Wikileaks und wir und Facebook und Twitter

Gezeichnet in Anlehnung an: Jan E. Janečka et al.: Molecular and Genomic Data Identify the Closest Living Relative of Primates. Science, Band 318, 2007, S. 793
Stammbaum der Euarchontoglires mit Hervorhebung der Homo-Linie, Graphik: Wikipedia

Berrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrlusconi soll über die dreisten Diplomaten-Briefchen gelacht haben. Menschlich, allzu menschlich? Die Italiener werden ihn dafür lieben. Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernstzunehmen. Sind die Strippenzieher hinter den Regierungen so ‚zivilisiert‘, dass sie die Welt nicht in ein Chaos stürzen würden, wenn es ihrem Konto gut täte? Nein. Deshalb würde ein Krieg z.B. gegen Iran, den laut der Auswertung der Wikileaks-Enthüllungen in den ‚Qualitätsmedien‘ angeblich Saudi Arabien, Jordanien und Israel von den USA fordern, auch gewiss nicht wegen US-amerikanischer Diplomatenpost wahrscheinlicher bzw. unwahrscheinlicher.

Unser berechtigtes Alarmgefühl aber stammt mindestens aus dem vorigen Jahrtausend, als ein Telegramm vorgeblich einen Weltkrieg auszulösen vermochte. Es rät uns, in diesem Fall die persöhnlichen Schmähungen, denen sich internationale Politiker ausgesetzt sehen, durch die indiskrete Veröffentlichung persönlicher Diplomaten-Notizen zur Verifizierung US- amerikanischer Planspiele, genau so einzuordnen, wie wir das täten, wenn von unserem Nachbarn ruchbar würde, dass er uns insgeheim schon seit unserem Einzug für einen Schwachkopf hält.  Die anderen Nachbarn werden selbstverständlich denken, da mag ja was dran sein.

Wenn jeder jedem ins Gesicht sagte, was er von ihm hält, würden anstelle der hochdotierten Journalllie aus den „Qualitätsmedien“ die politischen Kabarettisten für uns die Unwirklichkeit interpretieren? Das wäre Ihnen zu gönnen, zumal die so genannten Comedians, die meistens eher weniger komisch sind, dann auf ihren ureigensten Bereich beschränkt blieben: Das „Zwischenmenschliche“. Aber Moment mal: Andererseits ist das „Zwischenmenschliche“ offensichtlich gerade das, was diesmal den publizistischen Erfolg der Enthüllungsplattform Wikileaks ausmacht.

Was haben Sie denn aber außer menschlicher Schwäche und amtsbedingter Alltagsbanalität von der Veröffentlichung diplomatischer Depeschen sonst noch erwartet? Dass diese Banalität im Amt mörderisch sein kann und meistens wird, wissen wir nur zu gut in der Mediengesellschaft, die uns mit all ihren Hightech-Verlockungen und dem Weginterpretieren von angreifbarer Wirklichkeit fest im Griff hat.

Aber wir wollen es gar nicht wissen. Lieber wollen wir wissen, wie im Wohnzimmer der Macht dahergeredet wird. Und wir sind glücklich, wenn es dasselbe blöde Gequatsche ist, wie in unserem eigenen.  Lieber wollen wir die politsichen Parteien bei ihrer Farbe benennen, als bei ihrer inhaltlichen Ausrichtung, die sie selber längst vergessen haben – zugunsten einer guten Storyline, vorgegaukelt zur Primetime.

Was dabei herauskommt, ist ausschließlich sauschlechte Unterhaltung, die mit ihren drögen Protagonisten nach einer halben Legislaturperiode schon so ausgelutscht ist, dass es mindestens der vorhersehbaren Fantasy einer Joanne K. Rowling bedürfte, um unseren Politdarstellern einen Funken Glaubwürdigkeit einzuhauchen. Wir wollen Fantasy, nicht Phantasie. Wir wollen jetzt gefälligst sofort Rowling und nicht  mehr Swift! Lasst doch Philosophen wie Sloterdijk und Volksvordenker wie Sarrazin weiterhin die Wirklichkeit interpretieren. Es kommt ja doch nur darauf an, dass sie AUF dem Bildschirm verändert wird!

Die internationale Diplomatie ist, wen wundert’s, auf dem Niveau von RTL und Belusconi-Fersehen angelangt. Das menschliche Format in der Politik bleibt also genau dort, wo es seit dem selbsverschuldeten Eingang in die Vollmundigkeit stehengeblieben ist.

Und morgen lesen Sie auf SPIEGEL-ONLINE mit freundlicher Unterstützung von Wikileaks: Was ‚Teflon Angi“ von der britsichen Queen wirklich denkt! Schauen Sie jetzt schon mal bei ‚Paul dem Google‘ unter dem Suchwort ‚Teflon‘. Da erscheint ganz oben sofort ein Bild der Kanzlerin.  Schauen Sie – jetzt! Sofort, na los doch. Bevor eine andere Mediensau durch Dorf getrrieben wird. Es ist immer dasselbe elend aufgeblasene Schauspiel – deadly boring. Deshalb fordere ich außerdem, dass der Ostpreuße Dieter Hildebrandt Kanzler der BRD wird. Nein. Ich fordere, dass er Kaiser von Deutschland wird. Kanzler ist auch boring und zwar deadly. Bei Dieter I. kann man wenigstens sicher sein, dass er nicht in der Vergangenheit lebt. Aber das wird er sich nicht antun wollen, als Kabarettist und Ostpreuße. Ach ja, die Amis halten zu Guttenberg für den richtigen Mann für Deutschland, sagt der Spiegel, dass Wikileaks sagt. Lieber Gott, was sind wir Trockennasenaffen doch teilweise für eine verblödete Herde? Twittert es gleich, und drückt auf Facebook den „Gefällt mir“- Knopf!

Baron Wolfram von Charlottenburg zu Wilmersdorf