FDP ohne Fremdschämen

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Sep 202011
 
Zwei gepflegte langhaarige Grauhäupter kommentieren bei Mohnkuchen, Pizza und Latte macchiato den Bedeutungsverlust der FDP allgemein und nach ihrem Ausscheiden aus dem Berliner Landesparlament.

Ein Espresso bitte! Foto: 2000 © AQ!


Die FDP hat sich jetzt wohl erledigt. – Die BWLer sind bei den Grünen besser dran –  wenn sie Karriere machen wollen – wer will das von denen denn nicht, frage ich dich. – Die informellen Hierarchien sind bei den Grünen so flach wie das Zeitmanagement meiner Horttante. – Schau dir doch diese dicke Tante an, diese, wie heißt die gleich noch mal? Ich komm jetzt nicht drauf.  – Claudia. (stoßhafter Lacher) – Und die Jetzt-Noch-Bürgerrechtler, also die ehemalige liberalen Vorzugsaktien? – Entweder das Licht ist runter gebrannt oder die geh’n zu den Piraten bis sie 35 sind und ihr nächstes Praktikum anfangen. (Gelächter)  – Der Rest von klein Röslers Reuterei hält im Teutoburger Wald weiter Ausschau nach Haiders Geist. (Gehässiges Gelächter) Und Westerwelle, was wird aus dem? – Um den musst du dir keine Sorgen machen, der wird schon nicht verhungern. – Aber vielleicht aus Kummer eine Autobiographie vorlegen. – Auf Englisch! (Glucksen)

Die Legende vom Unglauben – Folge VII

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Aug 062010
 

Living on earth

Die Glocken, die den Doktor beschützten, bestanden im Wesentlichen aus einem Silizium-Aluminium-Titan-Polymer, und es waren Intuition, Phantasie und ein glücklicher Zufall nötig, damit aus seinem Eremitenhaushalt ein überlebenstüchtiges Habitat werden konnte.

Die bekannte Zivilisation außerhalb der Städte hatte sich vor Jahrhunderten aufgelöst. Das Land war nicht mehr bestellt worden, weil durch die Auskreuzung patentierter Energiepflanzen genetisch nicht veränderte Nahrungspflanzen praktisch nicht mehr existierten. Die Patenteigentümer lieferten Samen und Bestäubungsinsekten im Paket und nur noch an zahlungskräftige Großhabitate. Die bestäubende Fauna außerhalb dieser war lange ausgestorben. An ihrer Stelle gab es neue bestäubungsunbegabte Insekten. Faustgroße wie Anthrazit schimmernde Außenskelettler mit kräftigem Horngebiss, die zwar sozial, wie apis mellifera organisiert waren, da sie aber von Holz- oder sogar Kunststoffabfällen lebten, wurden sie flugunfähig. Im Gegenzug stattete sie die Evolution mit der Fähigkeit aus, große Strecken ohne Wasser und Nahrung zurückzulegen. Aber auch diese harmlosen Zeitgenossen waren zum Aussterben verurteilt, denn ihre Königinnen produzierten ein Zellgift, das eigentlich die Königinnendichte regelte, sich aber leider auch hervorragend eignete, um aufständische Carnini in Schach zu halten, die sich nicht länger von ihren Artgenossen fressen lassen wollten. Als die Zentraleuropäer dahinter kamen, wurden die Insektenvölker bejagt. Dem steigenden Bedarf an glücklichem Menschenfleisch konnte die Geburtenrate von Königinnen in freier Natur nicht standhalten.

Bis das Zellgift der Königinnen erstmals im industriellen Maßstab synthetisiert werden konnte, suchte man die Insektenvölker mit großem Aufwand in künstlichen Kolonien am Leben zu erhalten. Doch die einzelnen Individuen waren hochspezialisiert und an ihre Umgebung viel zu perfekt angepasst. Ihre Lebensbedingungen waren schwer nachzuahmen. Die Individuen verlernten in der Gefangenschaft ihre originären Aufgaben, zeigten Symptome von depressiver Verstimmung und Anzeichen eines kannibalistischen Verhaltens, als hätte ihre Lernfähigkeit sie auf die falsche Spur gesetzt. Nur ein Habitat war bei der Insektenzucht wirklich erfolgreich. Die Züchter verwendeten holographische Farbprojektionen und eine Art Beschallung im Tetaband. Letztere war nach neuerer Lehrmeinung dafür verantwortlich, dass es im Habitat der Insektenzüchter zum ersten Aufstand der Carnini kam.

Eine Konsultationsgruppe der aufständischen Carnini (siehe Geschichte der europäischen Kannibalenhabitate, S. 432 ff, Mars 2B2, 2359) beschloss vorrangig alle Insektenvölker zu töten. Zur gleichen Zeit aber gelang es in einem anderen Kannibalenhabitat die Unterdrückungsdroge künstlich herzustellen. Die Markteinführung ließ jedoch auf sich warten, die Carniniaufstände eskalierten und griffen um sich. Das Zellgift blieb aber so lange eine solide Leitwährung der europäischen Kannibalen, bis sie anfingen, es selbst zu konsumieren. Das Konstrukt der kannibalistischen Großhabitate, deren moralische Grundlage einst eine starke Erweckungsreligion gewesen war, zerbrach letztlich an der massenhaften Verfügbarkeit einer synthetischen Droge, die die Evolution ehemals zur Reglung der Königinnendichte sozial begabter Insekten vorgesehen hatte.

Der Doktor hatte angefangen auf seinen Ausflügen in die Umgebung alles zu sammeln, womit er in der Lage sein würde eine Glocke zu bauen. Sie sollte sein Haus und die angrenzenden ca. 2400 Quadratmeter Anbaufläche überdachen. Mit einer traditionellen Gewächshauskonstruktion wurde dies zwar möglich und er fand auch genügend Glas und Stahl in den Hinterlassenschaften verlassener Habitate: Doch der Schwachpunkt dieser ersten klassischen Konstruktion waren die verbindenden Stahlteile. Die der Atmosphäre ausgesetzte Außenseite hatte bei der exponentiellen Zunahme der sauren Schadstoffkonzentration in der Luft, keine zehn Jahre instand gehalten werden können.

Die perfekte Abdichtung und die Möglichkeit von Reparaturen der Glocke mit nahezu unbegrenzt vorhandenem, vielleicht organischem Material, war jedoch unabdingbar, wenn ein Mann darunter in einem geschlossenen Ökosystem mit sauberem Wasser und sauberer Luft überleben wollte. Ferner hatte die Konstruktion stabil und begehbar zu sein. Um die größtmögliche Lichtausbeute sicherzustellen, die Voraussetzung für das Pflanzenwachstum ist, sollte ein ausgewachsener Mann mit einem Gewicht von 122 kg inklusive Schutzkleidung und Putzutensilien, die Glocke problemlos erklettern können. Die Überlegungen gingen schließlich dahin, nicht eine einzige alles überdachende Hülle zu errichten, sondern mehrere untereinander durch Gänge mit luftdichten Schotts verbundene Module. Aber aus welchem Material?

Die Lösung dieses Problems bereitete dem Doktor einmal wieder erhebliches Kopfzerbrechen, als er auf einer alten zivilen Landkarte, die ihm auf einem vergangenen Streifzug in die Hände gefallen war, einen weißen Fleck fand, dessen Bedeutung seine Neugier erweckte. Er entschloss sich herauszufinden, was sich auf dem Areal befindet, das nach seiner Größe die frühere oder noch gegenwärtige Existenz einer militärischen Anlage nahelegte. Am späten Abend, als die Schwebteilchenstürme fast gänzlich abgeflaut waren, packte er seinen Werkzeugkoffer, zwängte sich in seinen alten Laborschutzanzug und fuhr mit seinem Brennstoffzellen-Vehikel und einem Vorrat an Wasser und aromatisierter Algennahrung, dem Koffer und einer Zeltblase auf den weißen Fleck in der Karte zu – ohne konkrete Erwartungen aber doch mit einer gewissen positiven Anspannung. Den Methanvorrat für die Brennstoffzelle hatte er großzügig bemessen. Er wollte kein Risiko eingehen. Bei einem seiner letzten Materialraubzüge hatte er nur zwei von insgesamt 27 Kartons mit hochwertigen Wasserfiltern aus einem verlassenen Kleinhabitat mitnehmen können, weil er mit mehr Ladung den Rückweg vor Sonnenaufgang keinesfalls geschafft hätte.

Sich nach Sonnenaufgang auf unbekanntem Gelände zu bewegen war mehrfach unratsam. Bis zum Mittag war es das Ultraviolett, in dem sich der Kunststoff des Laboranzugs auf die gleiche Art zersetzen konnte, wie er einst hergestellt worden war – und ab dem Nachmittag tobten Schwebteilchenstürme, die das Fortkommen bis zum Sonnenuntergang ganz und gar vereitelten. Bei einem Ausflug, der in mehreren Nachtetappen erfolgen musste, tat man auch gut daran, sich zu überlegen, wo tagsüber die „Blase“ aufgestellt werden sollte, ein kugelförmiges aufblasbares Zelt. Während der Stürme überwucherten Schwebteilchen durch statische Aufladung die Außenhaut, so das der Ballon einem riesigen Findling glich, wie sie zu Tausenden nach dem Abschmelzen der kleinen europäischen Eiszeit (etwa 2133 bis 2245) übriggeblieben waren.

Solch vorgeblicher Findling hätten gut und gerne eine Beute der Robobax werden können. Die kybernetisch perfekten Bergbaumaschinen waren nach der Eiszeit vom Mischkonzern der Fruit Company für das Abtragen von Abraum über Süßwasservorkommen entwickelt worden. Bei ihrer Außerdienststellung hatte sicherlich niemand ernsthaft daran gedacht, dass diese stattlichen Werkzeuge sich zu einer eigenständigen Maschinenspezies entwickeln könnten, die sogar das Problem ihres riesigen Energiebedarfs elegant zu lösen imstande wären. Es war aber so. Und die kybernetische Gemeinschaft entwickelte sich zu einer reinen Spaßgesellschaft. Rein deshalb, weil ihr ganzer Daseinszweck sich im Spiel mit eiszeitlichen Findlingen definierte, die äußerlich in allem der von Staubpartikeln bedeckten Zeltblase des Doktors glichen.

Die Stelle, an der nach der vom Doktor diagnostizierten geographischen Lage der weiße Fleck liegen musste, war tatsächlich eine Wüstenei. Zunächst schien es ihm, als sei die Mühe vergebens gewesen, bis er ein seltsames Phänomen beobachtete, dass jedes Mal auftrat, wenn sein Körperschatten sich mit einer unscheinbaren länglichen Erhebung, einer Sanddüne ähnlich, traf: Die Erhebung viel in sich zusammen und baute sich in anderer Richtung so wieder auf, dass sie jeweils den Ausgangspunkt des Körperschattens wiederum berührte. Der Doktor ließ sich auf das Spielchen ein. Mehr noch er baute nun seinerseits eine Sanddüne, die mit der einen Seite an die Wunderdüne stieß. Da dabei sein Körperschatten wanderte, baute sich auch das Phänomen neu auf. Eine leichte Aufgabe, die ein gedrillter Fußsoldat auch unter Stress zu lösen imstande gewesen wäre.

Vor dem Kreisintervall malte man einen Kreis in den Sand, der die künstliche Düne berührte, vor dem Dreieckintervall ein Dreieck usw., dann öffnete sich wie aus dem Nichts ein winziger Einstieg, durch den ein einzelner Mensch über eine korrodierte Stahlleiter seinen Abstieg in das unterirdische Labyrinth einer militärischen Forschungsanlage bewerkstelligen konnte. Dies war gewiss ein Not – Ein- oder Ausgang. Es musste demnach weitere geben, durch die auch sperriges Material in den Forschungsbunker gebracht werden konnte. Vielleicht hatte man den Bunker aber auch um die Anlage gebaut, in der Absicht, das Inventar vor überfallartigen Brachialdiebstählen zu schützen.

Dr. QLS war entzückt. Seine Instrumente zeigten, dass er die Atemmaske abnehmen konnte. Das Militär hatte ihm buchstäblich alles hinterlassen, was er brauchte, um sein Habitat recht stattlich auszurüsten, einschließlich mehrerer nicht ganz schrottreifer Terraformingreaktoren. Aus denen würde man wohl mit Geduld und Spucke wenigstens eine funktionstüchtige Maschine löten können, und der Rest war Ersatzteil. Ferner entdeckte er an die zweihundert Pakete zusammengefalteter Dünnschichtfolie aus einem Mischmetallpolymer. Das Militär hatte sie als flexiblen Schutzschild für zivil wissenschaftliche Objekte entwickelt, für die ursprünglich keine Panzerungen vorgesehen waren. Die Folie wurde beispielsweise um die erbeutete Rechnereinheit einer meteorologischen Station gewickelt und dann mit Äthylengas bedampft, so härtete das Polymer aus und war imstande selbst panzerbrechender Uranmunition zu widerstehen.

Der Transport der wertvollen Materialien war allerdings eine logistische Herausforderung für einen einzelnen Bastler und die Voraussicht mit mehreren Tagesvorräten Methan für die Brennstoffzellen des Vehikels auszurüsten, machte sich jetzt bezahlt. Das in der Forschungsanlage vorhandene Energiemittel war nämlich Wasserstoff, den die Militärs mit Hilfe eines Nuklearreaktors aus den reichlich vorhandenen Wasservorräten unter der Wüste elektrolysierten. Das Fahrzeug brauchte aber Methan. Hier gab es Wasser und Strom und saubere Luft, kurz alles, was man gebrauchen konnte, um ein funktionierendes Habitat zu basteln, das dem des Doktors technisch überlegen gewesen wäre. Aber der Standort. Der Standort musste auch anderen bekannt sein. Er war zu leicht auszumachen, von Intelligenzen, für die man am besten gar nicht existierte.

Viele Teile mussten auseinander gelegt und transportfähig verpackt werden. Wie immer war einzuplanen, dass es vielleicht keine zweite Möglichkeit geben würde, sich mit den hier im Dämmerschlaf verstaubenden Schätzen einzudecken.

Auf einmal war es dem Eindringling als durchströmte ein Geruch nach frischem Gebäck den Bunker. Der Doktor, der gelernt hatte, seine Sinneseindrücke eben so rasch wahrzunehmen wie zu interpretieren, war verblüfft: wie aus dem Nichts der Geruch von Mürbegebäck in einer verlassenen militärischen Forschungsanlage. Unter seinem Stiefel knirschte etwas. Er hatte eine Glasampulle zertreten. Von denen lagen einige neben einem aufgerissenen Karton.

Verdammt, Quisarin, das Aerosol aus dem Königinnenzellgift zur Ruhigstellung der Carnini. Ein wunderschönes Halluzinogen, kein Hunger, kein Durst, ausschließlich angenehme sinnliche Assoziationen. Irgendwie setzte er die Atemschutzmaske wieder auf und sich auf einen Stapel Verpackungsmaterial, den er im Moment für einen duftenden Heuhaufen hielt. Er verhielt sich ruhig und schloss die Augen.

Emilie tollte im Heu herum und im nächsten Augenblick machte sie Jagd auf seine Zehen, die unter der Bettdecke hervorlugten. Er lag an einem Sonntagmorgen in seinem Jungendstilbett und wartete auf irgendetwas, das passieren sollte, aber es passierte nichts. Es roch nur nach dem Mittagessen, dass in der Küche zubereitet wurde. Emilie fraß ein kleines zähes Stück Knorpel mit Sehne von den Steinfliesen am Küchenboden. Das war nicht vom Braten abgeschnitten worden, damit es Geschmack macht für die Sauce. Als es sich vom Fleisch gelöst hatte, kam es aus dem Topf und wurde der Katze, die sich vor Appetit verzehrte hin geschmissen. Nein, das war alles, mehr gibt es nicht aus dem Topf, und wage ja nicht dem Braten zu nahe zu kommen, Du Raubtier. Emilie. Emilie.

Der Doktor kam wieder zu sich. Er saß schluchzend auf einem Stapel abgewetzter Plastikplanen. Wie viel Zeit mochte vergangen sein? Die Luft roch wieder muffig durch die Atemmaske. Der Rausch war vorbei.