 2010

Die echte Alternative zur Beamtenstippe

 Damals, Kurz  Kommentare deaktiviert für Die echte Alternative zur Beamtenstippe
Mrz 042010
 

Ich weiß noch, wie Mutti sagte: „Aber warum denn essen gehen, das kostet doch nur unnötig Geld.“ Nein, eigentlich sagte sie nicht „warum“, sondern „wozu“, in der Art der Kleinstädterin, deren Mutter noch eine havelländische Landpomeranze war.

Mark Brandenburg, Streusandkammer. – Ihr kennt doch bestimmt solche kulinarischen Höhepunkte der Streusandküche wie Beamtenstippe: da ist immerhin Fleisch drin, und dann macht man mit Margarine und Mehl eine so genannte eingebrannte Stippe, die mit Zucker und Essig verfeinert wird. Das Ganze gebe man über den obligaten alltäglichen Kartoffelbrei …Gedeckter Tisch, 2004, Foto: AQ!

Und jetzt Essen gehen, Pizza! So ein Kulturschock: heißes Gemüse, gegarte Dauerwurst und Dinger, die wie Paprikaschoten aussehen, an denen man sich aber leicht das Maul verbrennt, weil sie so scharf sind. Peperoni, höllische Pfefferdinger – Gemüse auf Hefeteig – „den haben sie aber nicht gut gemacht, der ist ja völlig verbrannt am Rand“, sagt Mutter fachfraulich. „Ob man sich daran gewöhnen kann“, und sie meint nicht man, sondern sich und kann sich das durchaus vorstellen, sich an Pizza zu gewöhnen, wenn sie ihr einmal im Monat dampfend und fertig serviert wird, will aber erst abwarten, was Vati sagt – und der sagt: „Also, mia schmecktit.“ Heißer Hefekuchen, nur statt mit Obst mit Fleisch und Gemüse, denke ich.

So bürgerte es sich ein, dass man zum Italiener ging, auch damit Vati zeigen konnte, dass wir uns das auch leisten konnten. Befreundete Ehepaare saßen beim Italiener vertraut beieinander und erzählten sich was. Die Männer, welches Automobil es denn sein möchte im nächsten Jahr, und die Frauen redeten sehr bestimmt über die Urlaubsreise, die man dann im übernächsten Jahr machen könne, wenn die Raten für dies und das abbezahlt worden sein würden. Kurz, es wurde ständig über Geld geredet.Espresso, 2005, Foto:AQ! Und Luigi aus Sizilien, den ich immer fragen wollte, ob er mich nicht an die Mafia verkaufen möchte, damit ich mal zum Stromboli komme, brachte Grappa um Grappa, und die Erwachsenen wurden erträglicher, kümmerten sich nicht mehr darum, ob wir vom Tisch aufstehen dürfen und warum – und wir, meine Kinderfreundin Petra und ich, fragten uns, ob wir nicht vielleicht in Wirklichkeit Bruder und Schwester wären – aber wir wollten trotzdem später heiraten und tobten mit den Kindern von Luigi solange unter dem Stromboli aus Gips, der ein rot glühender Elektrogrill war, bis irgend etwas zu Bruch ging. Dann kam ein lauter Anschnauzer von Vati oder Petras Vati, und dann tobten wir weiter, bis Luigis Kinder „in Bette mussen“ ein letzter Grappa, und wir zogen Mutti und Vati hinter uns her, jeder in die Anderthalbzimmerwohnung, wo es schon mal vorkommen konnte, dass es am nächsten Tag die aufgewärmte Beamtenstippe von vorgestern gab.

Erstveröffentlichung Juli 2008

Kohl und Knacker und Kowalski

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Mrz 032010
 

Um Ihnen einen kurzen, wirklich sehr unvollständigen  Eindruck davon zu vermitteln, worin sich diese Reminiszenz ergehen könnte, wird es am besten sein, Ihnen meine Nehringstraße so knapp und so präzise wie möglich zu schildern, zu dem Zeitpunkt, als ich, Jahrgang 1958, in der Nehring-Grundschule mein erstes Schuljahr durchlitt. Ich weiß, dass mir das nicht gelingen wird, denn, wie man mir schon in frühester Kindheit bedeutete, neige ich zu ausufernder Schwatzhaftikeit.Vor dem Schultor, Foto: Günter Haack, Berlin-Charlottenburg, 1965

Wir schreiben das Jahr 1965. Die Nehring-Grundschule und die Peter Jordan Hilfsschule, wie man das damals nannte, sind in einem knastähnlichen Anstaltskasten aus rotem Backstein untergebracht, der sich weit hinter dem neuen Schulzaun auf dem Grundstück Nehringstraße 10 erstreckt. Davor, zur Straße hin, gibt es einen Exerzierplatz, der Schulhof genannt wird. Die rechte Grundstücksbegrenzung des Schulgeländes bildet eine Backsteinmauer, an der in regelmäßigen Anständen unter einem mit Kreide aufgemaltem Klassenverweis, die Klassen bei Feueralarmübungen und Gefahr von Aufruhr während der Pause, in Reih und Glied anzutreten haben.

„Durchzählen, nun mal Marsch, Marsch, Zack-Zack, oder muss ich erst nachhelfen“, fragt der Herr Burghause, der mit Rommel Spiegeleier auf dem Panzer gebraten hat.

Hinter der Schulhofmauer wiegen sich die langen alten Pappeln geduldig im Winde und noch daneben bilden rostiges Wellblech und verwitterteTeerpappe ungefähr zwischen zweitem und ehemaligen dritten Stockwerk das provisorische Dach einer Ruine, wo sich seit Ewigkeiten in der ersten Etage eine gruselig in rotes Bestrahlungslicht getauchte Ohrenarztpraxis ausbreitet. Huhuhuhu.

Nun, Ruinen solcher Art gibt es zu dieser Zeit noch so einige im Kiez, den man damals noch nicht so nannte. Man hätte diese Ansammlung von Wiederaufbauelend jedoch durchaus Dorf nennen können, denn immerhin gibt es in der Seelingstraße einen leibhaftigen Kuhstall, mit echten Kühen, die man im Dunkeln kaum sieht, denn sie sind schwarz, schwarz, schwarz. Alles ist schwarz in jener Zeit auch die Fingernägel und alles riecht ganz auf seine eigene Art und Weise. Alle pupsen ungeniert. Dort im Stall tauscht man Kartoffelschalen und faules Gemüse gegen Anmachholz oder eben einen Liter Mich, Milchkanne nicht vergessen! Bei Feinkost Bendrick, Nehringstraße 13 gibt es auch noch lose Milch. Beim nach Ansicht meiner Mutter schmuddligen Feinkost Egler, Nehringstraße 11, gibt es nur Milch in Flaschen, dazwischen liegen noch das Süßigkeitengeschäft der geizigen Frau  Last, die ihre Kundschaft, die Schulkinder, hasst, und eine Wäscherei. Wenn dort die große Schleuder austrudelt, ziehen manche älteren Leute im Haus Nr. 12 den Kopf ein, weil es pfeift, wie wenn eine Bombe aufs Haus fiele. Womit das abgehakt wäre, fast.Udo und Wolfram, Foto: Günter Haack, Berlin-Charlottenburg, 1965

Auf der andren Seite der Nehrigstraße zwischen Seeling und Knobelsdorff, tobt doch gewissermaßen schon das Wirtschaftswunder. Nein, was gibt es dort alles für Geschäfte. Beginnen wir mit den liederlichsten. Da ist ein reiner Herrenfriseur, der hinter dem Laden auch wohnt. Er konnte nur Führerfrisuren und trug selber Hitlerbärtchen, war aber sehr billig – und:  konnte gut mit Kindern umgegen, wie es hieß. Verzweifelte Eltern luden ihre blökenden Jünglinge manchmal bei dem Herrenfrisör ab, ohne das ein Haarschnitt zwingend erforderlich gewesen wäre. Der Mann praktizierte sein HJ-werk, soweit ich mich erinnere, bis tief in die 90ger Jahre. Ja vielleicht habe ich Vorurteile, aber da saßen dann nicht selten zukünftige kleiner Machomänner mit deutschem und migrantischem Hintergrund auf dem altmodischen Frisierstuhl und ließen sich vom Obersturmbandführer, wie wir ihn als Kinder heimlich nannten, eine Glatze scheeren. Das war der letzte Schrei. Neben Adolfs Glatzenschneiderei kam dann die ganz schlimme Absturzkneipe „bei Schick“, in der sich der Adel von Suff des ganzen kleinen Dorfes bewegte, zu Füßen der Hohenzollergräber. Wie in Düscherdin Asbachs Lummerland  dösen Kriegsversehrte mit dem Kopf auf dem Kneipentisch. Arm- und Beinprotesen sind dort keine Seltenheit. Granatenzitterer erzählen von Stahlingrad. Der gemeine Rentier und Senatspenner und seine Gattin, Frau Braatz gehen dort „bei Schick“ ein und ungern wieder aus, denn für zuhaus ist es immer viel zu früh und für die Handfestigkeiten der andren polizeibekannten Kaschemme in der Danckelmannstraße (heute Dicker Wirt) ist das Rentner-Ehepaar Braatz nicht mehr schlagkräftig genug.

„Mein Mann wa bei de Wasserwerke, der is ihn nischt als een oller Senatspenner. Aba mein Vata, der hat wat Anständijet jelernt, der wa Zimmamann, ja?“ pflegte Frau Braatz auf dem langgestreckten Hof des Hauses Nehringstraße 12 zu brüllen, wenn sie geruhte  vor ihrem Gatten die Gaststätte bei Schick zu verlassen. Neben Schick kam der Schuster Jokisch, dessen Frau den Kundenverkehr abwickelte, weshalb der Schuster Jokisch in seiner finsteren Werkstatt eigentlich immer blasser hätte werden müssen. Wurde er aber nicht. Ich mochte den ostpreußischen Schrumpfkopf sehr, denn ich durfte als einziges Kind aus der Straße in der Werkstatt zuschauen, wenn ich nicht schwatzhaft war. Rechts neben Jokisch kam der Bäcker Wilde mit drei oder vier Bäckerskindern, die meine Mutter für sehr naschhaft und ich für sehr freigibig gehalten haben. Wahrscheinlich hat der Laden deshalb zugemacht. Vielleicht aber auch, weil er eben einfach nicht dazwischen passte. Wo zwischen? Zwischen den ostpreußischen Schuster Jokisch, die polnischen Einwanderer Kowalski und die „Drogerie Schlesien“ der drei heimatvertriebenen Schwestern Maaß, bei denen es eine Kaltmangel für einen Groschen und ein reichhaltiges Sortiment an Weihnachtsbaumschmuck zu kaufen gab. Um die Sache schnell abzurunden, wieder daneben gab es Obst und Gemüse und Sauerkraut aus dem Holzfass bei Muttern und Hänschen Krüger und einen Photographen, dann noch ein Papiergeschäft mit Schulheften, Zeitungen, Zigarren in hübschen Holzschachteln und harten Schnäpsen in kleinen Fläschchen. An der Ecke Knobelsdorffstraße war lange gar nichts und dann ein Blumenladen.

Sie sehen, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, ist gar nicht schwer. Erwähnt werden soll noch, dass 1965 in der Nehringstraße Automobile einem siebenten Weltwunder gleichkamen. Parkplatzsorgen gab es jedenfalls überhaupt noch keine. In den schlecht beleuchteten Kellern der Mietskasernen bevorratete man sich zu jener Zeit, die längst vergangen ist, mit Winterkartoffeln und natürlich – mit Holz und Kohlen. Denn jederman hatte Ofenheizung und Angst, dass die Russen Westberlin wieder dicht machen.

Und Kohlen gab es bei Kowalski. Von November bis März herrschte Hochbetrieb auf dem Platz der Kohlenhandlung. Eine der beiden Flügeltüren stand bis abends immer offen.  Da hindurch zwängten sich die Kohlenwagen, die zumeist nur von einem Mann gezogen wurden. Auf dem Wagen waren die Brikettkästen gestapelt, deren Inhalt in die Keller oder, bei den „besseren Leute“, in die Kammer im vierten Stock gewuchtet werden mussten. Ein dreckiger Knochenjob. Die frechen Jungs hängten sich auch noch hinten an den Kohlenwagen und ließen sich mitziehen. Aber Kowalski zahlte anständig, und so blieben die Kohlenträger meist länger als einen Winter. Viele Arme, die sich keinen Keller voll Kohlen leisten konnten, kamen ein paar mal die Woche mit alten Kinderwagen oder mit den scheppernden Bollerwagen  aus Hamsterfahrtzeiten und holten Briketts und billige Bruchkohle, Eierkohlen, die zum Transport in alte, zur Hälfte aufgesägte Öltonnen gefüllt wurden. Meistens wurden natürlich die Kinder geschickt, denen man auftrug, Kowalski solle die Rechnung in seinem Schuldenbuch vermerken, nur noch dies eine Mal.

Beherrscht wurde das Kowalskische Wunderreich der Heizstoffe von einer außen rotbraun und innen waldgrün angestrichenen flachen Hozbaracke aus, in deren zwei Zimmerchen es stets nach Kohleintopf und Kienspänen roch und in der natürlich zwei Öfchen fröhlich bullerten. Gebündeltes Holz lag in einer Ecke. Wenn man sie hatte, blätterte man die Kohle für die Kohlen bar auf den kleinen Ladentresen der vorderen Barackenstube, der sehr kinderfreundlich, nämlich niedrig war, denn die alten Kowalskis waren wohl kaum länger als ein Meter und sechzig. Ihre Tochter, schien mit fast einssiebzig aus der Art geschlagen. Herr Kowalski trug immer und wirklich immer eine blaue Prinz-Heinich-Schmidt-Schnauze-Mütze, die wegen des Kohlenstaubs freilich nicht mehr blau war sondern anthrazitgrau glitzerte. Frau Kowalski war selten zu sehen, wahrscheinlich kochte sie ununterbrochen Kohlsuppe im hinteren Privatgemach. Irgendwie muss ich hier unbedingt an Knacker denken. Ja, Knacker und Kohlsuppe und Knistern im Ofen und der Geruch nach Kienspänen und die dicke schwefelig muffige Luft der langen Heizungsperioden in meiner Straße. Und Sehnsucht überkommt mich. Eine Zeitmaschine möchte ich und auf Kowalskis Kohlenplatz als Erwachsener schauen, denn als Kind wurde man ja verscheucht, weil man schwatzhaft und neugierig war, und alles immer zu gefährlich.

Kowalskis bunte Katzen jagen derweil flinke Mäuse im Himmel, im Kohlenstaub zwischen der Zentnerwage mit der Zinkblechkiepe, dem rotbraunen alten Kohlentrecker, dem Anthrazitkohlestapel und der Briketthalde die an den schmutzigen Winterhimmel stößt. Und die  Dackel von Fräulein Kowalski Junior liegen im Warmen im Körbchen und schlagen nur an wenn ein Kunde kommt während die Kolwalskis im himmlischen Hinterzimmer ewig Mittag machen.

Und wenn ich schön artig die Kohlen auf dem Bollerwagen nachause gebracht habe, geht Vati mit mir kurz vor Ladenschluss zu Rogacki in der Wilmersdorfer und wir kaufen uns ein kleines Stückchen Räucheraal für das Abendbrot, dass wir billiger kriegen, weil gleich zusammengepackt wird. Das können wir beide in der Küche ganz alleine essen, denn Muttti mag keinen Fisch, hähä. „Mutti, warum ekelst du dich vor Fisch?“ „Sei still,“ sagt Vati laut, damit es Mutti hört, „sonst sperrt dich Mutti im Keller ein.“  „Hah, hah, hah,“ sagt Mutti vom Bügelbrett aus, bevor sie bei Frau Kuschinski putzen geht. Im Radio läuft die RIAS-Schlagerparade und Rogacki und Kuschinski und Kowalski sind für mich alles urdeutsche Namen.