‚Times‘, there is a Change!

Gestern schrieb ein Kollege:

"If Clausewitz is right that 'war is the continuation of policy by other
means', then Germany is again at war with Europe — at least in the sense 
that German policy is trying to achieve in Europe the characteristic 
objectives of war — ", kommentiert Anatole Kaletsky in der 'Times'.

Die dtsch. Engführung geschieht durch Veit Medick und Severin Weiland 
im Portal 'Spiegel Online':
"Die Sätze sind bezeichnend. Selbst führende Politiker in Berlin spüren
zunehmend das Misstrauen gegenüber Berlin. Bei Begegnungen mit
ausländischen Gästen wird schon mal gefrotzelt: Jetzt würden die
Deutschen in der Euro-Krise erreichen, was ihnen im Zweiten Weltkrieg
versagt geblieben sei - die Herrschaft über Europa,"

Ich merke dazu an:

Die Taktik der deutschen Diplomatie legt eher nahe, dass Merkel sich in der Position wähnt, allem überraschend zustimmen zu können, was sie aus deutscher Sicht zunächst für absolut unannehmbar charakterisierte – aus ‚moralischer Überlegenheit‘ heraus, wie wir unausgesetzt den Leitmedien entnehmen können, nicht etwa als Taktik des Übervorteilens durch Überraschung. Nanu? Überraschend ist doch an den deutschen Positionen eigentlich gar nichts. Manchmal dauert es bis zur Bekanntgabe einer Merkel-Kehrtwendung keine Woche! Aber das hat Methode; das ist die ständige Überraschung – die Unberechenbarkeit der deutschen Europapolitik und insofern wie aus dem Clausewitz abgeschrieben – die Fortsetzung der Politik mit den (taktischen) Mitteln des Krieges.

Leider kommt kaum ein Journalist heute beim Zitieren über Clausewitz‘ klassische Eingangsformel ‚Fortsetzung mit anderen Mitteln‘ hinaus. Ich würde gern zwei andere Stellen zitieren:

1. Aus dem ersten Kapitel (Was ist der Krieg) – besser als in der Eingangsformulierung: ‚Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.‘ – sind die vor der Vereinigung aufkeimenden und historisch wie aktuell berechtigten Befürchtungen vor dem deutschen Binnenimperialismus in Europa kaum in Worte zu fassen. Europa hat es satt, sich unseren Willen aufzwingen zu lassen – das hatte es eine Zeit lang nur medial vergessen; in der Krise nun zeigt sich die böse deutsche Fratze wieder deutlich. Diesmal vergisst man bei allem geheuchelten ‚Verständnis der deutschen Regierung‘ für den Unmut des Volkes und die s.g. Härten der  s.g. Schuldenkrise bei den europäischen Partnern hoffentlich nicht mehr, dass wider besseres Wissen die gleichen deutschen ökonomischen Interessen, wie schon vor den beiden letzten von Deutschland angezettelten heißen Kriegen den politischen Akteuren das Drehbuch diktieren. Für den Ausgang dieses ‚diplomatischen Krieges‘ sollte sich die taktisch und moralisch bankrotte schwarz/gelbe Regierung (2.) vielleicht noch folgendes aus dem Clausewitz zur Brust nehmen:

9. Kapitel: Die Überraschung

…    Es kann nämlich nur derjenige überraschen, welcher dem anderen das Gesetz gibt; das Gesetz gibt, wer im Recht ist. Wenn wir den Gegner mit einer verkehrten Maßregel überraschen, so werden wir statt der guten Folgen vielleicht einen derben Rückschlag zu ertragen haben, in jedem Fall braucht der Gegner sich um unsere Überraschung wenig kümmern, er findet in unserem Fehler die Mittel, das Übel abzuwenden. Da der Angriff viel mehr positive Handlungen in sich schließt als die Verteidigung, so ist auch das Überraschen allerdings mehr in der Stelle des Angreifenden, aber keineswegs ausschließlich,  …  Es könnten sich also die gegenseitigen Überraschungen des Angreifenden und des Verteidigers begegnen, und dann müsste derjenige Recht behalten, der den Nagel am besten auf den Kopf getroffen hat.

So sollte es sein, es hält aber das praktische Leben diese Linie auch nicht so genau, und zwar aus einer einfachen Ursache. Die geistigen Wirkungen, welche die Überraschung mit sich führt, machen für denjenigen, welcher sich ihres Beistandes erfreut, oft die schlechteste Sache zu einer guten und lassen den anderen nicht zu einem ordentlichen Entschluss kommen; wir haben hier mehr als irgendwo nicht bloß die ersten Führer im Sinn, sondern jeden einzelnen, weil die Wirkung der Überraschung das Eigentümliche hat, das Band der Einheit gewaltig aufzulockern, so dass leicht jede einzelne Individualität dabei zum Vorschein kommt. Viel hängt hier von dem allgemeinen Verhältnis ab, in welchem beide Teile zueinander stehen. Ist der eine schon durch moralisches Übergewicht zum Entmutigen und Überschnellen des anderen befähigt, so wird er sich der Überraschung mit mehr Erfolg bedienen können und selbst da gute Früchte ernten, wo er eigentlich zuschanden werden sollte.